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Full text of "Die Baukunst der Renaissance in Deutschland, Holland, Belgien und Dänemark"

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for 
REFORMATION 
and 
RENAISSANCE 
STLIDIES 

VICTORIA 
UNIVERSITY 

T 0 R 0 N T 0 



Gefamttanordnung und Giiederung des ,Handbnches der Architcktur" (zugleich Vcrzeichnis der 
bereitts erfchienenen Bande, bezw. Hcfte) find ara Schhffe des vorliegendcn Bandes zu findcn. 

Jeder Band, bezw. Halbband nnd jedes Heft des ,,Handbuches der Architektur,, bildet ein 
(3anzes fiir fich und ift einzeln kauflich. 



HANDBUC! 

DER 

ARCHITEKTUR. 

Zweiter Teil : 

I)IE 1-\ USTII.E. 

IIISI)RISClIE lNI)TI.CIINISI'IIE I.XTWICKI.2I.[;NC,. 

Die 

7. lanà. 
Baukunft der Renaiffance in Deutfchland, 
Holland, Belgien und Dfinemark. 

ZWEITE AUFLAGE. 

ALFRED KRONER VERLACi IN LEIPZICi. 
9o8. 



DIE 

B- U ST I 

IIlSTORISCHE UND TECHNISCHE ENTWICKF.LUNG. 

DES 

ti A X !) l:l U C 1I E S I) E R A R (." II I T E K T U R 

ZWEITER TEIL. 

• " Die 

7. Band: 

Baukunft der Renaiffance in Deutfchland, 
Holland, Belgien und Dinemark. 

Von Dr. Gu£tav von Bezold, 
erftem Direktor des Oermanifchen Nationalmufeums in Nflrnberg. 

ZWEITE AUFLAGE. 

Mit 34 in den Text eingedruckten Abbildtmgen, fowie 6 in den Text eingehefteten Tafcln 

ALYRED 

LEIPZIG 
KRONER 
908. 

VERLAO. 



REL & RE.N. 

Oeheimer 

Redaktion: 
Baurat Profeffor Dr. phil. und r.-lnt3. EDUARD 
in Darmftadt. 

SCHMITT 

Das P, echt der lberfetzung in fremde Sprachen blebt vorbehalten. 

,P'- 
Druck von BR & ÙIERMANN in Leipzig. 



Handbuch der Architektur. 

II. Teil. 
Baufti] 
7- Band. 
(Zweite Auflage.} 

iNHALTS\rERZ EICI INIS. 

Die Baukunft der Renaiffance. 

3- Abfchnitt. 
Die lqaukunft der Renaiffance in Deutfchland, 
Holland, Belgien und Dinemark. 
Selle 
Vorworte .... : .......... VII-VIII 
A. Oefchichtlicher I]berblick .............. 
. Kap. Vorbedingu.ge. u.d allgemei.e I]berffcht ............ 
. Kap. Das Auskli.gen der Ootik und der Begi.n der Renaiffa.ce in den Nieder- 
lande. ......................... ]8 
3- Kap. Das Ei.dri.gen vo. Renaiffancemotive. in die deutfche Ootik ....... ', 
4- Kap. Die u.mittelbare Einwirku.g der oberitalie.ifchen Re.aiffance in Deutfchla.d 
5- Kap. Die Frhrenaiffa.ce in Sachfe. und in Schlefie. ..... 9 
0. Kap. Die deutfche Re.aiffance in SUd- und Mitteldeutfchla.d 30 
7- Kap. Die Re.aiffa.ce in den Niederlande. ......... 05 
8. Kap. Die Renaiffance in Niederdeuffchland und in Dinemark 72 
9- Kap. Die deutfche Spitrenaiffance und der Barock ................ 93 
o. Kap. Die italienifche Renaiffance und der italienifche Barock in Deutfchland und 
in den Niederlanden ....................... o 
Der Kirchenbau ...... 7 
47 
Stiitzen und Gefimfe ........................... 

1 i. Kap. 
2. Kap. Der Holzbau ......... 
B. Kompofition und Einzelformen ........ 
3- Kap. Prinzipien der Kompofition ....... 
14. Kap. 



VI 

5- Kap. Portale. 
6. Kap. Fenfter .................. 
7. Kap. Erker, Giebel und Belebung der Diicher . . 
8. Kap. Innere Ausftattung der Profanbauten 
9. Kap. Ausftattung der Kirchen ...... 
• 'o. Kap. Ornament ........ 

85 
93 
O 
211 
• 9 
... 25  _ 

Verzeichnis 
der in den Text eingehefteten Tafeln. 

Zu Seite 70: Rathaus zu Antwerpen. 
, oo: SchlotB zu Heidelberg.- Olto-Heinrichsbau. 
.. o: Schlol; zn Heidelberg. - Friedrichsbau. (,uBere Faffade.I 
.... o4: SchloB zu Afchaffenburg. 
.. , o8: Rathaus zu Bremen. 
_'_'q: Decke ira goldenen Saale des Ralhaufes zu Augsburg. 



VORWIRT ZUR ERSTEN AUFLAGE. 

Wie er fich fieht fo um und um, 
Kchrt es ihm fart den Kopf henun, 
\Vie er wollt \Votre zu allem finden? 
\Vie er m6cht fo riel Schwall verbindcn? 
\Vie er m6cht immer mutig bleiben, 
So fort zu fingen und fort zu schreiben? 
Goethe, Haras Sachfetas poetifche Setadung. 

Die erfte Darftelhlng der Renaiffance in Deutfchland hat zu Anfang der fieben- 
ziger Jahre IV. Liibke gegeben. Seine ,,Gefchichte der deutfchen Renaiffance', (Stutt- 
gart 1873) ift zwar keine Gefchichte, fondern eine Statiftik der Denkmhler; aber fie war 
und ift noch heure die Grundlage frit die 'eitere Bearbeitung. Diefe rnute in der 
Folge einerfeits auf die Aufnahme der Denkmhler, andererfeits auf die hiftorifche Einzel- 
unterfuchungen gerichtet rein. Ffir die Aufnahme der Denkmhler wurde in der ,.Deut- 
fchen Renaiffance,, von A. Orl,eiu  Scheffers (Leipzig 187-87) ein Sammelpunkt 
gefchaffen. Leider ift das groBe \Verk nach Anlage und Ausfihrung v611iff yftemlos 
und in der zeichnerifchen Behandlung h6chft ungleichwertig. 'F/r den Hiftoriker ift 
der hlangel an Grundriffen und Schnitten fehr empfindlich. An die deutfche Renaiffance 
fchliel3t fich ,,Die Renaiffance in Belgien und Holland', (Leipzig 1883-9) an. Auch 
bel diefem Unternehmen kommt die wiffenfchaftliche Seite zu kurz; aber die Aufnahmen 
von F. Eu,erbeck, im Verein mit-wenigen Mitarbeitern angefertigt, find vortrefflich ge- 
zeichnet. Die ,,Denkmhler deuffcher Renaiffance', von Ai E. O. FritJCh (Berlin 188o- 91) 
find gt ausgewhhlt und fehr fch6n dargeftellt. Ihnen fchliel3en fich die ,,Denkmhler 
der Renaiffance in Dhnemark,, von S. IVeckelmau (Berlin 1888) an. Einzelne Haupt- 
xx'erke und Gruppen haben auch fchon eine monographifche Behandlung gefunden. 
Eine vollft:àndige Sammlung des hlaterials werden die Denkmhler-lnventare bringen, 
welche in ganz Deutfchland in Arbeit find. Weniger vorgefchritten ift der Stand der 
wiffenfchaftlichen Bearbeitung. Es fehlt ja keineswegs an Einzelunterfuchungen; aber fie 
find noch fehr l/ckenhaft, und die K/nftlergefchichte, die f/r die Renaiffance fchon von 
erheblicher \Vichtigkeit ift, ift kaum noch in Angriff genommen. 
Nach l_iibke hat noch R. Dahme in feiner ,,Gefchichte der deutfchen Baukunft,, 
(Berlin 1887) eine zuammenfaffende Oberficht der Renaiffance gegeben. Dahme hat 
die Schwierigkeiten, welche der Stoff einer klal-en Anordnung bietet, nicht ganz /ber- 
wunden; aber er hat die Hauptrichtungen der Renaiffance Deuffchlands richtig erkannt. 
Man kann auch heure noch nicht riel weiter kommen als er. So ift es nach dem 
Stande der Vorarbeiten jetzt nicht angezei, in eine unterfuchende hiftorifche Arbeit 
/ber die Renaiffance in Deutfchland einzutreten. 
Meine Arbeit ift demnach auch nicht unterfuchend, fondern darftellend; fie \vendet 
fich an Architekten, nicht an Kunfthiftoriker. Der Architekt verlan W/rdigungen der 
Kunftwerke, keine genealogifchen Ableitungen. 
Auch eine rein darftellende Behandlung der Renaiffance in Deutfchland ft6fit auf 
grol3e Schwierigkeiten. Wohl find die ftiliftifchen Hauptrichtungen leicht wahrzunehmen 
und Ihngft erkannt; aber innerhalb derfelben fcheiden fich wieder viele kleine Str6mungen, 
welche fchwer zu charakterifieren find. Der ganze Gegenftand widerftrebt einer an- 



VIII 

fchaulichen Darftellung in Worten. Der Renaiffance in Deutfchland fehlt die fo|ge- 
richtige Entwickehmg nach einem Ziele; fie ift nicht einfach. Man mag den Stoff 
gruppieren, wie man will, die Einteihmg bleibt ftets mehr oder weniger unzutreffend; 
fie wird namentlich beftimmter fcheiden, als es dem (3egenftand entfpricht. Die gewtihlte 
Einteilung ift mir nach Itingeren Erwtigungen als die befte crfchienen, ob mit Recht, 
in6gen Andere entfcheiden. 
Die fornlale Behandhmg verlan, dal3, arts der unabl'ehbaren Ffille des Stoffes, 
dic nur vereinzelte H6hepunkte aufweift, nt, r eine bel'chrtinkte Zahl von Denkmtilern 
ausgewihlt und befprochen werde. Je mehr Denkmtiler Befprechung finden, defto ver- 
fchwommener und ungenieBbarer muB die Darftellung werden; denn unfere tifthetifche 
n,d technifche Terminologie reicht nicht enffernt aus, um eine fo groBe Menge von 
Bauwerken verwandten und doch verfchiedenen Charakters ausreichend zt, charakteri- 
ficren, um fo weniger, als es fich meift um Werke von mittlerer Bedet,tung handelt. 
l)ie Befprechung da,f fich aber auch nicht auf wenige hervorragende Denkmtiler be- 
l'chrinken; der Lel'er muB den Eindruck gewi,men I daB ihm eine nicht l'ehr hohe, doch 
abcr reiche Ktmftepoche vorgefiihl't wird. 
Das Wort wird allenthalben durch das Bild tmterftfitzt. Die beigegebenen Ab- 
bildt, ngen haben nur den Zweck, den Text zu entlaften und zu erltiutern; fie wollen 
das Studit, m gr6Berer Aufnahmcwerke nicht iiberfliffig machen tlnd nicht als Vorlagen 
ffir die Praxis gelten. 
In der Beurteih,,l der ganzen Epoche, wie der einzelnen Werke, habe ich die 
m6gllchl'te Objcktivitit a,3gcftrebt; ich habe die kinftlerifchen Abfichten tmd den Grad, 
bis zu welchem das Beabfichtie erreicht if t, zu erkennen gefucht und darauf mein 
Ureil gegrïmdct. Daç, es 'on meinen Anl'chauungen fiber das Wel'en der monumentalen 
Baukul3ft beeinfluBt ift und daB ich der deuffchen Renaiffance Monume,talitat ira 
h6chften Sinne nicht zuerkenne, xxird allenthalben erfichtlich rein. Andere m6gen hier- 
ibcr anders denken. Cianz flei von Subjektivittit ift keine lebendige Kunftanfchauung. 

Ntirnberg, ira Auguft 1899. 

Guftav von Bezold. 

VOI¢\VllRT ZLR Z\VEITEN .\UFLAGE. 

Das vorliegende Buch ift in feiner zweiten Auflage ira wefentlichen unvertindert 
.qcblieben. Seine ganze Anlage geftattet keine weitgehenden ,nderungen, tmd der Ver- 
[afl'er l'teht bei einer neuen Auflage nur vor der Wahl, ein ganz neues Werk nach 
neuem Plane zu machen oder es zu laffen, wie es il't. Seit dem Abfchlu der erften 
Anflage haben fich meine Studien atff anderen, weit abliegenden (3ebieten bewegt. Ich 
war nicht in der Lage, eine nette Arbeit, welche kritifch unterfuchend rein miil3te, 
zu geben. So mul3te ich mich befcheiden, einige Berichtigungen vorzunehmen. 

Nfirnberg, ira Septetnber 19o7. 

Guftav von Bezold. 



II. Teil, 3- Abteilung: 
DIE BAUKUNST DER RENAISSANCE. 

" Al_,f«lmitt. 
O" 
Baukunft der Renaiffance in Deulfchland, 
l lolland, P, elvien und Danemark. 
Von (iUSTAV VON BEZOLD. 

A. Gefchichtlicher lberblick. 

1. Kapitel. 
Vorbedingungen und allgemeine Oberficht. 
Die erfte HS, lfte des XIII. Jahrhunderts ift die Blfitezeit des deuffchen Mittel- ,. 
alters. Das Kaifertum war auf der H6he feiner Entwickelung angekolnmen; ira ag,«,« 
Verhalmiffe. 
Kampfe mit dem Papfttum war es erftarkt; in diefem Kampfe ging es unter. Der 
Sturz der Hohen[taufen lit der Wendepunkt zurri Niedergang. Ungeheuere Opfer 
waren der ldee der Weltmonarchie gebracht und darfiber das po[itive Ziel, die 
le[te Begrfindung eines nationalen K6nigtumes, das fich auf eine ftarke t-lausmacht 
ftfitzen konnte, verf.umt worden. Nun kamen neue Ciewalten: das territoriale 
Ffirftentum, ftdtifche Konf6derationen empor; der K6nig \var nicht mehr Herr- 
[cher, [ondern nur mehr der Vor[tand die[er Mchte und von ihnen abhngig. 
Jede die[er Korporationen verfolgte ihre eigenen Zwecke, und ihr Eigenwille ver- 
eitelte die fchwachen Verfuche zu einer gemeinfamen Verfaffung. Ira allgemeinen 
Ringen aufftrebender und niedergehender Ciewalten i[t die auflteigende Entwicke- 
lung der St.dte ira XIV. Jahrhundert die bedeut[am[te und olgenreich[te Er- 
fcheinung. Reich durch ausgedehnten Handel erwch[t das Brgertum zu [tolzer 
Eigenart; prakti[ch ift fein Sinn gerichtet; er fit nicht kleinlich; aber ideale Ziele 
liegen ihln ferne. So bat das Bfirgertum in den nchften Jahrhunderten be- 
ftimmend auf den Charakter der deutfchen Kultur eingewirkt. 
Auch die Kirche hatte den H6hepunkt ihrer Macht ber[chritten. In den 
K/impfen mit dem Imperium hatte es fich nicht um Exiftenzfragen gehandelt; die 
Berechtigung beider Oewalten wurde von keiner Seite beftritten; nur um ihre 
Abgrenzung drehten [ich die jahrhundertelangen K/hnpfe, welche geml; den 
mittelalterlichen An[chauungen von der g6ttlichen Weltordnung nur mit dem 
Siege der Kirche endigen konnten. Friedrich !!. war der letzte groBe Oegner; 
mit feinem Iode war der Kampf enffchieden. 
Wenn auf die h6chfte Machtentfaltung der Kirche unter ltltlocen !!!. ver- 
hltnismBig rafch ein Rfick[chlag folgte, [o fit dies nicht allein in ungn[tigen 
uferen Verhltniffen begrndet, fondern es treten jetzt Ideen auf, welche fich 
gegen das Wefen der mittelalterlichen Kirche [elbft richten. Vielleicht ftehen 
Handlauch d¢r Architcktur. 1I. 7. (2. Aufl.) 1 



fchon die Myftiker des XIV..lahrhunderts nicht mehr v611ig auf dem Boden des 
aIten }(irchentumes. Durch Petrus 1Valdus und die AIbigenfer, durch Vicleff und 
Htz./ï traten Spaltungen ein; durch Luther kam es zum endgfiltigen Bruch. 
Eine Begleiterfcheinung diefer religi6fen, politifchen und fozialen Verhltni[fe 
ift das Sinken der Kutur. In dem Male, als die Bedeutung des Imperiums und 
des Laienadels fchindet, in dem ale, als die alten M6nchsorden an influB 
verlieren, verblaBt die ideell und formal hohe Bildung des XIII. Jahrhunderts. 
Verraufcht i[ der hohe Idealismus, der die phanta[ti[che Unternehmmg der 
Kreuzzfige hervorgerufen hatte, verklungen die Lieder von den Nibelungen, von 
l»aoEi'al, von Tr(ftan und (folde, erlo[chen der monumentale Sinn, der die Dome 
vcm Limburg und agdeburg, die Figuren der goldenen Pforte, des Bamberger 
und Naumbm-ger Domes gefchaffen hatte. 
Die Beftrebtmgen des XIV. Jahrhundes find unmi/telbar praktifche, auf 
reale und befchrnkte Ziele gerichtet. Diefe ŒEe[innung i[t allen Stnden gemein 
raid f6rdert das Eintreten einer [tdti[ch-bfirgerlichen Kultur an Stelle der h6fifch- 
ritterlichen des XIII. Jahrhunderts. Bçrgerlich bleibt die deutiche lçultur durch 
das ganze XVI. Jahrhundert, ja bis zum dreiBigjhrigen Kriege, der fiberhaupt 
aile hBheren Be[trebungen Ifihmt, und xvfihrend deffen die Renai[fancebewegung 
in Deutfchland ihren AbfchluB findet. In dem Aufftreben des Bfirgeumes offen- 
bart fich viel hae Tfichtigkeit, foxvohl in der inneren Veffaffung der Stdte- 
republiken, wie in den ausxvfirtigen Unternehmungen. Wie groBartig ift die 
ç)rgani[ation der Hanfa; welche Bedeutung hat der Handel nach Italien und der 
l_evante xvie nach beiden Indien In den Kreifen der Handel treibenden Patrizier 
regt fich auch der xviffenfchaftliche Sinn, der zunchft den exakten Wiffenfchaften 
zugexvandt ift. athematik, Oeoaphie und Aftronomie haben in diefen Kreifen 
wefentliche F6rderung gefunden. 
". Reichtum und lacht der Bfirger muBten auch der Kunft zugute kommen; 
« doch neen den irchenbauten ent[tehen fchon ira XIV. und XV. Jahrhunde 
demrchen [tattliche 6ffentliche Qebude ffir profane Zxvecke, uud ,Xnlage und Ausftattung 
ira fpteren des Bfirgerhaufes xverden gerumiger und reicher, lin XVI. und XVll. Jahr- 
u«t« hundert tritt der lçirchenbau vollends zurfick. Bfirgerlich ift die Kunft die[er 
nd in er 
¢'.çç;n Jahrhunderte; wahrhaft monumentale Werke find in Deutfchland ira XIV. und 
XV. Jahrhundert nur xvenige entftanden, und kaum eiues reicht an die Kuufth6he 
des XIII. Jahrhmderts heran. Der Ausdruck bfirgerlich bedarf auf die Kun[t 
angewandt nherer Beftimmung. Er enthlt zunchft eine Befchrnkmg, indem 
er die gefamte ftilftrenge Idealkunft ausfchlieBt; er ift deshalb nicht gleichbedeu- 
tend mit volkstfimlich. Auch diefer Begriff ift ein xveiterer. Ein volkstfimliches 
Kunftxverk kann ira h6chften Sinne ideal rein; ein bfirgerliches ift realiftifch oder 
verfol beftimmte u[]ere Zxvecke. Wohl aber ift das bfirgerliche Kunftwerk 
volkstfimlich, infofern es gemeinfaBlich ift. Das Geftalten aus einem beftimmten 
Zweck und das hmehalen in der Arbeit der formalen Durchbildung, xvenn diefer 
Zxveck erreicht ift, ift nun frit die Baukunft kein Vorwu; ja es ergeben fich 
daraus gexviffe Vorzfige. Solche Werke fprechen ihre Be[timmung klar aus und 
haben eine innere Wahrheit, xvelche bei einem fiberfpannten Streben nach onu- 
menlitt nichL felten verloren geht. 
Die Kunft des fpteren ittelalters, xvie die der Renaiffance in Deutfchland 
enffpricht einer mittleren H6he der Bildung; fie fit ahr und gefund, oft derb, 
oft von gemfitvoller Wrme; aber der hohe Flug der Phantafie, die uBerfte Tiefe 
der Empiindung iehlen ihr eben[o ie die lete ormaie Vollendung. Datait 



3 

l'teht die Freude an fiberreichem, nicht ftets organifch motiviertem Schmuck in 
Zu[ammenhang, der namen.lich im XVI. ]ahrhundert in der Innenarchitektur und 
im lçunftgewerbe eine Sch6nheit erreicht, die der hohen l<un[t diefer Zeit fart 
ausnahmslos verfagt bleibt. Es ift die lçun[t eines reichen und blfihenden, uicht 
die eines kleinlichen Bfirgertumes, und fie zeigt diefes von feiuer tfichtigen, von 
feiner menfchlich fch6nen Seite. 
DaB auch in diefer Periode da und dort kVerke von hoher lonumentalitfit 
entftanden lind, bedari xvohl kaum der Erv¢hnung; fie find allgemein bekannt. 
Hier aber handelt es fich darum, den allgemeinen Carakter der Epoche zu be- 
ftimmen. 
Einen h6heren Auffchwung nimmt ira XV.]ahrhundert die I(unft in Burgund 
und in Flandern unter Claux Sh«tcr und den Brfidern 'au Ej'ck. Aber diefe 
Meifter find ihrer Zeit weit vorangeeilt, ud die folgenden t(finftlergenerationen 
verm6gen die Kunfth6he, xvelche fie in einem Anlaufe gev¢omen hatten, nicht 
fe[tzuhalten. Die glinzende Epifode des burguudifchen I-lofes geht rafch zu 
Ende; ihre Ritterlichkeit fit doch fart ein Zerrbild des alten Rittertumes. Das 
Ungev¢6hnliche tmd Auffailende ,,var es, was hier geficl; nicht das maBvoll 
Sch6ne, fondern die bev¢uBte Eleganz. Die Einflfif[e, welche von diefem Hofe 
in das Volk drangen, kom]ten nur verv¢irrcnd wirken. Vom burgundifchen H«fe 
ging die Verxvilderung der Tracht ira XV. Jahrhundert aus, und \venn eine ge- 
naue Betrachtung in der Kunft des fpiteren XV. Jahrhunderts weit mehr lanier 
findet, als wir gemeinhin annehmen, wenn fich vieles als konventionell erweift, 
was uns auf den erften Blick als tiefe Empfindung erfcheint, fo ift viclleicht auch 
daffir der burgundi[che I-lof verantwortlich. 
Der bfirgerliche Carakter der ganzen Epoche ift eine Vorbediugung frit 3. 
Vorherfchen 
das We[en der deut[chen Renai[fance; eine zeite i[t die feit dern Autreten « 
Brfider 'au Eyck entfchiedene Vorherrfchaft der lalerei gegenfiber den anderen «i¢c 
der bildenden Kfinften; fie bringt es mit fich, dal; das Geffihl ffir eine ftreng 
architektonifche, wie ffir eine rein plaftifche Kompofition fehr zurficktritt. 
Allenthalben, und nicht zum wenigften in der Baukmfft, ift das Streben nach 
malerifcher kVirkung fichtbar. Die gotifche Baukun[t gelt ira XV. Jahrhundert 
ihrem Ende entgegen; fie bat, \vie alle Bau[file, ihren Barock, der die Richtung 
auf das alerifche nimrnt. Er fpielt mehr als der anderer Epochen mit hand- 
\verksmBigen lçfin[teleien, mit gewundenen Reihungen, flamboyantem laBwerk 
und anderen lçun[t[tficken der Steinmetztechnik. Das einft fo lebensvolle Laub- 
werk des Ornaments ift fchematifch ge\vorden, bietet aber reichen kVechfel von 
Licht und Schatten und erffiiit feinen dekorativen Z\veck. Vor ailem aber zeigt 
[ich die Abwendung vom [truktiv organifchen Cirundprinzip des Stils darin, daB 
nunmehr die auerflche wieder ein beftimmendes llement in der 5.[theti[chen 
Erfcheinung des Bauwerkes wird. lm ganzen macht fich der lçunftcharakter der 
Zeit in diefen fpfitgotifchen 0¢/erken von feiuer unangenehmen Seite ffihlbar. 
Unter der Vorherr[chaft malerifcher Kunftauffaffung entvickeit fich in der 
deutfchen Plaftik des XV. Jahrhunderts jener wunderliche, \vider[pruchsvolle 
$chnitz[til, der, namenflich in Oberdeutfchland, wieder nachteilig auf die alerei 
zurfickwirkte. Beide lçfin[te ftehen im Banne eines harten Formalismus, den aile 
Schfirfe der Naturbeobachtung, aile Tiefe der Empfindung nicht zu brechen ver- 
m6gen. Denn noch haftet die Beobachtung am einzelnen; die Empfindungen finden 
im Oeficht, wie in den fchroffen und eckigen Bewegungen der Olieder einen 
tiefen und wahren, aber [elten ganz freien Ausdruck. In den kVerken der groBen 

Stil der Plaitik 
und Malerei. 



4 

Niederlfinder, vor allem in denjenigen des (nentin A4af.fys, in denen der ober- 
deutfchen Bildhauer, des lteren Syrlin, Riemenfchneider's, des Meifters der Bluten- 
burger Apo[tel, und der groBen Nfirnberger Veit Stofl und Adam Kraft, [ehen 
wir das Ringen nach ltilvoller Naturauffa[fung; aber diefe Meifter k6nnen [ich 
noch nicht fiber die formalen Traditionen ihrer Zeit erheben. 
». Da kommt um die Wende des XV. Jahrhunderts die L6fung durch die 
Anfnge der 
<«,,rr. Berfihrung mit der italienifchen Renaiffance. lhre Einwirkungen kommen zu- 
t,, « « nichlt mehr der Malerei und Pla[tik als der Architektur zugute. 
nnd Plaftil,. 
Vercinzelt kommen Rcuai[fanccformen bei den nordi[chen Malern [chon fer 
dcr Spë, lzeit des XV. Jahrhunderts vor; doch darauf kaml es nicht ankommen; 
die Frage ilt vielmehr die, wann tritt an die Stelle des au[ das einzelne gerichteten 
Realismus des [pfiteren XV. Jahrhtmderts eine t:reiere Aul:l:af[ung der Natur ira 
ganzen? Hier[tir i[t der Zeitpunkt der Beginn des XVI. Jahrhunderts, und Hans 
Bttrgkmar tmd der ë, ltere 1-1olbcin find die er[ten deut[chen Meifter, die fich diefe 
Aufl:affung zu eigen gcmacht haben. 
,,. Bttrgktnab" ftcht an Tiefe der Emlfindtlng hinter Diircr, an frcier Or6Be 
,,,e»,,,,;,- der Behaldltmg hinter dem jfingeren Holbein zurck; aber erfreut fich einer be- 
,,,d U,,,. deutenden formalen Begabtmg, die ihm mfihelos den Ubergang zu einem neuen 
tlotbein d. ïtt Stil gewinncn 1fi9,t. Der EinBuB der ltaliener ift unverkennbar; ja es muB an- 
genomm_n werden, daB Bttrgkmab" vor 15oo in Oberitalien war. Er i[t der er[te 
Deutlche, der auch die Dekorationsformen der Renail[ance in umfall'ender und 
konfequenter Weife verwendet. 
l-a[t gleichzeitig drin Burgkmair's Mitbfirger, der iltere Holbein, zu einer 
i.hnlichen gelfiuterten Naturauffaffung durch, tmd attch er wendet die Zierformen 
der Renaiffance an. \Venige Jahre fpfiter ift Augsburg der erlte Mittelpunkt der 
Renaif[ance in Deutfchland. 
7. In Augsburg, an des Vaters Werken und unter feiner Anleitung, hat auch 
ll«zn.« llolhet 
a... der j/ingere Hans Holbcin reine Laufbahn begonnen. Schon mit 18 Jahren wandte 
er fich nach Bafel, und wahrfcheinlich be[uchte er 1518 von Luzern aus Ober- 
italien, wcnig[tens Como und Mailand. Von diefer Zeit an [chlieBt er fich enger 
an die italienifche Renailfance an; aber ein glfickliches Naturell bewahrt ihn vor 
dem Aufgehen ira italienifchen Stil. Unter allen deutfchen Mei[tern des friihen 
XVI. Jahrhunderts ilt Holbein der einzige, der Iïch den Oeilt der Renaiffance in 
voiler Kongenialitë, t angeeignet hat, der einzige auch, der ihr ganz frei gegen- 
fiberfteht. Dies gilt nicht allein von feiner Naturauffaffung, fondern ebenfo von 
feiner Ornamentik. Wenn der Begriff Renaif[ance in feinem vollen Umfange au[ 
die deut[che Kunft des XVI. Jahrhunderts nur in [eltenen Ftillen anwendbar iR, 
au[ Holbein's Ornalnententwfirfe findet er Anwendung, und doch ift es nicht 
italieni[che, [ondern in vollem Sinne deut[che Renai[fance. Obwohl wefentlich 
kun[tgewerblich, laffen uns diefe Zeichntmgen ahnen, was bei giin[tigen Verhilt- 
ni[[en unter der Hand einer Oeneration hochge[innter Kfin[tler aus der deut[chen 
,\rchitcktur des XVI. Jahrhunderts hatte werden k6nnen. Es fehlte nicht nur an 
[olchen, es fehlte, wenigftens in der er[ten Frfihzeit, auch an Auftraggebern; wir 
begegnen auch hier wieder der Kleinlichkeit der deut[chen Verhtiltni[fe. 
ttolbein's Formgebung i[t von k6niglichem Adel; er hat darin in der deut- 
[chen Kunft nicht [einesgleichen; Wollen und K6nnen halten fich v611ig die Wage. 
s. An ntich[ten kommt ihm Peter Vfcher. Auch er ift eine vollkommen ab- 
« t',:a«,-, gekltirte Kfin[tler-lndividualitit; doch find reine Ziele minder hohe, was nicht nur 
in der inneren Veranlagung beider Kfin[tler, [ondern auch in ihrem verlchiedenen 



Lebensgange begr/.indet lit. l-lolbein ift in den Anfchauungen der Renailfance 
aufgewachfen; fr/.ihzeitig bat er Italien gefehen und fpter in England in gr61eren 
und weiteren Verhfi.ltni[fen fich bewegt, als fie das Deutfchland des frfihen 
XVI. Jahrhunderts bot. ViJ?her beharrt in der reichsftfi.dtifchen Sphare. Seine 
et[ten Arbeiten find ganz gotifch; doch kfindigt fich in der Behandhmg der 
lqguren der neue Stil, das Streben nach ftilvoller Vereinfachung, fchon an dem 
1477 vollendeten Grabmal des Erzbi[chofs ErttJ[ ira Dome zu Magdeburg an. 
In feinem berfihmten t tauptwerke, dem Sebaldusgrabe in Niirnberg, wirken Ootik 
und Renaiffance in reizvoller Wei[e zufammen. Hier waltet eine unerfch6pfliche 
Ffille der Phantafie; ei:e Menge der reizendften Einzelheiten fchmficken das Werk; 
aber die voile Klarheit des Aufbaues ift nicht erreicht. Dagegen ftehen die Figuren 
der Apoftel auf einer H6he, wie fie die deutfche Plaftik leit dem XIII. Jahr- 
hundert nicht mehr erreicht hatte; fie leiften den Itrenglten Kunftgefetzen der 
Plaftik Oeniige. Ebenfo lebt in den Reliefs aus der i.egende des Heiligen der 
feit Jahrhunderten verlorene reine Reliefltil wieder auf. In l,'t'.l?hcr's fpteren 
Werken ift der fiberquellende Reichtum der Erfindung einem ftrengen Ma9,halten 
gewichen. Ira Aufbau wie in der Dekoration finden die Fornlen der Friih- 
renaiffance in forgffi.ltiger Ausffihrung ausfchlieBlich Verwendung. 
Ërber ViJ'cltcr's Lebensgang wi[fen wir wenig. Vergleichen wir reine Jugend- 
werke mit denjenigen feiner reifen Jahre, fo lit eine folgerichtige Ausbildung 
einer natfirlichen plaftifchen Veranlagung nicht zu verkennen. Wo und wie er 
aber 111i den Formen der Renai[fance bekannt ttld x ertraut wurde, willen \ir 
nicht. Das Sebaldusgrab fcheint mit auf eine Berfihrung mit dcr burgtmdi- 
fchen oder flandrikhen Friihrenaiflance hinzuweifen; der [tiliftilchen Analogien 
[ind mancherlei. 
Dem fei nun wie ihm wolle, ViJ?iter's ruhige Klarheit muBte ihn notwendig 
der Renaif[ance zufiihren, fobald er von ihr nher berfihrt wurde. 
ŒEanz anders und keineswegs fo einfach ift Al&ecit[ Diirer's Verhltnis zut 
Renai[fance. Diirer ift ohne Frage die mfi.chtig[te Perf6nlichkeit der ge[amten 
deutfchen Kunftgekhichte. Sein Blick erfaBt die ganze Welt der Erfcheinungen 
und erforlcht fie mit der liebevolllten Or/.indlichkeit; aber die Wiedergabe lit bel 
aller Schrfe der Beobachtung nicht objektiv, wie bei l-lolbein, fondern [tark per- 
[6nlich gefhrbt; dasjenige, worauf es ihm ankommt, wird hervorgehoben, und die 
Charakteriftik wird zuweilen bis zut Schroffheit gefteigert; die Spuren der in- 
ten[ivften geiftigen Arbeit, der lebhaftelten Erregung der Phantafie durch den 
Oegenftand treten /.iberall zutage, und eine unergr/.indliche Tiefe der Empfindung 
fpricht aus [einen Werken, am unmittelbar[ten aus feinen Handzeichnungen. 
Diirer bat reine Lehrzeit in der Werkftatt A4icitel ll"ohigemlttil's durchgemacht 
tlnd aus der Schule bleibende Eindrficke in das Leben mitgenommen. Ciewif[e 
formale und technifche Eigentiimlichkeiten der Schule bat er auch in den Zeiten 
feiner reif[ten Meifterfchaft nicht /.iberwunden. Sein kimftlerifches Empfinden 
wurzelt in der deutfchen Spfi.tgotik. 
Und doch lit er ein Mann der Renaiffance wenigftens darin ge\»orden, 
daB er das eingehend[te Naturftudium zut Orundlage feiner Kun[t lnachte 
und daB er [ich /.iber das Wefen der Kunlt auch durch Reflexion klar zu 
werden [uchte. 
Auf die Natur als Lehrmeifterin muBte ihn fchon rein klarer Blick hin- 
wei[en; gef6rdert wurde die Einficht, dal. der K/.inftler von ihr ausgehen und 
immer wieder auf fie zur/.ickgreifen m/hffe, durch die Ber/.ihrung mit der ilalie- 



6 

nifchen Renaiffance. Diirer kam fchon um 1491 nach Oberitalien und Venedig 
und bat ficher nicht nur die Werke der groBen Meifter, vor allem diejenigen 
des Oioeanni Bdlini und des Andrea Manlegna, ge[ehen, fondern auch in die 
Studienmethode der ltaliener Einficht gewonnen. Voile Freiheit und Reife bat 
ihm aber doch erft die zweite italienifche Reffe 15o5 gebracht. Die Studien 
zum Helle/fchen Altar und andere gleichzeitige Zeichnungen bekunden eine voll- 
kommen durchgebildete und fertige Naturauffaffung, und die Kompofition die[es 
Altarbildes, wie des Allerheiligenbildes, entfprechen in ihrer fymmetrifchen 
Maffenverteilung den ftrengen Orundffitzen der italiener. So hatte noch kein 
deutfcher Maler komponiert. Diirer hat diefe Richtung zunS.chft nicht weiter ver- 
i«,lget; Zeichnungen und Kupferftiche find in den nS.chften Jahren in groBer Zahl 
entftanden; aber fo groB er fich auch in diefen kleinen BlS.ttern zeigt, fo lieb fie 
uns find, laffen fie doch bedauern, daB es ihm nicht verg6nnt x,ar, monumentale 
\Verke auszufhren. Auch an diefen kleinen Arbeiten bildete er lïch unablS.ffig 
weiter und gab gegen Ende reines Lebens in den Bildern der vier Apoftel rein 
H/3chftes. 
Diirer hat fich die knftlerifchen Cirundf/itze der ltaliener angeeignet, nicht 
ihre Formgebung; er ift durchaus felbftS.ndig geblieben. Stets fich felbft getreu 
hat er fich mit raftlofem FleiBe zur einfachen Cir/3Be der vier Apoftel durch- 
gerungen; alles Kleinliche ift v611ig fiberwunden. 
Auf tektonifchem Ciebiete gelang ihm ein gleiches nicht; er pflegte die[es 
t3ebiet auch nur nebenbei. Sein tektonifches Cieffihl ift nicht fo unfehlbar wie 
dasjenige Holbein's; weder die Proportionen noch die Abfolge der Cilieder be- 
wegen lïch frei innerhalb der Schranken ferrer Kun[tgefetze. Zu beriick[ichtigen 
bleibt wohl, daB Diir«r's Entwfirfe (die Ehrenpforte, der Triumphwagen u. a.) nur 
Zeichnungen find, bel welchen auf das b, laterial der Ausfhrung keine Rfickficht 
genommen i[t, weil fie fiberhaupt nicht zur Ausffihrung be[timmt find. Aber wie 
anders hat Holbein in 5.hnlichen FS.11en entworfen; er ift ganz frei von den 
Schrullen tmd Bizzarrerien DiireFs. Wenn Diirer in der Untem, eifung zur Meffung 
mit Zirkel und Richtfcheit fchreibt: So ich aber jetzt vornehme eine S/iule oder 
zwei lehren zu machen zur lbung fr die jungen Cielellen, fo bedenke ich des 
Deutlchen Ciemt; denn gew6hnlich m6chten alle, die etwas Neues bauen wollen, 
auch eine neue Form dazu haben, die zuvor nie gelehen war , fo bezeichnet er 
datait den Cirund feiner tektonifchen Sch\viche, wie derjenigen [einer Landsleute. 
5ie fchaffen Reizendes ira einzelnen; aber fie fehen den Wald vor B/iulnen nicht. 
Diir«r hat auch in feinem Ornalnentftil der Renaiffance nur geringe Zugeftndniffe 
gemacht. Sein Ornament ira Ciebetbuch Afaximilian's, am Laudauer Altar und 
anderwirts ift durchaus individuell und von eigenartiger Sch6nheit; aber es er- 
mangelt der vollen Freiheit und Elaftizit/it der Linienffihrung. 
Die auf die grogen b, leifter des beginnenden XVI. Jahrhunderts folgende 
l<fmfllergeneration fteht fchon ganz auf dem Boden der Renaiffance. Neben und 
nach dem jfingeren l-tolbein wirken Matud De«Ifch und Urs Oraf; l-JeIer 
Vifchet's S61me fhren des Vaters Stil in freicrer Weife weiter; Peler Flb'tnr, ein 
vielfeitiges, bewegliches Talent, bat l'ich v611ig in die Formen der Re,aail'fance 
eingelebt; an Diirer fchlieBen lich mehr der Zeit als dem Wel'en nach die 
Kleinmeifter an. Sie haben namentlich durch ihre Kupferftiche gewirkt. Ihr 
Ornament ift von dcr oberitalienifchen und franz6fifchen Renaiffance abgeleitet, 
oft fehr anfprechend, aber felten fo fchwungvoll wie das italienifche. Es unter- 
liegt kaum einem Zweifel, daB diefe kleinen B1/itter fr die Verbreitung der 



Renaiffance, wie ffir ihren auf weite Gebiete ffleichen oder hnlichen Formen- 
charakter mit be[timmend waren. Darin liegt wohl auch die ffe[chichtliche Be- 
deutunff der Kleinmeifter. lhre Vorffnffer erreichen fie allefamt nicht; mit dem 
Tode Ieter Vifcher's und Albrech! Diirer's und mit tfolbein's Wegzug ffeht |tir 
Deuffchland der ffroe Stil in Plaftik und Malerei zur Rfifte. Da aber die ffroen 
Anfnge der Renaiffance in diel'en Kfin[ten keine wfirdige Folge hatten, ndert 
nichts an der Tatfache, daB die genannten Meil'ter wirklich einen neuen Stil 
herbeigeffihrt haben. Die Naturauffaffung der nordifchen Kunl't il't ira XVI. Jahr- 
hundert eine andere und eine h6here als ira XV. 
Nicht das gleiche gilt von der Architektur. Auch fie macht vom zweiten "" 
Archtcktur. 
Jahrzehnt des XVI. Jahrhunderts an eine groBe \Vandelung durch; aber diel'e 
begreift zun.chft nur die formale Ausgeftaltung, nicht die K.ompolïtion und K.on- 
l'truktion. Die Dekorationsformen der Renaiffance dringen von Sfiden und We[ten 
ein; aber die Prinzipien der l<ompofition, die klare Gel'etzm/Bigkeit der italieni- 
fchen Renaiffance bleiben den deutfchen bAeiftern verfchloffen. 
Wir betrachten die italienil'che Renail'l'ance als den Rauml'til 
- " Verhlmis zur 
und wollen mit diel'er Bezeichnung ausdrficken, daB in ihr die Raumgeftaltung 
weniger durch tektonil'che als durch fthetifche bAomente, .affenverteilung und 
Verhltnifl'e bedingt ift. Vorgebildet ift diefer Raumftil fchon in der italienifchen 
Gotik; ja die grogen Dome in Florenz, Bologna und Como geh/3ren in ihrer 
abftrakten Rauml'ch6nheit zu feinen erhabenften Hervorbringungen. Anders in 
Deuffchland. Ian wollte in der Hallenkirche einen Vorboten des Rauml'tils der 
deutfchen Renaiffance erkennen; aber wenn fich in der HaIlenkirche, allerdin[gs 
einer abgeleiteten Form des organil'chen gotil'chen l<irchengeb/iudes, ein Raumftil 
angekfindigt haben follte, was doch erft zu erweifen w/re, fo k6nnte die deuffche 
Renaiffance doch nicht als die weitere Entwickelungsform diel'er leime angel'ehen 
werden; denn wenn irgend ein Stil kein Raumftil ilt, fo ift fie es. Sch6ne Raum- 
geftaltung nach bAaBen und Verhltniffen ift nicht das \Ve[en dicl'es Stils, dcr fich 
um Verh/iltnil'fe gar wenig kfimmert. 
Die Architektur der italienil'chen Renaiflance ift eine in ftiller Klarheit ganz 
in fich felbl't beruhende und befriedigte tunl't; fie fteht zu der Zeit, da ira Norden 
die erften Sprol'fen des neuen Stils keimen, auf der H6he ihrer Entwickelung. 
Das dekorativ Spielende, das vielen W«rken der Frfihrenail'l'ance anhaft«t, 
ganz abgel'treift; fie ift Architektur, rein und ira h6chften Sinne; fie fit Raumkunft, 
\'ie fie in anderen Epochen l'elten erreicht, nie fibertroffen worden il't. \Ver fich 
in ihre bel'ten \Verke verl'enkt, ffihlt lïch der Kl«inlichkeit und l<fimmerlichkeit 
des uBeren Lebens entrfickt und in eine h/3here Lebensfih/re erhoben; er 
empfindet an fich die Katharfis, welche die \Virkung jedes erhaben«n K.unft- 
werkes ift. 
Von alledem fit bei der deutfchen Renaiffance kaum eine Spur wahrzu- 
nchmen; die geiftige Grundlage, auf welcher die kfinftlerifche Geftaltung beruht, 
ift eine durchaus andere. \V/hrend die italienifche Renaiffance das einzelne \Verk 
zu typil'cher Bedeutung zu erh«ben fucht, Gefetzmfiigkeit und Vereinfachung 
anl'trebt, whrend bei ihr die Rfickficht auf praktifche Bedfirfni[fe hinter den 
h/3heren Anford«rungen einer l'trengen Kunl't zurficktritt; l'chmiegt fich die deutl'che 
R«naiffance den Bedfirfniffen eines finnlich kr/ftigen, tfichtigen, aber l'chlicht 
bfirgerlichen Dal'eins auf Schritt und Tritt an. Allgemein GItiges  ird gar nicht 
angel'trebt; jeder bel'ondere Fall findet reine bel'ondere L6fung. Jede Aufgabe 
wird mit gel'undem Sinne aufgefalt und aus den Anforderungen des Zweckes 



8 

heraus kr/iflig durchgeffihrt ohne befondere Rfickficht auf formale Gefetzm/iligkeit. 
Es ift eine realiftifche Architektur; ihr knftlerifches Cirundprinzip ift das male- 
rifche; diefes beherrfcht die Kompofition, die Ciruppierung der MaIfen, wie die 
dekorative Ausftattung. Die deutIche Renaiffance ift nicht da ara gr6Bten, wo fie 
auf fymmetrifche, ftreng architektonifche Kompofition ausgeht  die Faffaden, 
welche nach fog. OrdnunKen komponiert find, find fart ausnahmslos l'chwach -- 
fondern da, wo fie ungleichwertige /laffen gegeneinander ftellt. Sie verteilt den 
Schmuck nicht reffelm/iBig ber eine Fl/iche, fondern konzentriert ihn auf einzelne 
Stellen: Erker, Portale, Ciiebel und derffl, bel groer Einfachheit des brigen, 
tmd der Schmuck wirkt weniger durch lineare Reitaheit der Form, als durch 
gefchickte Verteilung von Licht tmd Schatten. 
h diefer Richtung auf das {alerifche fchliegt fich die deuil'che RenaiIfance 
der Spitotik unmitte|bar an; die freie Gruppierung der laIfen, die unregel- 
miBige Verteilung des Schmuckes eignen fchon der letzten Entwickelungs[tufe 
der gotiIchen Architektur. Auch indert fich die Art des Schmuckes nicht Iofort. 
Die Formen der italienifcheta Renaiffance werden vielfach miBverItanden in die 
/affe dcr Ipiitgotifchen Zierforlnen eineffihrt und mit ihr nicht zu einer ftil- 
ftrengen, doch aber zu einer ira dekorativ malerifchen Sinne harmonifchen Cie- 
[antwirkung vereinigt. Des innereu Ciegenfatzes waren fich die /leifter nicht 
bewul;t. So erfcheint die Aufnahme der Renaiffanceformen keineswegs als ein 
Bruch mit der Vergangelheit, fondern mehr als eine Bereicherung des Formen- 
fchatzes. Aber neben \Verken, welche nur einzelne Renaiffancemotive aufnehmen, 
fteheu fchcu frfih folche, welche fart ganz dem neuen Stil mgeh6ren und ur 
cinzelne goti[che Nachklfi.nge aufweifet. Doch auch fie unler[cheiden fich nicht 
in ihrer Anlage, fondern nur in ihrer Formbehandhmg von den fpitgotifchen 
Bauten. So erweift [ich die Cirundrichtung der deutfchen Renaiffance als eine 
x'¢n der der italienifchen durchaus verfchiedene, und ein innerer Zufammenhang, 
wie wir ihn bei der deutfchen bAalerei utad Plaftik des frfihen XVI. Jahrhunderts 
nicht verkennen dfirfen, be[teht nicht. 
lit vorftehendem i[t die Stellung der deutlchen Renaiffance zur italienifchen 
uach ihrer negativen Seite charakterifiert. 
DaB ein uBerer Zufammenhang in der Aufnahme der Formen be[teht, 
bedarf kaum der Erwihnung. Vorbildlich find nicht die Formen der floren- 
tinifchen und r6mifchen, fondern diejenigen der oberitalienifchen Renaiffance, 
die weniger ftreng als jene das Dekorative niemals ganz fiberwunden hat und 
darin dem dekorativeta Sinn der deutfchen leifter entgegenkam. 
,s. Die wichtigften Ausgangsptmkte find Venedig und die Lombardei. Befonders 
Anregungen 
,o,, o,,.,,, weitreichend find die Anregungen, welche von der Certo[a ausgingen; fie um- 
,,u,,,,,,,« affen Deutfchland, die Niederlande, Frankreich tmd insbefondere Spanien. Diefer 
I r,ml, reich. 
Zufammenhang macht es in vielen Fllen fchwierig, wenn nicht unm6glich, zu 
entfcheiden, oh die Formen unmittelbar aus der Lombardei oder auf dem Um- 
wege fiber Fratakreich gekommen find; denn bei der naiven Art des damaligen 
l<unftfchaffens und bel der dekorativen Auffaffunff, mit der die Deuffchen an die 
Renai[[ance herantraten, werden die aus ihrem Zufammenhang geriffenen Formen 
bald mehr, bald weniffer frei umgeftaltet. DaB die Renaiffance nicht allein von 
Oberitalien aus, fondern auch von Frankreich, Burgund und den Niederlanden nach 
Deutfchland kam, [teht auBer Zweifel. Ich kenne die Renaiffance des nord6ftlichen 
Frankreich und Burffunds zu weniff, um die Weffe angeben zu k6nnen, auf denen 
die l'bertragunff ftattfand. Der enge Zufammenhang der Niederlande mit Burgund 



ift durch die politifche Vereinigung im XV. Jahrhundert begriindet Ich erkenue 
hier, wie in Frankreich, die Schule der Certofa. Der $chule von Fontainebleau 
vermag ich nicht die Bedeutung beizumeffen, die ihr gew6hnlich beigelegt wird; 
dagegen diirfte eine nS.here Unterfuchung erweifen, da[ wie ira XV., fo auch ira 
friihen XVI. Jahrhundert m/ichtige Anregungen von Burgund ausgegangen [ind. 
Fragen wir, wie und durch wen die Formen der Renaiffance nach Deutfch- ,4. 
Art und Weie 
land gebracht wurden, fo find zuer[t deutfche Bauhandwerker, Steinmetze, wohl 
auch /[aurer zu nennen, die auf ihren \Vanderfchaften nach Italien oder nach 
Frankreich kamen, wie jener leifter Hiervnj'mus, der den Fondaco de' Tcdefchi 
in Venedig gebaut hat. lhre Namen find uns nur ausnahmsweife erhalten. Aber 
die auf der \Vauder[chaR gewonn«len I<ennttaiffe der Steiumetze uud Baumei[ter 
find nicht die einzige, vielleicht auch nicht die wichtigfte Quelle fr das Ein- 
dringen und die Verbreitunff des neuen Stils. Die \Verke der laler und Bild- 
hauer, vor allem die Epitaphien, die l<upferftiche und Holzfchnitte der deutfchen 
l(leinmei[ter, die weite Verbreitung fanden, tragen eine, xx, enn auch mangelhaite 
Anfchauung der Renaiffanceformen in aile Ciaue des Landes. Italienifche und 
franz6fifche l lolzfchnitte, welche einzeln oder als llluftrationen von Bchern nach 
Deutfchland kamen und da nachffeahmt wurden, tragen gleichfalls riel zur Ver- 
breitunff der Renaiffance bei. Die Formen der Architektur und der architek- 
tonifchen Dekoration erfcheinen auf den Bchertitell, den Randleiften, den Sig- 
naten und felbft auf den architektonifchen Darftellungen, wie ira 17trltt' des Kra 
Oiocondo u. a., in vereinfachter und veror6berter Form. Die Anf«rderungen der 
linearen Deutlichkeit bedingten bei diefcn kleinen Umril]zeichlaunoen Verein- 
fachungen und Umgeftaltungen der k6rperlichen zu flichenh,fften rormen. Die 
elaftifchen Akanthusranken der Relieffllungen und der Cirotesken werden redu- 
ziert; die ftruktiven EIemente, fo weit es fich nicht um die unmittclbare Daritellung 
von Architekturformen handelt, werden in das Ornamentale iiberfetzt. Diefe redu- 
zierten Formen werden nun von Leuten, welche voile Renaiffance niemals gefehen 
hatten, wieder in das Plaftifche zurfickberfetzt. Viele Unbeholfenheit, viele ,Mil;- 
verftindniffe mul3ten bei diefem Vorgehen mit unterlaufen; aber es bckundcte 
[ich doch auch riel gefunder $ilm tmd ein reiches plaftifches Ciefchick, das auch 
mit den \venig verftandenen Formen alffprechende \Virkungen zu erzielen verftand. 
Endlich trugen zur Einfhrung der Renaiffance in Deutfchlaud wandernde 
Italiener bei, welche als bAaurer und Steinmetze in Deutfchland, fei es nach fremdeta, 
fei es nach eigenen Entwiirfen, arbeiteten. $chon vom frhcn .\ittelalter an waren 
italienifche bAaurer -- Magistri Comacini - da und dort dies[eits der Alpen titig, 
und im XVI. Jahrhundert begegnen wir allenthalben in Deutfchland neben ein- 
heimifchen auch italienifchen leiftern. Von diefen fchlieBen fich die einen der 
deutfchen Auffaffung mehr oder weniger an, [o daB es oft nicht m6glich ift, ihre 
\Verke nach ftilifti[chen lerkmalen von denjenigen der Deutfchen zu unter[cheiden, 
whrend die anderen die italienifche Weife ftrenge fefthalten. 
Je nachdem die Formen der Renaiffance eine Umbildung in das Ciermaniche 
l-laupt- 
erfahren oder ihren heimilchen Charakter beibehalten, [ind nun in der Renaiffance 
Deutfchlands von Anbeginn an zwei Str6mungen zu unter[cheiden, deren eine wir 
Renaiffance 
als ,,deutfche Renaiffance,,, deren andere wir als ,,italienifche Renaif[ance in Deut[ch- 
land', bezeichnen k6nnen. Deuti'chland. 
Ein zweiter Gegenfatz befteht zwifchen dem Sden und dem Norden des 
Landes. Er beruht weniger auf den verfchiedenen Stammeseigentmlichkeiten 
der Ober- und Niederdcutfchen, als auf den verfchiedenen Ausgangspunkten, von 



10 

welchen aus iich die Renaiffance ira Sfiden und ira Norden verbreitet. Xç'ohl 
treffen wir auch ira Norden zuweilen italieni[che Mei[ter; aber die Beziehungen 
zu Italien [ind doch lange nicht [o innige xvie ira Sfiden. Auch von Sfiddeut[ch- 
landaus dringt die Renai[[ance nur [poradi[ch und in der Baukun[t kaum in 
merkbarer \Vei[e in das niederdeut[che Oebiet ein. Die erften Renai[fancebauten 
Nieder[ach[ens tmd \Veft[alens [cheinen von der ober[.ch[ifchen Schule abhingig 
:,u [ein; f/ir das Rheinland dagegen ergeben fich fchon [ehr frfih Beziehungen zur 
niederlindi[chen Renaiffance; etxva von 155o an geht von den Niederlanden aus 
eine m/ichtige Renaiffance[tr6mung durch ganz Norddeutfchland und erftreckt 
fich auch auf Dinemark. Das Verh/iltnis fit dadurch ein xveit einfacheres als ira 
Sfiden; die oberf/ich[ifche x'ie die niederl/indifche Renai[[ance [ind [chon ira nor- 
difchen Sitme umge[taltet; ihre oft harten und trockenen Formen find dem deut- 
[chen, ira befonderen dem niederdeutfchen Oei[te [chon af[imiliert. Sie werden 
auf ihrem Zttge durch Norddeutfchland angenommen, x:'ie fie find; die form- 
bildende Arbeit, die dem Siiden fo viele /lfihe ko[tete, f/illt xveg. Dies bedingt, 
daB der Norden ein \'(Zerden des Stils, eine Frfihrenaif[ance nicht kem]t oder 
viehnehr, dag fie fiir ihn in den Niederlanden zu fuchen i[t. 
In Anbetracht der verfchiedenen Wege, auf denen die Renaif[ance in Sfid- 
deut[chland eingedrungen ift, roui; die groBe Oleichartigkeit der Formengebung 
an den verfchiedenften, xïeitentlegenen Orten auffallen. Wenn einzelne groBe 
/lei[ter, xïie Burgkmair, die beiden Holbein, Pe¢er Vif cher und reine S6hne, Pe¢er 
t:lf¢ner fchon den ge[amten Forme]kanon der er[ten Periode der oberdeutfchen 
Renai[fance auf[tellen tmd ge\ïiI \ïeitreicheden EinfluB ausgeibt haben, [o |ind 
ihre Werke doch nicht fiberall bekannt gexïorden, x'o die Renaif[ance Anwendung 
iad. Auch Schul- oder l-lïtteztffammenhinge, xïie xïir fie in der deut[chen Ootik 
tmfchxïer xïahrnehmen, laffen [ich in der Renai[fance vorerft kaum nachweifen. 
Oifenbar hat fich mai]cher /\'leifter 1ach fehr unvollkommenen \rorbildern, xvie ich 
f(,lche oben kurz charakterifiert habe, auf eigene Fatfft gebildet. Uud doch finden 
xïir allethalben den gleichen Formencharakter. 
Die lïrfcheintmg l/ilt fich nur einigermaBen durch die gemeinfame Schulung 
,m den fpitgotifchen Forme erkliiren. Auge tmd Hand des Kfiu[tlers [ind durch 
Erziehung tmd Oex'ohnheit in fe[te Richttmgen gebannt; er fieht mehr und 
[chlirfer, aber meift auch ein[eitiger als der Laie; er vermag nur die Seiten des 
Oegenftandes x'iederzugeben, welche rein Auge er[chaut tmd deren Z/]ge reine 
i land zu folgen vermag. Diefe Befchrhktheit ift kein /Xlangel; fie allein erm6g- 
licht die Ausbildtmg einer be[timmen Individualit/it, fei es einzelner Perf6nlich- 
I;eiten, fei es ganzer Schulen; fie allein erm6glicht es auch mittleren Talenten, in 
den Kihfften Gedeihliches zu leiften. 
Der deutfchen Architektur des XVI. tmd XVI1. Jahrhtmderts find fhrende 
(3eiiter, \ïie fie der Pla|tik tmd/X¢ialerei belchieden x'aren, verfafft gebliëben. Der 
jïmgere Holbêin, \ïelcher der Ffihrer h/itte xïerden k6mlen, bex,egt fich in [einen 
Faffadenen\x'firfen in einer idealen \''elt. Sollen xir den /Xlangel eines groBen 
Balmbrechers beklagen? \Ve'as ift aus der deutfchen /Xlalerei und Plaftik nach 
Diirer's und ViJ'cher's Tod und nach ttolbeb's \'egzug geworden? Und hïtten 
felb[t diefe Heroen die deutfche Ktm[t auf ihrer idealen 1-16he halten k6nnen in 
einer Epoche, x'elche von ganz anderen als kin[tlerifchen lntereffen auf das fief|te 
ergriffen 
Die deutfche Renaiffance ermangelt der ganz groBen Cienien; aber fie 'ei[t 
eine groBe Zahl ltarker und mittlerer Talente auf. Cierade die \Yerke i'olcher 



11 

/leifter fprechen den Geift ihrer Zeit am reinlten aus. Eigenwillig geht jeder 
feinen Neigungen nach; denn es ift der Deulfchen Gemfit, dal3 fie ftets neue 
Formen fuchen, die zuvor nie gefehen waren; aber ira Grunde bewegen fie fich 
mit ail ihrer Willkfir in einem befchrinkten l¢.reife, den zu erweitern ihre Indi- 
vidualitit nicht ltark genug ift. Wenige Werke erheben fich fiber eine mittlere 
H6he, und fart aile find vom gleichen Geifte befeelt. 
Die deutfchen Meifter des XVI. Jahrhunderts ftehen auf dem Ibergang vom 
l landwerker zum l<finftler; noch macht fich der Zwang des Zunftwefens geltend, 
und wenn auch einer oder der andere eine Studienreife nach Italien macht, wie 
Heinrich Schickhard! oder J. Wolf, ira Orunde bleiben fie Haldwerksmeifter. 
Dies erklirt einerfeits ihre technifche Tchtigkeit, aber anderfeits auch, dal3 bel 
ihnen die kfinftlerifche lndividualitit nicht ftark genug ausgebildet ift, um fich 
v/511ig frei ira K.unftwerk auszufprechen. Bel aller Befchrankung macht fich aber 
viel originale t(raft geltend. \Velche naive Freude ara Schaffen fpricht fich in 
den ftets wechfelnden l<ompofitionen aus, welche \Virme der Empfindung, welche 
Sicherheit des dekorativen Oefihhles! Wenige\Verke find rein und widerfpruchslos 
durchgeffihrt; vieles bleibt in der l<ompofition ungel6ft, vieles in den Einzelheiten 
unbeholfen und mil3verftanden; allenthalben aber kommt die behagliche Freude 
ara Leben krtftig zum Ausdruck. 
Es w/ire wichtig, das Verh/iltnis des Volkes oder wenigftens einiger feiner l<reife ,6. 
Verhllnis der 
desfelben zur Kunft niher zu kennen; denn der Charakter der l<unft einer Zeit i_»«,  
wird nicht einfeitig durch die Knftler, fondern in nicht geringem laBe auch '"it; pola,«, 
Charakter der 
durch die Kreife beftimmt, an welche-fich die t(unft wendet und welche fich an d«-«¢h«, 
ihr erfreuen. Leider ift in diefer ltinlicht wenig vorgearbeitet. Zwar geftatten «,»,t,¢«. 
die Denkmiler felbl't einen RihckfchluB; aber unmittelbare Zeugnifle in der Lite- 
ratur find noch nicht gefammelt, dfirften auch nicht zahlreich rein. Ich kann nur 
einige flfichtige Bemerkungen bieten. 
hn Gegenatze zur mittelalterlichen Baukunft it die Renaiffance weentlich 
profan. Wohl find zu allen Zeiten des littelalters ftattliche, oft bedeutende Profan- 
bauten entltanden; aber das l<onftruktionsfyfteln und die Formen haben fich ara 
l<irchenbau entwickelt. 111 der deutfchen Renaiffance lind lirchenbauten nicht 
eben zahlreich; ihrer viele halten noch ara gotichen Syltem feft; der Profanbau 
hat durchaus die Ffihrung. 
Die michtig[ten Impul[e ffir die Aufnahme der Renaiffance gehen von den ,7. 
Bfirgertum. 
St/idten aus. Diefe hatten ira fp/iteren XV. Jahrhundert einen H6hepunkt ihrer 
Entwickelung erreicht; ein reiches, wohl organifiertes 6ffentliches Leben hatte [ich 
ausgebildet; groBe ttandelsunternehmungen brachten \Vohll'tand, ja Reichtum; im 
Bfirgertum konzentriert fich auch die Bildung der Zeit; lie ift nicht fehr hoch, 
aber ge[und und achtenswert. Es ift ein kraftvolles Gefchlecht, das auf die iuere 
Erfcheinung Gewicht legt. lit dem Wohlftande fteigern fich die Anfpriiche an 
die Wohnlichkeit. Das Haus ift des /lantes Stolz, der Hausfrau Freude; ara 
,,uBeren wie im lnneren ftatten fie es nach be[ten Kr/iften aus. Die Stuben er- 
hielten T/ifelungen und zierliche Holzdecken; die Vergla[ung der Fenfter wurde 
allgemein; bunte Scheiben mit hiftorifchen, allegorifchen oder heraldifchen Dar- 
[tellungen wurden beliebt; an Stelle des l(amines trat der Kachelofen, der nicht 
fclten bunt glafiert war; bunte Teppiche fchmckten die Winde; vor allem aber 
wurde das Mobiliar reichlicher; Gemilde und Prunkgef/iBe aus Metall oder Glas 
Ichmckten die Riume, und die gediegene Pracht einer fch6nen und zweck- 
miBigen Tracht enffprach der prunkvollen Ausftattung der \Vohnungen. 



1:2 

8. 
I firfen. 

19 
il'che. 

Der Sinn ffir das 6ffentliche Leben ilt noch ein fehr reger, und die rats- 
fihigen Bfirger widmen fich dem Dienfte der Oemeinde ira Rat und ira Kriegs- 
wefen. Auch der Handwerker arbeitet nicht abgefondert, fondern innerhalb feiner 
Zunft. Eine grofle Reihe ftattlicher Rathiufe; Zunfthiufe; K.aufhufer und andere 
Bauten find die monumentalên Zeugnif[e jener ftdtifchen Oemeinwefen. Ernft 
und tfichtig, fprechen fie ihren Zweck fart ftets klar aus, und diefe innere \Vahr- 
heit ift eine der eri:reulichften Seiten der deutfchen Renailfauce. 
So ift die Freude an der Verch6nerung der Umgebung durch die t,(unft und 
ara Befitze von Kut3ftwerken ailgemein verbreitet; aber es ift mehr das Reiche 
als d,ts einfach Sch6ne, was gefillt, und ein Io hoher lx[unltlinn, wie wir ilm in 
Italien alletthalben finden, kommt in Deuffchland felten vor. 
Ein mSchtiger F6rderer des neuen Stils ilt auch das aufftrebeude Territorial- 
Ffirftentuln. Der Olanz des kaiferlichen Hofes foilte erreicht, wenn m6glich fiber- 
boten werden. Ein Micenatentum fehlt nicht ganz. 
hfaximilian, der Liebli.g der Humaniften und der Dichter, ift in feiner Viel- 
feitigkeit ein Menfch der Renailïailce, ailerdings imr der deutfchen; ihm fehlt die 
h6here Bildtmg. Er befchMtigt die gr61;ten Meilter an kleinen Aufgaben. \X,'ohl 
ftehcn ihre Zeichnungen h6her als die Texte, welche fie illuftrieren; aber fo Reiz- 
voiles fie gefchaffcn habet L miffen xx'ir doch bedauern, dal3 es nur Hoizfchnitte, 
kcine monumentalen Malereien find. Der Ciedanke reines Cirabmales ift grofl, 
und trotz mancher M/.ingel der Ausfidrung ift das Werk von grol}er, bleibender 
\Virkung. 
Albrcch! l'on Brattd«tbm, Erzbifcl:of von Mainz, vereinie an feinem Hofe 
einen lçrcis von humaniftifch gebildeten Mim]ern und vurde darob von RctwMin 
gcpriefen. Auch dcr bildenden l(unlt \'ar er zugetan; Petcr Vlciwr, Fl6tner und 
der merkwfirdige Maler Alatthdtts Çriineu'ald haben ffir ihn gearbeitet. Was er 
in Halle gebaut bat, geh6rt der Spttgotik an. 
H6here Baugefinnung betfitigen die pf.lzifchen Wittelsbacher, vor allen Otto 
Hdnrich. Er begatm in. den dreiBiger Jahren den Bau des Schlof[es Neuburg 
und [etzte in Heidelberg die von feinen Vorgingern begomenen Bauten in 
zender \X'eile fort. hn Beginn des XVll. Jahrhunderts rand er in Fricdrich IV. 
cinen wiirdigen Nachfolger. Der Otto Heinrichsbau und der Friedrichsbau final 
\'ohl die monumemal[ten Zeugni[fe der deutfchen Renaiffance. 
Den Bauten der Pf/ilzer reihen fich diejenigen der bayerifchen \Vitteisbacher 
vfirdig an. Hier herrfcht anfangs italieni[cher, fpiter italieni[ch-niederiSndifcher 
Oei[t; I|;'iliwlm V. und AJaximilian L er\veifen fich als hochIinnige F6rderer der 
I(finfte. 
Nicht allenthalben treffen wir die[e H6he der Baugefinnung; aber rege Bau- 
lult befeeit fart aile deutfche Ffirlten des XVI. und XVII. Jahrhunderts, und 
fiberall erheben fich ftattliche Schl6ffer. 
Den Ffirten tun es die Fugffer in Augsburg gleich, lhre Orabkapeile bei 
St. Anna ift der er[te Renaiffancebau in Deutfchland (1512), und wenige Jahre 
fpS.ter (1515) bauen fie ihr palaftartiges Haus an der HauptftraBe, von deffen 
frfiherer Herrlichkeit ieider nur noch geringe Sl»uren fibrig [ind. Jakob Fuer be- 
riel um 157o den Maler 13onzano aus Venedig nach Augsburg zut Ausfchmfickung 
eit3iger Riume des Palaftes, und diefer Meifter hat fpiter in Landshut und.Mfinchen 
an der kfinftlerifchen Ausftattung der herzoglichen Bauten mitgewirkt. 
\Veniger titig ift die Kirche; ihren baulichen Bedfirfnilfen war in den vor- 
hcrgchcndel Jahrhunderten (3enfige geleitet \vorden, und noch harrte manches 



13 

groBe Unternehmen der Vollendung. Die grolSen Kirchenbauten der Jefuiten, 
foxvie diejenigen des Wfirzburger Ffirftbifchofs Jtzlitzs EcD¢cr l'oit Ale.fpelbrzzlzn ge- 
h6ren der Spëtzeit der Epoche an. Der Proteftan',ismus Ilat es zu h6herer Selb- 
ft/indigkeit auf dem Oebiete des Kirchenbaues fibertlaupt nicllt gebracht. -- Das 
XVI. Jahrhundert, von religi/;fen I(ëmpfen erf/illt, x'ar kei1e l'eriode f/if eine ge- 
deihliche Entwickelung der kirchlichen Baukunft. 
Die grolen geiftigen Bewegungen der Zeit, der Htmlalismus tmd die Re- 
formation haben auf die bildenden Ki'mfte nicht in dem Mal3e eingexx'irkt, als 
man anzunehnlen geneigt ift. 
Die italienifche Renaiffance fteht i1 tmmittelbarem Zufammenhang nlit dem 
Humanismus, der in ltalien mehr fthetifche als xx'iffenfchaftliche Ziele verfolgte. 
Die Italiener erblickten ira Wiederaufleben des klaffifchel Altertumes, das doch 
uur eine angenehme Fiktion ar, eie Riickkehr zu der heimifche, ererbten, 
aber durch die Einfëdle der Barbaren getrfibten Kunft- und Lebensanfchauung. 
Und xvirklicll lebte i ihnen noch fo riel vom anliken Oeifte, dal eine der alt- 
r6mifchen geiftesverxvandte und doch iiberlegene lx'unft erbliihen konnte. 
eine rein ëdthetifche \Zeltanfchauung, auf aile Lebensverhfi.ltniffe angexx'andt, ttcrr- 
liches hervorbrigen kam, ift \x, enigftens i deil bildendes Kfils[ten erreicht x,«orden; 
in1 Leben aber final auch die etllifchen Schwchen, xx, elche fie mit ficll bringt, 
klar zutage getreten. Sie, nicht zum x,:'enigften die unklare Stellung zu Religion 
und Kirche, haben das frlle Ende der Renaiffance und rien tiefgehenden Um- 
ichlag der Simmungen ichon bald nach 5oo verfchuldet. 
Der deutfche I lumanismus ift von Abeginn an anders geartet. Er hat eie 
mehr philologifch-xviffenfcllaftliche und pëdagogifche Richttmg. Die/ilteren l|uma- 
niften ftehen noch durchaus auf dem Bodel der chriftlichen Rechtgl/iubigkeit; 
aber die fteigende Bexunderung frit das klaffifche Altertum ffihrte bel vielen der 
fpëteren Humaniften zu einer Eltfremdung von der Kirche, und jubelnd ftellten 
fie fich auf der Seite Ltztlzer's, als der grolle Kanlpf der Oeifter begann. 
Bel aller Bexvtmderunff xvar dasVerhiltnis zum Altertum in Deutfchland doch 
ein ganz anderes als in Italien. Man konnte die R6mer nicht als reine Allnen, 
ihre Sprache und Kunft nicht als ein verlorenes und xcieder gex,,'onnenes Erbe 
betrachten. Darum konnte der Humanismus in Deutfchland auch sicht xx'ahrhaft 
volkstfimlich \verden. Frit die K/3nfte xx, ar er unfruchtbar. Freude an rien bil- 
denden Kfinften nehmen wir bel rien deutfchen Humaniften nur felten und in 
befchrS.nktem MaBe ahr; unmittelbare F6rderungen der Renaiffance ift von ihrem 
Kreife nicht ausgegangen. Eine mittelbare Einx,'irkung kann ihnen nicht ab- 
gefprochen xverden. Die griechifchen und r6mifchen Sagen und Oefchichten 
urden fiberfetzt und geannen eine x,«eitere Verbreitung. Es konnte nicht fehlen, 
dal3 fie auch kiinltlerifch dargeftellt xvurden. In rien \VCerken der Kleinmeifter 
nehmen fie einen breiten Raum ein. Auch die maffenhaften Allegorien in pro- 
fanen DarfteIlungen m6gen auf humaniftifche Einx,:'irkungen zurfickzuffihren rein. 
DaB Humaniften an der AuffteIlung von Programmen fiir Zeichmmgen und na- 
mentlich frit monumentale Malereien beteili xx'aren, ift aus literarifches Zeug- 
niffen, wie aus rien Denkmëlern erfichtlich. 
Aus der allgemeinen Bexvunderung des Altertumes erg;ab fich auch diejenige 
der antiken Baukunft. Ohne dal:i man fie kannte, hielt man fie frit befonders 
herrlich und ar zut Aufnahme der antikifchen Weife geneigt. Auf antike Denk- 
m,ler ift ohl kein deutfcher Baumeifter zurfickgeffanffen; man nahm die ober- 

I I IIIIl,llli:lllll - 



21. 
Relormalion 
und Cegen- 

14 

italienifche Renaiffance fchon ffir die Urquelle und machte von diefer abgeleiteten 
l(unft weitere Ableitungen. 
Die deutfche Frfihrenaiffance fteht in gar keiner nheren Beziehung zur 
Antike; erft die Lehrbficher Vi¢nw's, in der Oberfetzung von Rivius {1548, und 
Serlios Bficher von der Architektur {54) vermittelten den Igeutfchen einiger- 
maBen die 14,enntnis der antiken Ordnungen; aber ihr EinfluB auf die Praxis war 
gering. 
Die weltgefchichtliche Aufgabe der deut[chen Nation lag ira XVI. Jahrhundert 
nicht auf ifthetifchem, fondern auf religi6fem 
(ebiete. Nicht Erasmus oder Hutten, nicht Fig. . 
Diircr oder I-latts Sachs ift der /lann des 

Jahrhunderts, [ondern Martin Luthet: Man 
mag zu Lttthcr ftehen, wie man will; daB er 
dcm religi6[en Empfinden des gr69,ten Teiles 
I 
reines Volkes auf Jahrhunderte hinaus die 
\Vege gewiefen, dag, fich der gefamte Ent- 
wickelungsgang des deutfchen Geifteslebens 
tinter den Nachwirkungen feiner Taten bis 
auf un[ere Tage vollzogen hat, 151t fich nicht 
beftreiten, und reine berragende Gr6Be zeigt 
fich auch darin, daB wir noch heure in kein 
objektives Verhiltnis zu ihm getreten final, 
daB wir noch heure mit begei[terter Liebe ,- 

oder bitterem HaB auf ihn blicken. 
Der Sturm, den er entfef[elt, ergreift und 
1-eherrfcht fofort aile Oeifter; leidenfchaftlich 
nehmen die einen ffir, die anderen \vider ihn 
l'artei. Aile anderen geiftigen lnIereffen treten 
vor die[em l(ampfe um die h6ch[ten Ofiter 
zurfick. L'nerh6rter Oeifteszwang wird von 
allen Seiten gefibt; immer wieder wird die 
Entfcheidung der \Vaffen angerufen, und erft 
in v611iger Erfch6pfung kommen die deut- 
fchen V61ker mit dem Frieden von ,\lfinfter 
und Osnabrck zur Ruhe. 
Die Reformation hat keine unmittelbaren 
Beziehungen zu den bildenden Kfifften und 
war ihnen nicht f6rderlich, ara wenigften der 
Baukunft. lhre mittelbaren Einwirkungen da- 
gegen [ind fehr bedeutend. Die Reformation 

Fenfter vom Zunfthaus der Fifcher 
zu Mecheln ). 

und die katholifche Gegenreformation haben eine unfiberbrfickbare I(luft ira (3eiftes- 
leben der Nation aufgeri[[en; der katholi[che Sden und der prote[tantifche Norden 
gehen von nun an getrennte \Vege, und ffir die katholifchen, vIimifchen und die 
prote[tantifchen hollndi[chen Provinzen der Niederlande gilt das gleiche. Aber 
wenn ira Sden der Iatholizismus, im Norden der Proteftantismus vorwie, fo 
greifen doch hier wie dort die (3ebiete der l(onfeffionen vielfach ineinander ein, 
und die konfeffionellen (3egenftze reichen zur Erklirung der Erfcheinungen auf 
) Nach: YSID'¢CI<, J.J. Documents claffgs de l'art dans les Pays-Bas du Ame au XVlle ficl¢. Brff¢l 



15 

kiin[tleri[chem Gebiete nicht entfernt aus. Sie find im fpten XVI. und ira 
XVII. Jahrhundert fehr fchroff und weichen ira XVIII. einer weitgehenden Tole- 
ranz; aber ihre Einwirkung auf Wiffenfchaft und Kunft tritt gerade im XVIII. Jahr- 
hundert ara grei[bar[ten zutage. 
Die Gegenreformation muBte aus uBeren tmd inneren Grfinden der Auf- " 
Eindringcn de 
nahme des italienilchen Barockltils f0rderlich rein, w/ihrend der Proteltantismus 
ein Beharren ara nationalcn Stil be- 

Fig. 

Hof des bifch6flichen Palaftes zu Lftttich'-). 

gnftigte. Nachdem aber ill katho- 
lifchen, wie in l»rote[tantifchen L/i.n- 
dern gr6Bere oder kleinere f3ebiete 
der anderen Konfeffion angeh6rten, 
konnte es nicht ausbleiben, dal; 
diefe der allgemeinen Richtung ihrer 
Umgebung folgten. 
l_)ie Ciegenreformation hatte einc 
engcre Verbindung der deut[chen 
Kirche mit Rom zur Folge; auch 
der Verkehr der katholifchcn H6fe 
mit Rom ift zu der Zeit, zu der die 
lutherifche Lehre attsgerottet und 
das Volk zur Kirche zurfickgeffihrt 
wurde, ein fehr reger. Ira Gefolge 
der f3egenreformati,n h/lit der ita- 
lienifche Barock feinen Einzug in 
Deutfchland. Italiener und italienifch 
gebildete Niedcrl/i.nder kommen an 
die H6fe von \Vien, M/inchen, Salz- 
burg, Brfiffel u. a., und einige die[er 
viel[eitigen Meifter haben die Leitung 
aller kfinftlerifchen Unternehmungen 
dcr F/ir[ten in der Hand. Ihre Stel- 
lung war lchon eine ganz andere 
als die der alten deut[chcn l tand- 
werksmeifter. Dem Kavalier und 
Diplomaten Rttbt'lls rat es allcrdings 
keiner gleich; aber angefehene, des 
Zwmges dêr Zfinfte fiberhobene 
Stellungen nahmen die Kuntinten- 
danten der deut[chen Ffr[ten Fried- 
rich Sz(/'[ris, 1-2c¢cr Candid in M/in- 

chen, Bartholomaeus Spranger in Prag u. a. doch ein. 
Wie fchon friher die Maler, machen nun auch einzelne [iddeutche Bau- 
meifter Studienrei[en nach Italien. Heinrich Schickhardt in Stuttgart und der 
Augsburger Elias Holl haben uns in ihren autobiographifchen Aufzeichnungen 
flber ihre Reifen berichtet; daB J. WolJ; der Erbauer des Nfirnberger Rathaufes, 
in Italien war, wi[fen wir aus anderen Quellen. 
Was auf die[en Wegen nach Deutfchland und den Niederlanden kam, war 
kein einheitlicher Stil. Sind [chon die Richtungen der italienilchen Spatrenaiffance 

) Nach ebenda£ 



3- 
Deutl'cher 
l;rocl,. 

4- 
Fnde. 

und des Barock mannigfach verl'chiedene und findet die treflliche Charakteri[tik 
des Barock, welche IV6l.fflin (Renaiifance und Barock) gegeben hat, ltreng ge- 
nommen nur auf den r/3mifchen Barock Anwendung, Fo muBten die verfchiedenen 
Wege der Obertragung weitere Differenzierungen bedingen. Die ernfte Or6Be 
des italienifchen Barock haben nur einige der von ltalienern entworfenen und 
ausgeffihrten Bauten. Die Architektur der italienifierenden Niederlinder lit, wenn 
fie fich auch ira Formalen dem Barock mehr oder minder anfchlieBt, in ihrer 

Raumbehandlung mehr eine verfpitete 
Renaiffance. Die Deutfchen endlich 
bilden fich, fo gut es geht, au der 
fpr6den Kunft Palladio's. Trotz aller 
Verfchiedenheiten ift aber diefen Ober- 
tragungen der italienifchen Architektur 
nach dem Norden doch eines gemein, 
das fie in Oegefatz zur deutfchen Re- 
laiffance ftellt: der Zug in das archi- 
tektofifch (3roBe. I)ie Ffihrung geht 
wiedcr an den Kirchenbau fiber. 
Der Norden beharrt beim natio- 
nalen Stil. Die Faktoren, welche das 
breite Einftr6men des i'alienifchen 
rock in $fiddeutfchland f6rderten, fielen 
in den prote[tantiichen Landen weg; 
aber auch in den katholifchen Provinzen 
in Rheinland tmd in Weftfalen hat, fo- 
weit ich fehe, der i'alienifche up.d ita- 
lienifierende Barock keine Verbreitung 
geftmden; dagegen tritt hier die Re- 
na[ffance in eine Entwickelungsphafe, 
welche man als deutfchen Barock be- 
zeichen kann. Die nihere Begrimdung 
diefer Benenntmg erfolgt an anderer 
Stelle. 
Die Oattungen des italienifierenden 
und des deutfchen Barock bezeichnen 
die HauptftrOmungen der deutfchen Ar- 
chitektur des fpten XVI. und der erften 
H.lfte des XVil. Jahrhunderts; keines- 
wegs aber laffen Fich ihnen aile Er- 
fcheinungen fubfummieren. Eine Aus- 
nahmeftellung nimmt eine Reihe hoch- 

Fig. 3- 

Haus zum groBef Salin zu Mecheln-). 

wichtiger Bauten der pfilziFchen und fr.nkifchen Lande ein, eine AusnahmeFtellung 
die fonderbare Nachblite der gotifchen Architektur in der gleichen Zeit, von 
vereinzelten Erfcheinungen da und dort nicht zu reden. 
Bis tief in den dreiBigjhrigen Krieg hinein wird in Deutfchland noch riel 
gebaut. Ganz allm/ihlich erFch6pft fich der aul3erordentliche Reichtum des Landes. 
Erft die zweite H.lfte des Krieges, in der von einer Kriegffihrung ira groBen 

} Nach ebendaL; Einzelheiten fiehz ebenda'., Sculptares, Pl.  u. Lit. S, PI. 3- 



17 

Stil nicht mehr die Rede fit und Heere und Volk mehr und mehr verwildern, 
hat Deutfchland wahrhaft zugrunde gerichtet; niche der Sieg der einen oder an- 
deren Partei, fondern Armut, Entv61kerung und Entkriftung machen dem jammer- 
vollen Kriege ein Ende. 
Nach dem Kriege beginnt eine neue Epoche der deutfchen Kunftgefchichte. 
Die bildenden Kfinfte werden international und treten von der ffihrenden Stelle, 
welche fie wihrend der Epoche der Renaiffance inne hatten, zurick. Die Stim- 

Fig. 

KanzleigebSude (La Oreffe) zu_ Brgge}. 

mung der Zeit ift lyrifch geworden; die gefteigerte lnnerlichkeit der katholifchen 
Religiofigit, wie des prote[tantifchen Pietismus findet ihren adiquaten Ausdruck 
nicht in den bildenden Kfinften, fondern in der Mufik: In merkwfirdiger Parallele 
zu Diirer und l-lolbdn, den Begrfindern der deutfchen Renaif[ance, ftehen an der 
Schwelle des XVlll. Jahrhundertes zwei Mu[iker: Johann Sebaftian Bath und 
Oeor Friedrich H?7"ndel. 

) Nach: YSENDYCK. a. a. O. 
Handbucb .d¢ Achilek'tur. Il. -/. (2. Aufl ) 2 



18 

_. Kapitel. 
Das Ausklingen der otik und der Beginn der Renaiffance 
in den Niederlanden. 
s. Die niederlindi[che Renaiffance mfll,ie fireng genommen ira Zu[amrnenhang 
 tifche Bauten 
«« rnit dcr burgundifchen behande|t werdcn. Ich kenne weder die eine, noch die 
ç.u«ç andere genfigend und kann nur einige ailgemeine Bemerkungen zut Renaiffance 
der Niederlandc bieten. 

Fig. 

Palaft der ,llargareta ,on Ofterreîch zu Mecheln). 

Renaiffancebauten aus dem XV. Jahrhundert find nicht vorhanden. Wohi 
aber dringen noch ira XV. Jahrhundert einzelne Renaifancemotive in die flppige 
Sptgotik der Niederlande ein. \Vann diefe Aufnahrne von Renaiflanceforrnen 
beginnt, ift deshalb eine unwefentliche Frage, weii fie mehr einen Zuwachs des 
Formenvorrates des alten, als den Beginn eines neuen Stils bezeichnet; doch geht 
ie nicht, fiber dieletzten Jahrzehnte des XV. Jahrhunderts zurfick und gewinnt 
erft in der FrOhzeit des XVI. gr613ere Verbreitung. 
Der bedeutendfte Meifter diefer letzten Phare des gotifchen Stils ift Rombout 
Keldermans aus Mecheln. \Vie viel von rien ihm zugefchriebenen Arbeiten wirk- 
lich ihm angeh6rt, wre nher zu unterfuchen. 
leldermans wendet an feinen Hufern gern ein Faffadenfyftem an, auf 

') Nach ebendaf. 



10 

welches das [chmale, mit gedr/ingt ftehenden Fenftern verfehene niederlindifche 
Stadthaus fait notwendig hindr/ingt und deffen Urfprung vielleicht ira Holzbau 
zu fuchen ift. Zwifchen rien rechteckigen Fen[tern ftehen fchlanke S/iulenbfindel, 
welche die frei gezeichneten Bogen aufnehmen. Die Bogenfelder IÏnd mit Or- 
nament geffillt, die Zwi[chenr/iume zwifchen rien Bogenprofilen und dem Oefimfe 
des oberen Oefchoffes mit MaF«¢eri« Das Sy[tem wiederholt fich in mehreren 
Stockwerken. In die fiillenden Ornamente nimmt Keldermans ira zweiten Jahr- 
zehnt des XVI. Jahrhun- 
Fig. 6 derts einzelne Renail'[ance- 
,+___ motive auf. Fig. ,')zeigt 
 ein Fen|ter vom Zunfthau|e 
der Fifcher zu Mecheln. 
Das Faffadenfyftem geht 
nicht aus einer kon[truk- 
tiven Notwendigkeit her- 
vor, fondern tibt einen 
idealen Scheinorganismus, 
der da berechtigt ilt, wo 
er zum Ausdruck h¢Sherer 
architektonifcher ldeen, 
Verhiltnis der Gefchoffe 
u. dergl, dient, der aber hier 
in rein dekorativer Weife 
angewendet ift. Nach den 
gleichen Grundf/itzen ver- 
|ë.hrt auch die nordifche 
Renaiffance, und gerade 
der dekorative Charakter 
beider I<unftrichtungen ift 
der ¢3rund, warum fie fo 
lange nebeneinander be- 
ftehen k6nnen. Kcldermans 
gibt bei der Aufnahme von 
Renaiffanceornamenten die 
gotifche Gefamthalttmg 
nicht preis, obwohl das 
Syftem fart von felbft auf 
die Renaiffance hindrngt 
und fchorl zu Lebzeiten 
Chor[dlranken in der Pfarrkirche zu Dixmude«). Kcldermans'in Renai[[ance- 
formen umgefetzt wird, 
obwohl in einigen feiner Werke, wie in der la[[ade des Rathaufes zu Gent 
(1518-35) bel ganz gotifcher Formgebung der Geift der Frfihrenaiffance fehr 
vernehmlich mitfpricht. Man fehe die Baldachine zwifchen den Fenftern des Erd- 
gefchofl'es im Werke von Yfendyck:). Verwandt ift der Helm des Turmes 
von Antwerpen (1518 vollendetS); nicht von Keldermans. Das Syftem des Hofes 
j $iehe in: EWERBE¢;, F. Die Renaiffan¢e in Belgien und Holland. Unter -Mitirkung von A. NEt',«lSr, 
H. Lw 8 E. Mot'llS. I.eipzig 89. XIII, XIV, BI. -3., 
1 Nach: Yso¥c, a. a. O.; Lit. N, PI. 5 u. Li. T, PI. . 
,1 $iehe ebendaI., Lit. T, Pl. 3. 



26. 
l»enaiffance - 

20 

ira bifch6flichen Pala[t zu Lfittich 05o8--40; Fig. 2 ') lit nichts als ein taach auBen 
gewendetes Bafilikenlyltem mit Triforium; ira ErdgelchoB befinden lich wunder- 
liche Siulen in wenig verItandenen Renaillanceformen. Die B6rfe in Antwerpen 
von Paul Sttydincx hat einen phantafti|chen Hallenhoi; fie geh6rt, wenn mich 
meine Erinnerung nicht tiufcht, einer ihnlichen Richtung an. 
Cileichzeitig mit dielen Bauten entftanden folche, an denen die Renaillance 
lchon eine ziemlich reine Durchbildung gefunden bat. 1519 baute Jan Borre- 
mans aus Brfiffel das Haus zum groBen Salin in Mecheln {Fig. 3:); der Oiebel 
ift heU; drei Ordnungen find iber- 
einander ge[etzt und die Stock- Fig. 7- 
werke durch (ïiebilke getrennt; 
aber die Siulen reichen nur bis 
zu den Bogenktmpfern, und in 
den Zwickeln ftehen i(orffolen, die 
das (ïiebilke tragen. Alle Flichen 
iind reich und zierlich ornamen- 
tierL 
Das Ianzleigebiude in 
Bri.igge (535-37; Fig. 41, von 
Chriftian Sixdeniers nach Plinen 
von Jahann IVallo¢ erbaut, hat 
fcheinbar ein |trengeres Syltem; 
aber die Bildung der (ïie[im[e 
ift mangelhaft; fie find zugleich 
Sockel der oberen Ordnung und 
wirken lchwerfillig. An den phan- 
taftifchen, an venetianifche Bauten 
mahnenden Ciiebeln finden fich 
noch gotifche Krabben. Das Or- 
nament i[t rein und fehr gut;'). 
Das Syftem kehrt [piter off 
wieder; allein es wird fart [tets 
dekorativ behandelt und gibt -- .... ------- .... ï'----- 
kaum je Anlag zu einer ftrengen  '-.kl':--" -  " 
Behandlung der Formen und   : 
Rombou[ ieldermans ift auch - " 
ara ilteften Renaiffancebau Bel-Altarauffatz in der Kirche St. Leonhard zu Léau°}. 
giens, dem Pala[te der A4arffareta 
van Ofterreich (von 15o6-3o Statthalterin der Niederlande), beteiligt. Letzterer 
i[t unter Beibehaltung ilterer Teile ira Hofe ira Jahre 1517 erbaut. Der Plan foll 
von Ouyot de Beaureffard, der mit A4arffare[a aus Burgund gekommen war, 
herriJhren, die Ausffihrung von iÇeldermans. Es ift ein ziemlich einfaches (ïiebiude 
(Fig. 5.); von Ciotik tr.gt es keine Spur mehr, londern ilt in einer einfachen, 
etwas dfinnen Renaiffance erbaut. Das Stockmauerwerk ift nur durch Fen[ter, 
Portal und einen kleinen Balkon belebt; die (ïiiebel und Dachluken haben eine 
zierliche Haibfiulen- und Pilafterarchitektur. Man erkennt unfchwer den Zu- 
s) iïine Aufnahme diefe Bauwerkes fiehe in : Ew¢, a. a. O. 
o) Nach ebendaf. 



9.1 

[ammenhang mit der iranz6iiichen Frfihrenaii[ance. Schon das Prinzip, eine 
gegliederte Architektur erft auf dem Dache beginnen zu lai[en, ift echt ffanz6fifch, 
und eben[o [ind die Einzelformen der franz6[i[chen Renai[[ance entnommen. 
Aber die Kompo[ition, in welcher das malerifche Prinzip vorherrfcht, bat 
eine wenn nicht deutiche, doch germani[che Haltung, und die guten Seiten der 
deut[chen Renaiffance [ind in die[em anfpruchslo[en Werke klar angedeutet. 
So Iinden wir da, wo ein ftrengeres architektonikhes Sy[tem ange[trebt wird, 
ein Spielen mit Formen und Ordnungen, und nur da, wo diefe konventionellen 
reffeln abge[treift [ind und der Architekt 
Fig. 8. fich frei bewegt, den Durchbruch eines 
--- felb[t/indigen, malerifchen Kompo[itions- 
prinzips. Analogen Erfcheinungen be- 
c- :. gegnen wir in Deut[chland. 
gin Stil, de[[en Schwerpunkt [o ein- 7. 
Werke der 
" [eitig auf dekorativer Seite liegt, mugte dekorati,en 
reine fippigRen Blflten aui dem Gebiete 

I. der architektoni[chen Ausftattung von 
lnnenrS.umen treiben. Man mu, [ich 
gegenwirtig halten, dag die niederl/in- 
difche Spitgotik kein organi[cher Stil, 
fondern nur ein in das Dekorative ge- 
wendetes Derivat eines olchen il't, ein 
Derivat, deffen Ornamentformen kaum 
mehr eine [trukturfymbolifche Bedeutung 
haben, und daB deshalb die Einfflhrung 
neuer, einem anderen Boden entfproffener 
Formen keineswegs verwerflich i[t, fofern 
fie nur mit den alten zu einer dekora- 
tiven Gefamtwirkung harmonifch verar- 
beitet [ind. Iïin derartiges Verarbeiten 
• heterogener Formenelemente bat eine 
 ,j--- groBe NaivetS.t und eine auBerordentliche 
Sfiirke und Sicherheit des dekorativen 
r Empfindens zur notwendigen Voraus- 
..... ...-. ' [etzung. In diefen geiftigen Potenzen 
 ......... ? --I ' beruht die Or613e der nordifchen Md[ter 
ira Beginn des XV1. Jahrhunderts. 
Fenfter im Kreuzgang des Domes 
zu Regensburg"}. Nicht immer ift die Verfchmelzung 
gelungen; gotifche und Renaiffanceformen 
laufen oft recht unvermittelt nebeneinander ber; fchrille Diffonanzen find gleich- 
wohl felten. Arbeiten, welche das Cie[agte belegen, find in den Niederlanden, 
wie ara Niederrhein, fehr ahlreich. Vfendyck gibt in fart allen Abteihmgen reines 
groBen Werkes eine erhebliche Zahl guter Bei[piele. 
In Kirchen find es vor allem Chorfchranken: Sainte (aertrude zu Nivelles'C), 
Parrkirche in Nieuporta), Dixmude (Fig. 6 ) und Lettner '*) u. a.; ferner Altare: 
ein AItarauffatz in St. Leonhard zu Léau (Fig. 7»'), ein hochinterdfanter Altar- 
fa} Nach: 1AMBERT & STAltL, a. a. O. 
ts} Nach: EwgtlBgClq a. a. O., Cloture, Pl. 6. 
-'} Siehe ebendaf., Stalle$, Pl. 6. 
'} Siehe ebendaf. 



auffatz in Oplinter von 1551.,), ein foicher in 
der Sammlung Beauffortl«), ein anderer mit 
den fieben Freuden Mariae in Saint Sauveur 
zu Brfiggel:), dann ehr fch6ne Beifpiele in 
Victor zu Xanten und in KalkarlS). 
Weiter [ei auf die Grabmonumente ver- 
wie[en; das Motiv, dem des Altarauffatzes 
verwandt, wird auch .hnlich behandêltl). 

Fig. 9- 

In Profanbauten wird zuweilen an Ka- -»)_ Iz..-- : !. 
minen eine erftaunliche Pracht entfaltet. Sehr 
frfih, noch aus dem XV. Jahrhundert, i[t dcr 
lamin aus dem arkiezenhof zu Bergen op 
Zoom, an dem das fchfichterne Eindringen  .' 
einzelner Renaiffancemotive zu beobachten . 
ifts"). Obeeich von herrlichfter Ausffihrung 
i den Formen eier frfihen Renaiffance ift 
der Kamin ira Saale des Franc de Bruges)), 
nach dem Entwurfe LancNot Blondeel's 1529 
von OtO'or de Bealu'egard ausgeffihn. Da- 
gegen ift der reiche undfch6ne amin ira [ .. -.. , _ - ....E. 
gotifch. Die Figuren Erzherzog Albrechts _ 
und Ifabellas find fptere Zutaten. 
DaB an T5felungen und an M6beln 
die gleiche Stilrichtung vorkommt, bedarf 
kaum der Ehnung. 
Fart aile diefe Arbeiten geh6ren dem 
erften Drittel des XVI. Jahrhundes an. 
Neben dem Reichtum der Phantafie, welchen 
rung Bewunderung. Man [ehe zum Beifpiel . 
die Holzfchnitzerei ara Altar in Xanten bel 
Clemen oder in der unten genannten Zeit- 
[chriR)" Tunn der SL Kiliansirche 
zu Heilbronn 
3. Kapitel. 
Das Eindringen von Nenaiffancemotiven in die deutfche Gotik. 
s. Die gntwickelung der Baukunft wie der architektoni[chen Dekoration im 
nfnge in der 
Architektur. ffidlichen und mittleren Deutfchland geht der in den Niederlanden parallel nicht 
nur zeitlich, fondern auch nach ihrem ftiliftifchen Charakter. Auch hier bezeichnet 
' Siehe ebendaf., Retable, PI. . 
 Siehe ebendaf., PI. 
 Siehe ebendaf., PI. 5. 
' Siehe: Ct, P. Die Kunftdenkmler der Rheinprovinz. Dfiffeidod. 
' Siehe: YSEND'Cg, a. a. O., Alnuments Camntmralifs, PI. 
« Siehe ebendaf., Lit. H, PI. 8. 
t Siehe ebendaI., Chemiaes, Pi. 4- 
 Siehe ebendaf., PI. ]. 
 BlUffer I. hr¢h. u. gunflhdk. 893, BI. 48 u. 49- 
• « Nach: Kft- und AitoEmsdene ira Kniei Wremberg. 



3 

riff o. 

Rathaus zu Enfisheim"-). 

die mehr oder minder reichliche 
Aufnahme von Renaiffancemo- 
tiven keinen Bruch mit der Ver- 
gangenheit. Aber die formbil- 
dende l<raft ift geringer als dort 
und das Ergebnis oft ein ziem- 
lich unbefriedigendes. Das erfte 
Eindringen von Renaiffancefor- 
men findet etwa zwifchen 148o 
und 149o [tatt. AIs der ltefte 
Bau, an welchem fich bei goti- 
fcher l<onftruktion Renaiffance- 
formen finden, gilt der Wladis- 
lavfche Saal in Prag, 1493 von 
Benedict Rieth (Benefch vott 
Laun) erbaut; aber es ift frag- 
lich, ob diefe Fenfter und Por- 
talc der Erbauungszeit ange- 
h6ren. 
Au[ nahezu gleicher Ent- 
wickehmgsftufe ftehen die ital- 
Ien des Refidenzhofes in i=reifing 
von 1519. Verfchiedenartig ge- 
[taltete Stfitzen tragen die Scg- 
mentbogen der mit einem Netz- 
gew61be fiberw61bten oberen 
Halle. Die Formen machen don 

Eindruck, als ob unbeholfene Holzfchnitte das Vorbild gewefen w.ren"-). Die 
wunderlichen Fenfter des Domkreuzganges von Regensburg von Uh'ich pl«iden- 
reich (Fig. 8 1) m6gen etwa gleichzeitig oder wenig fpiter rein. 
Weit bedeutender, ja eines der originellften Werke der gefamten deutfchen 
Renaiffance ift das Oktogon des Turmes von St. l<ilian in Hleilbronn, 512-_ 9 
von Plans Schwebter von Weinsberg erbaut (Fig. 9"-). Die Ge[amtform erinnert 
an Iombardi[che Vierungstfirme, etwa an Chiaravalle oder die Certofa, und hat 
vielleicht Neumamt beim Ausbau des Domturmes von Mainz vorgefchwebt, hn 
einzelnen klingen romanifche Formen nach; goti[che kommen vor; ailes mit ge- 
ringem Formverft.ndnis behandelt, aber naiv und von erfreuender Gefamtwirkung. 
Ein merkwfirdiger Ubergangsbau fit Oie neue Pfarre, die F(irche zur [ch6nen 
Maria in Regensburg (1519). Gotifche und Renai[fanceformen vermifcht, aber zu 
fch6ner Gefamtwirkung abgekl.rt, zeigt das Rathaus zu Enfisheim ira ElfaB von 
1.595 (Fig. 1o?). Auch das Tucherhaus zu Nfirnberg, das ich ira Zu[ammenhang 
mit den Anfngen der dortigen Renaiffance befprechen werde, ift hier zu nennen. 
Weitere Beifpiele finden [ich da und dort. 
Die b, lifchung der Formen tritt um die /iitte des XVI. Jahrhunderts zurfick, 
wird aber nie v611ig verlaffen. Die Nfirnberger H6fe des XVII. Jahrhunderts 

') Auinahmen diel'es Bauwerkes tinden lïch in: L..tBET, A. & E.'ST.HL. Motive der deulkhen Renaiflance, 
Architektur des t6., tT. und tS. Jahrhunderts in hiitorifcher Anordnung. /|it Text s'on E. v. BEIOLEPSCH. Stuttga/-t 
-93 - terner in: iunftdenkmale des K6nigreichs Bayetn. Bd. I, Taf. 45, 46. 
• « Nach: L&iEt-r & S'r^HL, a. a. O. 



4 

9. 
An[ange in der 
dekorativen 
['laflil,. 

haben an den Br¢i[tungen ihrer 
Hallen gotifches MaBwerk; eben- 
fo lange erhalten fich die gotifchen 
Oew61beformen. lnsbe[ondere 
hilt der Kirchenbau an der [pit- 
gotifchen Weife feft. 
Unter den kVerken der de- 
korMiven Pla[tik lit zuv6rderft 
nochmals an das Sebaldusgrab 
von Peler ViJCher zu erinnern, 
das an einheitlicher Verarbeitung 
der verfchiedenen Stilformen den 
beften niederlindifchen Werken 
gleichkommt, fie aber an Originali- 
tSt der Kompifition weit ¢ibertrifft. 
Die verbreitette Form des 
(irabdenkmales ift die einer fidi- 
kula in Relief, unter der eine 
Dar[tellung aus der heiligen Oe- 
fchichte oder die Fleur des Ver- 
ftorbenen angebracht lit. Unter 
den \Verken der Frfihzeit, welche 
ira Obergang von der Ootik zur 
Renaiffance ftehen, ift das Cirab- 
mal des Erzbifchofs Uriel t'on 
Oetttmitet ira Dome zu Mainz 
von ]54 (FIE. ]"-:) wohl das 
befte; der Gril lit eil]e frfihe Re- 
naiffance, mr in Baldachinen und 
Fialen noch mit Eoti[chen Formen 
untermi[cht und in dcr [ehr ma- 
lerifchen Behandlung des FiEfir- 
lichen an der gotifchen \Veife 
fefthaltend. 
Das /Xlç, tiv der fidikula wird 
frfih auch beim Aufbau von A1- 
taren verwandt, [o ira Altar des 
l(anonikus K'ajpar A4aroit zu 
[-reifing,), welcher, in rotera 
Marmor ausgeffihrt, unfertig in 
der Verarbeitung der Motive und 
in feinem flachen Rehef von ge- 
geringer \Virkung iff; neben der 
Adikula befinden fich rudimentre 
Flfigel, gleichfalls aus Stein. 
«1 Nach: Mitt. aus dem germ. National- 
mufeum 887. 
"-l Eine Abbildung diefes Allars belindet 
tich in- Die Kunftdenkmale des K6nigreichs 
Bayern om tt. bis zum Ende des tS. Jahrhun- 
derts. Mfinchen 89-95. Bd,. t, Taf. 43. 

Cirabmal des Kurffirften Uriel t,on 
ira Dom zu Mainz). 

(îemming'en 



 ber- 
t dienilcher 
I- intlu p . 

26 

lin allgemeinen blieb Holz das Material |r den Altarau|bau; man wu6te [ich 
in die[eln Material |reier zu bewegen. Dilrer nimmt das Motiv der )kdikula im 
Altar der Landauer Kapelle (5) auf, der ein[t das Allerheiligenbild enthielt. Die 
VerhSJtnilfe [agen wenig, defto mehr das Ornament. Fret von allem Konven- 
tionellen, ift es des Meifters eigenfte Sch6pfung: nicht gotil'ch, nicht Renaiffance. 
K6ftlich ift die in einem fehr reinen Reliefftil gehaltene Dar[tellung des jfing[ten Oe- 

richtes auf dem Fries. Die Aus- 
fhrung 1oll von VeitStofl ein. 
lin allgemeinen hielt 
man in der Frhzeit an der 
berkommenen Form des 
Flfigelaltares feft. Ail] Altar 
der Bergleute in Almaberg 
lind nur gotifche Motive 
in Renaiffalceforlnen geklei- 
det zu finden"). [)er ltaupt- 
altar der Rochuskapelle 
Nrnberg (Fig. 2 :'') ift zwar 
auch ein Fliigelaltar; doch 
die l,(ompofition des Schrei- 
nes wie des oberen Auf[atzes 
ganz ira Oeifte frfiher Renai[- 
lance gehalten, und dem ent- 
Iprechen auch die Formen. 
I)ie FI/igel, an denen noch go- 
tifches Ornament vorkommt, 
er[cheinen als flberfl/àffige 
Zutat. 
Arbeiten aus fpiiterer Zeit, 
an denen gotifche Formen 
vorkommen, werden ihres Of 
tes namhaft gelnacht werden. 

Fig. 14 . 

Vorhalle der Hofkirche zu lnnsbruck-). 

4. Kapitel. 
Die unmittelbare Einwirkung der oberitalienifchen Renaîffance 
in Deutfchland. 
Neben den zwi[chen Ootik und Renaiffance IchwalNenden Erzeugniffen der 
Obergangsperiode kolnmen gleichzeitig folche vor, in denen die Orundzfige der 
RenaifIance in reinerer Weife zum Ausdruck kommen. Diefe Werke geh6ren zum 
reizvollften, was die Frfihrellaiffance in DeutIchland gefchaffen hat. \Venn auch 
weit entfemt von der Itrengen ttoheit toskanifcher KunIt, la[[en fie doch einen 
nahen Zufammenhang mit Italien nicht verkennen. 
I)as fr/ihefte Beilpiel ift die Fuggerkapelle bel St. Anna in Augsburg 
'» Eine Aulnahme diefes Allars fiehe: ANDI&E, 1£. Die Kunft im f.chfifchen Erzgebirge. Dresden. Taf. 
 Nach: Deutfche Renaiffance. I-lerausg. von A. Ollwttu. Leipzig t87t-75. - Neue l'olge, herausg, von 
Sctvts. Le|pzig t87-88. P, bt. L 
tl Nach: WEtNBrENNEtl, E. Entfirfe und Aufnahmen vota Bau[chfilern der technifchen Hoch[chule zu Kaxls- 
ruhe. Karisruhe t884. 



27 

{Fig. 13"'), im Au|trage von ehann akob Fuffffer H. zwi[chen den Jahren 5o0 
und 5 o - erbaut. /vlit Ausnahme der Netzgev01be ift es reine venetifche Frfih- 
renaiffance, von einer Einfachheit der formalen Ausbildung, v/ie fie [onft in Deutfch- 
land kaum vorkommt. Nur an der Orgel ift [ch6n gezeichnetes Ornament in 
reicher Ffille angebracht. IVeinbr«nner, der diefe k'apelle in dem unten genannten 
Werke .) gut ver/3ffentlicht hat, nimmt an, fie fei vom deutfchen Meifter Hi«reo'- 

Hauptaltar zu Annaberg:'% 

mus ausgefhrt, der 5o5-8 
den Fondaco dei Tedefchi 
in \'enedig erbaute. Die 
Entwrfe der inneren Aus- 
ftattung rhren wahrfchein- 
lich von Peler Fliitner her. 
Nfihere Nach=eife fehlen::ï). 
Die Aufnahme der Re- 
naiffance war in Augsburg 
durch die Ttiffkeit des la- 
lers ttatts Bttrgkmair und 
des àlteren 14olbein vorbe- 
reitet. Ob Btttkma#; vie 
Jttlitts Ori/'«hel :::) annimmt, 
auch als Architekt titig var 
und ob der Hallenhof des 
Fuggerhaufes in Augsburg 
von ihm erbatlt i[t, bleibt frag- 
lich. Arge Naivet/iten der ma- 
lerifchen KOlnpo[itioll- ira 
Obergefcho, find die Fenfter 
als Pfeiler behandelt, von 
welchen Bogen ausgehen, 
durch die man einen an 
die \'('and gemalten Himmel 
erblickt und aus welchen 
eine fr0hliche Oe[ellfchaft in 
den Hof herabfieht u. a. -- 
fprechen eher gegen als ffir 
diefe Annahme. Wahrfchein- 
lich ift die Verlnutung, daB 
die lalerei van Jiirff Breu 
find. Das Qanze, jugendlich 

anmutig, wenn auch nicht bedeutend, ift etwa zwifchen 1312 und 1.1. entitanden. 
Ein [ehr zierliches \Verk diefer venetifchen Kun[trichtung ift die Vorhalle 
der IIofkirche in Innsbruck (Fig'. 14-''). 
Reichere Frfichte haben die Anregungen der genannten leifter auf dem 
Gebiete der architektonifchen Kleinkunft getragen. Der Hauptaltar in Annaberg 
(522) von AdolfDau«her aus Augsburg (Fig. 15:;') zeigt venetifche Formen, wenn 
auch in der Bildung der l(apitelle voie der Profile [chon merklich abgefchwficht. 

al Ober die Orabmiler der l=ugKer vergl, auch : VmcH, R. Studien zut Kunltgefchichle. Stuttgart 886. S. 583 ff. -- 
Ober Peger ¥16tner's Anteil an der Ausftattung fiehe: .[ahrbuch der preuBffchen I<un(tfammlungen, Bd. XXVI, S. z . 
 In: Repertorium f. Kunflwil'l'enfch., Bd. XI, S. 4o ff. 
 Nach: AD, a. a. O. 



8 

Plans Daucher, dem Sohn des Meifters, von dem wir eine Anzahl kleiner, ïber- 
aus l'orgf/itig ausgeffihrter Reliefs haben, wird neuerdings das [ch6ne Grabmal 
des olfgang Peiffer in der Garnil'onkirche zu lngoiftadt (Fig. 16 -) zuge[chrieben. 
Von Augsburg geht auch der Eichftfitter Bildhauer Loy Plering aus, der mithin 
eine ausgedehnte Tfitigkeit entfaltet hat. Seine Altare und Grabmler erfreuen 
durch ihren einfach klaren Atffbau, durch gute Behandlung des Reliefs und durch 
die Sorgfalt der Ausffihrung. Plans Doucher tmd Loy l-lering Iïnd fiberwiegend 
formale Talente; fie erreichen in ihrem befchrinkten l<reife eine hohe Vollendung. 
Eine Nachfolge haben fie nicht gehabt. 
Die Richttmg erhielt fich bis nach Fig. 6. 
56o. b, lan fieht an den fpSteren Wer- _ 
ken, dal. eine gewiffe Schuitradition 
beftaud, welche die uri'l)riingliche Hal- 
ttmg beibehielt, ohne neuer unmittel- 
barer Anregung von Italien zu bedfir- 
fen. Aber es \varen nur eine oder 
wenige \VerkftStten. 
Verwandtes leiftet in Nfirnberg 
die GieBhfitte ieIer Vfcher's. Nach- 
dem der Obergang von der Gotik zur 
Renaiffance, dem wir das Sebaldus- 
rab verdanken, vollzogen war, be- 
wee fich der Meifter mit ruhiger 
Sicherheit in der Formenwelt der Re- 
naiffance. Das Hauptwerk waren die 
Schranken ira Rathausfaale zu Nfirn- 
berg, urfprfinglich frit die Fugger- 
kapelle in Augsburg be[timmt und 
vielleicht von FlOt»er entworfen. Die 
Abbildungen der Schranken, fo un- 
zulinglich fie find, laffen erkennen, 
dal$ mit ihnen ein Hauptwerk der Re- 
naiffance in Deutfchland zugrunde ge- 
gangen ift. In Vfcher's Grabmlern 
ift die Behandlung des Figfirlichen 
[chlicht und wahr, und mit ihr [teht 
die architektonifche Umrahmung in 
reinftem Einklang. Sie zeichnen fich Grabmal des Wolfgang Peiffer 
durch klare Einfachheit des Aufbaues, in der (ïiarnifonkirche zu lngolftadtS}. 
durch reine und foriltige b, lodellie- 
rung des Ornaments aus. Cort A4ende in Lfibeck dfirfte in der Vifchefchen 
OieBhfltte gearbeitet haben. Ein Ich6nes Orabdenkmal von ihm befindet fich ira 
Domkreuzgang zu Hildesheim. Vielleicht darf ihm auch das Epitaph der Familie 
IF'iegerinck in der Marienkirche zu Lfibeck zugefchrieben werden. 
Zerftreut finden fich \Verke diel'er italienifierenden Richtung in verfchiedenen 
Gegenden Deutfchlands. lm Siidoften darf Schlol3 Porzia bei Spital an der Drau, 
ein Ausliufer der venetifchen Renail'fance, kaum den deutfchen bAonumenten 
gezihlt werden. 
) Nach: Die Kunftdenkmale des K6nigreichs Bayern ,'om aa. bis zum Ende des 8. Jahrb. Mfin¢herl a89_9.3" 



Die l'innige Anmut der Jugend, welche diefen Werken eignet, konnte nicht 
lange vorha|ten; die Entwickelung muBte entweder aui h6here iormale Ziele 
oder auf eine kr/i.ftigere Formenl'prache hinf/.ihren. Die Richtung der Zeit war 
erl'terem abgewandt. 

5- Kapitel. 
Die Friihrenaiffance in Sachfen und in Schlefien. 
Frit die Augsburger Frfihrenaifl'ance war Venedig der Ausgangspunkt. 31. 
Schule 
Verbreiteter und nachhaltiger find die Einwirkungen der Iombardil'chen Renaif- 0erc«rlof_ 
lance, insbel'ondere der von der Certofa ausgehenden Dekorationsfchule. Die 
Ab[ichten diel'er Schule l'ind auf groBen Reichtum und auf Pracht der Dekoration 
gerichtet. Wo irgend ornamentaler Schmuck anzubringen fit, bringt fie ihn au 
und bildet l'elbft architektonil'che Formen in dekorativem Sinne um, fo dag die 
SS.ule zum Kandelaber, der Giebel[turz der Fenfter zur Volute wird und die Ge- 
fimfe nicht felten [tatt in architektonifchem in dekorativem Sinne gebildet werden. 
Sie verziert die FlS.chen von Pilaftern, Friefen und Archivolten mit Ornament in 
kriftigem Relief. An den Pilaftern edcheinen neben den groBzfigigen, in einer 
Folge von atff[teigenden oder aus einem Stengel iich entwickelnden Ranken nicht 
felten Ornamente, welche aus einer Reihe aufeinander geftellter Val'en zufammen- 
gefetzt find, wS.hrend der zwifchen diefer freibleibende Grund mit vegetabilifchen 
Ornamenten, Putten oder Tieren gefiillt wird. Ira Rankenornament laufen die 
vegetabilifch begonnenen Ranken oft in bandartige Voluten aus. 
Eine fo fiberwiegend dekorative Kunft kann wirklich Bedeutendes nur leiften, 
wenn ihr ein hoher architektonifcher Sinn zur Seite iteht. Sie erfordert ein 
reiches laB von kiinftlerifchem Takt und groBe Sorgfalt der Ausffihrung. Wo 
diefe fehlen, wird l'chon in Italien die Wirktmg leicht kleinlich und unruhig, wie 
z. B. an der Faffade von Sta. laria de' ,\liracoli in Brescia. 
In Deutl'chland geht ttans ttolbcin dcrJiingcre von der Iornbardifchen Kunft 3" 
Aniæ.nge der 
aus (vergl. Art. 7, S. 4)- Zerftreut fiuden [ich Verke, welche die Ienntnis der ,ï« 
lombardiichen Renai||ance vorausl'etzen, da und dort. Dauernd und verbreitet sh«. 
find ihre Einwirkungen in Sachfen und Schle[ien. Wihrend anderwirts die Ent- 
wickelung rai'ch ber jene fchiichtern italienifierenden Arbeiten hinaus zut derberen 
deutl'chen Veife fhrt, behS.lt die l'ich[il'ch-l'chle[ifche Baukun[t bis nach dcr Mitre 
des Jahrhunderts den Charakter der Friihrenaifiance bei. Die Oe[amthaltung, 
wie gewil'ie ,.lotive und Formen bleiben 1"o konftant, dafi man hier von einer 
Schule fprechen darf. 
Die Ableitung diel'er Schule von dem Bau der l'pitgotifchen Stadtkirche in 
Annaberg erregt Bedenken. Der AItar des Adolf Daucher (iiehe Art. 30, S. 26) 
und die Brftungen der Emporen l'ind keine Werke, welche im[tande find, die 
Kunftrichtung weiter Land[triche zu beftimmen und in neue Bahnen zu leiten. 
Zudem ift der Daucher'[che Altar veneti[ch, die fichfifche Renaiffance Iombardi[ch. 
Tatl'ichlich liegen in der Spitgotik Oberl'achfens ihnliche Verhiltniffe vor wie 
in den Niederlanden und fhren zu ihnlichen Erfcheinungen. Ich meine datait 
nicht, daB in diel'en l'pitgotil'chen Hallenkirchen eine Raumkunl't im Sinne der 
italienil'chen Renail'l'ance angebahnt fei; ja fie ftehen in Hinl'icht der Raumfch6n- 
hot anderen deutl'chen Hallenkirchen, wie dem Dome zu Minden, der x, Viefen- 
kirche zu Soeft oder der Pfarrkirche zu Laufen an der Salzach, kaum gleich. 



33- 
chlo8 
Dre_dcn. 

3O 

Auch wire, wenn bel den fich[i[chen Hallenkirchen wirklich von Raumkunft in 
hSherem Sinne die Rede rein dfirffe, hiermit nichts gexvonnen; denn die t'ichfi[che 
Renaiffance i[t keine laumkunff. Dagegen ffihrt die formale Entwickelung der 
Ichfil'chen Spitgotik zu ihnlichen Erfcheinungen, wie wir fie in den Niederlanden 
x'ahrg..enommen haben, und macht fie zut Aufnahme von Renaiffancemotiven und 
zum Ubergang in die Renaiffance geeignet. Die Strebepfeiler der iarienkirche 
zu Zwickau oder das Portal der SchloBkirche in Chemnitz ftehen auf der gleichen 
Entwickelungsftufe 'ie das Rathaus in Gent. 
In den zwanziger Jahren des XVI. Jahrhunderts find aul3er den Arbeiten in 

Fig. 17 . 

Oeorgstor ara Schlol zu Dreden und Porta dclla Rana ara Dom zu Comoa). 

Annaherg wohl da und dort einige Werke ira neuen Stil entftanden, fo das Portal 
der Velte Stolpe :) oder das noch halb gotifche Portal des Rathaufes in Zwickau; 
doch konnte erft ein gr68erer Renaiffancebau vorbildlich werden und dieweitere 
Verbreitung des Stils anbahnen. 
lïin [olcher Bau war der Oeorgsfliigel des Schloffes zu Dresden, erbaut nach 
153o von IVans Schickentau[z. Durch das Oeb.ude ffihrt die Durchfahrt von der 
Stadt nach der Ilbe und der lïlbebrficke. Die geringen Reite des Portals auf 
der Stadt[eite, die Durchfahrt mit gotifchen OewSlben und das Portal auf der 
) tq'ach Photographien. 
;) Siehe: STCtE, R. Be;'chr¢ibende Darftellung der ilteren Ba III und Kunftdenkmiler des K6nigreichs 
ach[cn. Dresden. Bd. i, 85, Beil. IX. 



31 

Fig. 18. 
..:..' - : ... 
Vorhangfenfter »). 

Elbfeite (Oeorgstor s), find beim Umbau des Schloffes 
abgebrochen und relis ira Stallhof, teils gegeniiber 
der katholifchen Kirche wieder aufgebaut worden. 
Es war ein fchmaler Bau, ïlber dem Erdge- 
fchoffe zwei Stockwerke und hohe (3iebel. Auf der 
Stadtfeite ffihrten zwei unfymmetrifch angelegte Por- 
tale mit reichem Relieffchmuck in die Durchgangs- 
halle. In den Obergefcho|l'en nahm ein Erker die 
Mitre ein; daneben waren beiderfeits zwei Achfen 
gelegen. Pilafter und ¢_efimfe gliederten diefe Teile. 
Der (3iebel fcheint fchon 8o verindert gewefen 
zu rein. Auf der Elbfeite befand fich das (3eorgs- 
tor, deffen Achfe links von der Mitre des Oebudes 
l'tand. Der Portalau|fatz reichte bis in das 1. Ober- 
gefchofl; ira II. begann auf der Achfe des Portais 
ein Erker, der bis in den Giebel hineinreichte, tlohe 

Relieffriefe trennten die Stockwerke. Erft ara Giebel fetzten Pilafter ein, und reine 
Stufen waren mit Voluten von der Form umgekehrter Konfolen ausgeffillt. 
Der Bau ift in feiner Kompofition fehr unreif; aber er gibt das Programm 
der ganzen Schule und enth.it die meiften Motive, mit welchen diefe arbeitet: auf 
der Nordfeite eine freie Faffaden- 

Schlol3 zu Dippoldiswalde«°). 

kompofition ohne durchgehende 
Achfen und ohne Symmetrie, auf der 
Stadtfeite in rien Obergefchoffen der 
Verfuch einer fefteren Gliederung 
nach der Mittelachfe durch Pilafter 
und Gefimfe. C3otifche Formen kom- 
men an den Gew61ben der Durch- 
fahrt, nicht aber an den Faffaden vor. 
Ober die forlnale Behandlung 
geben heure nur noch die Portale 
AuffchluB. Die nach der Stadtleite 
gelegenen find verbaut und nur teil- 
weife noch fichtbar; die Formen final 
frfih, aber fchon etwas derb. Das 
Oeorgstor IFig. 7«1 auf der Elbfeite 
dagegen ift bis zum Fries wohl er- 
halten. Der Torbogen ift von einer 
Pilafterftelhlng mit voroefetzten Siu- 
len flankiert; dariiber befindet fich 
ein Gefims. Aile Flchen find reich 
ornamentiert. Das Ornament 1;ïBt in 
feiner Kompofition rien engen Zu- 
 Eine Abbildung diefes Gebudes ift zu finden 
in: WEc,, A. Der Chur-F6rftlichen Sichfi[chen welt- 
berfihmten Refidenz und Haupt-Veftung Dresden. Be- 
fchreib- und Vorftellung. - Hiernach in: Deuffche 
Renaiffance, Abt. 5, BI. 2 (ungenfigendl. 
to Nach: Gurutt, C. Kunft und Kfinffler ara 
Vorabend der Rdormation. Halle 89o. 
«o) Nach: StEcrE, a. a. O., Bd. I1. 



Fi. 20. 

1 

I 1 F 1 

i I 

Portalbau des Schloffes zu Brieg'). 

'4 Nach: Deuffche RenaiFiance ufw., Abt. 



33 

fammenhanff mit der Lombardei nicht verkennen. Die oben f/.ir das lombardifche 
Ornament ffeffebenen Merkmale finden fich hier limtlich wieder. Auch die 
Siulen haben die t(andelaberform. Ein Vergleich der Porta della Rana am 
Dome zu Como {Fig. 173) mit dem Georffstor wird das Gefagte beft/itiffen. 
Es IiBt [ich nicht ffenau erweifen, dag dêr Georgsfliigêl des Schloffes zu 
Dresden der erfte ffr/SBere Renaiffancebau Sachfens ift; doch beweift dêr enfle An- 
fchluB an italiêni[che Vorbilder, dal3 er zu 
Fig. 21. den fr/ihe[ten geh6rt. 
Die vêrfchiedene Behandlung dêr beidên 
Faffaden k/indigt gewihermaBên die beidên 
 welche in dêr [ich[i[ch-fchlê- 
Richtunffen 
ail 
__ fifchen Renaiffance nebeneinandêr hergehen. 
Die einê behilt die frêien t,(ompo[itions- 
-4 .  prinzipien der Spitffotik, wohl auch einzêlne 
gotifche Formên, z. B. das fog. Vorhanff- 
 Q' fênftêr (Fig'. 18 ') bêi und wendet danêbên 
an Portalen, Qiêbeln und Erkêrn Renai[['ance- 
 motive an. Diefêr Richtung êntfpricht 
die 
Elbfa[[ade. 
Die andêre Richtunff ftrebt durch ein Sy- 
ftem von Pila[têrn und Gêfimên einen Schêin- 
organismus dêr Faffadênarchitêktur an. 
.-ç  [ Die eritêre entfpricht in ihren malerifchên 
'ï Orundprinzipien mehr dem Kunftgeifte des 
deut[chen Volkes und der Stimmung der 
Zeit. Sie hat deshalb auch Bedeutenderes 
i :..,  i hervorgebracht als aie zweite, deren Berech- 
tigung wel-entlich von der Behandlung der 
l.t Proportionen abhS.ngt. Das ideelle Archi- 
, tekturfyftem erfordert eine augerordentlich 
reine Stimmung der VerhS.ltni[[e, um be- 
deutend zu wirken. Hier wird es rein de- 
 , korativ behande|t. Man freut [ich der reichen 
 und anmutigen Wirkung, ohne fich viel um 
. die Proportionen oder gar um die Formen- 
-_. fymbolik der architektonifchen Glieder zu 
2---:--  ..... - k/immern. Wir haben hnliches in dên 
- - -- _ Niederlanden gefunden. 
In diefer Weife war das Syftêm der S/id- 
Nordweftlicher Treppenturm 
des Schloffes zu Dresden). front des Oeorgsbaues zu Dresden behandelt. 
Ein anderes fr/ihes Beifpiel ift die Hoffaffade 
des Schloffes Dippoldiswalde (Fig. 9»'), wenn auch ira Verh/iltnis der Pilafter zu 
den Gefimfen vergriflen, doch ira ganzen nicht ohne Sinn fr Proportionen. Etwa 
gleichzeitig ift die Hoffaffade des Rathaufes in G6rlitz 1534"-). Reifer ift das Haus 
Nf. 29 an der NeiBegaffe in G6rlitz-'). In der Verwendung der architektonifchen 

Richtungen 
der fichiichen 
Schule. 

35. 
Aufbau der 
Faffaden nach 
Ordnungen. 

t,} Eine Abbildung diefes lathanfes fiehe in: FIscH, N. E. O. Denkmiler deutfcher Renaiffance. 
188o--9L Taf. 
u) Siehe ebental., TaL 95. 
««) Nach: BIS.tter f. Arch. u. Nunfthdwk. 89o, Taf. 64. 
Handbuch der Architektur. 11. 7. {2. Aufl.) 3 

Berlin 



34 

Olieder laufen noch manche Unbeholfenheiten mit unter; aber ira einzelnen fit die 
Behandlung eine fehr gute, und die beabfichtigte Wirkung wird vollauf erreicht. Ara 
h6chften fteht der prichtige Portalbau des Schlol'fes zu Brieg (Fig. 2o«1), welcher 
1552 ausgeffihrt wurde. An diefem Bau waren Italiener beteiligt; ob und wie weit 
der Entwurf von ihnen herrfihrt, il't vorerft nicht zu entfcheiden*). Ein Zu[ammen- 
hang mit der Schule der Lombardei fcheint vorzuliegen. Die Ordnungen find mit 
Freiheit und Verftindnis angewandt; die Abftufung nach oben ift wohl abgev¢ogen 
und die Aufhebung der Symmetrie ira ErdgefchoB von treiflicher Wirkung. lch 
glaube in diefem Bau Motive von der Halle des Municipio zu Brescia zu erkennen. 
Aber trotz der italienifchen Meifter und trotz der italienifchen Vorbilder ift es 
deutfche Renaiffance. An Wohllaut der Verhiltniffe, wie an formaler Vollendung 

kommen ihm nicht viele gleich. Die 
\rorzge diefes I3ebS.udes beruhen 
nicht zum wenig[ten auf feinen klei- 
nen Abmeffungen. Das Syftem in der 
dekorativen Auffaffung der Deutfchen 
ift berhaupt nur auf kleine I3ebS.ude 
anwendbar. 

0 Frei von den Feffeln architekto- 
Aufbau in freier ., _ 
';-p 'o,-,,t:. nucner Ordnung bewegen fich die 
deutlchen Meilter mit gr6Berer Sicher- 
heit. Mit richtigem Takt haben fie 
das Pilalter- und Qefimsfyftem auf 
groBe Bauten nicht angewendet, fon- 
dern find bel der hergebrachten go- 
ti[chen Wei[e der Faffadenge[taltung 
.eblieben und haben nur die Formen 
mehr oder weniger modifiziert. 
Bedeutend ift der Oftflgel des 
";chioffes Hartenfels bel Torgau, 
533--35 von Konrad Krebs erbaut. 
Die vier Qefchoffe mit fptgotifchen 
Vorhanenftern befagen an fich nicht 
viel; eine energi[che Qliederung er- 
h/ilt die Hoffaffade erft durch den 
Treppenturm, durch die etwa in halber 
H6he ausgekrae Galerie und durch 
SchloBturmes geleçen Bogenhallen. 

Fig. 22. 

die in zwei Cie[choffen um die Ecke des 
Der ffinffeitig vorfpringende Treppenturm ) 
ruht auf einem rechteckigen Unterbau, zu dem zwei Treppen emporftihren. Die 
Ecken find durch Pfeiler markiert, die mit ornamentierten Lifenen be[etzt [ind- 
Zwifchen diefen Pfeilern fteigt die offerte Treppe an. Zur Erklirung der Anlage 
gen die Treppe der Albrechtsburg in MeiBen; doch mag der Meifter auch die 
Prachttreppe des Schloffes Blois gekannt und benutzt haben, hn einzelnen ift der 
Zufammenhang mit dem Cieorgsfliigel des Schloffes in Dresden unverkennbar. 
Die goti[chen Formen, welche [ich in Hartenfels noch neben denen der Re- 
naiffance_erhalten haben, find ira SchloB zu Dresden /iberwunden. Der Hauptbau 
) Vergl.: CzAI, E. . Beitrge zur Oefchichte der Renaiffance-Baukunft in Schlefien. Schlefiens VotTeit 
P'" und Schritt VI, 4- 
«) Nach: Sa'rcr, a. a. O. 
) Sich¢ die betreffende Abbildung in Kap. 7. 



35 

des Schloffes ift von 1547 an von lafpar Vogt von IVierandt ausgefihrt. Erhalten 
lit nur der groBe l-lof, de[[en monumentale \Virkung, auBer durch die glflcklichen 
Verhiltniffe der 1-16he zur GrundflSche, durch den wohlabgeftuften Ciegenfatz 
der einfach behandelten Wandflichen und der reich mit Pilaftern ausgeftatteten 
Treppentfirme, die offene Halle in der /itte der Nordfeite und den hohen Turm 
bedingt wird. Die ffidlichen Treppentiirme mit anfteigenden Ciefim[en find die 
ilteren, die monumentaleren n6rdlichen (Fig. 2 ) die jflngeren; am nordwe[tlichen 
Treppenturm ift die Jahreszahl 155o zu lefen. An diefem Bau waren Italiener 
beteiligt. Das fch6ne Portal der Kapelle ift in Kap. 16 abgebildet; es zeigt un- 
mittelbaren Zufammenhang mit der italienifchen Renaiffance. Erneuter italienifcher 
EinfluB ift auch in der Ornamentik der n6rdlichen Treppentfirme zu erkennen. 
Privatbauten aus der Zeit von 152o-6o find zahlreich; aber wenige find 
uns unverindert fiberkommen. An CirundriBaufnahmen, welche das Verhiltnis 
der ftidtifchen Bauweife zum nationalen l-lausbau erkennen lielSen, fehlt es. 
Bel der gefchlo[[enen Bauwei[e [teht der Ciiebel gew6hnlich nicht an der 
StraBen[eite, londern fiber den lçom- 
Fig. 3- munmauern. Dies bat zur Folge, da 
,  . nicht felten eine gegen die Front- 
, mauer zurfickgefetzte Wand mit einer 
- , Fenfterreihe aus der 13achfliche vor- 
" tritt, eine Bauweife, die in Oberfranken 
.; 
und ira Vogtland, wohl auch ,«'eiter 
0ftlich, vielfach auf dem Lande vor- 
kommt, alfo einen Zufammenhang des 
[tadtifchen mit dem landlichen l-laus- 
bau annehmen lil.t. Wird das Dach 
\- durch Ciiebelauffitze belebt, fo ftehen 
: die[e mit der Stockwerksarchitektur 
" in keinem niheren Zufammenhang. 
 lndes kommen einzelne ftattliche 
Fenfter vom Schlol3 zu Dresden"). Ciiebelhiufer vor. 
Zahlreich find Renaiffanceportale. 
Der Bogen wird gew6hnlich von einer Pilafter- oder Sulenidikula umgeben, ,«,elche 
von einem frei komponierten Auffatze bekr6nt ift. Wie die Formen der Frhzeit ira 
einzelnen feftgehalten werden, fo entwickelt fich auch die l<ompo[ition nicht orga- 
nifch weiter, fondern bleibt auf einer kindlichen Stufe ftehen Fig. 22), und reifere 
Kompofitionen, wie das fch6ne Doppelportal des Rathaufes zu Pegau, find felten. 
Neben den goti[chen Vorhangfert[tern treten frfihzeitig Fen[ter auf, welche 
in den Formen der Renaiffance gehalten find {Fig. 23). Charakteriftifch ffir die 
Schule i[t, daB bei den Fenfterverkleidungen die Profile nicht bis an das Ende 
der Fen[ter gefiJhrt werden, [ondern in etwa a]. der 1-16he totlaufen oder um- 
gebogen werden. 
An Siulen kommt felbftverftindlich neben der l<andelaberform auch die nor- 
male Porto des Schaftes vor. Verbreiteter als die Siule ift der ornamentierte Pilafter. 
Die Grtmdlage der Kapitellformen ift gew6hnlich das korinthifierende Voluten- 
kapitell der italienifchen Renaiffance in ziemlich unbeholfener Umbildung. Selten 
kommt es fiber die in der Frfihzeit auch anderwirts verbreitete Bildung der rollwerk- 
artigen, fchweren Voluten, die von rohen Akanthusblittern unterftfitzt werden, hinaus. 
) Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 5- 
3* 

' IllllllllllllllllllI"-' 

37. 
Finzelhciten. 



315 

Die Ciefimsprofile find fart ausnahmslos derb und fchwer[tillig. Bei voll- 
fttindigen Ciefimfen wird der untere Teil felten als Architrav gebildet, [ondern 
meift, tihnlich der Kranzleifte, aus Hohlkehle und Karnies zufammenge[etzL Fe[te 
H6henverhtiltniffe ffir die einzelnen Telle der Ciefimfe fehlen. 
lm Ornament finden [ich die ffir das lombardi[che Ornament in Art. 31 (S. 29) 
erwtihnten Merkmale gr6Btenteils wieder. Die Ausftihrung i[t begreiflicherwei[e 
verlchieden; doch hat fich im allgemeinen der Sinn ffir die richtige dekorative 
\Virkung der Forlnen lange lebendig erhalten, und Ornamente, welche in formaler 
Hin[icht nicht befriedigen, erfTeuen oft durch die glfickliche Behandlung des Reliefs. 
Um 156o nimmt die Renaiffance auch in diel'en Gegenden eine andere Richtung. 

38. 
berficht. 

6. Kapitel. 
Die deutfche Renaif[ance in Sfid- und Mitteldeutfchland. 
In weitem Ciebiete von den Alpen bis zum Harz gewinnt die Renaigance 
etwa von 153o an allgemeinere Verbreitung 
Die Str6mungen find mannigfach verfchieden; aber weder ihr Urfprung, noch 

ihr Verlauf laffen [ich vorltiufig klar 
erkennen, und das Ciemeinfame 
wiegt vor. Nur ausnahmsweie, z. B. 
in Nfirnberg, gewinnt der Stil ein 
ausgefprochen Iokales Cieprtige. 
Allenthalben entwickelt fich an- 
fcheinend felbfttindig eine ziemlich 
gleichartige Auffaffung der Formen 
von eigenartig deutfchem Charak- 
ter. Die Formgebung kommt tiber 
eine behagliche Derbheit nicht hin- 
aus. Um 155o ilt der Stil fertig. 
Sein dekoratives Wefen geltattete 
I, eine organi[che Entwickelung; die 
Formgebung blieb vielmehr durch 
Jahrzehnte ziemlich kontant. Ein 
genaueres Studium der Formen 
I/il;t zwar auch hier ein Fortfchrei- 
ten erkennen; doch bewegt fich 
diefes nicht in der Richtung reine- 
rer Durchbildung, [ondern in der- 
jenigen einer zunehmenden Ver- 
wilderung der Formen. Die dem 
Stil von Anbeginn an innewoh- 
nende Neigung zum Irrationalen 
tritt immer deutlicher zutage. 
Neben dem Steinbau ift der 
Holzbau in vielen Gegenden ver- 
breitet. 

Fig. -4. 

*" Nach: FItlTSCH, a. a.O. Marktbrunnen zu 



37 

fig. 

Briiftung von den Hallen des Hdler'fchen Haufes in der \VinklerftraBe zu Niirnberg"). 

Ffir Oberdeutfchland ift Nfirnberg der wichtigfte Ausgangspunkt der deutfchen 
Renaiffance; aber felbft hier, in der Stadt Albrcch[ Diircr's und Peler Vh'hcr's, 
kommt fie in der Architektur verhSltnismiBig fpit zum Durchbruch und wird bis 
in das XVII. Jahrhundert nicht frei von gotifchen Nachklngen. Die Anfinge 
liegen auf dem Oebiete der Ornamentik. Die von den Kleinmeiftern gegebenen 
Vorbilder fiben ihre \Virkung, und Renaiffancemotive dringen wie anderwirts in 
die fpitgotifche Ornamentik ein. Pc[er Fl[ncr, der bedeutendfte unter den l<lein- 
meiftern, war da und dort an der Ausffihrung baulicher Dekorationen, ja vielleicht 
auch in befchrnktem MaBe als Architekt tStig; der Hirfchvogelfaal zu Nfirnberg 
und der fch6ne Marktbrunnen zu Mainz von 1526 {Fig. _.4 :') dfirfen ihm zuge- 
fchrieben werden, in Nfirnberg tragen einige Tfelungen rein Oepr.ge; aber man 
hfite fich, ihm zu viel zuzuweifen und den Namen Fltner zu einem Oattungsbegriff 

Fig. 26. 

39- 
Hauferbau 
zu 
iXurnberg. 

Tucherhaus in der Hirfchelgaffe zu Nfirnbergb. 
o} Nach: BiD. Nfirnberger Motive. Nfirnberg *$94- 
a} Nach einer Photographie. 



38 

zu machen, wie Veit Stofl u.a. Auf dem Ciebiete der architektonichen Dekoration, 
auf dem fo viel laach Mufterbiichern und anderen Vorlagen gearbeitet wurde, final Zu- 
teilungen an bdtimmte Meifter noch chwieriger als auf denjenigen der anderen Kin[te. 
Einfache Fdtons ara n6rdlichen Erker des Pfarrhofes von St. Sebald mit dem 
Datum 1514 find die frfihefte Spur der Renaiffance an Niirnberger Bauten. Die 
Renaiffancefftilungen an den Brfiftungspfeilern des gotifchen Hallenhofes in der 
Winklergaffe Nr. 15 (Fig. 25 U) tragen das Datum 1510. Die erften Renaiffance- 
bauten find in den 3oer Jahren ent- 
ftanden: das Tucherhaus in der Fig. 27. 
Hir[chelga[fe und der Hir[chvogel- 
I)as Tttcherhaus {Fig.-6 ) fteht '- . 
der Ciotik zur Renaif[ance. Die fehr 
merkwfirdige Hoffa[fade mit ihrem 
eigenartigen Treppenturm und der 
kriftigen Siulengliederung der Ober- 
ge[chof[e erinnert an franz6fifche _ i. 
Içbergangsbauten, ohne daB ich ,ein 
fpezielles Vorbild zu nennen wfiBte. 
Der Erbauer Lorenz Tacher hatte lan- 
ge Zeit in Lyon gelebt; die Formen 
[ind {iberwiegend goti[ch. Sehr 
eigenti2mlich ift das Portai, deffen 
Bogen ira $cheitel durch eine toska- 
nil'che S/iule unterft/2tzt wird. Ira 
inneren i[t ira ErdgdchoB eine go- 
ti[che Halle. In den Tifelungen . 
i. ObergechoB. ira groBen Saale 
T/i.felung wahrfcheinlich von [Jeter 
haus, fart ganz in [einer Urfpr/.i,lg- _-'-""Ç'I] 
lichkeit erhalten, i[t eines der koft- 
barlten Denkmiler der deut[chell ErdgefchoB. ObergefchoB. 
Frtihrenaiffance; es trigt den vollen 
Orundriffe des Peilerhaufes zu Nïrnberg). 
Reiz einer aufkeimenden jugend- ,t¢.o. 
lichen Kunft. Die neuen Formen 
find in der inneren Aus[tattung mit fichtlicher Freude angewandt und mit feltener 
$orgfait durchgebiidet. Die Riume [ind behaglich, etwas eng, doch nicht drickend. 
Wenn am Tucherhaufe manches an die franz6[ifche Renai[fance gemahnt, fo 
ift ara benachbarten Hir[chvogelfaal --wenigftens am ufieren- die Vorbildlich- 
keit der italienichen Renaiffance nicht zu verkennen. Es i[t ein Oartenfaal, der 
534 an ein ilteres Ciebiude angebaut wurde. Der Bau hat eine ftrenge Stock- 
werksteilung und fchlieBt mit einem kriftigen Hauptgefim[e ab; KompoIition und 
-'1 Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. . 



39 

Formengebung weifen auf bolognefifche Studien hin. lch will hier die M6glich- 
keit, daB der Entwurf von Peter Klitner ift, nicht beftreiten. Die klare, anmutige 
Gliederung bat etwas fiberaus Anfprechendes. Weniger befriedifft das Innere; die 
Verhltniffe des Raumes find keine glficklichen und werden durch die Dekoration 
nicht gehoben. Diefe felbft aber ift ffir fich betrachtet von groBer Sch6nheit und 
fehr eigenartig. Eine behagliche, doch vornehme Gefamtwirkung ift dem Saal 
nicht abzufprechen. Die Formen find diejenigen einer frfihen, doch v611ig durch- 
gebildeten Renaiffance und frei von gotifchen Nachklngen; die Ausffihrung ift 
fehr forgfiltig und fch6n. Fli¢ner's Autorfchaft ift hier nicht zu bezweifeln. Die 

Fig. 28. 

beiden Renaiffancebauten in der Hirfchelgaffe 
feffeln unfer lntereffe durch ihre ausgefpro- 
chene kfinftlerifche Eigenart; ffir die Nfirn- 
berger Baukunft der Folgezeit find fie nicht 
typifch, und ftarke Einfltiffe find von ihnen 
kaum ausgegangen. 
Das Nfirnberger Bfirgerhaus hat reine 
typifche Form fchon im XV. Jahrhundert 
funden. Ein Flfigel an der StraBe und ein 
zweiter an der Rfickfeite des Hofes find in 
mehreren (3e[choffen durch Hallen an einer 
oder an beiden Langfeiten verbunden. Die 
Grundriffe des Pellerhaufes (Fig. -7") m6gen 
die Anlage veranfchaulichen. Selbftverftind- 
lich ift diefe (3rundriBform nicht die einzige; 
fie erleidet unter dem Zwang 6rtlicher Ver- 
hltniffe off tiefgreifende .nderungen, und 
bel befchrSnktem Raum fillt der Hof zuweilen 

ïl 

Dacherker zu Nfirnberg. I. 

ganz weg. 
In der formalen Ausgeftaltung wird die 
 (3otik wahrend der ganzen Epoche niemals 
 vollftndig fiberwunden; Netzgew61be, MaB- 
werksftillungen, goti[ierende Fenfterprofile 
und anderes kommen noch ira XVII. Jahr- 
hundert vor. 
s.r.,, Die AuBenarchitektur ift fart ausnahms- 
los fehr einfach. Die Faffaden haben im 
XVI. Jahrhundert keine Stockwerksteilung oder 
nur leichte (3efimsbander. Fenfter und Tfiren 

haben rfJckfpringende Profile. Sehr verbreitet ift eine Fenfterform, bei welcher die 
lotrechten Gewnde eine zylindrifche Rundung zeigen, an der die l<ehlen und 
Stabe des Segmentbogens fich totlaufen. ,hnlich werden die Portale behandelt. 
Die fpater beliebten Ch6rlein (Erker) find im XVI. Jahrhundert noch nicht hiufig. 
Oft hat die StraBenfront eine anfehnliche Breite, und in folchen Fllen liuft der 
Dachfirft der Faffade parallel. Die Dachfliche ift dann durch ftattliche und reich 
behandelte Dacherker belebt, an welchen, wie in den Hallenh6fen, die Formen 
des Steinbaues in anmutiger Weife auf den Holzbau fibertragen find (Fig. 28:'.). 
Bleiben die Stockwerke meiftens fehr einfach, [o entfaltet fich an den Giebeln 
gr6Berer Formenreichtum; doch auch fie bleiben maBvoll und lind frei von dem 

n) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. t. 



4 ° 

barocken Schwulft norddeutfcher Giebel. Erft ira XVII. ]ahrhundert tritt auch 
hier eine reichere und fchwerere Formbehandlung ein, [o ara Giebel des Peller- 
hauies oder ara ScheckenbachTchen Hau[e an der Kari[traBe. 
Die kfinftlerifche Bedeutung" der Nfirnberger Bfirgerhliuier in ihrer iiuBeren 
Erfcheinung beruht nicht in reicher, auch nicht in l'org'fliltiger Detailausbildung, 
fondern in dem [chlichten und reinen Einklang zwifchen Zweck und Form und 
in der meifterhaften Anpaffung des einzelnen Oebiudes an das gefamte StraBen- 

bild. Keine Stadt Deut[ch- 
lands kommt Nfirnberg in 
letzterer Hinficht gleich; 
Belege finden [ich allent- 
halben; es gentil, au ei- 
nige hinzuwei[en. Das Top- 
let-, jetzt Peteffenhaus ara 
Paniersplatz (Fig. 29 "') 
[chlieBt in mu[terhafter 
Wei[e den [pitzen Winkel 
ab, in dem zwei StraBen 
zu[ammentreffen. Ara ge- 
genfiberliegenden Hertels- 
bore, Panierplatz 9, ift na- 
mentlich die Oartenfront 
mit dem vortretenden Trep- 
penhaufe und den anfchlie- 
Benden breiten Fenftern 
von trefflicher Wirkung. 
Das hochragende Fembo- 
haus ara Aufgang zur Burg 
[cheint zwar ira einzelnen 
keineswegs mufterhaft, 
jedoch ebenfo wie das Haus 
Nr. 19 an der K6nigsftraBe 
an einer Stelle von impo- 
fanter Wirkung. Vielleicht 
die belte von allen ift die 
m.chtige Faffade des Her- 
degenhau[es an der Karo- 
linen[traBe {Fig. 3o:"), wel- 
che vor Erbauung der an- 
itol3enden Port die lange 

Fig. 

Toplerhaus am Paniersplatz zu Nfirnberg59. 

H.uferreihe weithin beherrfcht bat, von anfpruchslo[em Ernft und ungemein [ym- 
pati[ch. In der berO.hmten Faffade des Pellerhau[es ara ,gidienplatze von 16o5 
(Fig. 31 .-,«) i[t eine [trengere architektonil'che Gliederung durch Ruftikapilafter und 
Oefimfe angeftrebt, und wenn diefe der Kritik nicht in allen Stficken ftandh/ilt, fo 
ift doch ira ganzen eine bedeutende Wirkung erzielt. Der Bau fteht auf dem 
l['bergang zum Barock. 
Or6Berer Reichtum als an den Fa[[aden wird in den H6fen entwickelt. Die 
typifche Form des Nrnberger Hofes ift der Hallenhof, der [eine Ausbildung 

", Nach eher Photographie. 



41 

chon in der gotifchen Epoche gefunden hat. Der Hof des frflher hnhofflchen 
Haufes in der Tucher[traBe, wie der ch6ne Hof des l(raffffchen Haufes an der 
TherefienftraBe find noch durchaus gotifch. 
In den Renaiffanceh6fen ift das ErdgefchoB gew6hnlich in Steinbau ausgeffihrt; 
die Hallen der Oberge[choffe [ind dagegen in Holz, doch in den Formen des 
Steinbaues. Entweder reiner Siulen- und Architravbau, natfirlich nicht in der 
Strenge der Siulenordnungen, oder Pfeiler mit Segmentbogen und vorgeleen 
Halbfiulen, das lotiv des r6mifchen Theaterbaues in freier Umge[taltung. Die 

Fig. 30. 

Herdegenhaus zu Niirnberg). 

Brfiftungen bleiben durch die ganze Periode 
mit ]laB\x'erk geffi||t; nur bei einfacherer 
Ausffihrung treten leichte Balufter an reine 
Stelle. Durch verfchiedene Ab[tufung der 
Stockwerksh6hen wie des Reliefs der Siulen 
und Gefimfe, durch \Vechfel in der Stellung 
der Treppentftrme wird eine aulSerordent- 
lich reiche Variation des [rets wiederkeh- 
renden Cirundmotivs erzielt. Als ein Bei- 
[piel aus vielen mag der fch6ne Hof des 
Funk[chen Haufes an der Tucherftrae ge- 
nannt rein. Sehr felbftëmdig i[t das /lotiv 
variiert ira herrlichen Hofe des Pellerhaufes. 
Das Erdgefchol der Hhufer enthëdt 
\X,'irt[chafts- und Lagerrhume. \Vie f'r die 
Ffillungen in den Brfiftungen der Hofhallen 
das /laBwerk, fo ift for die gew¢51bten 
Rhume der Hhufer das NetzgewSlbe cha- 
rakteriftifch, t-lier wie dort werden die 
gotifchen Formen bis in das XVII. Jahr- 
hundert feftgehalten; noch [ind die Einfahrt 
und die fch6nen Rhume ira Erdgefchol; 
des Pellerhau[es von 16o5 mit Netz- 
gew61ben fiberw61bt. 
Die \Vohnrhume find in den Ober- 
ge[cho[fen, von welchen das ll. am reichften 
ausge[tattet i[t. \'on einem gerhumigen 
Vorplatz aus [ind die nach der StraBe ge- 
legenen Zimmer zughnglich. \V/nde und 
Decken der guten Zimmer waren gethfelt, 
und noch ift manch [ch6ne Thfelung er- 
halten. An Feinheit der Ausffihrung kommt 

kaum eines den fch6nen Arbeiten ira Tucherhau[e gleich. Oute Bei[piele bieten 
der Saal des Fembohaufes, die fch6ne Thfelung aus dem v. Bibra[chen Hau[e ira 
germanifchen /lufeum (Fig. 32-'), die vornehmen und reichen Zimmer des Peller- 
hau[es und der Saal des ]lerkel[chen Hau[es an der larlftrafie. 
Die Nfirnberger Patrizier hatten in der Nhhe der Stadt ihre Landfitze, 
Schl6Bchen oder Weiherhhufer, von Mauer und Oraben umgeben. Der Hauptbau 
ift fart ausnahmslos ein rechteckiges Haus, an dem zu feiten der Oiebel erkerartige 
Aufbauten aus der Dachflhche v9rtreten und den einfachen UmriB beleben. \'on 
den (35.rten, welche die HS.u[er ehemals umgaben, i[t keiner in [einer alten (3e[talt 



4 2 

40. 
HSuferbau 
Sch aben 
und 
Franken. 

erhalten. Mit den italienifchen Villen k6nnen die einiachen An|agen nicht ver- 
glichen werden; aber in ihrer anfpruchslofen Erfcheinung find fie nicht ohne kfin[t- 
lerifchen Reiz. In der niheren und weiteren Umgebung Nfirnbergs [ind zahlreiche 
folche Schl0Bchen erhalten. Ein hfibfches Bei[piel ift das in Lichtenhoi (Fig. 33). 
Die eben befchriebene Form des ftidtifchen Wohnhaufes ift nicht auf Nfirn- 
berg be[chrfinkt; fie findet [ich in ganz Deut[chland. In Rothenburg [ind das 

Fig. 3L 

Pellerhaus zu NrnbergS). 

QeiBelbrechtl'che und das Haffner[che Haus, in Ulm das Schadfche Haus gute 
Beifpiele des gleichen Typus. Nirgends aber werden die Formbehandlung der Frfih- 
zeit und felbft gotifche Motive fo konfequent feltgehalten wie in Nfirnberg; nirgends 
fonft in Sddeutl'chland hat fich ein fo beftimmter Lokalcharakter des Stils aus- 
gebildet als hier. Es hat deshalb auch kein allgemeineres hiftorifches lntereffe, 
den Privatbau anderer Stadte weiter zu verfo|gen, wenn er auch riel Sch6nes bietet; 
die Dar[tellung mBte doch auf eine Aufzihlung von Einzelheiten hinauslaufen. 



43 

In den kleineren franki[chen Stadten iinden fich zahlreiche Bauten des [pteren 
XVI. Jahrhunderts, oft reizvoll in ihrer Anlage, aber [elten for#/iltig durchgebildet. 
Zum beften zahlt die alte Refidenz der Bi[ch6ie von Ba'mberg von 59t (fiehe die 
Abbildung in I<ap. 3), bei welcher die (3ruppierung der verfchiedenen Bauk3rper 
eine be[onders glfickliche ift. Auch die Verteilung einfacher und reicher ge- 
[chmfickter Telle zeugt von ieinem kfinftleri[chen (3effihl und die Ausffihrung ift 
verhaltnismagig gut. Der Bau ift unvollendet geblieben. In Rothenburg kommen 
die Privatgebiude den 6ffentlichen nicht enffernt gleich. Die barocke Faffade des 
(3eil3elbrechffchen Haufes 0596) fit in Entwurf und Ausffihrung unfertig. Einige 
H6ie final malerifch, mehr dttrch Beleuchtulag und Farbe, als durch ihre Formen- 
behandlung. In /iarktbreit geben zwei an rien Ecken einer StraBe angebrachte 
Erker dem Stragenbild einen Anflug von lonumentalit/it, der leider bei n/iherer 
Betrachtung fchwindet. 
l:ig. 3 . 

Zimmer aus dem v. Bibra[chen Hau[e zu Niirnberg :,t) 

Mannigfache Stilrichtungen finden [ich in Thfiringen und in Heffen. lm C)ften 
des Ciebietes fit der EinfluB der fichfifchen Schule allenthalben wahrzunehmen. 
Cianz grol3e St/idte fehlen; /erfeburg, Halle und Erfurt im Nordoften, /arburg 
im Weften find die bedeutendften; aber fie reichen weder an die Hanfeftadte, 
noch an die groBen ffiddeutfchen Handelsplttze heran. Es fehlt an architekto- 
nifchen Aufnahmen, vor allem an Cirundriffen zut fachlichen Beurteilung des 
Privatbaues diefer Ciegenden. In l<ompofition und Durchbildung erhebt er fich 
[elten flber eine tfichtige MittelmiBigkeit. 
In Erfurt i[t der Front des Haufes zum roten Och[en (1562) ira I. Ober- 
geichoB flber einem dori[chen (3ebalke eine joni[che Pila[terordnung vorge[tellt; 
das 1I. ObergefchoB fit glatt; der groBe (3iebel des Zwerchhaufes ift fchon barock. 
Der Mangel allen (3eiflhles ffir das Organi[che in der Architektur zeigt fich l'elten 
klarer als an die[er in dekorativer Hinficht keineswegs unwirk[amen Faffade. 

41. 
Thfiringen 
und 
Heffen. 



t)Lrrheinifche 
StSdte; 
F. "faden- 
malerei. 

Beffer ift das Haus Nr. 13 am Fifchmarkt (1584). Das ErdgefchoB ift moderni[iert; 
die Obergefchoffe und der Ciiebel des Zwerchhaufes find mit Hermen- und Pila[têr- 
ordnungen gegliedert, weiche ein gutes Gefiihi fiir VerhNtniffe bekunden. Auch 
das Relief der Ciliederungen und Ornamente ift angemeffen behandeit. Das Haus 
zum Stockfifch (10o7) gehOrt mehr dem norddeutfchen Formenkreife an. Fin 
\Vohnhaus in der Herrengaffe zu Koburg, hohes ErdgefchoB und zwei niedrige 
Obergelchoffe, hat ein wohnliches Ausfehen; aber die Formen find kiobig. Un- 
bedeutend find auch einige \Vohngebiude in Saaifeld. 
In den weiten Ciebieten vom weftlichen Thtiringen und Heffen bis in das 
ftidliche Schwaben herrfcht der l-lolzbau vor; er[t ara Oberrhein finden wir 
xieder bedeutendere Steinbauten. In StraBburg hat fich aus der Frtihzeit kein 
bedeutender Bau erhalten; es wird auch wenig vorhanden gewefen rein:,:'). Kolmar 
befitzt einige intereffante Faffaden. Ara fog. Kopfhaufe erinnern die Fenfter mit 
Pilaftern und Ciefim[en, ebenfo wie der Volutengiebel, an norddeutfche Bauten. 

Eigenartig ift ein Haus am Johannisplatz, 
deffen Hof unten durch eine Mauer, in den 
beiden Obergefchoffen durch offerte Hailen 
gegen die StraBe abgelchloffen ilt. Oanz 
be[onders malerifch aber fit ein kleines Eck- 
haus mit Treppenturm und Erker, deffen 
oberftes OefchoB von einer auf weit vor- 
tretenden Krag[teinen ruhenden Oalerie 
umgeben i[t. 
An diefem Haufe waren die Mauer- 
flS.chen mit Malereien gefchmfickt. Diele 
Dekorationsweife war in ganz Stiddeutfch- 
land beliebt und namentlich am Oberrhein 
verbreitet. Dag fie ihren Ausgang von Ober- 
italien genommen hat, darf mit ziemlicher 
Sicherheit angenommen werden. Die [tililti- 
fchen Bedenken, weiche einer aufgemalten 
Scheinarchitektur, namentlich bel perfpekti- 

Fig. 33- 

SchloB zu Lichtenhof). 

ri[cher Behandlung, entgegen[tehen, kommen fiir die deuffche Renaif[ance nicht 
in Betracht. Die Erfcheinung einfacher Bauten wurde doch durch die Bemalung 
anmutig belebt und ge[teigert. Schon i-lolbein hatte in feinen genialen Ent\vrfen 
uniibertroffene Mufter gegeben. In Augsburg ent[tanden bereits 1515 die Fresken 
des l=uggerhofes, weiche neuerdings dem JOrg Breu zugefchrieben werden, und 
Burgkmair malte die Palfade der Ciewerbehalle in der St. AnnaftraBe. Die nahezu 
erlofchenen Fresken des \Veberhaufes follen von A4athias Kager in der t=rhzeit 
des XVII. Jahrhunderts gemalt rein, und noch ira [piteren XVII. ]ahrhundert 
waren gemalte Faf[aden in Augsburg nicht felten. Dem friihen XVI. Jahrhundert 
geh6ren die fehr befchidigten Malereien ara Rathaus in Ulm an, welche in der 
Architektur noch gotifche Motive zeigen. Die eigentliche Heim[titte der Faffaden- 
malerei fit aber der Oberrhein. Zum beften geh6rt die gemaite Architektur 
ara Rathaufe in Miihlhaufen von Chriftian Vackerfterffer aus Kolmar 0552). 
Stein a. Rb. weift mehrere hiibfche Faffaden auf, von welchen diejenige des 
Haufes zum weiBen Adler (Fig. 34 s") die bemerkenswertefte ift. In Schaffhaufen 
") Vergl. : 'r,'rs.,.., K. Zut C1eIchichte der deuffchen Renaiffance in aBburg. StraBburg 0o6. 
, Nach: L&MBERT & S'rA.HL, n. a. O. 



45 
hat Tobias Stimmer 57o das Haus zum Ritter in [ehr gefchickter Weife mit 
Malereien verfehen Auch in der Schweiz war die Faffadenmalerei verbreitet 
Die Renaiffance der Schweiz [teht zum Teile in nahem Zu[ammenhang mit 
Fig. 3-1. 

43. 
_¢ch' eiz. 

,I 

I 

o  

Haus zum weiBen Adler zu Stein a. Rh.«). 

der italienifchen; doch fit die Orundform der Hiu[er deutfch, und die kfin[t 
leri[che (3eftaltung geht vielfach ihre eigenen Wege. So hat ein fch6nes Haus 
in Sur[ee bei Luzern (Fig. 35 ":) eine durchaus 6rtliche Abt6nung von Motiven, 

") Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 7. 



46 

Sid6ftliches 
Deutfchland Italien ein hnliches wie in der 
..«-rir.I. Schweiz. Die Lauben, welche 
hier die MarktpD.tze vieler Stidte 
umgeben und fich oft noch in 
die benachbarten StraBen er- 
ftrecken, find ein anti\es Motiv, 
das dem Forum der r6mifchen 
l(olonien entftammt. Bei Regen 
wie beim heiBen Sonnenfchein 
zog fich der Verkehr vom freien 
Piatze in die Lauben zurfick. In 
groBartiger Ausbildung finden 
wir den von Hallen umgebenen 
Platz in einJgen italJenifchen 
St.dten, und wenn er auch nicht 
einzig Italien eignet, [ondern 
eben[o in Norddeutfchland, wie 
in Frankreich und Spanien vor- 
kommt, fo muB ieine weite Ver- 
breitung im Sfdoiten DeutIch- 
lands doch auf den nahen Zu- 
[ammenhang mit Italien zurfick- 
geffihrt werden. Er hat fich in 
diefen ŒEegenden bis in un[ere 
Tage erhalten. Die Lauben [ind 
kein der Renaif[ance allein an- 
geh6rendes .Motiv; gerade ira 
deutfchen Sfido[ten find fie gro- 
Benteils aus dem XIV. und XV. 
Jahrhundert. Dagegen hat fich 
das Aus[ehen der tiroler und der 
bayeri[chen Stdte ara lnn und 
an der Salzach in der [piteren 
Periode der Renaif[arce infofern 

welche anderwirts auch vorkommen. Sch6ne innenriume mit reicher Tifelung 
find in der Schweiz noch keineswegs [elten. Eine Reihe der beften bewahrt das 
fchweizer Landesmufeum. Unter ihnen fibertrifft das berfihmte Zimmer aus dem 
Seidenhofe in Zfirich alle anderen an Reichtum der Kompofition und Sorgfalt 
der Ausffihrung; aber die herzerfreuende Anmut mancher einfacher Arbeiten der 
frfiheren Zeit ift ihm nicht mehr eigen. 
Auch in Bayern, in Ofterreich und namentlich in Tirol fit das Verhiltnis zu 

Fig. 35. 

Haus zu Surfee bel Luzerne«). 

gendert, als, meift ira XVll. Jahrhundert, an Stelle der hohen Giebel die wag- 
rechten Abfchlfiffe der Fa[iaden getreten fird. Auch die[es Motiv und der Weg, 
auf dem es in Bayern Eingang und Ausbreitung findet, wei[en auf Italien. Aller- 
dings find die Blendmauern, welche die Dachgiebel maskieren, nur ein kfimmer- 
licher Erfatz der mSchtigen Gefimfe italieni[cher Hufer. 
Mfiffen wir in der ffidoftdeutfchen Bauweife des [piteren XVI. und des XVII. 
Jahrhunderts die abgefchwichten Auslufer der italieni[chen Renaif[arce erkennen, 
fo hat doch in den bayerifchen Stamlnlanden die Renaiffance nicht von Sfiden 



47 

her Eingang gefunden. Die Hallen ira Hofe der Refidenz zu Freifing (1519) und 
diejenigen ara Bi[chofshof zu Regensburg geh6ren der deut[chen Frhrenai[fance 
an. Die[e Anfinge hatten keine gedeihliche Entwickelung. Ein blfihendes Stidte- 
wefen, wie andere Teile Deut[chlands, hat Bayern nicht gekannt, und nur die Sitze 
der bayerifchen Herz6ge und die Bifchofs[gidte erfreuten fich einer gewiffen Wohl- 
fahrt. Aber die Ffirften wie die Bifch6fe wandten fich bald der italienifchen und 
der italienifch-niederlndifchen Ktm[trichtung zu. Ira weiten Gebiete vom Lech 
bis zur Salzach ift kein Werk der deut[chen Renaiffance, das ffir die allgemeine 
Bauge[chichte von Belang wire. Auch in O[terreich fehlt ein entwickeltes Stidte- 
wefen. In Wien [ind ein Torweg der Hofburg und ein Hallenhof ara Graben 
die einzigen bemerkenswerten Refte der deutfchen Renaiffance. Das gemalte Haus 

Fig. 36. 
. '.-  . .- ¢ :' 
.  • ,',.- -i 

Hof des Schloffes zu KampannS). 

in Eggenburg von 547 i[t durch ieine 
Sgraffitozeichnungen bemerkenswert. Zahl- 
reicher als die ftii, dti[chen Bauten fcheinen 
die Schl6ffer des Adels zu rein. lïinige 
der bedeutendften [ind auf S. 65 erw/ihnt. 
Wie in Bayern wird die deutfche Richtung 
der Renaiffance frfih durch die italieni[che 
verdringt. 
Reicher und eigenartiger enffaltet fich 
die Renairrance in Tirol. Die tiroler Renair- 
lance nimmt eine Mittelftellung zwifchen 
der oberitalieni[chen und deuffchen ein, ift 
aber ihrem We[en nach deut[ch. OroBe 
Aufgaben wurden ihr nicht geftellt, und fie 
fit nicht monumental, aber reich an reizen- 
den kleinen Motiven und feiner Zfige voll. 
Die Anlage des Stadthaufes weift viel- 
fach auf Italien; das Motiv des Hallenhofes 
als Mittelpunkt, um den fich die R/iume 
des Hau[es gruppieren, ift ein altitalifches; 
es findet fich in vielen gr6Beren Bfirger- 
h/iu[ern an der BrennerrtraBe. Auch fir 
Schl6f[er ift es beliebt. In drei Ge[chof[en 
ift es zierlich durchgebildet ira Hofe des 

Schloffes Kampann bei Kaltem (Fig. 36'). lft der Raum zur Anlage eines offenen 
Hofes zu be[chrii, nkt, [o wird wenigftens ein hoher Mittelraum angebracht, der 
durch die [og. Dachhaube rein Licht erhilt. Bozen fit reich an [olchen H/iufern. 
Auch das Motiv der Lauben an den Erdgefclao[[en ift verbreitet, und den 
oberen AbfchluB der Faf[aden bildet nicht [elten ein in einer groBen Hohlkehle 
weit vorfpringendes, [chattendes Ge[im[e. Deut[ch aber i[t die Vorliebe ffir Erker. 
Sie find gew6hnlich polygon, mii, Big ausge[choffen und gehen durch alle Ober- 
ge[choffe. Ein charakteriftifches Beifpiel aus Brixen ift das Fig. 37-") abgebildete Haus. 
lin Vint[chgau und ira Et[chtal [fidlich von Bozen kommen als weitere ita- 
lienifche Motive die Freitreppen am ,uBeren der H/iufer und offene Hallen an 
Stelle der Erker hinzu. 
Die Formengebung ira einzelnen operiel-t zwar ebenfalls mit italienifchen 
Motiven, ge[taltet fie aber in freier Weife. Das Ent[cheidende fit die Ciefimsbildung 

B Nach einer Photographie. 



45. 
Stidtifches 
Bauwefen. 

48 

Das dreiteilige (iefimfe der antiken Ordnungen, das in Italien allenthalben 
gewandt ift, kommt in Tirol kaum vor, und datait ilt ein fundamentaler Unter- 
fchied in der (iefamterfcheinung der Faffaden gegeben. 
Die Ausftattung der Innenr/iume mit T/ifelungen und Decken in l-lolz folgt 
durchaus der deutlchen Art. Das untengenannte Ortwein'[che Werk':')gibt eine 
reiche Auswahl diefer fch6nen Arbeiten. Malerifche lnnenrS.ume bat das SchloB 
Tratzberg; das befte find wohl die Arbeiten in Velthurns aus der Spitzeit des 
X\T Jahrhunderts (1577-86). 
Bel der lebhaften Teilnahme der Bfirger am 6ffentlichen Leben konnte es 
nicht fehlen, dag auch dem [tS, dtifchen Bauwefen ein [orgfiltiges Augenmerk ge- 
widmet wurde. Seine admini[trative Organifa- 
tion lit mehr ein Oegenftand der Kultur- als der Fig. 37- 
Kunftgefchichte, frit welche fie nur von fehr 
mittelbarer Bedeutung ift. Einige kurze Bemer- 
kungen, bel welchen ich den Ausffihrungen 
A, Inmmcnhoff's «'') folge, m6gen hier genfigen. 
Seit dem Anfang des XIV. Jahrhunderts 
ftanden in Niirnberg und wohl auch in anderen 
Reichs[t5,dten einige Mitglieder des kleinen Rates 
dem Bauwefen vor. lhre Aufgabe be[tand in 
der Kontrolle- und Rechnungsfhrung ber die 
Ausfhrung ft5,dtifcher Bauten. Etwa I oo Jahre 
[pater bat die Stadt nur noch einen Baumeifter. 
Noch war er ein Deputierter des Rates. lin 
Laufe des XV. Jahrhunderts wird er ein befol- 
deter Beamter, bleibt aber zugleich Mitglied des 
Rates. Seine Aufgabe lernen wir aus den Bau- 
inei[terbiichern des Lutz St«inlinger (1452« 
und des Endres Ttlchcr (1464-75'') kennen. 
Sie be[tand in der Aufficht iiber die beftehenden 
6Ifentlichen Bauten, in der Kontrolle ber die 
Il 
AusIfihrung der ft5,dtifchen Neubauten in ihrem 
ganzen Umfang, in der Leitung des Feuerl6fch- 
wefens und in der Vertretung des Amtes vor 
dem Rat. Haus zu Brixen). 
Techni[cher Leiter des Bauamtes ift der 
Anfchicker auf der Peunt; unter ihm arbeiten zwei, feit Anfang des XVII. Jahr- 
hunderts drei Stadt- und Werkmeifter, zwei Steinmet.zmeifter und ein Zimmer- 
mei[ter. Der An[chicker und die unter ihm ftehenden Meifter entwerfen die 
Bauten und ffihren fie aus; nur zu den Befeftigungsbauten werden zuweilen fremde 
lngenieure herangezogen. 
Die Nrnberger Verh/iltniffe find typifch auch fr andere St/idte. Auch das 
Privatbauwefen untefliegt frhzeitig obrigkeitlichen Anordnungen. Die iiltefte 
Bauordnung, von der ich Içunde habe, erlieB Ludwig der Baier nach dem Brande 
der Stadt Mnchen 397; fie mag ziemlich unvollkommen gewefen rein; aber die- 
 Nach: Deutlche Renaiffance, Bd. 9- 
'¢'1 Siehe: Mt'NNIIHOr, E. Das Rathaus in Nfirnberg uf,. Niirnberg 892. S. 59 ff. 
çt} Siche: Mitt. d. Ver. f. Ctefchirhte der Stadt Niirnberg, Heft lI» S. 5 ff- 
"-1 Siehe: Publ. d. literax. Ver. in Stuttgart, Bd. 154. 



49 

jenige vom Jahre 137o, wie auch die im Ulmifchen roten Buch enthaltenen Bau- 
ordnungen aus dem XV. Jahrhundert geben [chon ins einzelne gehende Vorfchriften. 
Den er[ten Rang unter den ft.dtifchen, 6ffentlichen Bauten nehmen die Rat- 
h.ufer ein. Ihre Zahl ift groB. Cierade das XVI. Jahrhundert fit auBerordentlich 
reich an Rathaus-Neubauten. Noch waren die Anforderungen einfach; das Erd- 
gefchoB enthielt gew6hnlich eine gr6Bere Halle, Brotlauben oder andere Verkaufs- 
gew61be und einige untergeordnete R.ume. Das oder die Oberge[choffe enthielten 
den groBen Saal, die Sitzungszimmer ffir den kleinen und den groBen Rat, einige 
Fig. 3 8 . 
I 

Rathaus zu Rothenburg o. d. T.«). 
$chreibftuben und die R.ume ffir die Rechtspflege. Zuweilen beftanden neben 
den Rathufern noch befondere ft/dtifche Kanzleigeb.ude. Bel der L0fung des 
Programms wird der Repr.fentation, xenigftens in den groBen und reichen 
St/dten, ein breiter Raum zugeftanden. Der Saal mit feinen VorpD.tzen und Zu- 
g/ngen dominiert. Die weiten Hallen im Erdge[choB dienten zeitweilig auch als 
Lagerr.ume, und die ger/umigen Vorhallen vor den S.len und Kanzleien hatten 
doch auch den pralçtifchen Zweck,/hnlich der Salle des pas perdus der franz0fi[chen 
Ju[tizgeb/ude, den wartenden Parteien zum Aufenthaltsort zu dienen. 
) Nach einer Photo'aphie. 
Handbuch der Architektur. 1I. 7. (. Aufl.) 4 



5o 

Das Rat,haus zu Schweinfurt enthielt fart nur Hallen und Sile, ihnlich das 
Palladianifch-akademifche Rathaus zu Augsburg; dagegen ift die Zahl der Amts- 
ftuben im Rathaufe zu Nfirnberg fchon eine recht anfehnliche. 
Auch ira Aufbau der Rathiufer zeigt /ich das Be[treben, rien Sitz des Stadt- 
regilnents itattlich und fch6n, in erntter und wfirdiger Weife zu geftalten. Sehen 
wir von den gro(en Prachtbauten in Nfirnberg, Augsburg und Strafburg ab, 
welche einer anderen Stilrichtung angeh6ren, fo fteht das Rathaus zu Rothen- 
bur o. d. T. (feit 157---, von dem N/.irnberger/XeifterJ. IVol.lO unter den ifiddeuttchen 
Rath/iu[ern obenan. Einem gotichen Flfigel mit hohem, chlankem Turm, der im 
i-lauptge[choB den grog, en Saal und einige Nebenriume enthilt, ift der Neubau in fart 

Fig. 39- 

Rathaus zu SchweinfurtO). 
gleicher (3r61e vorgelegt. Beide zuhmmen bilden eine michtige (3ruppe (Fig. 38). 
lin einzelnen bleibt manches ungel6[t; aber welche unbefangene Kraft [pricht [ich 
nicht nur in der Ge[amtanlage, iondern auch in vielen Einzelheiten, in der gro- 
en Freitreppe, in den Abme[ungen und in der Formenbehandlung der Vorhalle, 
in der naiven Einordnung des Treppenturmes, in der (3ruppierung der Fenfter u. a. 
aus. Die Formen der Vorhalle und des fidlichen Potals verraten eine nihere Kennt- 
nis der italienifchen Renaif[ance, als wir fie [on[t bel den deutfchen Mei[tern finden. 
Dem Rothenburger Rathaus ebenbfirtig, wenn auch von kleineren Abme[fungen 
i[t dasjenige zu Schweinfurt (Fig. 39«-), 157o von Nikolaus Hofmann aus Halle 
erbaut. Der Bau erfreut durch reine kr/ftig klare Gruppierung und rien hohen 
Ern[t ieiner Verhiltni[[e, in welchen er den mei[ten Werken der deutfchen Renaif- 



51 

lance iiberlegen ift Der Erbauer hat wohl das Rathaus zu Altenburg gekannt, 
das 1569-64 nach Entwiirfen von Nikolaus Oromann erbaut wurde. An diel'em 
Bau IFig. 4o«), der in l'einen Einzelheiten mit der [ich[i[chen Schule Verwandt- 
l'chaft hat, i[t zu bewundern, mit welch einfachen Mitteln die grol3e Maffe belebt 
und gegliedert il't. Ira Aufbau des Turmes [ind vielleicht Erinnerungen an den 
Treppenturm des Schlol'[es Hartenfels bei Torgau wahrzunehmen. 
Das Rathaus in Heilbronn iit nach einem Brande (1535) wohl in lang[amer 
AusIiahrung erbaut. Der einIachen Faffade ift eine von joni[chen Arkaden getragene 
Rampe vorgelegt, zu der von 
Fig. 40. beiden Seiten Treppen hinan- 
hren. Vor der Mitre des 
II. Oberge[chol'fes, das Dach- 
, gel'ims hoch berragend, [ind 
 die Zifferblitter einer a[trono- 
'- mi[chen Uhr in zierlicher Siu- 
/.,, len- und Pila[terarchitektur 
angebracht. Dem Ende des 
' 1 Jahrhunderts geh6ren der zu- 
rckliegende Fl/.igel des Rat- 
i:..ll - i haufes und das an[tofiende 
_. ft/idti[che Syndikalgebiude an. 
 _ ,, Auch an die[en find die 
¢--_-i ¢/, '--- Fenfterprofile noch goti[ch; 
.----  ... nur an den [ch6nen Giebeln 
----- entfaltet fich ein gr6Berer 
 Formenreichtum. lm Ciegen- 
latze der reich gegliederten 
Ciiebel zu den einfach ge- 
l haltenen Faf[aden [ind die[e 
Bauten be[onders charakte- 
 ri[ff[che Bei[piele der ent- 
• •    I wickelten f/.iddeut[chen Renai[- 
lance. In Baden geh6rt das 
kleine Rathaus zu Ciernsbach 
(von 1617) trotz [einer ba- 
rocken Detailbildung nach 
_ dem Cieifte der Kompo[ition 
---= - noch der guten Renai[fance an. 
Am Rathaus (Kanzleigeb/iude) 
Rathaus zu Altenburg«). 
zu Kon[tanz erfreut der Hof 
mit offenen Hallen und Re[ten der Malerei, wie wenige Werke der deuffchen 
Reniffance. Vom intimen Reiz die[es Hofes gibt Fig. 41 «) nur eine unzureichende 
Vor[tellung. 
Das Rathaus zu Luzern, am abfallenden Uferrand der Reul3 gelegen, erhebt 
[ich ber einer offenen Halle. Das !. Oberge[choB ift oben Erdge[chol3. Die 
Kompo[ition i[t klar, die Formgebung ungemein [orgf/iltig. Die Wirkung beruht 
we[entlich auf der guten Abitufung der Stockwerksh6hen. 
Q Nach: FRTSCl-I, a. a. o. 
• t) Nach einoE Photographie. 



4» Ffir die Beurteilung der fonftigen 6ffentlichen Bauten, deren ich nur wenige 
Sonftige 6fient- 
,che s,te., aus eigener An[chauung kenne, ift es befonders miBlich, dag far gar keine 
CirundriBaufnahmen ver6ffentlicht find. Cierade hier wre die K.enntnis der 
Cirundriffe von Wichtigkeit, um fiber die Cirundfrage, die Anforderungen, welchen 
die[e Bauten in riumlicher Beziehung zu genfigen hatten, ins klare zu kommen. 
4s. An kfinftlerifcher Bedeutung ftehen die Ciebiude ffir den h6heren Unterricht 
Oebude fur 
den h6heren voran. Es find nicht nur [tidtifche Anftalten, fondern zum Telle auch frftliche 
Unterridat. Sti[tungen. 
Fr die Anlage der Univerfit/iten bleibt die enge Beziehung, in der fie zur 
Kirche ftanden, von beftimmendem EinfluB. Es wire n/i.her zu unterfuchen, welche 
Beziehungen zwifchen den Univerfititen der Renaiiiance und den Jefuitenkollegien 

be[tehen und wie fich beide 
aus der mittelalterlichen Klo- 
fteranlage entwickelt haben. 
Bei der Universirait Wfirzburg 
(Fig. 42ça), einer Stiflung des 
Ffirftbifchofs.]ul&s Ecltter von 
espelbrunn, fallen die Ana- 
logien fofort auf. Die Cieb.ude 
umgeben einen nahezu quad- 
raffchen Hof. An der Sidfeite 
des l-lofes liegt die Kirche. Die 
Univerfitt mit ihren [tattlichen 
Gingen und hohen Stock- 
werken muBte einen bedeu- 
tenden Eindruck machen, und 
noch jetzt imponiert fie durch 
ihre ernfte CirOBe. Die For- 
men ara kul3eren [ind die- 
jenigen der Renaif[ance. Die 
Ru[tika-Arkaden des Hofes 
ftehen fchon auf dem lber- 
gang zum Barock. Auf die 
Kirche komme ich in Kap.   
zurfick. Die Univerfit/it zu 
Wrzburg ift 582 begonnen; 

Fig. 4 l. 

l 

Hof des Rathaufes zu Kon[tanz«). 

der Plan ift von A. Kal, die Ausf6hruug von W. Beringer aus Freiburg i. Br. 
Eine thnliche Formengebung, wie an den Arkaden des Univerfittshofes, 
finden wir an der Renaiffancefront des Rathaufes (Fig. 43«œ). Die ehemalige 
Univerfittt zu AItdorf lit unbedeutend. 
Unter den Ciymna[ien ift dasjenige zu Ansbach (563) das bedeutend[te. 
Die vier Flgel gruppieren fich um einen einfachen Hallenhof. Der f6dliche 
grenzt an die St.-Ciumpertuskirche. Die innere Einteilung ift nicht mehr die ur- 
[prngliche, weil der Bau jet.zt zu Cierichtszwecken umgeftaltet i[t. Dagegen hat 
da )kuBere noch reine ur[prngliche Cieftalt beibehalten. Das Erdge[chol3 ift von 
den beiden Oberge[choffen durch ein kraftiges Cie[imfe ge[chieden und dadurch 
eine fehr be[timmte Ciliederung der H6he erzielt, lin 6brigen find die Fl_chen 
) Freundlichl't mitge[eilt vom Univerl'itSts-Bauinl'pektor Herrn v. Plorfti E. 
«) Nach: FRITSCI-I, a. a. O. 



53 

durch eine Quaderung in Putz und durch Sgraffittofriefe belebt. Barocke Zwerch- 
hiiufer treten aus den Dachfliichen vor und bekr6nen das Oebiiude, das mit der 
anftoBenden Oumpertuskirche eine bedeutende Oruppe bildet. 
Das Oymnafium in Rothenburg "fchlielJt fich in l(ompofition und Form- 
behandlung dem dortigen Rathaufe nahe an. Dasjenige zu Koburg (Fig. 44), 
eine Stiftung des Herzogs Johann Cafimir, de[[en Standbild die Ecke [chmfickt, 
Fig. 42. 

Univerfit/it zu \Vfirzburgl. 

erbaut z6o5, erfreut durch die gute Verteilung der Fenfter und Elauerflichen. 
Ciiebel und Zwerchhiu[er [ind mit Pilaftern, Voluten und Obelisken geziert. Ein 
einfach wfirdiges Ciebiude. 
Spitiler waren fchon ira Mittelalter in grol3er Zahl vorhanden; nament- 
lich das XIV. Jahrhundert weift viele Stiflungen auf. Unter denjenigen der 
Renaiffanceperiode ift das Juliusfpital in \Vfirzburg das groflartigfte. Die Cie- 
biude wurden indes fchon gegen Ende des XVII. und ira Laufe des XVIII. 

49- 
Spitler 



54 

Iauen 
fier 
Handel und 
Vcrkehr. 

P, et'e|tigungs- 
[,au. 

Jahrhunderts erneuert, fo daB vom Stiftungsbau nichts mehr erhalten ift. Das 
Spiral zu Rothenburg ift ein groBer einfacher Bau, [tattlich, ohne pr.tenfion. 
Bauten ffir Handel und Verkehr fehlten in den l-landelsl't.dten Oberdeut[ch- 
lands [chon ira [piteren Mittelalter nicht. In Schongau ara Lech be[tand von 
142o an ein Ballen- oder Lagerhaus, worin die zwifchen Italien und Augsburg 
hin- und hergehenden (3tirer gegen Entgeld niedergelegt wurden. Das (3ebiude 
war zugleich Wa- und t(ornhaus. In NOrdlingen ift das Paradies ein alter Holz- 
bau aus dem X1V. Jahrhundert, der ffir MeBzwecke, namenflich iir den Handel 
mil Pelzwerk, be[timmt war und noch jetzt 
in Gebrauch fit. Das Kornhaus in Nfirn- Fig. 43- 
berg, ein [tattlicher Ipitgotifcher Bau ift 
1498 errichtet; es enth/ilt ira Erdgefchol3 
eine grol3e Verkaufshalle, in den Ober- 
ge[cho[l'en Speicherriume. Das Gebiude 
lit in den letzten Jahren umgebaut vorden. 
Die[e aus der Be[timrnung des Oeb/iudes 
und aus der Art, wie der Handel mit den 
landwirtfchaftlichen Produkten bis in unfere 
Tage betrieben wurde, hervorgegangene 
Anordnung finden wir auch bei den Korn- 
hiu[ern des XVI. und XVII. Jahrhunderts. 
Die bedeutend[ten find wohl dasjenige zu 
Ulm, 1591-94 von Geog Buchmiiller 
erbaut, und dasjenige in der Stadt Steyr in 
ç)ber6[terreich {von 1612). Es [ind einfach 
tichtige Oebiude; die wenigen dekorafiven 
Zutaten find Putzquaderungen und Sgraffiti. 
Das Schlachthaus in Nfirnberg, ein Bau des 
ausgehenden XV1. Jahrhunderts, bat in 
[einem Erdge[choB eine grolle Halle in 
Holzkon[trukfion; reine kinftlerifche Be- 
deutung il't nicht gro[k 
lçber Zunfth/iu[er und Oe[chlechter- 
l'tuben kann ich nach eigenen Beobach- 
tungen nicht berichten. Es lïnd wohl nur 
xvenige unver/indert geblieben. Das Cileiche 
gilt von den alten Oa[th6fen. Bel den von Rathaus zu Wirzburg«). 
den unferigen [ehr verfchiedenen Verkehrs- 
verh/iltniffen waren die Anforderungen an Fremdenzimmer weit geringer als jetzt; 
dagegen muBten ger/iumige H6fe, St/ille und Schuppen zum Unterl'tellen von Wagen 
vorhanden [ein. Solche Anlagen [ind in kleineren St/idten noch zu fehen; aber 
ich kenne keine von kfin[tleri[cher Bedeulung. Das ganze Oebiet geh6rt mehr 
der Kultur-, als der Architekturge[chichte an. 
Noch waren ira XVI. und XVll. Jahrhundert aile Stdte befe[figt, und die 
gr6Beren hatten ihre Zeugh/iu[er. Auch diel'es Oebiel ber/]hrt die Architektur- 
ge[chichte nur teilxvei[e. 
Die Befe[tigung des [piteren Mittelalters be[tand aus Mauer und Oraben; bei 
h6heren An[priichen xvurde zxvi[chen beiden noch der Zwinger einge[choben. Die 
Seitenbeftreichung" gefchah von den halbrund oder eckig vorfpringenden Mauer- 



55 

tfirmen aus. Ffir die Stadttore war noch die Form des Torturmes mit Vorhof 
und Zugbrficke fiblich, neben denen aber fchon frfih die Form der Torburg vor- 
kommt, bel der der Torweg durch ein gr61eres Vorwerk (Barbakane) und inner- 
halb der[elben nicht durch den Turm felbft, [ondern neben ihm in die Stadt ffihrt. 
Letzterer Art Iïnd die Nfirnberger Torburgen. Die auern mit ihren Tfirmen und 
die hohen Torburgen des ittelalters find off von m/ichtiger architektonifcher 

Fig. 44- 

I 

Oymnal'ium zu Koburg«7). 

Wirkung. Als aber ira Laufe des XVI. Jahrhunderts die Artillerie fyftematifch 
ausgebildet wurde, trat an Stelle der alten hlauern und Barbakanen das Syftem 
der niedrigen Baftionen und Kurtinen mit ihren lïrdw/illen. Architektoni[ch 
bemerkenswerte Gefamtbefeftigungen aus der Zeit der Renaiffance Iïnd deshalb 
kaum vorhanden; wohl aber entffanden noch bedeutende Einzelwerke. 
Die Befel'tigung der Stadt Niirnberg erhielt mit den nach Plfinen Oeorg 
Unger's 1554--68 erbauten vier Tortiirmen ihren AbfchluB. Die Tiirme [tehen 
in der StraBenach[e und der "I'orweg ffihrt durch den feitwfirts angebauten 



53- 
Schl6ffer 
im 
allgemeinen. 

Vorhof. Die vier berfihmten Tfirme des Laufer-, Frauen-, Spittler- und Neuen 
Tores [ind keine vollftfindigen Neubauten des XVI. Jahrhunderts, fondern Um- 
mantelungen der /ilteren viereckigen Tfirme. Man mag fie mfichtigen S/iulen ver- 
gleichen. In ihrer Rundung ganz in [ich abgefchloffen, |iigen fie fich doch dem 
Oelamtbild der Nfirnberger Torburgen, deren ja leider keine ganz unverndert 
geblieben ift, glficklich ein. lhre merkwfirdig individualifierte Form hat fie [chon 
bald nach ihrer Erbauung zu Wahrzeichen der Stadt gemacht; auf den An[ichten 
und Pro[pekten der Stadt vom lpteren XVI. Jahrhundert an nehmen fie eine be- 
herr[chende Stellung ein, und in der Tat iprechen iie, wenn nicht ira ganzen 
Stadtbild, [o doch in einzelnen [einer Teile beftimmend mit. 
In N6rdlingen lïnd die [chlanken Rundtfirme des Deininger und L6plïnger 
Tores, wenn auch weit entfernt von der GroBartigkeit der Nfirnberger 3-firme, 
doch ausgezeichnet durch gute Verhiltniffe und angemeflene Profilierung, und 
das Reimlinger Tor mit Wehrplatte und Schutzdach i[t wenig[tens von maleri[cher 
Wirkung. Die N6rdlinger Tortfirme Iïnd gegen das Ende des XVI. Jahrhunderts 
von (ïideon Bachot erbaut. Der gegen die W6hr, einen kleinen See, vorge- 
[chobene Pulverturm des Schloffes Burghaufen fibertrifft an derber /Viaf[igkeit die 
Nfirnberger Tortfirme, wird aber durch das gewaltige Bollwerk des iunod in 
Schaffhaulen noch weit in Schatten geftellL 
Unter den ftidtifchen Zeughiufern ,`var das Nfirnberger wohl das gr6Bte. 
Am lïingang fteht ein kleines Verwaltungsgebiude mit dicken Ecktfirmen; weiter- 
hin befinden Iïch H6fe und groBe Magazine. Die [ehr ausgedehnte Anlage 
bietet nur ira Ver-,valtungsgebiude und ira zierlichen Treppentflrmchen der einen 
Halle einiges kfin[tleri[che lnteref[e. Das Zeughaus in Schaffhau[en i[t 1617 von 
Johann Jakob A/lo'cr erbaut. An dem ltattlichen Gebfiude fillt die Verxvendung 
von Formen und lotiven der Frfihrenaiffance auf. Das Zeughaus in Koburg ilt 
ein einfach derber Bau des beginnenden XVII. Jahrhunderts. Die fch6ne Valfade 
des Augsburger Zeughau[es geh6rt einem anderen Krei[e an. 
Die h6ch[ten Aufgaben ftellt der deutfchen Baukunft des XVI. und XVII. Jahr- 
hunderts doch das Ffir[tentum mit feinen SchloBbauten. 
Das SchloB der Renaiffance entwickelt fich aus dem Befeftigungsbau. Die 
mittelalterliche Burg i[t durchaus Wehrbau. l:ortifikatorifche Rfickfichten be[timmen 
die Wahl des Platzes und die[er die (3e[talt der Burg. Auf Bequemlichkeit der 
Anlage als Wohnplatz und auf kfin[tleri[che Aus[tattung wurde nur geringe Rfick- 
ficht genommen, und im allgemeinen waren die Burgen nach un[eren Begriffen 
von \Vohnlichkeit ¢Sde und unbehaglich, lïinzelne glinzende Ausnahmen k¢Snnen 
diefen allgemeinen Eindruck nicht entkriften. Von der auf hohem Bergrflcker 
oder in einem Weiher gelegenen Burg i[t die Stadtburg zu unterfcheiden. Sie 
bat lchon im littelalter zuweilen hohen An[prfichen an \Vohnlichkeit, ja an 
Prachtentfaltung zu genfigen. Wie das Kapitol der r6mi[chen St/idte i[t fie ein 
Teil der Stadtbefe[tigung. Sie i[t nicht nur nach auBen, [ondern auch nach Seite 
der Stadt abgefchloffen und verteidigungsfihig, nicht nur wo fie hochgelegen die 
Stadt fiberragt, wie in Nfirnberg oder Burghaulen an der Salzach, fondern auch 
wo fie nicht h¢Sher liegt als die Stadt, ,,vie in /Vifinchen oder in Stuttgart. Als 
Herrfcher[itz von Ffir[ten oder Bi[ch¢Sfen wird fie fchon im XV. Jahrhundert reicher 
ausge[tattet als die ifolierte Ritterburg. Die Albrechtsburg zu /VieiBen, das SchloB 
zu lngol[tadt u. a. find glnzende Beifpiele; ihre groBen gew,51bten Riume machen 
noch heute einen [tattlichen Eindruck. 
Der l]bergang von der Bu.rg zum SchloB kflndigt fich im XV. Jahrhundert 



57 

an; im XVI. ift er im vollen FluB; aber noch in der erften H/ilfte des XVII. Jahr- 
hunderts ift er nicht v611ig zum AbfchluB gekommen, und nur wenige Schl6ffer 
find ganz frei von Nachklingen des Wehrbaues. Dies ift einerfeits darin be- 
griindet, daB die Schl6ffer felten als vollft/indige Neubauten ausgefiihrt wurden 
fondern meiftens Erweiterungen und Umbauten ilterer Burgen find, andererfeits 
darin, daB der franz6fifche Schlol3bau, der ffir den deutfchen mehr oder minder 
vorbildlich wurde, reine I-lerkunft aus der Burg auch im XVI. Jahrhundert noch 
deutlich erkennen lil3t. Die iuBere und innere Burg ift zur Baffe cour und zur 
Cour d'honneur umgeftaltet; eine regelmiBige Anlage ift vorherrfchend, ohne dal3 
in allen Fillen ftrenge Symmetrie angeftrebt wire. Ecktfirme und Lukarnen halten 
wenigftens den bewefften Umri der alten Burgen fe[t. Bei kleineren Schl6ffern 
begnfiffte man fich mit einem Hofe, um welchen fich an drei oder vier Seiten 
die Oebiude gruppieren. Die Ecken werden gegen auBen durch fiberh6hte 
Rifalite oder durch Tfirme ausgezeichnet. Das lotiv des einheitlichen Hallenhofes, 
das im italienifchen Palaftbau fo verbreitet ift, findet fich in Frankreich felten. 
l=ehlt der Raum zu einem inneren Hofe, fo ift doch felbft bei kleineren Bauten 

Fig. 45- 

Orundrif} des Schloffes zu Baden«). 

die Oruppierung des Bauk6rpers durch vier kriftige Eckrifalite beliebt. In der 
Faf[adengeftaltung ift die Oliederung durch Pilafterordnungen vorherrfchend. Das 
Ornament ift rein und zierlich, nicht felten etwas fcharf. In der Frfihzeit ift der 
Zufammenhang mit der Schule der Certofa nicht zu verkennen. 
Diefe Orundzfige des franz6fifchen SchloBbaues begegnen uns auch ira 
deutfchen. Doch w/ire n/iher zu unterfuchen, wie weit eine felbftindige Ent- 
wickelung, durch ihnliche Bedfirfniffe bedingt, hnlichkeiten der Anlage herbei- 
ffihrte. Auch in Deutfchland verringern fich ira XVI. Jahrhundert die An- 
forderungen an die Wehrhaftigkeit. Die Verteidigungsf.higkeit des Stadt[ch|o[[es 
gegen die Stadt wird gemindert oder ganz aufgegeben, und die lndlichen 
Herren[itze werden nicht ausfchlieBlich auf H6hen, fondern auch in der Ebene 
erbaut. Ein narrer Oraben wird zum Schutze des Haufes fiir ausreichend er- 
achtet; da und dort fehlt auch diefer, ,«,ie ara alten von |ï/ilhehn V. erbauten 
Schloffe zu SchleiBheim. 
Bei Neuanlagen wird ffir die Oefamtan|age eine regelm/iBige Orundform 
angeftrebt. Die Oeb/iude umgeben einen rechteckigen Hof. 

.s) Aus: LOl}<E, W. Ocfchichte der dcutichen Renaiffance. Stuttgart 187"-73. 



58 

Auch der regelmiBigen Anlage des Orundriffes ira einzelnen wird gr6Bere 
Sorgfalt zugewandt als ira Mittelalter. Die mittelalterliche Burg war ein ur- 
wohnlicher Bau; der Verkehr innerhalb des Hau[es bewegte [ich ganz durch die 
Zimmer. Nun wurden Onge angelegt. In dem 1569 von Kafpar Idnhart aus 
Benediktbeuern begomenen SchloB zu Baden (Fig. 45 «) ffihrt ein Oang durch 
die ganze Inge des Oebiudes. Zu feinen beiden Seiten [ind die Zimmer 
geordnet, und fait jedes bat '[einen eigenen Eingang. Umgeben die Cebiude 

Fig. 46. 

Grundril3 des alten Schloffes zu Stuttgart«). 

einen Hallenhof, fo vertreten die offenen Hallen die Stelle der (3inge; fo ira 
SchloB zu Stuttgart (Fig. 46«'). In Oberbayern, in (fterreich und Tirol ift die 
Oruppierung der (3ebiude um einen rechteckigen Hallenhof die normale Form 
des lndlichen Herrenfitzes. 
Aber eine allgemeine Aufnahme finden die (3inge noch keineswegs, und 
namentlich bei ffirftlichen Schl6ffern fcheint die Aufnahme der fpanifchen Etikette 
der allgemeinen Durchffihrung des Sy[tems ira Wege geftanden zu haben. Der 
Zugang zu den (3em/ichern der Ffirften muBte durch mehrere mit Trabanten be- 

'' Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. 37. 



X 

III, 



54- 
Or8flere Sle. 

[etzte Vorzimmer fihren. lntereffante Auffchlfiffe gibt Philipp t-lainhofes ver- 
trauliche Relation von 1611 
Die Anforderungen an die Zahl und Cir6Be der Wohngemicher der Ffirft- 
lichkeiten waren noch mBige; aber fir das zahlreiche Hofper[onal und das Cie- 
finde waren viele und groBe Riume n6tig. Auch die Zahl der Oaftzimmer war 
eine erhebliche. Die h0chften Anorderungen ftellte die Reprifentation. Aul3er 
den Audienzzimmern mit ihren Vorzimmern enthielt fart jedes SchloB einen ftatt- 
lichen Fe[tIaal. Des weiteren iIt die SchloBkapelle ein we[entlicher BeItandteil 
der gr0Beren Schl6ffer. Ciew0hnlich ift fie ira Hauptbau angeordnet, felten ein 
felbftindiges Ciebude. Schon vor der .ite des XVI. Jahrhunderts findet von Italien 
aus die Treppe mit geraden Luen Aufnahme; aber die verbreitetfte Form der 
Treppe bleibt das ganze XVI. Jahrhundert hindurch die Wendeltreppe. 
Fir die Verteilung der Riume au die einzelnen Ciefchoffe beftehen zwar 
keine v011ig feItftehenden Regeln; doch gilt als Norm, dal3 ira ErdgefchoB Amts- 
und \'('irt[chaftsriume, im I. ObergefchoB die Wohn- und Reprifentationsriume, 
im oberften Stockwerk die Riume frit die Dienerfchaft untergebracht find. 
Die innere Ausftattung der Rume war reich und glnzend; von ail diefer 
Pracht hat fich aber wenig erhalten. Vorhallen und Cinge, fowie die Siulen- 
hallen waren meift gexv01bt; die iblichen Formen der Ciew01be find das Netz- 
gew01be und das gratige Kreuzgew01be; letzteres erft vom fpiteren XVI. Jahr- 
hundert an. Die Aus[tattung der Wohnrume unterIcheidet fich nicht grundItzlich 
von derjenigen der bfirgerlichen Stuben. Tfelung von Winden und Decken ift 
die verbreiteflte Art der kfinltlerifchen Ausgeftaltung; daneben kommen Stukkie- 
rung, Ciobelins und Wandmalerei vor. 
Der Frihzeit geh6ren die einfach Ich0nen Riume ira 11. ObergeIchoB der 
Trausnitz bel Landshut (um 1535) mit zierlicher Tfelung, maBvollen Kaffettendecken 
und fch0nen fen an. lberreich, fchon etwas barock lit die Tifelung und Decke 
des Herrenzimmers in der Fefte Koburg; ihre Sch0nheit beruht mehr ira einzelnen 
als in der Ciefamtwirkung. Mehr als in Deutfchland ift in Tirol erhalten. Ich 
uenne nochmal» die Schl6Ifer Tratzberg, Velthurns bei Brixen, Ambras u. a. 
Das h0ch[te, was die architektonifche Dekoration der deut[chen Renai[[ance 
verlnochte, hat fie in den groBen Prachtflen der firftlichen Sch16ffer geleiftet. 
Die Verhiltniffe diefer Sile find uns fremd geworden; fie [ind lang und niedrig; 
die Lnge ift gew6hnlich etwa das dreifache der Breite und die[e ftets erheblich, 
etxva um die Hlfte, gr6Ber als die H6he. Im fpaniIchen Saal des Schlo[fes Ara- 
bras in Tirol ift der Stil der Holzdecke deutfch, derjenige der Wnde mit Stukkie- 
rung, Cirotesken und den lebensgroBen Bildniffen habsburgiIcher Ffirften italienifch. 
Der grol3e Saal des hohenlohifchen Schloffes Weikersheim (um 16o5) i[t mit 
Malerei und Jagdtrophen gefchmfickt; das Ornament ift fchon fehr barock und 
der Ciefamteindruck phanta[tifch. Von h0chft gediegener Pracht fit der Saal des 
ffirItlich FiritenbergiIchen SchloIIes Heiligenberg (von 1584, Fig. 47;1). Die etwas 
barocken Formen weifen auf niederlindifchen Einflul3. 
In den SchloBkapellen hier man vielfach an gotifchen Formen feft, die fich 
im Kirchenbau der Renaif[ance bis in das XVII. Jahrhundert erhie|ten. Die Schlo[5- 
kapelle in Stuttgart hat ein gotifches Netzgew01be, und noch die Kapelle des 
Friedrichsbaues zu Heidelberg, wie diejenige des Schloffes zu Afchaffenburg aus 
der Frfihzeit des XVII. Jahrhunderts find gotifch. 

:o) Siehe: Zeiffchr. d. hift. Ver. [. Schraben u. Neuburg, Bd. 8, S. 66ff. 
:) Nach einer Photographie. 



61 

Nur enige von den groBen Schl6ffern find im XVI. und XVII. ]ahrhundert 
ganz heu erbaut; meiftens erden nur einzelne Teile heu aufgeffihrt; oft handelt 
es [ich blo[ um Umbauten von Beftehendem. In letzterer Hinficht ift ohl nirgends 
h6heres erreicht worden als ira herrlichen Schlol3hofe zu erfeburg. Der [tattliche 
gotifche Bau ift vom Bifchof Thilo on Troha in den ]ahren 148o-89 errichtet 
und umgibt auf drei Seiten den groBen Hof, der fich an die Nordfeite des Domes 
an[chlieBt. Von 1605 an wurde das SchloB unter Herzog Oeorg von SachjC 
durch den Baumeifter A4elchior Brunner umgeftaltet. Die Formen diefes Umbaues 
find diejenigen einer entwickelten, dem Barock zuneigênden Renaiffance, krS.ftig, 
doch nicht fchwfilftig und von vortrefflicher Ausffihrung. Was heu hinzugekommen 
i[t, i[t gar nicht [ehr viel, und doch bat das Ganze den Charakter der fpiten 
Renaiffance. Hier ift ira alten, wie ira neuen nichts Kleinliches; die einfach recht- 
eckige Anlage wird durch die hohen Giebel der Zwerchhiufer, Erker, Portale und 
den Treppenturm (Wendelftein) fch6n belebt; fehr glficklich ift der fch6ne Erker an- 
gebracht, der die Symmetrie der langen Front unterbricht, ohne fie ganz aufzuheben. 
Jetzt erh6hen Efeu und wilder \Vein noch den malerifchen Eindruck des l-lofes. 
Unter den Bauten, welche ganz der Renaiffance angeh6ren, zihlen die von Otto 
l-leinrich erbauten Teile des Schloffes zu Neuburg an der Donau und rein Jagdfchlol; 
Gri.inau zu den frfiheften, lch habe das SchloB Neuburg vor einer Reihe von Jahren 
gefehen und vermag ira einzelnen nicht anzugeben, wieviel von den ausgedehnten 
und ftattlichen Bauten der Frfihzeit angeh6rt. An den iltelten Teilen treten Reuai[- 
fanceformen in fehr unreifer Auffaffung neben diejenigen der Spitgotik; nur diê 
Dekoration des Gew61bes fiber dêm Torweg (von 1545) ift in reinen und fch6nen 
Renaiffanceformen wohl von italienifchen Stukkatoren ausgeffihrt. 
Etwa gleichzêitig ift das von Herzog Ulrich erbaute SchloB zu Tfibingen. 
Ira fpiteren XVI. Jahrhundert wurde es mehrfach umgeftaltet und erweitert. An 
dem SchloB, das ich nicht gefehen habe, [cheint der Feftungscharakter vorzu- 
wiegen; es ift noch wefentlich gotifch; die Renaiffanceformen an Vorhallen und 
anderen Stellen find nur fchmfickende Zutaten von unfertiger Formgebung. Das 
Portal zum inneren SchloBhof :) geh6rt wohl auch der Zeit Ulrich's an und fit 
1579 nur erneuert worden; dagegen ift das iul3ere Portal :-) mit feinem barocken 
Auffatz wie der gefamte breite Torbau erft um 161o entftanden. 
Das Alte SchloB zu Stuttgart (fiehe Fig. 46, S. 58), eine Anlage des XV. Jahr- 
hunderts, wurde von 1553 an gro[enteils heu gebaut; als Baumeifter wird Aberlin 
Tretfch genannt. \'on den ilteren Bauten blieb nur der 6[tliche Flfigel beftehen. 
Das ..uBere bat noch ein v611ig burgartiges Ausfehen; ganz fchlicht, wirkt es nur 
durch reine gewaltige, einfach gegliederte /Iaffe. lin Hofe find drei Seiten mit 
Siulenhallen umgeben. Dem Motiv laffen fich immer neue Reize abgewinnen, 
und es ift ftets feiner Wirkung ficher. Hier wird durch die Unterbrechung der 
oberften Halle fiber der Mitre der Sfidfeite und die Aufbauten zu feiten der 
Unterbrechung eine befonders pikante Wirkung erzielt. /lan halte fich auch hier 
an die Gefamter[cheinung; denn ira einzelnen bleibt manches unfertig. Von der 
ehemals fehr glhnzenden inneren Ausftattung find noch einige Portale und die 
vor mehreren Jahren wieder., hergeftellte SchloBkapellê erhalten. Das reiche Netz- 
gew61be ift noch gotifch. Uber die ehemalige Ausftattung und den Garten ver- 
gleiche man das unten genannte Werk:«). Zu den Nebengebhuden des Schloffes 

t) Siehe: FRIrSC., a. a. O., Bd. IV, Taf. 270. 
r) Siehe ebendaf., Taf. 269. 
 L01II, a. a. O., Bd. 1, S. 358. 

55- 
Wichligfle 
Denkrnhler. 



III 



63 

geh6rte auch das Lufthaus, 1575-9o von Oeorg Beer erbaut, 1846 abgebrochen. 
Es i[t mil31ich, ein nicht mehr beftehendes Oebude zu beurteilen. Hier mul der 
Verfuch gemacht werden; denn kaum irgend fonft ift ira engeren Stilgebiete der 
deutchen Renaiffance des XVI. Jahrhunderts ein Oebude von ihnlicher Bedeu- 
tung enfftanden, in welchem der Kiinftler fo rein reine ldeale verwirklichen konnte, 
wie ira Lufthaufe. Nicht dem tiglichen Oebrauche war der Bau beftimmt, fon- 
dern nur zur Erholung und zu gr6Beren 

Fig. 49. 

Feftlichkeiten bei Hofe. Auch in ihm, wie 
in den meiften Werken der deuffchen 

Renaiffance, ilt die Beftimmung in der 
inneren und uBeren Erlcheinung treffend 
zum Ausdruck gebracht. Die deuffche 
Renaiffance hat bedeutendere Werke her- 

-.. vorgebracht, aber keines, das ein heitereres, 
feftlicheres (ieprge trfige als diefer eigen- 
artige Bau. Und mit welch einfachen 
Motiven wird diefer Ausdruck erreicht! 

Haus zu Utrecht;}. 

reizend gewefen rein, doch etwas fchwer; 
dagegen war der groBe Saal ohne Zweifel 
von grogartiger Wirkung. Vor allem ilt 
das H/3henverhaltnis ein freieres als bei 
den meilten anderen groBen Slen. 
Der Hauptbau des Schloffes zu Baden 
i[t nach 559 von Kafpar Weinhart aus 
Benediktbeuern erbaut. Er fteht durch 
Bogenhallen mit einem lteren Teile des 
Schloffes in Verbindung. Die untere Halle 
bat weite Bogen6ffnungen auf dorifchen 
Saulen; in der oberen Halle kommen je 

zwei Bogen auf einen der unteren; die Siulen find jonifch. Die Formen, krMtig 
und von feltener Sch6nheit der Zeichnung, laffen das Studium von Serlio's 
Bfichern von der Architektur erkennen. Befonders reizend i[t der kleine Kuppel- 
bau an der Oartenterraffe, der die Treppe zum Zwinger fiberdeckt. 
Weiter nord6ftlich i[t die Plal[enburg bei Kulmbach, ein SchloB der Mark- 
grafen von Brandenburg-Bayreuth, zu nennen. Nachdem fie 1.552 gefchleift 

;) Nach: FRITSCfl, a. a. O. 
;t).Nach : Exztzcx, a. a. 0., Abt. XX, BI. 



64 

worden war, wurde fie unter N1arkgraI Oeorg Friedrich zwi[chen t559 und t569 
neu aufgebaut. Als Baumeifter wird Kafpar Vif cher genannt; Aberlin Tretfch und 
Blafius Berwart follen auch beteiligt rein. Die Plaffenburg war vor allem eine 
ftarke Feftung und fit als olche auch nach der teilweifen Schleifung durch 
die Bayern 18o8 noch impofant, l,(fintlerifche Bedeutung hat der Hof. Seine 
\Virkung beruht auf dem Gegenfatze, in welchem die oberen, reich dekorierten 
Hallen zum fchlichten ErdgefchoB gebracht find. In diefem Gegenfatze ift auch 
die Teilung der H6he eine anprechende, wahrend die Verhiiltniffe der Hallen 
[ich genommen gering find. In naiver \Veffe ind Fig. 50. 
alle Flichen der Obergefchoffe mit ornamentalen 
Reliefs und h'edaillons flberreich gefchmihckt. 
Die Gegenflberftellung einfacher und reich be- 
handelter Teile, durch welche die deutfchen Re- 
naiffancemei[ter [o gro,e Wirkungen erreichen, 
ift hier in glficklicher, ja in bedeutender Weife 
durchgeffihrt, odaB wir die Schwichen, welche 
der l<ompofition unleugbar anhaften, gern fiber- =ffi- 
[ehen. 
Ira /leiningi[chen Schloffe Heldburg ift der _ 
neue (franz6fifche) Bau 56o-64 von Nikolaus 
Oromann erbaut. Der zweige[choffige Bau, durch 
Erker belebt, ift nicht bedeutend; nur die von 
unten auf[teigenden Erker haben eine reiche, 
etwas trockene ornamentale Aus[tattung. lhre 
Pilafterordnungen und die flachen Oiebel weifen 
auf italienifche oder franz6fifche Vorbilder. Der  _ _ -'-,,  ' 
herzogliche Baumeifter Oromann ift aus der fich- 
fifchen Schule hervorgegangen und hatte 1543--45 
am SchloB zu Torgau gearbeitet. Hier [uchte er 
[ich von der Schule freizumachen. \Velche (3rfinde 
ihn dazu be[timmten, wiffen wir nicht; ich weiB 
auch nicht anzugeben, welche Stilrichtung die := n I_____-- 
vielen Bauten Oromann's verfolgen, die Orfchel r ; _ .. 
in [einer unten genannten Schrift:') namhaft 
macht. Im Rathaus zu Altenburg, das er ent- 
Obergefchoffe eines Haufes 
warf, aber nicht [elbft ausffihrte, fteht er wieder zu DordrechtT:). 
innerhalb der Schule. 
Der bayerifche Hof begfinftigte [eit Wilhelm V. die italieni[che und die 
italieni[ch-niederlndi[che Kunft. Von ilteren Bauten in /lfinchen ei der unter 
Albrecht V. erbaute Hof des /ar[tallgebiudes, jetzt glfinze, erwihnt, ein Hallen- 
hof von gedrfickten Verhiltni[fen und lchweren Einzelformen, erbaut vom Ho|- 
baumeifter Heinrich Egkel 563--67. \'on den Schl6ffern des bayerichen Adels 
ift wenig erhalten, das befte im SchloB Ortenburg; die Decke reines Saales ift eine 
der fch6n[ten in ganz Deut[chland. Was nach dem dreifSigjahrigen Kriege ent- 
[tanden fit -- Weiherh5u[er mit Ecktfirmen und Hallenh6fen, wie die Schl6ffer 
Hohenkammer, TfiBling, Schwindegg u. a. -- ift zum Teile ganz hfibfch, aber nicht 
bedeutend und von einfacher l=ormgebung. Der tiroler SchloBh0fe ift fchon in 

) Nach: E,ERBECi, a. IL O. 
1 Nach: OoeSCt-tL, J. Nikolaus Oromann und der Ausbau der Ferre Heldburg ufv. Meiningen 89. 



65 

Art. 44, S. 47 gedacht. In Ofterreich find der ftattliche, reich ausgeftattete Hof 
des Schloffes Schalaburg, das wehrhafte SchloB Michel[ttten mit fch6nem Hallen- 
hof und die Burg Schleinitz bel Eggenburg zu nennen. In Schalaburg ilt das Ein- 
zelne der Kompofition zum Teile etwas wunderlich; die Ornamente aber find von 
groBer Sch6nheit. 

7. Kapitel. 
Die Renaiffance in den Niederlanden. 
Die nachfolgenden Ausffihrungen k6nnen kaum Anfpruch auf h6here felb- 
[tti.ndige Bedeutung erheben, lch habe einen Teil der Niederlande vor Jahren 

Fig. 51. 

Il! 

Haus der Schiitzengilde zu An'erpen o). 
Handbuch der Archiektur. Il. 7- . Aufl.) 

flfichtig bereilt und meine Aufmerkfamkeit 
fiberwiegend den kirchlichen Denkmilern zu- 
gewandt. Von den Profanbauten habe ich nur 
allgemeine, allerdings ziemlich beftimmte Ein- 
drficke bewahrt. Was ich hier zu bieten ver- 
mag, grfindet lïch auf die fchon mehrfach an- 
geffihrten Werke von Ewerbeck und Vfendyck, 
[owie auf die untengenannte Arbeit von 
Galland:), die fich leider auf Holland be- 
fchrinkt. Gegenfiber dem Beftreben Galland's, 
die verfchiedenen Richtungen innerhalb der 
hollindifchen Renaiffance zu fcheiden, muB in 
einer zufammenfaffenden Darftellung mehr das 
der ganzen niederl/indifchen Renaiffance Ge- 
mein[ame hervorgehoben werden. 
Der Profanbau der Niederlande hat in 
den 6ffentlichen Geb/iuden des XIV. und 
XV. Jahrhunderts eine HShe erreicht, die er 
[piter nicht mehr flberboten hat. Aber auch 
in der Periode der Renaiflance bleiben die 
6ffentlichen Geb/iude die wichtigften Monu- 
mente, die Monumente, in ,«-elchen die Ten- 
denzen der niederl.ndifchen Renaillance ara 
klarften zum Ausdruck kommen. Den ftidti- 
fchen Wohnhiufern kommt eine hnliche 
Bedeutung wie in Oberdeut[chland nicht zu. 
Das bfirgerliche Wohnhaus der Niederlande, 
deffen fchmale, tiefe Grundform der archi- 
tektonifchen Entfaltung weder im lnneren, 
noch an der Faffade gfinftig war, hat reine 
typifche Ge[talt [chon ira Mittelalter gefunden. 
Die Renaiffance indert zuweilen das iuSere 
Gewand, off auch diefes nicht merklich, und 
neben den nach Ordnungen gegliederten Fal- 

») Nach: GAI.I.AND, (. Gefchichte der hollS.ndifchen Bau- 
kunft und Bildnerei ira Zeitalter der Renaiffance ufw. Berlin 
oo} Nach: YSESDVC, a. a. O. 
5 

56. 
Vorbemerkung. 

57- 
AIIgemeines. 



66 

58. 
Hduferbau. 

laden kommen noch im XVII. Jahrhundert iolche mit goti[chen Kompo[itions- 
motiven vor. 
Schon in Kap. i habe ich daÆauf hingewie[en, daB auch in der niedeÆ- 
l/indiIchen Frfihrenaiffance die Aufnahme von dekorativen Motiven der Renaif- 
lance keinen Bruch mit den fiberkommenen Kompo[itionsprinzipien bedeutet und 
dal3 die antiken Ordnungen nur in dekorativem Sinne auf die pa[[adengliederung 
angewendet werden. Dies indert ich 
auch in der Folge nicht vollItS.ndig; ein Fig. 52. 
Fortfchritt zu ftrengerer Auffall'ung ift  
gleichwohl nicht zu verkennen. Er mag 
datait zulammenhngen, daB die Theore- 
tiker der Baukunft frfihzeitig FinfluB auf 
die Praxis gewannen. Schon 1539 be- 
arbeitete Pieter Koek tan Aelft den 
Vitrm,, und wenig piter ûberetzte er 
die Architektur des Sebaffian Serlio. lhm 
|olgte um die Mitre des Jahrhunderts 
Hans Vredemann de Vries, ein reiches ' 
und wohlgdchultes Talent, dem leider 
die Cirazie fehlte, mit feinen zahlreichen 
Vorlagewerken und einer Bearbeitung 
des Vitnw, anderer Architektur[chrift- 
lteller und Mufterzeichner nicht zu ge- 
denken. Eine Architektur, die ihren 
Motivenvorrat groBenteils aus Vorlage- --__ 
werken lch6pft, muB notwendig eklek- -- 
tilch werden; aber trotz Serlio und 
Vitruv blieb die niederlndifche Renaif- 
lance national, l=iir die gormgebung 
ira einzelnen macht fich der Umftand, 
dal; die Formen nicht aus den Be- 
dingungen des Materials entwickelt, 
[ondern mit dem Oriffel auf Papier ent- 
worIen find, nachteilig gellend. Sie  
tragen die Art ihrer Erfindung nur zu 
o*t zur Schau. 
\Vie in allen nordiIchen LSndern, @_._= ,--_ --. --- 
war auch in den Niederlanden das Holz ,-'a. -. 
das urfprfingliche Baumaterial. Reiner 
• -. ,-- -----' ' -- ï--'2___l_ 
Holzbau kommt im XVI. Jahrhundert Haus zu Utrecht'}. 
kaum mehr vor; aber Fachwerkbauten {Oiebcl nach alten Zeichnungen erggnzt) 
mit Holzverkleidung finden Iich da und 
dort. Rein niederlindi[ch lit eine \Vohnhausiorm, bei welcher das Erdge[chog 
und ein niedriges Zwifchenge[chog in Holzbau, die mei[t auf Konfolen aus- 
gekragten ObergeIchoffe in ma[[ivem Steinbau ausge|iihrt final. Bei[piele aus 
Zalt Bommel IÏnd im Ew«rbeck'[chen Werke se) zu finden. Der CJrund fiir diefc 
felt[ame Konitruktion ift wohl der, dag es auf diefe Wei[e m6glich ward, dem 
• -1 Nach: Ewgnsc, a. a. O. - Der Cfiebel ift nach aller Zcichnungen erggnzt. 
:1 Abt. 7 u. 8, BI. 2. 



67 

ErdgdchoB auch in engen StraBen ausreichendes Licht zuzuhren. Die gleiche 
Form kommt auch in Stein ausgeifihrt vor. Ein Haus in der Voorltraat zu Ut- 
recht (von 1619; Fig. 49:6) ift ein gutes Beifpiel die[es Typus, der niemals monu- 
mental wirken kann. 
Doch [elbft bei einer Ausifihrung in Stein mufite dem typi[chen nieder- 
lindi[chen Wohnhaufe feiner [chmalen und tieien Grundform wegen nicht nur 
eine monumentale, [ondern auch eine einiach [tattliche Wirkung verfagt bleiben. 
Die ichmalen Dreiienfterfronten [chloffen eine 5teigerung ins (3roBe, eine Wirkung 
durch F1/ichen durchweg aus; der Reiz kann nur in der anmutigen Durchbildung 
kleiner Motive liegen. 
Fig. 53. 

h 

• I 

Oerichtsgebiude zu Furnesç+). 

Eine beliebte Gliederung der Wohnhausfaf[aden, ihrem We[en nach gotifch, 
[ind die Blendbogen fiber den rechteckigen Fenftern. Sie find entweder in die 
/Vlauerfliche eingetieft, wie an der alten Lateinfchule zu NymwegenS), oder vor 
die[elbe vorgekragt. Die letztere Form ift die verbreitetfte. Sie findet fich in 
zahlreichen Beifpielen in Delft und Dordrecht (Fig 5o). Die Sttzen der Bogen 
find oit reizvoll im Sinne der Frïlhrenaiffance behandelt. Die[e goti[ierenden 
Faffaden find gew6hnlich mit einem einfachen Treppengiebel bekr6nt. Das 
Material ift Backftein oder Back[tein mit Hauftein gemi[cht. Die Mifchung des 
Materials fit ffir die Niederlande charakteriftifch; fie erm6glicht eine reiche, 

') Siehe: YSEND¥O<, a. a. O-, Portes, PI. 6. 
"+) Nach ebcndaf. 



59. 
/kufbau 
3ach 

08 

plaiti[che Oliederung und krftige Farben,,virkungen, i[t aber nicht ielten einer 
ruhigen Oe[amthaltung abtr/ig|ich. 
DaB auch die Siu|enordnungen [chon in der Frfihzeit auf die [chmalen 
Faffaden Anwendung fanden, i[t bereits erwhnt. 
Das l-iaus zum grol3en Sa|m in Mecheln (iiehe Fig. 3, S. ï) fit eines der 
[riihe[ten Beifpiele. Eine ihnliche freie Anwendung der Ordnungen finden wir 

Fig. 54. 

Rathaus zu Bolsward). 

ara Haufe der Tuchmacher auf dem groBen Platze in Anterpen ') und an einem 
kleinen Haufe in Oudenarde«). An diel'en drei Beifpielen finden fich Blend- 
bogen ber den Fen[tern. Noch freier find die Ordnungen -- Halb[iulen und 
Hermen -- an dem merkwrdigen Haufe der Schfitzengilde zu Antwerpen 
) Siehe: YSENDVCI(, a. a. O. Pl. 5. 
,«) Siehe: EwREC, a. a. 0., Abt. I\ u. X, BI. 24. 
":) Nach ebenda/, 



69 

(Fig. 51 ") behandelt; die Ableitung aus dem Holzbau it hier nicht zu verkennen. 
Der Spitzeit des Stils (1644) geh6rt das Haus der Gerber- und Schuffergilde in 
Antwerpen an; eine krMtige Wirkung ift nicht ohne Erfolg angeffrebt. Aber 
bel der geringen Breite die[er Fa[fade und unter den ira voraus durch die 
Achfenteilungen und die Stockwerksh6hen beftimmten Verhiltniffen konnte eine 
monumentale, ja auch nur eine wahrhaft freie Behandlung der Ordnungen nie- 
mais durchgefflhrt werden. Anl/iufer in dierer Richtung zeigt ein reizendes 
Wohnhaus in Utrecht 

Fig. 55- 

(Fig. 52s), das etwa 
um die Mitte desXVl. 
Jahrhundertserbaut ift. 
Weit h6her ftehen 
viele 6ffentliche Bau- 
ten, auf welche das 
gleiche Syffem ange- 
wendet ift. Ein hb- 
fches BeiIpiel war der 
Mittelbau des Rat- 
haufes zu Utrecht, 
1545-47 von ll"ilhelm 
van Noorts erbaut ; 
er lit nur in Zeich- 
nungen erhalten 
Die Faiiade, 
Ach[en breit, baute 
fich in drei Pilafter- 
ordnungen auf. In 
den ornamentierten 
F1/J.chen der Friefe 

_.,...,_   ,- _ tet die Schmuckfreu- 
] [ll {-- I  l  '  I I [ { digkeit der Fl'fihrena- 
 l  I  -- -- -- I-1--= '  i[fance; aber die Pro- 
- -, ---  poionen find unfrei 
  W   : -- gegengereten Fehler 
  - , - 7 ' " 4  leidetdas Sy[tem eines 
dam, das Oalland'") 
St. Johannisfpital zu Hoorn'*} miëeilt. Dfinne Pila- 
[ter find fibermBig 
weit geffellt, und die architektonifche Oliederung im Verein mit einigen wagrechten 
HauReinbndern, welche die Flchen ohne Rfickficht auf die Ordnungen durch- 
le,en, bildet gewil[ermaBen ein Fachwerk, de[[en Zwi[chenrume mit Back[tein 
ausgemaue find. Wenn auch in anderer Wei[e, wie das Haus der Schfioeengilde 
in Anerpen, gemahnt auch die[er Bau an die Holzarchitektur. Das Rathaus zu 

s*} Siehe: EWE8ECg, a. a. O., Abt. XXl u. XXII, BI. 9. 
o) A. a. O., S. 66. 
) Nach: IïWFBEC, a. a. O. 

ffentliche 
Bauten. 



70 

Delft:") hat keine durchgehenden Ge[im[e fiber den einzelnen Pila[tem der beiden 
Ordnungen. Noch ganz [p/it 0612-28) wurde das fch6ne GerichtsgebS.ude zu 
Fumes (Fig. 53«), wenn auch in entwickelteren Formen, nach diefem Typus erbaut. 
Das (3effihl ffir den Wert der Proportionen, welche allein die[er Architektur 
Wert verleihen k6nnen, ift noch nach der Mitte des XVI. Jahrhunderts nicht ent- 
wickelt. 
Das Sy[tem der drei, bisweilen auch zwei Ordnungen, [o oft es auch An- 
wendung rand, war doch dem 
niederlindifchen Kunftgei[t nicht Fig. »6. 
ent[prechend und bat eine Stei- 
gerung zu wahrer GrBe in rien ..... 
Niederlanden nicht gefunden. , 
\Veit bedeutender [ind einige 
Faffaden, welche fiber einem  -- 
ungegliederten Erdge[chog ein ---- 
Obergefchog nit ausgekraer 
Pilafter- oder S/iulenordnung • 
haben. Die frflhe[te dflrfte die- 
jenige des Rathau[es im Haag 
0564-75) [ein; eine Aufnahme 
befindet fich im Ewerbeck'[chen 
untengenannten \Verke). Hier «. 
fteht ein niedriges ObergefchoB 
liber hohem Erdge[choB; der 
Oegenfatz wird durch die Be- 
handlung verftfirkt: unten Qua- 
derbau mit geringem Relief; oben 
Mifchbau und krfiftige plaftifche 
Oliederung. \Veiter ausgebildet 
fit das Sy[tem am fch6nen Rat- 
haus zu Bolsward 064-16; 
Fig. 54s:). Die Fa[fade in ihrer 
reichen plaftifchen und farbigen 
Wirkung -- durchaus aus der 
inneren Anlage entwickelt- 
auf malerifche Wirkung mufter- 
haft komponiert, forglos, voll 
freier Gr6Be. Neben diefen 
Hauptwerken kommen andere Rathaus zu Franeker.« L 
von weniger ausgefprochener 
Eigenart, wie die K/ifewage zu Alkmaar.I oder das [tattlich burgartige Rathaus 
zu Venloo0 ffir die allgemeine Baugefchichte kaum in Betracht. 
Oanz ffir fich fteht das Rathaus zu Antwerpen (1561-65, fiehe die nebelv 
Itehende Tafel) von Cornelis de Vriend[ und Paul Snydincx erbaut. Hier befinden 
fich zwei Ordnungen liber einer Ru[tika-Bogenftellung, bekr6nt von einer offenen 

") Siehe: Eweect<, a. a. O., Abt. XV u. X%'I, BI. 
-' Nach ebendaf., AbL Vil u. VIII, BI. 
) Siehe: (&LLA.NID, a. a O., S. 482. 
'q Siehe: EwEgECt<, a. _ O., Abt. XXI u. X),II, BI. 7- 



Zu  

Rathaus zu 

Nac ei F 

Handbuch der Architektur. II. 7- (x. Aull.) 



• ntwerpen. 

ographie. 



71 

Halle mit niedrigen Pfeilern und Architrav; die Mitte des iangen Gebudes 
durch reichere Behandlung und hohen Giebei ausgezeichnet. Es gibt in der 
nordifchen Renaiffance wenige Bauten, die die[em an klarer Feftigkeit der 
Giiederung gleichkommen. Italieni[che Studien find nicht zu verkennen; die 
Gefamthaltung ift ganz niederlindifch. 
Selbftverftndlich kommen auch Bauten vor, an weichen die goti[chen Nach- 
kiinge fiberwunden find, ohne daB die Falïadengliederung durch vorgelegte 
Ordnungen bewirkt wird. Einige Beifpiele m6gen Erxihnung finden. 
Die Faffade des St. Johannisfpitals in Hoorn {1563; Fig. 55'') zeigt auBer 

Fig. 57- 

Haus am Oalgewater zu Leiden5). 

der Mifchung von Backftein 
mit Hauftein ein weiteres 
Dekorationsmotiv in dem 
verfchiedenartigen Ziegel- 
mofaik, mit welchem das 
ObergefchoB verkleidet ift. 
Das Rathaus zu Franeker 
{1591 ; Fig. 56""), deffen 
\Vandgliederung aus dem 
goti[ierenden Blendbogen- 
[ytem hen'orgegangen fit, 
wirkt bel kleinen Abmeffun- 
gen durch die ge[chickt auf- 
gefetzten Giebei an der Ecke 
und den Turm, der lich 
zx ifchen diefen erhebt. \Veit 
bedeutender ift die Fleifch- 
halle zu Harlem, 16o2-o3 
von Lieven de KO' (fiehe die 
betreffende Abbildung unter 
B) erbaut. Lieven de KO' 
aus Gent, in [einen fr/ihen 
Werken ein ge[chickter Ek- 
lektiker, biidet fich zu einer 
durchaus eigenartigen K/inft- 
lerperf6nlichkeit durch. Sein 
Hauptwerk, die Fieifchhalle 
zu Harlem, ift voli urw/ich- 
figer Kraft. Die klafficifti- 

fchen Formen, die feiner Natur fremd waren, [ind v611ig iiberwunden; er hat reine 
eigene Formenfprache gefunden; diefe ift zwar ohne Grazie, aber ernft und ein- 
dringlich, ohne jegliches Schwanken. Verwandt ift die Faffade eines Haufes am 
Gaigewater in Leiden IFig. 579); bei aufgehobener Symmetrie bleibt das Gleich- 
gewicht der beiden Hilften gewahrt. Das Einzelne fit noch fpr6der als an der 
Flei[chhalle zu Harlem. Der fchlichte Ernft des niederlS, ndifchen l(unftgeiftes bat 
felten einen reineren Ausdruck gefunden als in die[en beiden Werken. \Vie nfich- 
tern ift dagegen Hendrick de Keyzer's oftindifcher Hof in Amfterdam (16o6 9) oder 
die Miinze zu Enkhuyzen«). Aber gerade diefe Richtung hat in Holland eine weite 
ss) Nach ebendaI., Abt. XV u. XVI, BI. . 
• sl $iehe die betr. Abbildung in: OnL_XO, a. a. O., S. 469. 
) Siehe ebendal'., S. 5oe. 

61. 
Freie 
FaIfaden- 
kompofitionen. 



7 2 

Verbreitung gefunden. Mannigfach variiert greift fie auch nach Oftfriesland hin- 
fiber. Bfirgerlich xvacker, komrnt fie ber eine trockene Philifterhaftigkeit felten 
hinaus. Das fonderbare Oeffihl der Beengung, das wir nicht felten beim Lefen 
niederlindifcher Literatur haben, empfinden xvir auch beim Anblick diefer Bauten. 
In der Frfihzeit des XVII. Jahrhunderts geht die niederlindi[che Renai[[ance 
ill den Barock fiber. Eine Vorbeftimmung zu barocker Entartung xvohnt ihr, uie 
der deutfchen, von Anfang an inne; fie xvird dadurch gef6rdert, daB nicht nur 
die Ornamente, [ondern fart aile Einzelheiten der Architektur nicht vom Steinmetz, 
fondern vom Zeichner erfunden xverden. Die genaue Rfick[icht auf das Material 
der Ausf/'hrung fehlt. Aile die[e Erfindungen, von dem reizvollen Ornament der 
flandrifchen Frfihrenaiffance abgefehen, leiden unter einer fpr6den Oebundenheit 
des Formgefhles, und v¢o die Phantafie fich reicher betitien xvill, xvie an den 
(Siebeln, da gerit fie leicht in Hypertrophien. 
Suchen wir zu einer abfchlielenden Wrdigung der niederlindifchen Renaif- 
lance zu gelangen, |o ift gar nicht zu verkennen, dal ihr die Monumentalitit einer 
hohen Architektur abgeht; ihre Vorzge lieen auf dem architektonifch-malerifchen 
Oebiete, in den durch den Wechfel des Materials gegebenen Farbenxvirkungen, 
ira Verhiltnis der aufffehobenen Symmetrie zum Oleichgevicht der Maffen, ira 
Umril, in der Oruppierung, und fie find grol genug, ihr einen bleibenden Wert 
in der Geichichte der Baukunft zu fichern. 

8. t'(apitel. 
Die Renaiffance in l'qiederdeuttchland und in D/inemark. 
6:. Gegenfiber der bunten Vielgeftalt der oberdeutl'chen Renaiffance bietet die 
Anffinge. 
niederdeutfche ein weit einheitlicheres und gefchloffeneres Bild. Die Anfnge der 
Renaiffance in diefem Ciebiete fcheinen von der oberfichfifchen Schule, ira be- 
fonderen von Halle, ausgegangen zu rein. In der Zeit von 54o6o x, erden an 
ver[chiedenen Orten Bauten mit Treppengiebeln errichtet, deren einzelne Stufen 
mit halbrunden Auffitzen bekr6nt find. Die halbrunden Abfchlfiffe kommen 
meines Wif[ens zuer[t ara SchloB in Halle vor; dann finden xvir fie ara Schlol 
zu Wolbeck 1566), am Schlol zu Bckeburg und an demjenigen zu Stadthagen, 
in Bremen, in Mn[ter und anderwirts. 
Die halbrunde Fliche der Auf[itze ift icht [elten mi mufchel- oder ficher- 
f6rmigen Ornamenten gefllt, die ul3ere Fliche der Halbkreife mit Kugeln befetzt. 
Die Giebelflichen [ind durch Lienen und leichte Cie[im[e gegliedert. Die Renaif- 
fanceformen an Portalen und Fenftern find [ehr unentwickelt. 
6s. Diefe Richtung xvurde in ihrer xveiteren Entv¢ickelung durch die bald nach 
N ieder- 
t«t¢, der Mitre des Jahrhunderts in breitem Strome eindrigende niederlndifche 
'g-Renaiffance unterbrochen. Die Architektur der norddeutfchen Kftengebiete kann 
der niederlindifchen Renaif[ance fait unmittelbar zugezihlt v¢erden, lin Binnen- 
lande find die niederlindifchen Anregungen zwar nicht zu verkennen; es wahrt 
aber ftets eine., gr6Bere Selbftindigkeit. 
Der zu Ubertreibungen und Seltfamkeiten neigende Cirundzug der nieder- 
Indifchen Renaiffance ift bei der niederdeutfchen fait noch gefteigert, und die 
Verwilderung der Formen tritt fchon in der Fr/hzeit des XVll. Jahrhun- 
derts fo ftark auf, dal man von einem Barock der deutfchen Renaiffance 
l'prechen kann. 



73 

Wie in Oberdeut[chland Iind die Schl6IIer der FCtrIten und des Adels und " 
AIIgemeine 
die 6ffentlichen fUidtiIchen Oebiude die bedeutendften Erfcheinungen. Ffir jene A,]age 
fit die Gruppierung um einen HoI, wie fie fich in Frankreich entwickelt und auch der O«h,àc_ 
in den Niederlanden Aufnahme gefunden hat, die verbreitetfte CirundriBform, fei 
es daB der Hof von vier Flfigeln umlchlo[Ien fit, [ei es dag Une Seite Irei bleibt. 
Die Treppen i'ind gew6hnlich Wendeltreppen; der Verkehr im Inneren bewegt fich 
durch die Zimmer; O/nge [ind noch Ausnahmen. Oanz grofie Sde, die Prunk- 
riume i'o vieler Ifiddeutfcher Schl6Ifer, fcheinen nicht fiblich gewefen zu rein. Frit 
die Rathiufer hat fich ein allgemeines OrundriBfyftem fo wenig ausgebildet \vie 

Fig. -38. 

Roter Saal im Rathaus zu Danzig°9. 

in Oberdeutfchland; hier wie dort waren die Anforderungen an Kanzleien und 
Schreib[tuben noch miBig; dagegen wurden Sile ffr den Rat und Feftriume ffr 
die Birgerfchaft verlangt. Die L6fung ift jedesmal eine andere. Oft werden an 
einem mittelalterlichen Bau nur einzelne Telle oder nur die dekorative Ausffattung 
im Stil der Renai[fance erneuert. 
Dagegen hat das bfirgerliche Wohnhaus einen weit fe[teren Typus als in 
Oberdeutfchland; es entwickelt fich im Mittelalter aus dem niederfichfifchen 
Bauernhaus, und xvie die[es feffer organifiert ift als das oberdeutfche, fo wahrt 

t) Nach einer Photographie. 



74 

auch die Umbildung, die es im Stadthaus erfahren hat, die einheitliche (3rund- 
form. Meiftens ift der (3iebel der Strale zugekehrt; ein Tor ffihrt in den hohen 
Vorraum: die Diele. An die Stelle der Stille neben der Diele find lomptoire ge- 
treten. Da die Diele hOher ift als die Nebenriume, x'ird fiber diefen ein l-lalb- 
gefchoB eingefchoben. Die eigentlichen Wohnriume liegen in den Obergefchoffen. 
Bald x, ird aus dem Zwifchengefchof ein eigenes Stockwerk. Bei den fchmalen 
Dreifenfterhufern, wie fie von den Niederlanden aus fich nach Emden, Bremen, 

Fig. 59. 

Zeughaus zu Danzig«. 

Lfibeck und Danzig verbreiten, ift in der Breite nicht Raum ffir Dide und Neben- 
rume; ein Raum, der Flur, nimmt die ganze Breite ein; im l-lintergrund oder in 
einem eigenen Treppenhaufe befindet fich die dunk|e Treppe zu den oberen Stock- 
¢erken; ein geriumiges Zimmer folfft; es erhilt rein Licht von einem kleinen 
Lichthofe aus; jenfeits des Hofes, ganz am Ende liefft ein l-linterhaus, das unten 
Magazine, oben Wohnriume birfft. Das l-laus war arm an Luft und Licht. Einen 
Effatz boten die Beifchlige, Terra/fen, mit (3elindern umfriedifft, einige Stufen 
i2ber die Stral3e erhoben, wo fich die Familie abends nach des Tages Mfihen 



75 

verfammeln mochte. Unter den Beifchligen lagen die Zug/inge zu den Kellern; 
ja fie [ind wohl nichts anderes, als eine kianftlerifche Umge[taltung der mittel- 
alterlichen Kellerh/ilfe. Heure final Bei[chl/ige imr noch in Danzig in gr6Berer 
Zahl erhalten, lin einzelnen ift die architektonifche Bedeutung der Beifchl/ige 
keine groBe; aber fie find eines der zahlreichen malerifchen Motive, fiber welche 
die deuffche Renaiffance verfigt, und tragen we[entlich zur Belebung des Stral;en - 
bildes bei. 
Unter den Stdten, welche die niederl/indifche Renaiffance unmittelbar auf- 
nahmen, [teht Danzig in er[ter Lin[e. Die Stadt ift fiir Niederdeut[chland das, 
was Niirnberg fiir Oberdeutfchland ift. Hier 
Fig. 60. wie da ift vereini und ge[teigert, was das 
' Stidtebild beftimmt, und wenn Niirnbergs 
 Bild reicher und mannigfaltiger ift, fo ift 
dasjenige von Danzig gefe[teter und ein- 
; , heitlicher; beide aber find Denkm/iler der 
 Gr6Be des deutfchen Blïrgertums ira fp/iten 
. /littelalter. 
::  In Danzig wirkten Vredemann de Vrie, 
._" Aulhonis van Obbereu und andere Nieder- 
, .; linder. \Vas fie brachten, fit durchweg 
fpite Renaiffance. Vredematm arbeitete ira 
Rathaus. Er arbeitete neben Wilhehn Barth 
und anderen heimifchen Meiftern an der 
inneren Ausftattung; der Entwurf darf wohl 
ihm zugefchrieben werden. Der rote Saal 
 :|| Fig. 58 '-') zihlt zu den glinzendlten \Verken 
der deutfchen Renaiffance. Trotz einer ge- 
wiffen L'berladenheit ift die (iefamter[chei- 
nung harmonifch und von grofem kolori- 
ftifchem Reiz. Allerdings hlt bei n5.herem 
Zu[ehen nicht alles .Stand. 
Gr¢3flere Bedeutung fiir die Bauge- 
fchichte der Stadt bat Anthonis van Olbegen 
aus Mecheln; er war ,,-on 15041612 Stadt- 
baume[[ter. Sein friiheftes \Verk ift das Ait- 
p..,., " ftidtifche Rathaus (1-87), ein fehr einfaches 
-- ,.. Oeb/iude ,,'on guten Verhiltniffen; der Um- 
Haus zu DanzigU'j. ril3 wird durch Ecktiirmchen, einen Ciiebel- 
auffatz fiber der Mitre und einen fch6n 
profilierten Dachreiter belebt, l/il3t aber eine fefte Linienfiihrung verra[lien. Die 
niederl/indifche Schule ift ira ganzen, wie ira einzelnen nicht zu verkennen. 
Architektonifch weit bedeutender ift das hohe Tor (588), Sanmichele's Porta 
Stuppa in das Niederl/indifche iiberfetzt; ob unmittelbar, ob au[ dem Umwege 
iiber Antwerpen (Oeorgstor), bleibe dahingeftellt. Die klaffifche Vollendung des 
italienifchen Vorbildes geht ihm ab; es ift gleichwohl voll wahrer Gr6Be. 
6o5 erbaute An¢honis van Obbergen das Zeughaus. Die Fa[fade ara Kohlen- 
markt imponiert durch die einfache Gr613e ihrer Kompofition. Kriftiger gegliedert 
und gefchloffener ift die Front an der Jopengaffe (Fig. 59-"s), welche ,,'on zwei 
Tfirmen flankiert ift. Das Zeughaus geh6rt nach feiner formalen Behandlung 



76 

(Portale, Fen[ter, Giebel), wie nach der Art, wie Back[tein und Hau[tein gemifcht 
lind, der hollindifchen Renaiffance an. Noch niher [teht es den dinifchen K6nigs- 
fchl6ffern, die wenig [piter erbaut [ind. Anthonis van Obbergen trat, nachdem er 
Danzig verla[[en hatte, in den Dienft des K6nigs Chriftian V. 
Die hollindifche Art des mit l-lau[tein gemi[chten Backfteinbaues hat auch 
an verfchiedenen \Vohngebiuden der Stadt Anwendung gefunden; fo an einem 
[tattlichen, mit Turm und Giebeln malerifch gruppierten Hau[e an der /lottlau 
l=ig. 6o :') und ara Hau[e Nr. 8 an der Heiliggei[t-Gaffe, welches das [pite 
Datum 695 tri. 
Fig. 6. 

Rathaus zu EmdenOO). 

Neben dem Back[tein- und li[chbau ift in Danzig auch die klaf[iziftifche 
Richtung der niederlindifchen Renaiffance vertreten. Das Langgaffer Tor am weft- 
lichen Ende der Langgaffe ift das Werk eines Ho11inders Abraham van den Block. 
Der Verfuch, Tor- und Pala[tfaffade zu vereinigen, fit mit Gefchick durchgeffihrt; 
aber das Tor kommt doch etwas zu kurz, und die leichten Siulenordnungen 
laffen Kraft und Cir6Be vermiffen. 
Wohnhausfa[[aden, welche in niederlindifcher Weife" nach Ordnungen auf- 

") Nach: DeutSche Renaiffance, Abt. 50. 



77 

gebaut find, kommen gleichfalls vor. Was vom Hiu[erbau Danzigs gefagt ift, 
gilt auch von demjenigen anderer Kfiftenftidte, z. B. Bremens und Emdens; die 
l'chmalen zweige[chol'[igen Wohnh/iul'er wiegen vor. Es fit nicht n6tig, einzelnes 
aufzuzhlen; dagegen muB ich noch die Rathiufer in Emden und in Lfibeck 
erwihnen. 
Das Rathaus zu Emden ift 1574-76 von A4arten Arens aus Delft erbaut. 
Das ehr ltattliche Gebiude enthielt in l'einem unteren Teile Wohnungen und 
Schankwirtl'chaften. Die ffir den Rat und die Bfirgerfchaft beftimmten Rume, 

Fig. 62. 

SchloB Frederi "ksborgt°°). 

deren es nur ffinf waren, lagen ira HauptgerchoB und in dem von einer offenen 
Galerie umgebenen oberl'ten Stockwerk. Es waren die Raedtkamer, die Sekret- 
kamer, die Schryfkamer und die Dienerkamer ira Hauptgei'choB, das aul3erdem 
eine grol3e Halle enthielt, und die Bfirgerkamer, welche das ganze oberfte (3e- 
fchoB einnahm und als Verfammlungsraum ffir die gel'amte Bfirgerfchaft diente. 
Die Fallade (Fig. 61 9) ift einfach, aber l'ehr gut gegliedert. Das ErdgefchoB und 
ein Zwifchengei'choB Iïnd zulammengefaBt und durch ein Konfolengeiïms vom 

too) Nach: NECEt.IA..% F.S. Denkmiler der Renaiflance in D.nemark. Befchreibeder Text on F. MEHL- 
DAHL. Bcrlit t888. 



D,inemark. 

78 

hohen Hauptge[cho8 getrennt. Ober diefem folgt noch ein niedriges Oberge[choB 
mit vorgekragter offener Oalerie. Die Fenfterachfen final eng geitellt, [o daB nur 
lchmale Pfeiler zwilchen rien Fenftern bleiben. Die Faffade bat einen Zug ein- 
facher Or61e, der in der deuffchen Renaiffance nicht h/iufig wiederkehrt. 
Dem Rathaus zu Lfibeck wurde 157o an der Sfidfeite ein Anbau vorgelegt, 
unten eine offerte Halle, ira ObergefchoB eine geichloffene Pila[terarchitektur, 
das Oanze von drei Oiebelauffitzen bekr6nt. Die Formen final niederl/indi[ch. 

Die Halle ift an fich eine 
gtlte Leiftung, fteht aber mit 
dem gewaltigen Ernft des 
mittelalterlichen Baues nicht 
in Einklang. Das gleiche 
gilt von der 1590 angelegten 
Freitreppe, deren Kompofi- 
tion fich der Halle anfchlieBt, 
deren Formen aber fchon 
barock final. 
Zu rien von rien Nie- 
derlanden abhingigen Oe- 
bieten geh6rt auch D/ine- 
mark. Die Renaiffance tritt 
in diefem Lande fpit auf. 
Die Hauptwerke final aus- 
gedehnte SchloBbauten. Die 
formale Behandlung ift ganz 
niederlindifch ; niederl/in- 
difch fit der mit Hauftein 
untermifchte Backfteinbau ; 
niederl/indifch final die TO- 
l;en, durch Steinkreuze ge- 
teilten Fenfter, mit rien be- 
fcheidenen Giebelftfirzen, aus 
welchen K6pfe herausfehen 
u.a. Dies final aber Formen, 
die auch in der Renaiffance 
der Oftfeeffiidte Aufnahme 
gefunden haben, und es ift 
fraglich, oh die lbertragung 
nach D/inemark von hier 
oder von rien Niederlanden 
ausæeæangen ift. Die Bauten 

Fig. 63 . 

haben viel Oemeinfames, und wenn von einem d/inifchen Stil nicht ge[prochen 
werden darf, fo haben fie doch foviel Eigenart, daB fie das Vorhandenfein einer 
d/inifchen Schule innerhalb der nordifchen Renaiffance erweifen. 
Die Baumeifter final teils Niederl/inder (Anflwnis t'an Obbergen aus Mecheln), 
teils Einheimifche (ttans van S[eenwinkel der A'l[ere und der Jiingere), teils 
Deutfche. K6nig Chriftian IV. hat felbft unmittelbaren EinfluB auf die Oe- 
ftaltung feiner Bauten genommen. 
¢"1 Nach: Deutfche Renail'fance, Abt. . - $iehe auch; FITSC, a. a. 0., Pl. o7-o. 

Rattenf/ingerhaus zu Hameln o). 



79 

Der erfte groBe Renaiffancebau des Landes i[t das von l:riedrich !!. 1574-85 
erbaule Schlol3 Kronborg bei l-lel[ing6r. Ein breit hingelagerter Quaderbau mit 
wenigen groBen Fenftern, ift Kronborg namentlich durch reine grofien \Vand- 
IIichen von machtvoll eigenartigem Charakter. Der Baumeifter, der den Plan 
entworfen hot, i[t nicht bekannt; man hot den ilteren Hans von Steenwinkel oder 
Anthonis van Obbergen genannt, lch m6chte eher an einen deutfchen Meifter 

denken; denn die Formenbehandlung 
ift noch rein deut[ch und liBt nieder- 
lindifche Anklinge kaum wahrnehmen. 
In den Bauten Chriftian IV. ge- 
winnt der Stil reine Eigenart. Die 
Bauten zeichnen fich durch gute Grup- 
pierung und Verteilung der laffen 
aus; die formale Ausgeftaltung des 
.uBeren ift etwas nichtern; neben 
Formen des entwickelten Stils gehen 
folche der Frihzeit her; der Zufammen- 
bang mit niederlindifcher \Veife ift 
unverkennbar; die innere Ausftattung 
ift reich, nicht felten bizarr. 
SchloB Frederiksborg, 16o2-25 
von Chrftian IV. erbaut, lie ouf drei 
kleinen Infeln; ouf der erften die Wirt- 
fchaftsgebiude um einen Hof grup- 
piert. Eine Brficke fihrt durch einen 
Torturm in den zweiten Hof, der der 
franz6fifchen BafJè cour entfpricht; die- 
fer Hof wird von zweigefchoffigen 
Bauten flankiert. Eine weitere Brficke 
ffihrt ouf die dritte lnfel, welche dos 
SchloB tr.gt, dos abermals einen Hof, 
die Cour d'honneur umgibt (Fig. 62 o,,). 
Eine niedrige Galerie bildet den vor- 
deren AbfchluB und liBt den Blick 

- , riàckwirtigen Fliàgel frei. Die an 1 
 . i l-ll n.hernde Symmetrie der Hofanlage 
 I wird fchOn durch den groBen Turm 
unterbrochen. Dos SchloB ift offenbar 
. nach einem einheitlichen Plane ge- 
bout, der allerdings ira einzelnen nicht 
Haus in der O[ter[lraBe zu HamelnaO"-). Ieftgehalten wurde, der aber doch die 
Oefamtanlage vorgezeichnet bat. Der 
Mei[ter, der den Entwurf gemacht hat, ift nicht bekannt. .Man geht kaum fehl, 
wenn man dem K6nige einen weitgehenden EinfluB auf die Anlage ira all- 
gemeinen zu[chreibt; an der Ausfihrung waren der jihngere Hans von Steen- 
winkel, Lorenz 19eiterfen Sweis von Amfterdam, wahr[cheinlich auch Anthonis 
van Obbergen beteiligt. Ira Jahre 1859 durch Brand [chwer befchidigt, ift das 

o) Nach: D¢uffche Renaiffance, Abt. z. 



80 

67. 
:: dweftliche 

SchloB unter der Leitung AIehldahl's reftauriert worden; das ,uflere fehr gut, 
die Dekoration der lnnenrume fragxvfirdig. 
Unter den lnnenrumen find der Ritterfaal und die Kirche Prachtftficke der 
kaprizi6fen Dekorationsx'eife des frfiheren XVII. Jahrhunderts in der nordifchen 
lenaiffance. Auch die Rofe, eine z-eifchiffige Halle von weiten und niedrigen 
Verhltniffen, ift ein fch6ner und eigenartiger Raum. 
Der gleich.en Stilrichtung geh6rt das hochgebaute SchloB Rofenborg bei 
Kopenhagen (161o--5) an und, als bfir- 
gerliches Wohngeb/iude, das vom Brger- Fig. 65. 
meifter A4a[hias l-lazzfezz 166 erbaute, 
unter dem Namen Dyvekes-Haus be- 
kannte Haus auf dem Amagertorv in 

lxopenhagen. 
Die B6rfe in Kopenhagen ift 161o--:23 
wahrfcheinlich vom jfingeren l-lans von 
S[eenwinkel erbaut, mit fpteren Zutaten. 
Zwei Ge[choffe, durch Hermen gegliedert, 
das Dach durch eine Anzahl x-on Ciiebeln 
und einen Turm mit feltfam aus vier 
Drachenlchw/inzen gewundener Spitze be- 
lebt, ein maffiger, kr/iftig gegliederter Bau. 
Die dinifchen Bauten haben ihre 
Bedeutung vor allem darin, dag fie ihre 
Be[timmung in ihrer gefamten Erfcheinung 
ungexv0hnlich klar ausfprechen. \Vie die 
Schl6ffer Ct«riJtian IV. als ffirftliche \Vohn- 
fitze er[cheinen, fo die B6rfe als 6fient- 
licher Bau eines kriftigen Bfirgertumes. 
Unter den l,(irchen Dinemarks ift 
die Trinitatiskirche in l,(openhagen 
(1637--56) eine dreifchiffige Hallenkirche, 
ernlt und grog. Die Cirabkapelle Chri- 
f[ian IV. am Dome von Roeskilde, 1617 
von ttans t'on Steenwinkel erbaut, ilt ein 
ernlter und fch6ner lnnenraum. 
Die Blfitezeit der d,ïnifchen Renaif- 
lance ift eine kurze; fie erftreckt fich nicht 
riel fiber die Mitte des XVII. Jahrhunderts. 
Die nordweftlichen Binnenlande 
.'nlane_ Deutfchlands ftehen, wie eingangs be- 

Haus am Prinzipalmarkt zu Miinfter i. \V.os). 
ca, /:t, w. ([ir. 

merkt, den Niederlanden felbfgindiger gegenfiber. Neben dem Steinbau hat lich 
hier der Holzbau ftets lebendig erhalten und eine hohe Stufe knftleril'cher Voll- 
endung erreicht. Ztmchft hat uns nur der Steinbau zu befchftigen. 
Der bfirgerliche \Vohnhausbau hat fich in diefen Gegenden fehr ftattlich 
entwickelt. Der Ausgangspunkt ift das niederfichlïfche Bauernhaus. Der 
GrundriBtypus ift fchon in Art. 64 (S. 74) befprochen. Ein mehr oder minder 
reich geftaltetes Portal ffihrt zum Flur; feitlich erhebt fich von unten an ein erker- 
attiger Ausbau (Auslucht), der fich durch das I. Ober'efchoB fortfetzt und mit 
") Nach: Deufche Renaiffance, Abt. 28, BI. L 



81 

l=ig. 66. 

Stadtweinhaus zu %liinfter i. W.lO). 
einem Oiebel bekr6nt ift oder einen Altan tr/igt. An befonders ftattlichen H/iufern 
finden wir wohl auch zwei [olcher Erker, [o ara Hexenburgemei[ters Haus zu 
Lemgo von 57 '"'). 
t) Siehe: Farscrl, a. a. O., BI. 66. 
) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. 
Handbuch der Archilektur. Il. 7- ( Autl.) 6 



82 

Den Niederlanden am nch[ten lteht eine kleine (3ruppe von Bauten, welche 
fchon dem ausgehenden XVI. und dem Beginn des XVII. Jahrhunderts. ange- 
h5ren, ai[o keinesx'egs zu den frheften zhlen: die Htimel[cheburg und einige 
l ltiu[er in Hameln, vielleicht \Verke eines Meifters. Die wagrechten Bnder 
ornamentierter Quader bringen..eine gewiffe Unruhe in die[e fo ern[ten Fafladen 
und find namentlich da vom Ubei, wo fie fiber die lotrechten Glieder hinweg- 
gehen. Die Faffade des Rattenfngerhau[es in Hameln, der Olanzpunkt der 
Oruppe 0002; Fig. 03 "), mag ihren Charakter 
veranfchaulichen. Sehen x'ir iiber die miBliche Fig. 07. 
Quaderdekoration hinweg, [o erkennen x'ir die 
vortreffliche Anordnung der Fa[Jade. Sie ift ein 1 
fehr gutes Beifpiei der Fa[[aden mit von unten 
auffteigendem Erker. Die[er bedingt die leichte "" 
Verfchiebung des Portais und der auf [einer 
Achfe [tehenden Fenfter aus der Mitre der 
ganzen Front, wfihrend die Mittelachie im 
Oiebel in ihr Recht tritt. Oerade in den 
eichten Verfchiebungen der Symmetrie und 
des ŒEleichgewichtes beruht der Reiz diefer 
und 5.hnlicher Kompofitionen. Hameln befitzt 
noch einige Faffaden des gleichen Typus. .  Ç 
lïin fch6nes Haus in der OfterftraBe (Fig. 
64") hat nur zxvei Ach[en. Mit feinem Oefhi 
find ira I. und 111. Oe[choB ungleichwertige, '_ 
im ll. gleichwertige Motive einander gegen- - , .... 
iibergeltellt, \vS.hrend im Oiebel voile Symme- 
trie herr[cht. Am Hau[e BS.ckerftraBe 10 (von 
1568-09 c,) ilt die Mittelach[e for das Portal 
und die dariiber[tehenden Fenfter feltgehalten, 
zur einen Seite groBe Fenfter, zut anderen der 
Erker; der mS.chtige, einfache Oiebel beherr[cht 
das Oanze; [einer Neigung entfprechend ziehen 
[ich die [eitlichen Fenfterach[en nach oben 
nS.her zu[ammen. Die [tattliche Faffade des 
Leibnitzhaules in Hannover (105o_) geh6rt ihrer 
Kompo[ition nach hierher. 
Der gleiche Stil, auf etwas andere Mo- 
tive angewandt, herr[cht auch in Mien[ter. Die 
HaupfftraBe die[er Stadt, der Prinzipaimarkt, ift Krameramtshaus zu Mfinfter i. \X'.°'. 
eine der [ch6n[ten StraBen Deutfchlands. Fart 
alle Hfiu[er haben Lauben (Fig. 65°. Die[es Motiv, das dem StraBenbilde ffets 
eine groBe Einheitlichkeit [ichert, ift der individuellen Ausbildung der Faffaden 
nicht giin[tig; die Hallen des Erdge[choffes la[[en [ich bel rien [chmalen Oiebel- 
hiu[ern nur fchwer mit den oberen Stockwerken in Beziehung [etzen; die Achfen 
der Arkaden x, erden an den Fenftern der Oberge[choffe nicht fe[t.gehaiten; 
die Fenfter [ind rechteckige ¢)ffnungen ohne Relief; erft ira Oiebel regt [ich 
eine etwas reichere Eigenart. Was x'ir ill N0rnberg und in Danzig wahr- 
o,1 Siehe ebendaf., Abt. t, BI_ _. 
': Nach ebendaf., Abt. -. 



83 

nahmen, daB die Sch6nheit des StraBenbildes weit weniger durch die reiche 
Oeftaltung der einzelnen Oebiude, als durch ihre richtige Eingliederung in die 
Oefamteri'cheinung bedingt ift, finden wir auch in Mfinfter beftti \Ueitere 
Beifpiele fiehe an untengenannter StelleO). Mehr wird erreicht, wo der Z¢ang 
der Lauben eillt. Die breite l=affade des ehemaligen Stadtweinhaui'es (um 
65; Fig. 66 o) mit ihrem michtigen Giebel und dem reich behandelten 

Fg. 65. 

Vorhalle des Rathaufes zu C61n*°'l. 
i»lo W. Or. 

Balkon, dem [og. Sentenzbogen, ilt ein ernftes und tfichtiges \Verk, das die 
Mfin[ter[che Renaiffance von ihrer beften Seite zeigt. Der Ciegenfatz einfacher 
und reich behandelter Teile und die Verteilung der letzteren ift mit ficherem 
Takt durchgeffihrt. 
Neben den Bauten, in denen die Mfinfterfche Renaiffance zu einer gewi[i'en 

o.) Siehe ebendaL, Abt. :.8, BI. t-3- 
o) Nach ebendaL, Abt. 22. 



Oevandhaus zu Braun[chveigo). 
Ca. 11.# . 



85 

Selb[tfindigkeit gelangrt ift, fehen wir auch folche, welche einen unmittelbaren 
Zu[ammenhang mit den Niederlanden erkennen laffen. Canz niederl.ndifch find 
die hintere Front des Rathaufes und der Stadtkeller11'). Die fchOne Faffade des 
Krameramtshaufes {von 1612; Fig. 67 »':) tr.grt niederl.ndifchen Charakter, wenn 
[ie.auch an ihren Giebelftufen die halbrunden Auff.tze tri, die in jener Oegend 
zuerft an dem 1564 erbauten SchloB Wolbeck vorkommen. 

Fig. 7o. 

Oymnafium zu Braunfchweigm}. 

In C01n ift die Vorhalle des Rathaufes IFig. 681;''') eines der zierlichften und 
reizvollften Werke der Renaiffance in Deutfchland. Die Verh.ltniffe find befonders 
glficklich gegriffen; das Detail ift fch0n gezeichnet und vortrefflich ausgeffihrt. 
Der Bau ift das Werk eines heimifchen Meifters, lf7lhelm Vernicke, und ift 569 
begonnen. Vernicke hat reine Schule ohne Zweifel in Belgien durchgemacht 

sso) Nach einer Photographie. 
st) Nach: FRiX-Ct% a. a. O. 
tt) Siehe ebendaf., Abt. 28, BI. 3o. 



86 

Nahe an belgifche Vorbilder fchliegt [ich auch ein Anbau am Rathaus in Jfilich 
an, der an das Studium von Serlio's Buch fiber die Architektur denken IBt. 
Or613ere Selbft/indigkeit und reichere Mannigfaltigkeit enffaltet die Renaiffance 
in Braunfchweig. Der l-lolzbau herrfcht vor; doch treffen wir auch einige gute 
Cteinfaffaden. Die wichtig[te ift die des Gewandhaufes {Fig'. 091°); Iïe ift 159o 
von Af«gms t(linffe und Balzer Kircher ausgeffihrt. Mit groBem Gefchick und 
mit einem bei deut- 
fchen Meiftern felteneu Fig'. 7. 
Geffihl fr Eurhythmie 
i[t fie den niedrigen 
,efchffen eines mittel- 
alterlichen Oebiudes 
angepal3t. Reichtum 
urld Klarheit der Kom- 
pofition find hier in 
feltener \'eife vereinigt. 
An der Faffade des 159"2- 
erbauten Oymna[iums 
(Fig. 7o ) [ind die 
Fenfter- und Nifchen- ' ' 
reihen der beiden Ober-  - 
4efchoffe als breite, 
.:,,'agrechte B/inder be- 
handelt, deren lebhafte 
Gliederung zu den 
glatten .\lauerfl/ichen in 
;..irkfamen Oegenfatz 
geftellt ift. Die Fenfter 
des Erdgefchoffes [ind 
neuerlich ver6flert 
und nach unten verl/in- 
/gert \vorden, wodurch 
die Verh/iltniffe emp- 
findlich gelitten haben. 
In den anderen 
St/idten n6rdlich des 
Harzes ift das Verh/ilt- 
nis von Holzbau und 
Steinbau ein /ihnliches 
wie in Braunfchwei. 
Allenthalben ift der Stil Rathaus zu Paderbornm). 
mehr deutfch als nie- 
derl/ndifch, wenn auch an Fenftern und Giebeln Motive vorkommen, welche der 
niederl/ndi[chen Renaiffance ent[tammen. Schulmittelpunkte, wie Mfinfter und 
Hameln, fcheinen ffir den Steinbau nicht beftanden zu haben. Ob Halle ffir die 
Frfihzeit als folcher gelten kann, bedfirfte n/iherer Unteffuchung. Ich befchr/i.nke 
mich darauf, ira folgenden einige der wichtig[ten Bauten namhaft zu machen. 
Bedeutend ift die Paffade des Rathaufes zu Paderborn (16-6; Fig. 7 , 
deren energifche und klare Gliederung ausnahmsweife ftreng fymmetrifch gehalten 



87 

ift. Die Faffade des Rathaufes zu Mfinden (16o5; Fig. 7"2_ ) gewinnt in ihren 
drei Giebeln die in den unteren Teilen fehlende Symmetrie wieder. Sie ift, trotz 
der niederl.ndifchen Giebel, urdeutfch, linkifch, aber von derber Tfichtigkeit. 
Unter den Schl6ffern des n6rdlichen Deutfchlands it Horft bel Alten-Effen 
aus den ffinfziger Jahren des XVI. Jahrhunderts eines der frfiheften. So weit die 
Abbildungen ) ein Urteil geftatten, beruht reine Bedeutung nur in den fehr forg- 
Iiltig gebildeten Einzelheiten. Die Kompofition, nach niederlndifchen oder fran- 
z6[ifchen Vorbildern, be[agt enig; die beiden Ordnungen, in elchen fie fich 
aufbaut, find nur dekorativ behandelt und von geringen Verhltniffen. 
Die Miinchhaufen'fchen Schl6ffer Schw6bber bei Hamelh (1574--16o2 ) 
und Bevern (16o3--2 ) find in ihrer Formenbehandlung den Bauten in Hameln 
und der H.melfchenburg verwandt. SchloB Bevern ift fowohl in feiner Gefamt- 

Fig. 72. 

68. 

Rathaus zu MiindenU'). 

anlage, wie in der forgf/fltigen Durchbildung der Einzelheiten das bedeutendere. 
Es umlchlieBt einen quadratilchen Hof und ilt von einem Graben umgeben. Die 
Hauptfront ift fart fymmetrifch angelegt; vier Rifalite mit der bekannten, ge- 
quaderten Pilalterarchitektur, aber mit glatten Mauerfl/chen, find von Giebeln be- 
kr6nt, die den niederl/chfifchen Typus in belonders glficklicher \Veife zeigen. 
Die innere Ausltattung ilt zerR6rt. 
Leitzkau in der Altmark, zwifchen Magdeburg und Zerbft, gleichfalls ein 
Miinchhaufen'fches SchloB, 1566-95 erbaut, hat eine weniger gefchlolïene Anlage 
und ift in feinen Umriffen freier gruppiert. Am ffidweftlichen Flfigel des Hofes 
befindet lich eine reizende Halle in vier Gefchoffen {Fig. 7311"1. Die Einwirkungen 

n} In: Oefchichte der deutfchen Nunft. Bd. I: Die Eaukunft. Von R. Drn»t. Eerlin $7- c. 356 u. 
'1 Siehe: Deuffche Renaiffance, Abt. , EL a7-3 o. 
ts) $iehe ebendaf., Abt. 4- 
t) Nach: FtTSCH, a. a. O. 



88 

der Niederlande [ind hier um vieles geringer als in den weiter weftlich gelegenen 
Befitzungen der Famille. 
Oanz auf maleri[che Wirkung ift der Hof des Schloffes Brake bei Lemgo 
(Fig. 7411) angelegt. Niederlindifche Einflfiffe kreuzen fich mit mitteldeuffchen; 
letztere wiegen vor. 
Das SchloB zu Bernburg und die iilteren Telle des Schloffes in Celle weifen 
Motive auf, welche zuerft in Halle vorkommen. 
Cianz ifir fich fteht in einer Eigenart das Schlol3 zu Oftrow in Mecklen- 
burg, erbaut unter Herzog 
Ulrich durch Franciscus Part Fig. 73- 
1558-65n:). Es ift das Werk 
eines weitgereiften Mannes, 
der vieles gefehen und in fich 
aufgenommen bat. lnnerhalb 
der deuffchen Renaiffance 
teht es vereinzelt. \Vas es 
aber befonders merkw/irdig 
macht, ift weniger reine Eigen- 
art als die durchaus moderne 
Haltung. Man k;Snnte bel 
flichtiger Betrachtung verucht 
rein, es f/if ein \Verk des 
lpiteren XIX..lahrhunderts zu 
halten. 
- Noch iR der deutfchen 
Terrakotta- 
e,. "ferrakottaarchitektur zu ge- 
denken. Der Backlteinbau, der 
ira Mittelalter rien Charakter 
der norddeutfchen Architektur 
beftimmt bat, hat ffir die Re- 
naiflance nicht die gleiche 
Bedeutung; dagegen tritt kurz 
vor der Mitre des XVI. Jahr- 
hunderts in einem befchrmk- 
ten Oebiete eine reiche De- 
korationsweife in Terrakotta .. 
_ :,., . . .  . . . 
auf. lhr Ausgangspunkt 
fcheint Ltibeck zu rein. Die 
\Verkftatt des Oert Ri#er und SchloB Leitzkau t,-). 
S[atius von Diiren vor dem 
Holftentor in Libeck, das Kompagniegefchift eines KauImannes mit einem Ziegel- 
brenner, lieferte das Dekorationsmaterial ffir einen weiten Umkreis. Statius ift 
kein gew6hnlicher Ziegelbrenner; er ift Bildhauer und als Iolcher am Ffirftenhofe 
zu \Vismar, wie ana Schloffe zu Schwerin titig. Ob neben der \Verkftatt des 
S[atius, deren ausgedehnter Betrieb auch noch andere kfinltlerifche Krifte als den 
Meifter erfordert haben mur:l, noch andere beltanden, ift eine offerte Frage von 
geringem Belang; denn Statius ift der ffihrende Meil'ter. 

Lb Siehe ebendaL 



89 

Der Stil die[er Terrakotten ift niederl/indifch. PIatten mit antiken K6pfen 
oder mit Portr/itmedaillons, welche zum Teil von /ilteren ModeIlen abgeformt find, 
umgeben von Kr/inzen und mit einfach ornamentaIer Ausffillung der Ecken 
{Fig. 7511s), Platten mit rein ornamentalen Darftellungen, Orotesken und Putten 
{Fig. 76118), Platten mit auffteigenden Ornamenten bilden den Hauptbeftand diefes 
Formenkreifes, in wel- 
Fig. 74- chem felbftredend Oe- 
fimsprofile, Ba[en und 
Kapitelle nicht fehlen 
Die Formenbehandlung 
ift noch diejenige der 
Frfihrenaiffance. Das 
Blattwerk ift ein ftumpf 
gefchnittener Akanthus, 
-- neben welchem das ge- 
 ftielte dreilappige Blatt 
 ' mit halbkreisf6rmigem 
_-_ Ausfchnitt der Spitzen 
-t-_ vorkommt (Fig. 77'"). 
__, da. "/ _ AuBerdem aber kom- 
 . r men Kartufchen im ent- 
I'l < wickelten Florisftil vor 
' - .  (Fig. 78 11,. Rein figfir- 
-%: 1" liche Darftellungen find 
,,,,, naiv und ausdrucksvoll, 
aber mit unzureichen- 
..«. -.  _- .... dem K6nnen ausgeffihrt. 
._:   Aus diefen Elemen- 
:, ten fetzt fich die gefamte 
' ëuBere, zuweilen auch 
' " ,  die innere Dekoration 
<" "I ; der Bauten zufammen. 
.{-_ _ : Die Medaillons werden 
zu Friefen zufammenge- 
.. reiht; die auffteigenden 
• - _ Ornamente ergeben, zu- 
-- ""'-" [ammengeletzt und mit 
- Bafen und Kapitellen 
_ verfehen, Pilafter. Oanze 
_--=-, ...... .«-.,.  ,- - --  --- Architekturteile, Fenfter- 
SchloB Brake bel Lemgon«}. gew/inde und Portale 
werden aus ver[chieden 
ge[talteten Reliefplatten zufammengefetzt {Fig. 791"}. L/iBt die Formenbehandlung 
ira einzelnen manches zu wfin[chen iibrig, fo erreicht fie doch vollkommen ihren 
dekorativen Zweck an dem Ort, ffir den fie beftimmt ift. 
Das Verbreitungsgebiet diefer Terrakotten ift Mecklenburg; es deckt fich 
aber nicht mit den Landesgrenzen, wie ja Lïbeck felbft auBerhalb diefer lie. 
at) Nach: Srr, F. Der Ffirftenhof zu Wismar und die norddeutiche l'errakotta-rchitektur ira Zeitalter der 
Renaiffance. Berlin 89o. 



Die l'fidliche Orenze geht von Lfineburg nach 
Freyenftein in der Priegnitz; der 6ftlichfte Punkt 
ift Stralfund; in Holftein kommen vereinzelte 
Beifpiele vor. 
Au dem L'bergang von der Ootik zut Re- 
naiffance fteht ein Haus ara Sand in Lneburg 
vom Jahre 548 (Fig. 8o"). Der Typus..ift der- 
jcnige des nieder[ë, chfifchen Stadthau[es. Uber der 
Diele erheben fich zwei Oefchoffe und ein hoher 
Treppengiebel. Diefe Oefchoffe und der Oiebel 
[ind durch Biendarkaden gegliedert, welche von 
[chraubenf6rmig kannelierten Rundftfiben umfal3t 
[ind. Wagrechte, von ebenfolchen Rundft/iben 
gefë, umte B/inder trennen die Stock\verke. In den 
Bogenzwickeln befinden fich .\ledaillons mit 
K6p[en und dem au dem Delphin reitenden 
Putt, der auch ara Frftenhof in Wismar vor- 
kommt. Ein ernfter und wrdiger Bau. 
Das Hauptwerk der ganzen Oruppe lit der 
Ft'trftenhof zu Wismar. Er ift von Herzog Johann 
Albrecht von ,\lecklenburg in den Jahren 1553 
tmd 1554 erbaut; die dekorative Ausftattung zog 
iich indes linger hinaus. Die Kompofition der 
Faffade \veift auf italienifche Vorbilder, und mit 
lecht hat Schlie 1"-'') rien Palazzo Roverella in 
Ferrara zur Oartenfront des Ffirftenhofes in Pa- 
rallele geftellt. Es ift kaurn zu bezweifeln, dal?, 
der Herzog felbft auf die Kompofition des Oe- 
biudes beftimmend eingewirkt hat; \ver aber der 
eigentliche Baumeiter war, entzieht iich unierer 
Kenntnis. Die plaftifchen Arbeiten in Terrakotta, 
,.vie in Sandftein find groBenteils von Stathts 
von Diiren. 
Bei der Betrachtung des Gebiudes beginne 
llall nicht mit der Prfifung der Einzelheiten, 
welche nicht immer ftilgem/-iB erneuert final, fon- 
dern gewinne zuerft einen Gefamteindruck; er 
wird trotz mancher Schwachen ein fehr bedeu- 
tender rein. Der breit hingelagerte Bau erhebt 
fich in drei durch hohe Friefe getrennten Stock- 
werken und ift jetzt durch ein Kon[olengeiims 
abgefchloffen, wihrend er frfiher ein hohes, durch 
Zwerchhufer belebtes Dach trug. l_)ie Achfen 
[ind nicht gleichmafSig verteilt; ja fie find nicht 
einmal fimtlich der H6he nach lotrecht durch- 
tefiihrt; doch wird der architektonifche Eindruck 
1 Nach einer Photographie. 
:} In: S«BuE, F. Die }Zun[t- und Oefchichts-Denkmfiler des 
¢3roBher ums Mecklenburg-Schwerin. Ed. II. Schwerln 1898. $- 

Fig. 75- 
Portrtmedaillon in Terrakotta. 

Fig. 76. 

Putte auf Delphin in Terrakotta u') 

Fig. 77- 

Terrakottaornament ira Ffirftenhof 
zu Wismaraa). 



Fig. 78. des Gebiudes durch diefe Unregel- 
mBigkeiten kaum beeintrchtigt. Aui 
 nebeneinander geftellt; auf der Hofl'eite 
 . ,o (Fig. 81 ,'z,) find fie in den beiden Ober- 
Aê.._,gt/t gefchoffen durch fchlanke Pilafter ge- 
 trennt; die Pilafter des Erdgefchoffes 
[ind eine nicht eben glickliche Zutat 
")   der Reftaulatiol. Das Syftem ift auf 
diefer Seite befonders klar und fch6n, 
Kartufche in Terrakotta**'). und wenn der Verfuch einer ftrengeren 
Gliederung nach italienifcheln Vorbild 
auch nicht vollftindig geglfickt il't, fo ift doch eine fehr vornehme Haltung erreicht. 
Aber auch die Stragenh-ont iff fehr bedeutend und namentlich in ihrer perfpek- 
tivifchen Wirkung vorzfiglich. Eine Kritik der Reftauration gibt Schlie"-"-). 
Das Syftem des Ffirftenhofes ift in verwandter Weife ara Schloffe zu Gade- 
bufch (1571 '-) angewandt. Auch an einem Telle des Schloffes zu Schwerin 
kehrt es wieder. Die Formfteine aus der Werkftatt von S[atius vou Diiren waren 
aber ein bequemes Dekorationsmaterial, das auch an einer Reihe anderer Schl6ffer 
Anwendung iand, deren Kompofition eine weniger ftrenge war. Ein Verzeichnis 
gibt Sarre"-4). In fehr fonderbarer Weife waren die Hermen und Reliefplatten 
des Ffirftenhofes an einer Faffade in Lfibeck 1-3) vei'wendet. Eine andere Faffade 
in Lfibeck, Holftenftrae 276, hat ara Ciiebel 
Fig. 79- in der lotrechten Teilung und in den Um- 
rahmungen der Fenfter den gewundenen 
Rundftab, in den wagrechten Friefen die 
bekannten Portrttmedaillons. 
Die Schw/iche diefer Terrakottaarchitektur 
liegt darin, daB fie mit Dekorationselementen 
arbeitet, welche nicht frit den einzelnen Fall, 
fondern fabrikmil3ig hergeftellt wurden. Sie 
hat infolgedeffen vielfach einen befonders 
unorganifchen Cirundzug und fteht darin in 
fcharfeln Ciegenfatz zum mittelalterlichen 
Backfteinbau. 
Wie in der dekorativen Cieftaltung des 
,ul3eren, ftrebt die norddeutfche Renaiffance 
auch ira Schmuck der lnnenriume gr6geren 
Reichtum an als die oberdeutfche. Hier wie 
dort ift Holz das Hauptmaterial ffir die kfinft- 
lerifche Ausftattung von S/ilen und Zimmern; 
T/ifelungen und Holzdecken finden wir fart in 
allen reicher behandelten R/iumen. \Virklich 
monumentale Wirkungen werden datait kaum 
je erzielt, wohl aber fehr bedeutende dekorative. 
1 Nach einer Photographie. 
'z) A. a. 0., S. 94 u. ff. 
) Siehe die Abbildungen ebendai., 5. 452 u. ff. 
) A. a. 0., $. 24 u. ff. 
Portal vom Frftenhof zu WismarnS). ,; Siehe ebendaf., Taf. XIII. 

70. 
Schmuck 
der 
lnnenrïume. 



Dielen 
Freppen. 

02 

Eine der frfiheften und fchOn[ten TMelungen ift dieienige des Kapitelfaales 
in Mfinfter i. W. (fiehe die Abbildung in Kap. 1811. Sie ift vonJohann Kupper 
zwi[chen den dreifliger und ffinfziger Jahren des XVI. Jahrhunderts ausgeffihrt, 
ira Aufbau fart noch reines Rahmenwerk, in das Architekturmotive nur fchfichtern 
und in dekorativer Umgeltaltung eingeffihrt find. Die Fl.chen find mit Wappen 
und Ornament in reicher und herrlicher Ausf6hrung gefchmfickt. 
Das verbreiteflte Kompofitionsmotiv ffir die TMelungen ift, wie in Sfid- 

deuffchland, die Pilafter- oder Halbf.ulen- 
ordnung, oft in reicher, ja fiberreicher 
Behandlung. 
Ein fch6nes Beifpiel noch ira For- 
mencharakter der Frfihzeit ift das Tfel- 
werk des Friedens[aales ira Rathau[e zu 
Mfinfter i. W. (von 1587v-':). Der Saal 
geh6rt durch reine Abmeffungen, wie 
durch reine reiche und gediegene Aus- 
ftattung zu den ftattlichften Innenrumen 
der norddeut[chen Renaiffance. 
Sch6ne Beifpiele reichfter Durch- 
bildung des Motivs find die Kriegsftube 
ira Rathaus (1575-16o8 «) und das 
Frcdenhaen'fche Zimmer ira Kaufhaufe 
zu Lfibeck (1572-78), trotz des 
fiberqueilenden Reichtumes der Kom- 
po[ition von ruhiger \Virkung und 
eine der fch6nften Arbeiten deutfcher 
Holzdekoration. Die Ratsftube in Lfine- 
burg (566--83), von Albert von Soej't 
ausgeffihrt, bat ein Tifelwerk, das ira 
Orunde etwas trocken behandeit irt, bei 
welchem aber einzelne Teile, Tfiren ulw. 
in phantaftifche 0berladung verfallen. 
Der ediegenen Pracht des roten Saales 
(Sommerratsftube) ira Rathaufe zu Danzig 
habe ich fchon gedacht. 
Unter den Holzdecken ift diejenige 
des Schloffes zu Jever in Oftfriesland die 
glinzendftel"'). Sie umfaBt in vier Rei- 
hen 8 quadratifche Kaffetten von krhf- 
figer Profilierung mit reicher, dem Floris- 
ftil naheftehender Ornamentik. Ver- 

Fig. 80. 

Haus zu Lineburg'). 

breiteter als die Felderdecken find die Balkendecken; fie behaupten fich bis in 
das XVII. Jahrhundert. 
Die Beibehaltung der Diele ira ftidtifchen Wohnhaufe bringt verhltnism13ig 
frfih maleri[che Treppenanlagen mit fich. Die Diele hat die 1-16he des Erd- und 
Zwifchengefchoffes, und um die in letzterem gelegenen Wohnr.ume zug.nglich 
«) Ferner: Deuffche Renaiffance, Abt. 8, BI. u-7, 3-37. 
:) Siehe: Deuffche Renaiffance, Abt. 28, BI. 55-58. 
,_« Siehe ebendaf., Abt. 43, BI. t-to. 
l: l Siehe: BOSCHEI';, HI  F. l. #tLTEN. Die Renaiffancedecke ira Schloffe zu Jever. Leipzig t883. 



93 

zu machen, werden im hinteren Teil der Diele Treppen und Galerien offen au[- 
ge[relit. Die Treppen find teils WendeltrepDen, teils Treppen mit geraden LS.ufen. 
Sie endigen am Zwifchengefchofl; nach den RS.umen der oberen Stockwerke 
fi)hren eigene Treppen. Sch6ne Dielen finden [ich noch in Bremen, in Lfibeck 
{Haus der Schiffergefellfchaft I, in Hildesheim, wohl auch in anderen Stidten. \Vie 
weit der ftattliche Innenraum des Leibnitzhaufes in Hannover urfprfinglich ift, 
weiB [ch nicht anzugeben. 

9- Kapitel. 
Die deutfche Sptrenaiffance und der Barock. 
Um 55o ift die oberdeuffche Renaiffance fertig und erhilt fich mehrere 
Jahrzehnte hindurch aui der gleichen Entwickelungs[tufe. Aber [chon etwa von 
50o an entftehen einzelne Werke, welche andere Ziele verfolgen. $ie laffen fremde 
Einflfiffe deutlich erkennen; ihre [tiliftifche Oefamthaltung aber ift deutfch. Das 
Verhiitnis ilt ein thn- 
Fig. 81. 

Fiirftenhof zu Wismar. 
Hoffeite t. 

liches wie bei den 
l'bergangsbauten des 
XIII. Jahrhunderts. Noch 
ift die eigene Empfin- 
dung der Kfinftler fo 
krMtig, dais fie durch 
auslmdi[che Weife an- 
geregt und befruchtet, 
aber nicht beherrfcht 
wird. Diefe M.eifter er- 
kennen an den Werken 
des Auslandes, Italiens 
und Frankreichs, daB es 
in der Architektur h6here 
Kompofitionsprinzipien 
gibt als das rein maie- 
ri[che der deut[chen Re- 
nailïance, und l'ie ftreben 
eine ftrengere und re[ner 
abgexvogene (liederung 
ihrer Faffaden an. Darin, 
weit mehr als in der 
Formbehandlung, unter- 
fcheiden fich ihre Wer- 
ke von denjenigen der 
deutfchen Renaiffance 
ira engeren Sinn. 

.50 cigcnartig und fclbftS.ndig diefe Bauten find, fo kann doch nicht verkannt 
werden, daB auch fie dem Eindringen der italienifchen l,(unft Vorfchub leifteten. 
Die derben und xvillkfirlichen Formen der dcut[chen Renaiffance ftanden in ffutern 
Einklang mit der [re[en Kompofitionsweife des 5tils; fie muP;ten aber rafch ver- 
laffen werden, fobald eine ftrengere und gefetzm,igere Kompofition angeftrebt 

7'). 
Ende 
der 
deutt'chen 
Ienai L  



94 

3 
[" ,. ckftil. 

wurde, hn Orunde find die Schl6ffer zu Heidelberg, Mainz u. a. doch nur Ver- 
ruche, eine Aufgabe felbftS.ndig zu 16fen, die anderw/irts fchon gel6[t war. \Vih- 
rend aber hier die Detailformen Iich dem Gefamt[yftem nur wideritrebend ein- 
ffigen, [ind fie in Italien und [ogar in Frankreich mit ihm erwachfen und aus- 
gebildet xvorden. Es war nicht nur bequemer, fondern auch folgerichtiger, das 
Sftem mit feinen Einzelformen von Italien zu fibernehmen. Schon w/ihrend in 
I-]eidelberg der Friedrichsbau entftand, wurde in Prag und Mfinchen in italie- 
nifchem Stil gearbeitet, und mit dem englifchen Bau drang eine ihnliche Stil- 
richtung auch in Heidelberg ein. Den vielverfprechenden Anfingen einer monu- 
mentaleren Richtung in der deuffchen Renaiffance war eine \Veiterentwickelung 
nicht befchieden. 
Bei diefem Stilwandel, der das Ende der deutfchen Renaiffance einleitet, 
wirken allgemeinere Urfachen mit. Hier follte nur darauf hingewie[en werden, 
daB auch innere Grfinde gerade einigen Hauptwerken der deutfchen Renaiffance 
einen befiimmenden EinfluB auf die Folgezeit veriaen. Der \Vert eines Kunft- 
werkes wird aber zuletzt nicht nach hiftorifchem, fondern nach /ifthetifchem Mal;e 
gemeffen, tmd nicht nur das Heidelberger Schlol3, fondern auch einige andere 
\Verke diefer Ciruppe werden ftets zu den bedeutendften Sch6pfungen der Re- 
naiffance in Deutfchland gezihlt werden. 
Oegen den Ausgang des Jahrhunderts geht die deutfche Renaiffance allent- 
halben in den Barock liber. 
Es mag fraglich erfcheinen, ob man bel einem Stil, welcher von Anfang an 
[o viel des lrrationellen enth/ilt, fiberhaupt von Barock fprechen darf. Der Be- 
griff des Barock fteht noch nicht vollkommen feft. l-leinri«k IVilfflin hat ihn 
zwar be[timrnt definiert, zugleich aber auch befchr/inkt. Nun ift der r6mifche 
Barock, dem W///_/#'s Unterfuchungen gelten, allerdings eine Er[cheinung fiir 
fich, welche ihren eigenen Namen verlangen darf; aber 5.hnliche Erfcheinungen 
treten ara Ausgang jeder Stilepoche auf, und gerade das ihnen Gemeinfame 
mehr als der fpezififche Stimmungsgehalt des r6mifchen Barock das, was man bis- 
her unter dem Wort ,,barock" ver[tanden hat. Es i[t das Hinarbeiten auf ge- 
fteigerte Wirkungen durch H/iufung und 0bertreibung der l:'ormen, die lin- 
dringlichkeit der Formenfprache ira galzen, das Suchen nach Originellem um 
feiner felbft willen, felbft auf Koften der Klarheit des Ausdruckes ira einzelnen, das 
Kaprici6fe, das Malerifche, der Mangel an Naivitt. Der Barock hat niemals die 
Yihigkeit, eine eigene Yormenb-mbolik zu erfinden; er arbeitet mit den l:'ormen 
des alten Stils; aber er verindert fie fo, wie die verinderte tfthetifche Anfchauung 
verlangt. Iïine erregte Stimmung kommt in vielen und groBen \Vorten zum 
Ausdruck. 
In diefem Sinne fit Barock fiberhaupt kein beftimrnter Stil, Iondern eine 
Phare der Stilentwickelung; man kann von einem Barock der Antike, man kann 
von einem [olchen der Ootik [prechen. 
Bei der r6mi[chen und der Florentiner Renaiffance ift der Um[chwung zum 
Barock ein vollftS.ndiger und vollzieht fich in voiler Klarheit. Renaiffance und 
Barock find in Italien trotz der gemeinfamen Grundlage der antiken Formen zwei 
verfchiedene Stile. Bei der deuffchen Renaiffance ift ein fo tiefgehender Unter- 
lchied ira voraus durch das ganze \VeIen des Stils ausgeIchloffen. Das Grund- 
element der Kompofition fit das b, çaleri[che, und die Formen find von allem An- 
rang an nicht frei von \Villkiir und Abfonderlichkeiten. Beides konnte die Sp/it- 
zeit fteigern; fie brachte es aber nicht neu hinzu. 



95 

Diefe Steigerung ift denn auch tatf/ichlich eingetreten; die Formen erhielten 
eine Steigerung und Komplizierung; fie wurden fchwiilftig und iibertrieben. Das 
Wefentliche aber ift die ver/inderte Anfchauung und Stimmung" der Zeit. Ulr[ch 
vo Hu¢¢e hatte teiner Zeit mit rien Worten begrfiBt: ,.Die \Viffenchaften blfihen; 

Fig. 82. 

Entwurf von ll'éndel Dietterhn t:° 

die Geifter regen fich; es ift eine Luft zu leben " Einen folchen Ausruf konnte 
ara Ende des Jahrhunderts niemand mehr tun, der die Zeichen der Zeit ver- 
ftanden hatte. Die gr613ten geiftigen K/impfe hatten das Jahrhundert erffillt, ohne 
zum AbfchluB zu kommen, und was fchlimmer war: ihre Fortfetzung enhprach 
o) Fakf.-Relr. nach: Architeetura. Von Austeilung, Smmetria und Proportion der Ffinf Seulen Durch R'ed-: 
Dietterlin. Nfirnberg tSqS. 



96 

weniger und eniger den groBen Anf.ngen. Dazu kam eine Iteigende Ver- 
bitterung auf beiden Seiten. Der Gegenl'atz in der Empfindungs- und Ausdrucks- 
weife der Zeiten tritt klar zu Tage in der Sprache der beiden l'prachgewaltig[ten 
Schrifffteller des Jahrhunderts: Lu[her's und Fifchar¢'s. Lu[her l'pricht mit un- 
mittelbarer Gewalt, immer und fiberall geradenwegs den treffenden Ausdruck 
feiner Gedanken findend; Fifchar[ verffigt fiber einen Wortreichtum, wie ihn nach 
ihm vielleicht nur noch Riicker¢ befeffen bat; aber er weifl damit nicht Haus zu 

Fig. 83. 

SchloB zu Heidelberg. 
Gl.ferner Saall0au ). 
halten. Die unendliche Flle der Ausdr/cke [tr6mt ihm zu, und ein Begrriff ird 
in vielfachen Synonymen ohne Wahl und Oe[chmack iederholt. GewiB liegt 
auch in 'fchar¢'s Sprechwei[e knftleri[che Abficht; aber der Le[er ffihlt deutlich 
die Freude, welche er an feinen gefuchten 0bertreibungen bat. Das Einf/iltige, 
das uns an vielen $chriften Lu[her's, an l-Je[er Vifcher's und vielen anderen 
Werken der FhrenaifIance erfreut, lit dem fpten XVI. Jahrhundert fremd ge- 
-'1 Nach: 14ocq, J. & F. S[]rz I Das Heidelberger Shlofl. Darmftadt 



97 

worden. Der Gefchmack an gehiuften und fibertriebenen Formen macht fich 
a|lenthalben geltend, und ein Kfmtler, der auch diee [chwffl[tigen Formen mit 
vollem Leben zu ffdlen vermocht hitte, wie Rubens oder Shakefpeare, konnte in 
dem ermatteten Deuffchland nicht erftehen. 
Neben Fifcharl fteht tmmittelbar rein Landsmann |Vendel Diefferlin, deffen 
,Architectttra" ein wfirdiges 5eiten[tfick zu Fifcharl's ,, Oargantua,, ift. Wer [ich die 
Mfihe nimmt, beide Wer- 

Fig. 84. 

ke zu vergleichen, wird 
fiber den Parallelismus der 
Phantafie ftaunen. Auch 
Vendel Dielterlin verffigt 
fiber einen erftaunlichen 
Formenvorrat, den er 
wahllos in feinen Ent- 
wfirfen ausftreut. Er fit 
einer der reichften Oeifter 
der deutfchen Renaiffance; 
aber von dem Verh/ingnis 
diefer Kunft, dag fie in den 
Kleinkfin[ten befangen 
blieb, hat auch er fich nicht 
befreit; ja er hat es gar 
nicht als folches empfun- 
den, l'ondern mit Behagen 
Kun[t und Kunftgewerbe 
 vermengt. Er nimmt bel 
feinen Entwrfen keine- 
Rfickficht auf Material und 
Ausffihrung; fo wie fie hier 
vorgezeichnet find, konn- 
ten grole Architekturen 
niemals gebildet werden. 
Selbft auf die Ootik greift 
er zurftck und knftpft da 
an wo mal vor hundert 
Jahren aufgeh6rt hatte. 
Nimmt man ihn aber, wie 
er ift, fo muB man feinen 
Formenreichtum, reine 
unerfch6pfliche Phantafie 
und die pla[tifche Kraft 
Formen zu einheitlicher Wir- 

Aires Ralhaus zu StraBburga-L 

bewundern, mit der er die widerfprechendl'ten 

kung zu vereinigen weiB (Fig. 82z°). 
Wendel Dietterlin blieb nicht ohne EinfluB auf reine Landsleute; StraBburg 
il't die Heimat des oberdeutl'chen Barock. Olficklicherweife hatten die StraB- 
burger Meifter Daniel Specklin und Johannes Schoch im Oegenfatze zu Diefferlin 
einen h6heren architektoni[chen Sinn als die mei[ten ihrer Zeitgenoffen in Deutl'ch- 
land. Sie haben wel'entlichen Anteil an den zu Anfang die[es Kapitels angedeuteten 
ml Nach: FRI'I'CH» a. a. O. 
Handbuch der Architektur. 11. 7. (- Aufl.) 7 



Schlol 
Heidelbcrg. 

98 

Beitrebungen auf ffrengere (3efetzmtl3igkeit der architektonifchen Kompo[ition. 
Ihnen ift es zu danken, dafi der Barock im [iidv¢eftlichen Deutichland nicht ein- 
fach auf eine Verft/rkung und Verwilderung der Einzelformen hinauslhuft, fondern 
ebenfofehr einen Auffchwung des fpezifiich architektonifchen Empfindens bedeutet. 
Hier ift zunhchft das Heidelberger SchloB zu betrachten, lch behandle es 
im Zufammenhang, obwohl einze]ne [einer Telle der Friihrenaiffance, andere der 
Pa|ladiani[chen Richtung des XVII. Jahrhunderts angeh6ren. 
Das Heidelberger Schlol, hoch iiber der Stadt auf einem Vorfprung des K6nigs- 
ituhles gelegen, ift im Lauie von et'va o_oo Jahren, vom XV. bis in die Frfihzeit des 
XVII. Jahrhunderts, erbaut. Ober reine Oefchichte vergleiche man den unten fie- 

Fig. _8 5 . 

SchloB zu Afchaffenburglj. 

nannten fein[innigen Vortrag-von K. B. SCark ), die eingehenden Unterfuchungen 
von «tzli«zs Koch  Fritz Seh'zls), die Schrift von Alt ) und die Forfchungen von 
Ro¢¢Is). Wir haben uns rur mit denjenigen Teilen zu be[chtftigen, welche, ira 
XVI. und XVII. Jahrhundert entftanden, dem Formenkrei[e der Reraiffance argeh6ren. 
Die Bauten Ludwig V. find noch gotifch; in dem an der Nordfeite des 
Schlol3hofes z\vifchen dem Otto-Heinrichsbau und dem Friedrichsbau ffelegenen 
Pala[t Friedrich I!., dem gltfernen Saalbau (Fig. 83 s) find die Formen der 
deut[chen Frfihrenaiffance angewendet. Es ift eine kleine, freundlich anfprechende 
Kompotition, zwifchen einem vortretenden Fliigel und dem Treppenturm Shulen- 

**) STAa*¢, K.B. Das Heidelberger Schlofi in feiner kunft- und kulturgefchichflichen Bedeutung. Hiftorif¢ 
Zeiffchr., Bd. 6, $. 93 ff- 
Jll) KOCH & SELTZ» a. a. O. 
a}") AL', Tri. Die Enfftehungsgefchichte des Otto-Heinrichsbaues zu Heidelberg. - In diefer Schrift finden fich 
auch de nligen bngaben iiber die "weilere Lileratur. 
«) Mitteilungen des Heidelberger Schlovereins, 5. 
) l'ach einer Photographie. 



hallen in drei Oefchoffen. Was heute vom Hofe aus fichtbar ift, il't wenig mehr 
a|s die t-Ilfte der Fa[Jade. Der 6[tlich vom Treppenturm gelegene Teil fit jetzt 
vom Otto-Heinrichsbau verdeckt. Der Bau ift um 155o erbaut; zwifchen den 
Monumentalbauten, die ihn rechts und links begrenzen, kommt er weniger zur 
Geltung, als er verdiente. Ob er als ein Jugendwerk l-lans Engdhart's ange- 
fprochen werden darf, ift ungewiB. 
Fig. 86. 

Vom kurffirftlichen Schlol zu Mainz''}. 

Friedrich's Nachfolger, Otto tteinrich, der auch den Bau des Schloffes Neu- 
: burg an der Donau begonnen haire, errichtete in den Jahren 1556-59 den nach 
ihm benannten Bau an der Offfeite des SchloBhofes; vollendet wurde er 1563, 
vier Jahre nach Otto l-leinrich's frfihem Tode. 5eit der Zer[t6rung durch A4élac 
kommt frit die kunftgefchichtliche Wfirdigung nur noch die Faffade in Betracht, 
welche ohne Zweifel der Raumverteilung, wahrfcheinlich auch der Aus[tattung 

ntj Na¢h: FRTSCn, a. a. O. 
7* 



lOO 

des hmeren fiberlegen war. Das berfihmte Werk ift oit und ausffihrlich beIprochen. 
Eine erneute eingehende Wfirdigung ift kaum vonnOten; ich vermiSchte fie auch 
nicht zu geben; einige Beobachtungen m6gen genfigen. 
Der Oedanke, eine Faffade durch ein Syftem von Halbf/iulen- oder Pilafter- 
ordnungen zu gliedern und zu beleben, ift der deuffchen und der niederl/indifchen 
Renaiffance nicht fremd; wir find folchen Faffaden fchon zu wiederholten Malen 
begegnet; fait ausnahmsios waren diefe Ordnungen nichts weiter ais ein will- 
kommenes Dekorationsmittel. Hier ift zum erftenmal erkannt, daB die Ord- 
mmgen, ira Sinne der italienifchen Renaiffance aufgefaBt, eine h6here Bedeutung 
haben, daB fie einen idealen Organismus bilden, deffen kfinftlerifche Bedeutung 
in den Verhiltniffen beruht. Die Faffade (fiehe die nebenftehende Tafel} baut 
fich fiber einem hohen Sockel in drei Oefchoffen auf. Ste war mit einem 
hohen Doppelgiebel bekr6nt, der jetzt zerftiSrt ift. Die Breite der Faffade iIt in 
ffmf Doppeltravéen geteilt, deren jede zwei Fenfter und zxvifchen diefen eine 

Nifche mit einer Statue umfaBt. Die 
Kompofition ift reich, doch klar und 
maBvoll. Die Hauptz/ifur der H6hen- 
teilung biidet das dorilche Ciefims 
iiber dem lïrdgefchoB; es fetzt diefes 
in Ciegenfatz zu den beiden Ober- 
gefchoffen. In ihrer Reihenfoige neh- 
men die Oefchoffe von unten nach 
oben an H6he ab. Beide Teilungen 
ind fehr forgfam abgewogen. 
Wie die Abftufung der Stock- 
werke ira ganzen, fo ift auch die 
der Stfitzen, der Ciefimfe, der Fen- 
[ter6ffnungen und des plafti[chen 
Schmuckes aufierordentlich rein. 
Die Formenbehandlung fteht zut 
italienifchen Renaiffance il einem/ihn- 
lichen Verh/iltnis, xvie die Formen der 

Fig. 87. 
Ornament in Knorpeiftii von R.t«er Ka.[lmann. 

burgundifch-romanifchen Architektur zur r6mifchen Antike. Auch der Oeift ift 
ein verxvandter; hier wie dort fibert6nt die klaffifche Empfindung, welche [ich in 
der Oefamtkompofition ausfpricht, aile Mngel und Unbeholfenheiten, von welchen 
das lïinzelne bel ali feinem Reiz nicht freizufprechen ift. Aber nicht auf die 
akademifche Korrektheit aller Formen kommt es bei einem bedeutenden Bauwerk 
an, fondern darauf, daB es in allen feinen Teilen aus einem Oeifte geboren, von 
einer Cirundftimmung befeelt ift, und die[e Bedingung erffiilt der Otto-Heinrichs- 
bau in vollem Mal3e. 
Die Kontroverfen, welche in den letzten Jahren iiber die Frage der Sicherung 
oder Wiederher[tellung des Otto-Heinrichsbaues [tattgefunden haben, haben zu 
eingehenden ftiliftifchen Unterfuchungen gefiihrt. Die erfte Frage ift die 
nach den ideellen Orundlagen der Kompofition. DaB in ihr italienifche Anregungen 
wirkfam waren, beweift die Abftufung der HiShenverh/iltniffe der drei Oefchoffe, 
weiche den Vorfchrif-[en Serlio's ann/ihernd entfpricht. Man bat als fpezielles Vor- 
bild den Palazzo Rovaella in Ferrara namhaft gemacht. Die Analogie be[chr,nkt 
fich darauf, dal ira Syftem drei Fenfter zwifchen zwei Pilaftern ftehen. Ob dies 
gengrt, um ein Abh/ingigkeitsverhItnis zu konftatieren, vermag ich nicht zu 



Schlo[s  

Otto H 

Handbuch der Architektur. II. 7- (2. Aufl.) 



tdeiberg. 

Nach: Koc, J. & F. SFII'Z. Das Heidelberger_SchloB. Darmftadt 1891. 



101 

beufleilen; das eine aber lit klar, das Ethos des Otto-Heinrichsbaues ift ein ganz 
anderes als das jenes Pala[tes. Ein niederl.ndi[ches Motiv erkenne ich in den 
Fen[tern des Erdge[cho[[es. Wenn [ich aber auch in der Kompofition der Fa[fade 
mehrere Kun[trichtungen kreuzen, [o [ind doch die ver[chiedenen Elemente mit 
[icherer Kraft einheitlich verarbeitet, und das groBe Werk [teht anz ffir fich. \Vas 
die nordi[che Renai[[ance ihren Lebensbedingungen gem.B in der harmoni[chen Ge- 
ftaltung einer nach Ordnungen aufgebauten Faffade erreichen konnte, ift hier erreicht. 
Der kla[[i[che Eindruck der Fa[Jade ift bedingt durch ihren warechten Ab- 
[chlul3; ihr Organismus widerfpricht einer Bekr6nung mit Giebeln. Und doch 
war einmal ein Doppelgiebel vorhanden. Die Frage, ob er der urfprfinglichen 

Kompo[ition angeh6rte oder eine [pfi- 
tere Zutat war, ift um[tritten. Sie kann 
und darf nicht nach un[erem Kun[t- 
geffihl ent[chieden werden, das, wie die 
M6glichkeit des Streites zei£t, kein 
homogenes und von dem der Bau- 
herren und Baumeifter des XVI. Jahr- 

.«,«_'' _ -» hunderts [ehr verfchieden ift. So darf 
 die Annahme, daB ur[prfinglich kein 
fen, wenn fie durch objektive Merkmale 
"% daB das oberfte Oe[ims der Faf[ade 
-' __ - --= ,_.__._  ,'- tatfchlich ffir einen geraden AbfchluB 
 [L@-.- ,-,o . '- .., zugerichtet i[t. Datait ift die Frage ffir 
., , ï -   i. jeden, derauBerhalbdesStreitesfteht, 
!l! 1  der Kontroverfegeh6rt nicht hierher't'). 
lt'i! '"ï Uberra[chend war der durch Haup! 
!,./.:.ql'oE    »de : ..... erbrachte Nachweis, dag ira Detail des 
è{  -. Otto-Heinrichsbaues nicht nur ver l 
--- ......... [chiedene Stilrichhmgen zu Woe 
__- .......... . :_ kommen, fondern daB l'ogar einzelne 
- -- Bauteile aus verfchieden [tilifieen 
Zwerchhaus von der Marienkirche Slïlcken zu[ammenge[etz[ [ff'id. Man 
zu Wolfenbiittel"«}. wird ffut tun, die[e Taffache einfach 
hinzunehmen, ohne an fie weitgehende 
Folgerungen zu knfipfen. Es ift m6glich, daB Werk[tficke eines etwas ilteren 
Gebudes Verwendung gefunden haben oder daB einmal ein Wech[el des Planes 
- der indes auf eine v611ig dnheitliche Durcharbeitung der Kompofition hinaus- 
gelaufen rein mul3te -- oder auch der kfin[tleri[chen Leitung [tattgefunden hat; 
aber die Wahrnehmung, daB an einem Bau zu gleicher Zeit ver[chiedene Stein- 
metzen, jeder nach [einer Wei[e, gearbeitet haben, machen wir an fo manchem 
mittelalterlichen Bau, und ein folches Verfahren fit auch r das XVI. Jahrhundert 
nicht ausgefchloffen. Die Harmonie des Geb.udes hat darunter nicht gelitten. 
Bel einem fo auBerordentlichen Werke lit die Frage nach dem Sch6pfer 
tto) Das Material zu [hrer Benrteilung hat Ait m feiner Schrift fiber die Entftehungsgefchichte des Otto- 
Hemrichsbaues zu Heidelberg IHeidelberg t0os) zufammeng¢ftellL 
t) Nach: BISJter f. Arch. u. Kun,thdwk., Jahrg. 6. 



102 

naheliegend und berechtigt. Sie ift noch nicht gel61"t; aber fie iff durch die Ar- 
beit Rolt's in ein neues Stadium gefrihrt worden. Danach wre der kurfrirftliche 
Oberbaumei[ter ftans Engelharl der Meifter des Otto-Heinrichsbaues, der in ge- 
nialem Erfaffen der Ab[ichten reines ffirftlichen Bauherrn den Bau gefchaffen und 
ausgefrihrt habe. Der voile Nachweis ift mit dem bis jetzt aufgefundenen archi- 
valifchen Material nicht zu liefern; aber von allen, welche bis jetzt genannt wur- 
den, hat Engelhart das meifte Anrecht auf den Ruhmestitel des Meil'ters des Otto- 
l leinrichsbaues. Das Oefpen[t Peler i=16lner's aber, der Irrwifch der deuffchen 
l<unftfor[chung, m6ge endlich einmal gebannt werden. 
AIs Friedrich IV. mehr denn dreiig Jahre nach der Vollendung des Otto- 
Heinrichsbaues den nach ihm benannten Palaft an der Nord[eite des SchloBhofes 
erbaute, waren die Zeiten andere 
geworden. Der Meifter des Fried- Fig. 89. 
richsbaues ift bekannt; es ift der 
StraBburger ]ohannes Schoch 1  ). 
Diefer bat ffir die Hoffaffade das 
l<ompofitionsmotiv des Otto- 
Heinrichsbaues ribernommen, 
aber das H6henverhiltnis ge- 
ndert. Obwohl der Bau an der 
tiefften Stelle des Hofes fteht, 
client der Sockel nur zur Aus- 
gleichung der H6henunter- 
fchiede der Bodenflche. Die   _=-- 
:. 
der gefamten H6he ein; die bei- 
den oberen [ind unter [ich wieder 
gewandten AuBenfeite ift ein 
hoher Unterbau n6tig; aber, 
durch die vorliegende Terraffe 
verdeckt, fpricht er in der Er- 
[cheinung nicht mit. An diefer 
iufierenFaffade (fiehe die neben- Von den Arkaden des Rathaufes zu BremenlV-'). 
ftehende Tafel) fit das Syftem 
der Doppeltravéen aufgegeben und ein einfaches Pilafterfyffem durchgeffihrt. 
Sie ift die bedeutendere. 
Vas am Vriedrichsbau zunchft auffillt, ift die riberquellende Kraft der 
Oliederung im ganzen wie ira einzelnen; es i[t etc, as furchtbar Strirmifches in 
dem Bau, eine [eltene Wucht des [truktiven Oerriftes, gegen welche das Detail 
allenthalben vordrngt. Die l<onflikte find nicht riberall gel6ft; in den l<r6pfungen 
der Oe[imfe, ira Auf- und Abfchwellen der Pilafter herrfcht groBe Unruhe. Die 
Venfter [tehen arg gedrngt zwifchen den Pilaftern, und noch gedringter fit die 
Hoffaffade. Aber aus der Vrille der Vormen treten die groBen Teilungslinien des 
Syftems doch klar heraus. Vortrefflich ift der Oegenfatz der mchtigen unteren 
zu den leichter werdenden oberen Ordnungen. Die Detailbildung fit nach oben 
meifterhaft zu gr6Berer Ruhe abge[tuft. 
") Vergl. hierfiber: Koc & S[TZ, a. al Ol , S. 114 1 ferner: Stxafiburg und reine Bauten. Strafiburg )894- 
01) Nch: :RITSCH. 3. al Ol 



o3 

Blicken wir auf den Otto-Heinrichsbau zur0ck, fo erkennen wir iln allzell 
wie ira einzelnen das verinderte Fiihlen der Zeit. Der Sinn fr das architektonifch 
GroBe ift erwacht; der Bau ift barock. Ira Unterfchied zut geometrifch fl/ichen- 
haft geteilten Faffade des Otto-Heinrichsbaues ift der Friedrichsbau ffir die per- 
fpektivifche Wirkung von beftimrnten, nahe gelegenen Standpunkten gedacht und 
durchgeffihrt. 
Den SchluB der Heidelberger SchloBbauten bildet der von riedrich V. 
haute Englifche Bau, der 65 vollendet war. Er ift das Werk eines Deuffchen 

Fig. 9 ° . 

Porlal eines Haufes zu Bremen"a). 

der fich der Richtung laalladio's all- 
gefchloffen hatte. Vervollft/indigt 
wurde die Schlol3anlage durch herr- 
liche (3artenanlagen, von denen jetzt 
nur noch geringe Spuren vorhanden 
find. Dazu die wahrhaft k6nigliche 
Lage. Sie ift dem Schlog als 
verlierbares Out geblieben, auch in 
der traurigen Ver6dung, der es in 
zweihundertj/ihriger Leidenszeit an- 
heimgefallen ift. Blicken wir vom 
Tal zum Schlog empor oder treten 
wir in den SchloBhof, fiberall er- 
freuen uns malerifche Bilder. Der 
maleri[che Eindruck ift jetzt der vor- 
herrfchende; er war es von allem 
Anfang an. Die malerifche Oefalnt- 
wirkung einigt die ftiliftifch fo ver- 
fchiedenen Bauten. So bedeutend 
diefe find, man muB fie aus dem 
berwfiltigenden Oefamtbilde aus- 
lefen, um fie als einzelne 1<unftwerke 
zu genieBen. Da wird man dmm 
gewahr, dag bei der Wirkung der 
einzelnen Bauten weit weniger auf 
Rechnung der Ruinen[ch6nheit 
kommt, als man auf den erften Blick 
annimmt, und dal$ fie noch jetzt eine 
ganz wefentlich architektonifche ift. 
In freier Verwendung des Kom- 
pofitionsmotivs des Otto-Heinrichs- 

baues hat Danid Specklin die Faffade des alten, um 1585 erbauten Rathaufes zu 
StraBburg (Fig. 84.0 entworfen. Das Syftem der Doppeltravéen ift dahin ab- 
ge/indert, daB an den Hallen des Erdgefchoffes jedem zweiten Pfeiler ein Pilafter 
vorgelegt ift und daB in den Obergefchoffen an Stelle der Nifchen Pilafter getreten 
find, welche allerdings fchw/icher und anders gebildet find als diejenigen ber 
den unteren Pilaftern. Die Doppeltravée ift beibehalten; aber ihr Rhythmus ift 
unentfchieden. Das gleiche gilt von der Abftufung der Oefchoffe. lin einzelnen 
kfindigt fich die Formgebung des Friedrichsbaues an, der ja auch von einem 
StraBburger Meifter ausgefhrt ift. 

mj Nach einer Photographie. 

75. 
Ahes 
Rathau5 
SIr.d,bm 



o4 

6. Einem anderen StraBburger Mei[ter, (3eorg Ridingerl"), begegnen wir in 
s«hoa dem in rien Jahren 16o5-14 fiir Erzbi[chof Johann Schweikard erbauten Schiol3 
zu 
^,chaff,b,,rg. ZU Afchaffenburg (fiehe Fig. 851) und die nebenItehende: OEaIel). Das Schlog auf 
einer Anh6he fiber dem Main gelegen, ift eine regelmil3ige, fait quadrati[che, 

Fig. 9L 

Trumrahmung aus dem goldenen Sa,al ira SchloB zu BiickeburgU). 
einen Hof umfchliel3ende Anlage mit vier Ecktrmen. Ira Hof ift ein 5.1terer 
Turm in rien Bau aufgenommen, der die trenge Symmetrie der Oefamtanlage 
unterbricht, aber nicht ganz aufhebt. Die Grundril31:orm kommt in Frankreich 
) Ober Ridmger und das Schlofl zu Afchaffenburg vergl. : SCHL'LZE-KOLBI'rZ, O. Das .5chloB zu Afchaffenburg. 
Strafiburg 905. - Hgus.E, E. Oeorg R/dinger. Sral3burg 9o6. - ScqEDE, F'. Das SchloB zu Afchaffenburg und 
.ein Erbauer. lainz 9o6. - Bum, J. Das SchloB In Afchaffenburg, Beil. z. AIIg. Zig. 9o6, Nf. 5- - Derf., Zut 
lqd3nger Fage. EbendaL 9c6, Nr. 



Handbuch der rchitelctur. II. 7. {2. ufl.) 

Schlofs zu 



çchaffenburg. 

Nach: D¢uffche R¢naiffance, Abl: "6. 



lo5 

nicht felten vor und fcheint von da fibernommen zu rein. Der Aufbau entwickelt 
Iich nicht in Sulen- oder Pilafterordnungen; aber die Gefchoffe find durch krM- 
tige Ciefim[e getrennt. An den Tfirmen [ind etxvas zu viele xvagrech¢e Linien. 
Der ffeometrifche AufriB lBt die Wirkunff des ftattlichen Baues kaum ahnen. Die 
Ciruppierunff ift von Mien Seiten gut, von Seite des Fluffes fehr bedeutend (Fig.85). 
Auch der Hof lit Iehr fch6n; die Treppentirme in den Ecken, die ZxverchhiuIer 
fiber der Mitre der Fronten und die fiberragen- 
Fig. ¢)2. den uBeren Ecktirme fchlieBen fich zu reichen, 
wirkungsvollen Gruppen zulammen. Das Detail 
ift dem des Rathaules zu StraSburg und des 
Friedrichsbaues zu Heidelberg verwandt. Zu 
den deutlchen Formea treten niederlndilche Mo- 
 tive, facettierte Quader u.a. Aile Einzelheiten 
[ind forgffiltig und fc11¢)1 gearbeitet. 
Der fgleichen Richtunfg geh6rt das Schh,B 
Ciottesau bel Karlsruhe an, 1588 erbaut; dam 
,  der Flfigelbau des Rathaules zu \X'irzburg (Iiehe 
Fig. 43, S. 54), bei kleinen Abmeffunge|l fgro[], 
vielleicht ein \Verk des Freiburgers 
der auch ara Bau der Univerfitit beteiligt war. 
Eine Sonder[telhmg nimmt das kurfflrfdiche 
SchloB zu Mainz (Fig. 86 a') ein. Es ift begon- 
 rien unter Erzbifchof 0'o Ch'iftia ,o (ïrc'n- 
klau (626-29) als Erweiterung der alten Martins- 
burg. Der von Erzbifchof von Or«'nklau be- 
gonnene Sidflfigel kam erft zwiIchen 675 und 
 078 unter Damian Hartard voa d«r Lo'«t durch 
den Kapuziner Pater A¢athias ro Saarbm zum 
AbfchluB, nicht ganz nach den urlprfinglichen 
Plnen. Fier die Jahre 03o-32 nimmt Fri«dri«h 
S«hn«id«'r die Bauleitung ffir Elias Holl in An- 
lpruch. Noch um die Mitre des XVlll. Jahrhun- 
derts xvurde ira Anfchlul an das Beftehende ein 
weiterer Fligel erbaut '). 
Der Bau verfolgt fihnliche Ziele \'ie der 
tto-Heinrichsbau in Heidelberg und das Rathaus 
zu StraBburg; ihm eignet eine grol3e Klarheit der 
..... Faffadenentxvickelung und eine kihle Vornehm- 
--. heit d er Empfindung. D iefe Eigenfchaften w e ilen 
ebenfo, xvie vieles in den Einzelheiten, auf flan- 
Haus an der Langgaffe zu Danzig"¢). z0fifche Studien hin. Der Naine des Meilters fit 
nicht bekannt. 
In den eben befprochenen Bauten iIt ein neues K.ompo[itionsprinzip in die 
deuffche Renaiffance eingeffihrt; die Bedeutung der Verhltniffe frit die Gliederung 
der Faffaden ift erkannt, vielleicht nach eigenen Beobachtungen in Italien, wahr- 
fcheinlicher nach den Lehrbfichern des Scamozzi und Serlio. Sie ffihren aus der 
t) Siehe: SCHNEIDEI, F. Denkfchrift zut Herftellung des ehemaligen kurffirftlichen Schloffes zu Mainz. 
Mainz t897. -- Derf.: Elias Holl von Augburg ara Bau des kut{irftlichen Schloffes it .Mainz if,3 o 32. Zeiia'chr. f 
Bauw. 19o4, S. 56L 
t) Nach einer Photographie. 

ï/. 
Schlnll 



o6 

deut[chen Renaiffance hinaus; aber diefer IDbergang tritt zu einer Zeit ein, da in 
Italien der Barock fchon allgemeine Verbreitung gefunden hatte, und einige der 
Bauten find felbft bereits barock. Aus die[em Grunde konnte die Bewegung trotz 
der hohen Sch6nheit der einzelnen Werke keine auffteigende lïntwickelung haben. 
l)arauf ilt [chon oben hingewie[en. Eine innere Verwandffchaft ail die[er Bauten 
lit nicht zu verkennen; aber fie [tehen fich nicht fo nahe, daB man von einer 
Schule fprechen dfirfte. 
Frit die lpitere Zeit liegt der Mittelpunkt der Bewegung in StraBburg. Dort 
haben Daniel Specklin und Johannes Schoch gewirkt; Oe'org Ridinge'r ilt von da 
ausgegangen und daB W. Beringer zu StraBburg in Beziehung geltanden habe, 
itt wenig[tens anzunehmen. 

Fig. 93- 

78. 
Nieder- 
deuth:her 
Bar,t 

Gartentor von Rubens' Haul'e zu Antwerpenl«). 

Auch iii Niederdeut[chland tritt gegen Ende des XVI. Jahrhunderts der Um- 
[chlag zum Barock ein. Die Kornpofition ift daran kaum beteiligt; es handelt 
fich nur um einen \Vandel des Dekorationsftils. Auch hierin IÏnd die Gegenftze 
gcringer als in Oberdeuffchland; denn die niederdeut[che Renaiffance enthielt ,con 
Anfang an mehr barocke Elemente als die oberdeuffche, und diefe entwickeln 
fich ira Laufe des fpiten XVI. Jahrhunderts zu einem wilden, aber in fich kon- 
fequenten Stil. Die Ab[icht geht auch hier auf einen durch reichen Wechfd 
von Licht und Schatten hervorgebrachten Gefamteindruck, dem gegenfiber Klar- 
heit und Reinheit der Linienffihrung zurficktreten. Es ift, als ob die Fonnen 
durch die gedrSngte Stellung gequet[cht und aus der Flche herausgedrfickt wfirden. 
Namentlich gilt dies von allen Voluten, welche fich nicht mehr in reinen Spiral- 
linien entwickeln, fondern, in die Breite gedrfickt, zuweilen fart eckig werden. 
Die Rippen des fchlaffen Akanthuslaubes werden mit Reihen von warzenartigen 
Auswfichfen be[etzt; die Kartufchen, welche ftets an ein lederartiges Material 
*) Nach: (3tg'Lil'l', C. Gefchichte des Barock[tils und des Rokoko in Deuffchland. Stuttgart 889. Bd. 11. 



o7 

denken lieBen, werden zu widrigen Maiien von aui- und abquellenden Flichen, 
welche das Ausfehen haben, als ob fie aus weichen, frifch abgezogenen Fellen 
gebi|det wiren. Es iff das fog. Knorpelwerk. Rutger Kaflmann, die[er KunR 
fonderlicher Liebhaber, hat 1659 unter dem Titel ,,Architektur nach antiquite- 
tiicher Lehre und geometriicher Austeilung- in C61n ein Mu[terbuch die[es 
Knorpefftils herausgegeben. Seine Ent- 
Fig. 94- wrfe (Fig. 87) fcheinen Phantafiege- 
bilde zu rein, welche jeder Ausfhrung 
--< fpotten; wer fich aber die Mhe nimmt, 
die Eptaphien von 164o-6o in den 
norddeuffchen Kirchen zu betrachten, 
= wird inne, dag Kaflmann nur Formen 
------ - gibt, welche in weitem Umkreis fchon 
" fiblich waren. Wohl das wilte[te von 
den grol;en GrabmSJern fit dasjenige 
des Herzogs Auguf[ von Lauenburg und 
feiner Gemahlin Ka[harina (von 1649) 
_- ira Dom zu Ratzeburg. (lberhaupt iit 
die Ausftattung der Kirchen das eigent- 
liche Oebiet des norddeuffchen Barock. 
Oanz einheitlich und von fch/mer 
Oefamtwirkung ilt die Ausftattung der 
Jefuitenkirche in C61n (von 1627), eines 
der frfihelten Werke des Knorpelltils. 
lïinzelne Ausftattungs[tficke finden lïch 
in allen gr6Beren Kirchen Norddeutlch- 
lands vom Rhein bis nach PreuBen. 
Ge[ammelt und fyltematifch geordnet 
wfirden fie ein fehr vollkommenes Bi|d 
der Stilentwickelung geben. 
---q Daffegen ift die Zahl der Barock- 
bauten nicht [ehr grog. Wenn ira ld- 
weltlichen Deuffchland der Eintritt des 
Barock mit einer Hebtmg des architek- 
tonifchen Sinnes in Zu['ammenhang 
 [teht, fo gilt ein gleiches ffir Niedêr- 
 deutfchland nicht in folchem Umfang; 
 -- man hilt ira allgemeinen an der Kom- 
--  po[itionsweifê der Renaiffance feft. Ein- 
 zelne Ausnahmen find zu konftatieren. 
Kollegienhaus zu HoornV). lin Dien[te des Herzogs von Braun- 
fchweig-Wolfenbfittel war Paul Franke 
(1538--1615} fS.tîg, ein fehr felbftS.ndiger und groBer Kfinftler. Seine beiden Haupt- 
werke, die UniverfitS.t zu Helmftfidt (150"2--97) und die Marienkirche zu Wolfen- 
bfittel 06o8 begonnen und erft um 166o nach vielen Unterbrechungen vollendet), 
find einfach und groB gedacht und durch bedeutende VerhS.ltni[[e ausgezeichnet. 
Die UniveriitS.t in HelmffS.dt ift ein rechteckiger Bau; er hat zwei hohe Stockwerke 
mit groBen Fenftern und an den Schmalfeiten hohe, reich gebildete Oiebel; an den 

*) Nach: Eg ESECg, a. a. O. 



lo8 

Lang[eiten pringen aus dem Dache je drei ZxverchhS.uer vor; an das eine lehnt 
lich ein achteckiger Treppenturm an. Die Marienkirche in Wolfenbiittel i[t eine 
dreffchiffiffe Hallenkirche (vergl. I<ap. 11, l,owie Fig. lo9 u. 11o); der Innenraum 
ift von ernl,ter Sch6nheit, fel,t und l,icher gel,taltet; weniffer befriedigt das 3,ul3ere. 
Die Zwerchh/iul,er aus der letzten Zeit der Bautigkeit an der I<irche (1657, 
Fig. 881"), in rien Verh/iltnillen und dem Relief der Gliederungen wohl abffe- 
woffen, lind ira Detail Beil,piele des wfil,tdten Knorpefftils. 
Ein Zeitgenoffe Paul Franke's ift Liider vbn Bentheim lso) in Bremen. Er 
hat von 10o9 an rien Umbau des Rathaules (fiehe die nebenltehende Tafel) fie- 
leitet, deffen jetzige Erfcheinung, wenn nicht in der ffel,amten Ausffihrung, l,o doch 
ira Entwurf ihm zuffel,chrieben wird. Der 
Bau i[t aus dem XV. Jahrhundert; auch eine Fig. 95- 
l talle an der Sfideite war l,chon urfprfing- 
lich vorhanden. Liider von Bentheitn erl,etzte 
fie durch eine von toskanil'chen Siulen ge- 
tragene Arkadenreihe, welche von einem ç. 
hohen Fries und einer Balu[trade bekr/Snt 
final. Alle F1/ichen l,ind mit reichftem Relief- 
l,chmuck in barocken Formen geffillt (Fig. ..î 
89 "). I'ber den drei mittleren Arkaden _-'_ 
erhebt [ich ein von einem hohen Oiebel be- , 
kr6nter Rifalit. Zwei kleinere Giebel [tehen 
ihm zur Seite. Ein kr/ifliges Gefims um-  
zieht den ganzen Bau. Diel,e oberen Telle 
weichen in ihrer Formenbehandlung von der 
unteren Halle ab. Die Kompofition ift im 
ganzen wie ira einzelnen vortrefflich. Be- 
wundernswert i[t, wie durch die Zutaten 
Liide/s der einfache mittelalterliche Bau , _ 
lebendig gruppiert wird. Dies wird noch 
den Bau mehr von der Diagonale aus be- 
trachtet (vergl. fig. 168). Uberhaupt tritt der ïl 
Unterl,chied zwifchen geometril,cher und . 
perl,pektivil,cher Anl,icht an diel,em Oeb/iude 
bel,onders klar zutage. 
Die Halle ira ObergefchoB ift einer l-laus zu Gent,,). 
der ftattlichften innenrSume, lhrer Anlage 
nach mittelalterlich, zu verl,chiedenen Zeiten mit Zutaten verfehen, bat fie ihren 
heutigen Charakter im xvelentlichen im Beginn des XVII. Jahrhunderts er- 
halten. Die RSume, welche in rien beiden Stockwerken des Rifalits untergebracht 
final, l,ind gegen die Halle durch Holzwinde abgel,chlol,l,en; eine Wendeltreppe 
fflhrt zu dem oberen, der Ouldenkammer. Die Ausffihrung der Winde und der 
Treppe il,t reich und /iul3erl,t wirklam, wenn auch nicht frei von barocken Ober- 
ladungen. Ungemein liebenswiirdig l,ind die dekorativen Figiirchen:,"). 
,-o) Nheres fiber diefen Meil'ter fiehe in : Focal, J. De Werkmeifter des Rathausumbaus. Bremifches Jahrbuch, 
Bd. XIV, S. 29 ff. -- ferner: Pat'J, O. Die Renaiffancebauten Bremens ira Zufammenhange mit der Renaiffance in 
Nordxreltdeutfchland. Gttingen 888. S. 55 ff- 
) Nach : Esrc<, a. a. O. 
) Siehe die Aufnahmen in: Deuil'che Renail'fance, Abt. 34, BL 3-33- 



lthus  

Handbuch der Archileklur. 1I. 7- (e. Aull.) 



rernen. 

Nach: FlnC» l. E. O. Denl<rnler dcuffcher I¢nai[al¢e Berlin o-¢. 



109 

Den Stil des-Rathaules finden wir wieder an der lch6nen Fallade des 
t(rameramtshaufes (1619--1), an der lich, wie ara Rathaufe, niederlindifche und 
deutfche Dekorationsmotive vermengen. Auch das iïffighaus in der Langengalle, 
16t8 begonnen und nicht ganz einheitlich durchgeffihrt, geh6rt einer ihnlichen 
Richtung an. Ganz nahe, Langengaffe 16, lteht ein weiteres Barockhaus. \Vie 
das Effighaus hat es in der Breite drei Achfen und baut fich in vier Ordnungel 
und Giebel auf. Die Tfir (Fig. 9o) ift ganz befonders kaprizi6s. \Veit ftattlicher 
als diele fchmalen Dreifenlterhiufer, ift das Leiblfitzhaus in Hannover (von 165---). 
Das lçompolitionsmotiv ift das aus dem Holzbau hervorgegangene niederl/chfifch- 
weftfililche; aber es ift hier zu einer feltenen (3r6Be gefteigert. Das Detail ilt 
ganz barock. 
Fig. 96. Ira SchloB zu Bfickeburg ift die Tfir des goldenen Saales 
mit ihrer Umrahmung zu nennen (Fig. 9 '). Hier feiert die 
-,'«-;_ ausfchweifendfte Barockphantaiie ein wahres Bacchanal. Wen- 
del Dietterl#'s wildefte Entwfirfe find in plaftifcher Ausffih- 
rung fiberboten. 
Die Stadtkirche in Bfickeburg ift ein fch6ner und ernfter 
[[--ï![[[[[[[[-|[ lnnenraum; ihre hochbarocke Faffade ift ganz niederlindifch. 
Niederlndifch find auch die Barockbauten Danzigs. Das hohe 
  .: g-- Tor ift fchon in Art.65 (S. 75)el-wihnt. Das lch6ne l-[aus an der 
Lang.g.afl'e (Fig. 9 _) hat reine nichften Analogien in Brfiffel. 
Uber den Barock der Niederlande mull ich mich wieder 
,iœe  auf einige Bemerkungen belchrinken. Der niederlindifche, 
namentlich der flandriiche Barock i[t nicht unmittelbar aus der 
I .i-oEv-I llf ' Renaiffance des Landes hervorgegangen. \Vohl enthlt diefe, 
_ wie fchon bemerkt, viele l(eime des Barock. Der Florisftil, 
" Sonderbarkeiten aller Art, fo dal3 man fie, rein formal be- 
l _ i / trachtet, fart ebenfogut dem Barock als der Renaiffance zuzihlen 
[--1 l.,l k6nnte; der flandrifche Barock aber ift doch erft das Ergebnis 
Il , ' ** [ 
miler ftehen den italienifchen Vorbildern lehr nahe; im all- 
Syftem des Hofes gemeinen aber werden die italienifchen Motive doch fo felb- 
in der B6rfe 
zu Lille,). [tindig verarbeitet, daB eine l(un[t von entfchieden lokaler 
Firbung entfteht. Wie weit diefe italienifierende Richtung der 
flandrifchen lçunft, die wir ja auch in der Malerei und Plaftik wahrnehmen, mit 
der Gegenreformation zufammenhin, xve niher zu unterfuchen; daB fie durch 
die zahlreichen und bedeutenden Bauten der Jefuiten gef6rdert wurde, ift kaum zu 
bezweifeln; aber die Jefuiten l'ind nicht die Ffihrer der Stilbewegung, fondern fie 
fchlieBen fich ihr an. Als die eigentlichen Begrfinder des flandrifchen Barock find 
Jacques Franquart und l>eter Paul Rubens zu betrachten. Rubens war nur in ge- 
ringem Mage als ausffihrender Architekt titig; er erweift fich auch in der Bau- 
kunft als ein durchaus felbftS.ndiger Kfinftler (Fig. 93)- Durch reine Aufnahme der 
Oenuefifchen Palifte, welche 1622 in Antwerpen erfchienen, bat er wenigftens 
theoretifch fiir die Aufnahme des italienifchen Barock gewirkt. Auch andere nieder- 
lindifche Baumei[ter mfiffen in Genua und Mailand Studien gemacht haben. Ira 
Kirchenbau bleibt der Zu[ammenhang mit Italien tro'tz der formalen Verfchieden- 
heiten ein engerer, weil die Hauptmotive der I(ompofition hier wie dort die gleichen 

m) Nach: Yseuvc, a. a. O. 

Nieder- 
Indifcher 
Barocl,. 



II0 

[ind. (Vergl. Kap. 11.) lin Profanbau werden die typifchen Formen der fchmalen, 
hohen Giebelhiu[er, wie fie Iich [chon in fpatgotifcher Zeit ausgebildet hatten, bis 
in das XVIII. Jahrhundert feftgehalten. Das Haus der Gerber in Antwerpen (von 
1644) unterfcheidet fich nur in der Einzelgeftaltung, namentlich der oberen Teile, 
von den in Fig. 3 (S. 16) u. 51 (S. 65) darge[tellten Bauwerken. Auch das Kolle- 
gienhaus in Hoorn (Fig. 941:') unterfcheidet fich mehr durch die formale Behand- 
lung der Ordnungen und die gefuchte Bildung des Oiebels als durch den ge- 
[amten Aufbau von alteren Bauten. Hier [ei dann nochmals auf das in Fig. 92 
abgebildete Haus in Danzig hingewiefen. (3anz [pat, 1697--99, final die Zunft- 
haufer auf der Orande Place zu Brfiffel, an denen Einwirkungen der franz6[i[chen 
Kunft nicht zu verkennen lïnd. 
Charakteriftifch bleibt dem niederlandifchen Barock die Vorliebe frit die 
ifchung von Backftein und Hauftein. Die Gliederung behalt [rets eine gewiffe 
Zierlichkeit und wird felten fchwer und maffig. In den Umrillinien der Um- 
rahmungen von Fen[tern und Tfiren, fowie an den Giebeln [ind pedmltifche 
Scherze beliebt; das Pfillungsornament hat gew6hnlich die Form der Kartufche, 
und zwar der aus dem italieni[chen Barock abgeleiteten. Fig. 95), ein Haus in 
Gent vom Jahre 1675 und Pig. 96), Syftem des Hofes der B6r[e in Lille, die 
151 von dem ftadtifchen Werkmeifter Jtdien Deftré erbaut ift, m6gen veran[chau- 
lichen, was in Worten nicht klar zu machen ift. 

o. l<apitel. 
Die italienifche Renaiffance und der italienifche ]3arock 
in Deutfchland und in den Niederlanden. 
\Vahrend der ganzen Epoche der Renaiffance entftehen in Deuflchland Bau- 
werke, welche der italienifchen Renaiffance zugezhlt werden mfiffen, [owie [olche, 
welche ihr wenigftens naher [tehen als der nordifchen. Sie [tehen untereinander 
nicht oder nur ausnahmsweife in Zu[ammenhang, und ihre Einwirkung auf den 
lokalen Stil ift meift keine groBe. (31eichwohl ift ihre gefchichtliche Bedeutung 
nicht gering; l'ie leiten in den germani[chen kandern die internationale Periode 
des Barock und Rokoko ein, in der die regionalen Unterfchiede in der Architektur 
mehr und mehr ver[chwinden. Allerdings ara MaBftabe der italienifchen Hoch- 
renaif[ance dfirfen fie nicht gemel'[en werden. Ihre Ent[tehung liegt diesfeits des 
H6hepunktes der Renaiffancebewegung in Italien, und die Italiener, welche, von 
geiftlichen und weltlichen Ffirften berufen, nach Deuffchland kamen, waren nicht 
die er[ten /ieifter. Gleichwohl reicht manches an die Durchfchnittslei[tungen der 
italieni[chen Iunft heran. Die fpate Ent[tehungszeit der meiften von diefen 
\Verken erkl.rt hinlanglich, daB wir an ihnen der Grund[timmung der italienifchen 
Renaif[ance, der iii fich felbft be[chloffenen Klarheit und ruhigen Harmonie, nur 
felten begegnen, lhre Zeit war auch in Italien vorfiber. Die Rfickwirkung der 
kirchlichen Bewegungen in Deutfchland war nicht ausgeblieben; der (3egenfatz 
von Gott und Natur, den man in der bedingungslo[en Bewunderung des klafii[chen 
Altertumes mehr und mehr aul3er acht gelaffen hatte, hatte fich aufs neue aufgetan 
und war fchrfer denn je zuvor erfaBt worden; die Gemfiter waren gedrfickt, 
leidenfchaftlich erregt und zu weicher Hingabe geneigt. Die[e Stimmungen 
fprechen fich in der l<un[t der (3egenreformation, dem Barock, aus. Der italieni[che 
Barockftil [pricht eine kraftige und eindringliche Spmche; er weiB zu packen und 
will er[chfittern; er ift in der Wahl [einer Ausdrucksmittel nicht ang[tlich. Durch- 



111 

aus pathetifch, bringt er aile Empfindungen in gefteigerter, oft in fibertriebener 
Wei[e zum Ausdruck. Ob der italienil'che Barock hinlïchtlich reines Stimmungs- 
gehaltes ohne die Gegenreformation die Richtung genommen h/itte, die er tat- 
l'/ichlich genommen hat, ift mehr als fraglich; aber eingetreten w/re er ira 
XVI. Jahrhundert auch ohne fie; denn die Renail'fance hatte um 15oo ihren H6he- 
punkt erreicht. 
Es liegt ira Wel'en jeder Sp/tkunl't, daB fie ihren Anf/ngen gegenfiber mit 
gel'teigerten, aber derberen /'litteln arbeitet; der italienifche Barock hat aber vor 
analogen Stilphal'en anderer Epochen und L/inder eine Gr613e der Gefinnung vor- 
aus, welche l'elbl't der Renaifl'ance gegenfiber als eine, wenn auch einfeitige 
Steigerung gelten kann. Er reflektiert die Majel'tt der Ecclefia militans, und er 
hat mit ihren Sieg erfochten; aber die b(irche weiB, warum fie das Mittel, das 
ihr vor drei Jahrhunderten gute Dienfte leiftete, heure beifeite ftellt. Der Barock- 
l'til ift in feinen Anf/ngen ein kirchlicher; allein die Glanzenffaltung, welche zu 
bet/tigen die b(irche im XVI. und XVII. Jahrhundert ffir n6tig hielt, lockte die 
GroBen derErde, fich mit /ihnlichem Glanz zu umgeben. Der Stil wurde fofort 
auch Palaffftil, und er hatdie l,(ompofition des Palal'tbaues më, chtig gef6rdert. Die 
Abmel'fungen l'teigern fich; der Verkehr im lnneren wird durch Ginge und Vor- 
i'le verbel'fert; ftattliche Treppen in reichfter und bequemfter Anlage dfiden nicht 
fehlen. Das Motiv der langgeftreckten, durch ein mittleres und zwei feitliche 
Rira.lire gegliederten Fronten, das noch heure die l,(ompofition grol3er Faffaden 
beherrfcht, ift eine ErrungenfchaI-t des Barocks. 
Der italienifche Barock ift in h6herem Grade international als irgend ein 
Stil vor ihm; die nationalen Unterfchiede in der Baukunft find zu keiner Zeit 
geringer als unter l'einer Herffchaft. Der Stil rand im l'pë, teren XVI. tmd im 
XVII. Jahrhundert im katholifchen Sfiddeutfchland wie in den Niederlanden Auf- 
nahme. Barockkunft ift fart ailes, was die Italiener und die italienifch gebildeten 
Niederlnder in Deutfchland im Dien[te der Kirche, der Ffirften und des Adels 
gefchaffen haben; nur in einzelnen von diel'en Werken waltet noch die reine An- 
mur der Renaiffance. 
Hier muB an erfter Stelle das Belvedere auf dem Hradfchin in Prag ge- 
nannt werden, 1536 von I9aolo della Stella begonnen, ein Luft- und Sommerhaus 
in einem fch6nen Garten. Es ift trotz der etwas derben Formgebung reine 
Renaiffance. Schon die ganze Anlage, ein rechteckiger Bau ohne Gruppierung, 
von einer lichten Bogenhalle auf fchlanken jonifchen Së, ulen umgeben, fpricht 
dies klar aus, und die Verh.ltniffe fagen dasfelbe, b, lan hatdie Bafilika in Vicenza 
als Vorbild genannt; die Nachahmung befchrë, nkt fich indes auf den Umril3; ailes 
Einzelne ift anders. Die innere Ausftattung ift nicht mehr die alte15). 
Italienifch fit die Dekoration des Schloffes Stern bel Prag, eines /ilteren Baues, 
der durch I9aolo della Stella neu dekoriert wurde. 
In Landshut begann Herzog Ludwig 1537 den Bau eines ausgedehnten 
Palaftes. Der Flftgel an der Alfftadt ift von Nikolaus Oberreiter und dem Augs- 
burger Baumeifter Bernhard Zwitzel im Stil der frfihen deutfchen Renaifl'ance er- 
baut, leider aber fal't ganz umgeftaltet worden, lhm fchliel3en fich, einen Hof 
umgebend, drei weitere l:lfigel an, und ein Anbau erftreckt fich bis an die Ifar. 
Der Erbauer war ein Italiener aus der Schule Sammichele's, Antonelli aus b, lantua. 
Der Hof, von ftrenger Formgebung und wohlabgewogenen Verh/iltniffen, ift fehr 
") Siehe die be'. Aufnahme in: FRTSCH, a a. O. - ferner die einfchlgige Abbildung in: DOHt, tE, a. a. O., S. 33t 
- endlich: Teil IV, Halbband  (Fig. 9, $. 93, [2- Aufl. : Fig. 25 o, S. 2zo]) di¢[es ,,Handbuches-. 

llalienifchc 
Baufcn 
in 
Deuffchlan. 



[tattlich und [ch6n. lm HauptgefchoB ift ein groBer, von einem gedrfickten 
Tonnengew61be i.iberdeckter Saal 054a) und zwei Reihen hoher gew61bter Zimmer. 
Die Gew01be [ind nach Art ka[fettierter Decken geteilt, die Stege mit Ornamenten 
in Stuckrelief- wohl die er[te ausgedehntere Anwendung diefer Dekorations- 
wei[e in Deutfchland--, die Flchen mit hi[torifchen und mythologi[chen Ge- 
milden, wie mit Grotesken ge[chmfickt. Die Malereien, an deren Ausffihrung 
ltaliener und Deutfche beteiligt waren, haben durch Obermalung gelitten, waren 
aber von Anfang an nicht bedeutend. Trotzdem i[t die Wirkung der R.ume ¢ine 

[ehr vornehme und 
muB es in noch weit 
h6herem MaBe gewefen 
[ein, folange die Wnde 
mit Teppichen oder in 
anderer Wei[e ausge- 
[tattet waren. Sehr 
hi]b[ch iit die kleine, 
quadratifch angelegte 
Kapelle. Auch ira Erd- 
ge[choB [ind einige be- 
achtenswerte Rume. 
Die fch6ne Faf[ade an 
der Lndga[[e, unten 
Ru[tika, oben eine 
durch zwei Gefcho[[e 
reichende Pila[terord- 
nung, i[t wieder ganz 
in der Weife Sam- 
michde's gedacht. Der 
Bau ift ein bedeuten- 
des \Verk, das auch in 
Verona oder blantua 
neben anderen Palften 
[rand hielte. 
In Ba[el ent[tanden 
1578 die [ch6ne Fa[fade 
des Geltenzunfthau[es 
(Fig. 97 a), welche in 
Anlage und Verh/iltnif- 
[en das Studium von 

Fig. 97- 

Oeltenzunfthaus zu Bal'el'»). 

Serlio's Architekturwerk erkennen l/il3t, und gegen Ende des Jahrhunderts die ver- 
wandte Front des SpieBhofes. Der Ritterfche Palal't in Luzern fit ein Werk ¢â/o- 
l'anni I_&zo's aus Pergine, 1557 begonnen; an der Fa[fade final die italieni[chen 
Motive in [ehr unzul/inglicher Weife angewandt; dagegen ift der Hallenhof eine 
[ch6ne Lefl'tung. Die GrundriBanordnung i[t ganz regelm/i.Big. SchloB Porzia in 
Spiral an der Drau [chlieBt [ich der venetifchen Renaiffance an. 
Die Fugger, welche fchon in der Frfihzeit des XVI. Jahrhunderts der Re- 
nai[[ance in Augsburg Eingang ver[chafft hatten, lei[ten der italieni[chen Kunft in 
der zweiten H/i.lfte des Jahrhunderts erneuten Vorfchub. Um 57o beriefJakob 
m) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. t 7. 



Fugger den An[onio laonzano (laonzonO, einen Schfiler Tizian's, (?} nach Augs- 
burg zur Ausfchmiickung einiger Rume reines Palaftes. 1it laonzano kamen 
wohl noch audere ltaliener nach Augsburg. Von ihreu Arbeiteu haben fich zwei 
Zimmer im Erdgel'choB des nordwe[tlichen Flfigels erhaiten, niedrige, gew61bte 
Riume (Fig. ç8J'«}. Nicht die Anlage, nur die Dekoration ift italienifch, diel'e 
aber ganz. Die glatten W/inde find mit Orotesken und Landfchaften bemalt. 
Ober Oefimsb/indern fetzen die reich geteilten Oew61be an. Die Gew61beteilungen 
find in Stuck und Terrakotta plaftifch gefchmiickt, die Fiichen mit /lalereien, 
Orotesken und allegorifchen Figuren reich ausgeftattet. Die lalereien, welchc 
den Arbeiten laocet[i's in den Uffizien und denen der Zttcchcri in Caprarola 
parallel ftehen, find iiberaus frifch und freudig hingeworfen; in der claftifchen 

Fig. 98. 

Zimmer im Fuggerhaufe zu Augsburgl:'«). 
Fiihrung der Linien und dem harmonifchen Kolorit find fie von hohem, dekora- 
rivera Werte 
Die Kinftler, welche hier in den Jahren 1571 und 581 gearbeitet haben, 
waren in der Zwifchenzeit ira Verein mit anderen, unter denen Chri./[oph Sch,,arz 
und Friedrich Suflris die bedeutend[ten waren, in der Trausnitz zu Landshut ttig. 
Die Oefamtwirkung fit in diefen flachgedeckten Riumen eine geringere, weil aile 
pla[til'che Aus[tattung fehlt; die ornamentalen /1alereien aber [ind vortrefflich. 
Ein Fries mit Dar[tellungen aus der Commedia dell' arte ift durch k6[tlichen 
Humor ausgezeichnet. 
Endlich treffen wir die gleichen Dekoratoren von 586 ira Antiquarium und 
) Nach einer Photographie. 
) Aufnahmen final ira Augsburger Album des Akademifchen Architekten-Vereins Mfinchen zu finden 
Handbuch der Architektur. II. 7. ( Aufl.) 8 



in der Orottenhalle der Refidenz in Mfinchen an. Das Plaftil'che ift hier noch vor- 
trefflich. Befonders find die Pfeilerkapitelle ira Antiquarium (Fig. 991:'') meifter- 
haft modelliert; in den ornamentalen Malereien aber, fo reizend fie im einzelnen 
find, macht fich die Ermfidung geltend. 
Die bisher bel'prochenen Werke haben noch das Oeprge der Renaiffance, 
wenn auch zum Teile einer fehr fpten. Mit dem Beginn des XVII. Jahrhunde,'-ts 
kommt der italienifche Barock in 
voiler Entfaltung fiber die Alpen. Fig. 99- 
ŒEanz italienifch find allerdings nur 
wenige Bauten: Werke italienifcher 
Meifter; zahlreich aber find die Ar- 
beiten italienifch gebildeter Nieder- 
lnder und Deutfcher. Die l(unft 
diefer Meifter, Architekten wie Maler 
und Bildhauer, hat den gemeinfamen 
Zug, welchen wir heure als akade- 
mifch bezeichnen; ihr Empfinden 
fpricht fich in allgemeinen Formen 
aus, und fie fprechen nicht ihre 
Mutterfprache, fondern ein fremdes 
Idiom. Sie haben fich die Formen 
der italienifchen l(unft grfindlich zu 
eigen gemacht und wiffen fie zu 
handhaben; aber ihr kfinftlerifches 
Empfinden bleibt fart ausnahmslos 
in einem Zwiefpalt zwifchen hOt- 
I. 
difchem und italienifchem l(unftgeift 
befangen. 
1598 zerft6rte ein Brand den 
alten Dom zu Salzburg. Sramazzi 
hat in den Jahren 16o4-6 einen Plan 
for den Neubau angefertigtl). Der 
hervorragend fch6ne GrundriB, der 
die Motive von St. Peter in freier 
\Veife verwertet, geftattet zwar kein 
beftimmtes Urteil fiber die Wirkung, 
welche der ausgeffihrte Bau gemacht Pfeilerkapitell im Antiquarium der Refidenz 
haben wiirde, l/il3t aber Bedeutendes zu Mtinchen 
ahnen. 
Scamozzi's Plan kam nicht zur Ausfiihrung. Der Dom wurde in den 
Jahren 164-34 von Sanlino Solari aus Como, einem Schiiler Scamozzi's, erbaut. 
Solari's Plan ift eine Reduktion von dem reines Meifters; die Choranlage 
erinnert ira Cirundril3 an den Dom zu Como. Ich habe den Dom von Salz- 
burg (Fig. loo '') mehrmals, doch [tets nur flchtig gefehen. Die Wirkung ift 
im Langhaufe etwas fchwer, erhebt fich aber im Chor und unter der Vierung zu 
freier Sch6nheit; die Beleuchtung ift vortrefflich. Der Stil ift ein guter Barock. 
Am ,uBeren find die einfach ftrengen Langfeiten beffer als die Faffade. 
'1 Nach einer Photographie. 
') Siehe: DOHE, a. a. 0., S. 394- 
oo) Nach ebendaL 



115 

Ganz italienifch find auch die fchon 1592 begonnene bifch6fliche Refidenz 
und andere Bauten. Salzburff erhielt im frfihen XVll.Jahrhundert den italienifchen 
Charakter, welcher der Stadt noch heute eignet. 
Seamozzi war auch in Prag tS.tig, lhm wird die Anlage des ftattlichen 
Treppenhaufes der Hofburff zuffefchrieben; ebenfo ihr Portal, eine trockene 
Arbeit von fchlechten VerhS.ltniffen. Ganz in den Formen des italienifchen Barock 
ift die Ausftattung des Wallenfteinfchen Palaftes in Prag gehalten. An ihr ¢are 
verfchiedene italienifche Meifter beteiligt. Soweit Abbildungen (Fig. lo1'o') ein 
Urteil zulaffen, |iegen Genuefifche Vorbilder zugrunde, lçber die ausffihrenden 
Kfinftler und die ftiliftifchen Einzel- 
Fig. 1oo. heiten fiehe das unten genannte (ïur- 
lilt'fche Werk ). Den Abl'chlul des 
'1 Gartens bildet eine Halle von drei 
Arkaden (Fig. lo'2_ «.). Sie bat nicht nur 
 groBe Abmeffunen, fondern auch 
deutende Verh/iltniffe. Das Barockmotiv 
der von Doppelf/iulen getragenen Ar- 
kaden ift hier zu hoher Gro6artigkeit 
ge[teigert; Ernft und Wfirde walten 
fiber der Kompofition. Der Bau wird 
gew6hnlich dem Oio,anni MariM zu- 
gefchrieben; O,«rlitl h/ilt ihn frit ein 
\Verk des Bartolommeo Bianco. 
Auch das Mau[oleum des Erz- 
herzogs Ferdizmnd 11., 1014--22 von 
Oio'azmi Pietro de Pomis erbaut, ilt 
v611ig italienifch. Die Neigung des 
Barock zu PIeonasmen und Schrullen 
tritt hier fehr auffenf/illig zutaffe. 
Haben in Salzburg und Prag Ita- 
liener ffewirkt, fo haben in Mfinchen 
italienifierte Niederl/inder die Ffihrung. 
Die Kfinftlergefchichte Miinchens unter 
WTlhelm V. und Maximilian 1. ift zwar 
noch nicht endgfiltig aufgekl/irt; das 
aber lteht auBer Frage, daB die Mfin- 
.: .... : .... 'r '; -"t¢ chener Kunft des ausgehenden XVI. 
Grundril d Dome» zu Salzburg«o). und des beginnenden XVII. Jahrhun- 
derts einen fo einheitlichen Stilcharakter 
hat, wie er nur durch das Wirken fiberragender, geringere lndividualit.ten mit 
|ich reiBender Meifter erreicht werden kann, und ferner, daB diefer Stilcharakter 
der italienifch-niederlindifche, nicht der italienifch-deutfche ift. Die fhrenden 
Meifter find Friedrich Suftris und P««r CandM, beide aus Vafafi's Schule hervor- 
gegangen, zei reiche und vielfeitige und, was mehr bedeutet, zwei nahe verwandte 
Geifter, welche in hervorragendem MaB Schule ffemacht haben. Sie find Eklektiker, 
klar und kihl, von reichem und ficherem KOnnen. lhre (berleffenheit in aIIem 
Formalen muBte jfinffere Krfte unwiderftehlich anziehen und unterx'erfen. Es ift 
t«t) Nach: FiI'[SCH, a. a. O. 
I«|) URLI't"t', C. efchichte des Barockftils und des Rokoko in Detttfchland. Stuttgart 1889. Bd. VIl, SI Il tri 
I«) Nach: Fit't'SCH, a. a. O. 

Werkc 
i tahc»ti fch 
lffebildct('r 



Fig. o. 

Korridor im Wallenfteinfchen Palal't zu Prag). 

deshalb auBerordentlich fchwer, die Arbeiten diefes Kreifes iaach ftiliftifchen Merk- 
malen zu fcheiden; aus dem gleichen Grunde hat aber diefe Scheidung nur ge- 
ringe Bedeutung ffir die allgemeine KunItgelchichte. 
Wir haben hier die Jetuitenkirche mit dem anItoBenden Kollegium und den 



Neu- und Ausbau der Refidenz zu betrachten; eine Wfirdigung des dritten groBen 
Komplexes, der von Wilhelm V. erbauten Herzog Maxburg, ift nach den Um- 
bauten der letzten Jahrzehnte nicht mehr m6glich. 
Der Bau der Jefuitenkirche ift 1583 begonnen und 1507 vollendet. Den Ent- 
wuff glaube ich dem Friedrich Saftris zufchreiben zu follen. Er fetzt eine fo 
fichere Meifterfchaft in kfinftlerifcher, wie in technifcher Hinficht voraus, daB 
neben StoEtris kein anderer Mfinchener bleifter jener Zeit und ebenfowenig ein 
Mitglied des Kollegiums in Frage kommen kann. Mit ver[tindiger Klarheit ift 
hier ein lnnenraum von imponierender r6Be gefchaffen. (Vergl. Kap. , fowie 
Fig. 112 u. 13.) 
Fig. o2. 
. 7,, ,,,':z.- ..........  
.. - . , • ....... ''-ï:__.__ ,--_. ......   

Oartenhalle ira Wallenfteinfchen Palaft zu Pragt:'). 

Das Jefuitenkollegium, jetzt Akademie der Wiffenfchaften, ift ein ernfter und 
w/irdiger Bau, auf die Gefamtwirkung komponiert, aber im einzelnen reizlos. 
Ein zweites Werk von Saftris ift der Grottenhof der Refidenz; er ift unter 
IVilhehn V. begonnen und wurde unter A4aximilian I. vollendet. Leider ift er um 
das Jahr 17oo ver/indert worden. In feiner Urgeftalt muB er einen intimen Reiz 
befeffen haben, wie wir ihn an den meiften SchSpfungen diefes Kunftkreifes ver- 
geblich fuchen. Noch jetzt bietet der kleine Oarten mit dem Perfeusbrunnen und 
der zierlichen Grottenhalle ein anfprechendes Bild eines Renaiffancegartens. Ein 
grSBerer Garten von reicher Anlage befand fich an der Sfidfeite der den Grotten- 
hof umgebenden Baulichkeiten. Diefer Oarten ift vom Augsburger Patrizier 
Philipp Hainhofer 161t ) be[chrieben und von Diefel'":') abgebildet. 
In den Jahren 1611-19 ffihrte Maximilian L die groBartigen Bauten auf 

«) Siehe: Zeilfchr. d. bill. Ver. f. Sch¢aben u. Neuburg, Bd. VIII, S. 73 
t) Siehe: DVSVL. Erluflierende Augeweide. Zweite Forlietzung. 



118 

welche den l<ail'erhof der Relïdenz umgeben. Entwurf und kfinl'tleril'che Leitung 
m[i[[en dem [»cicr Candid zuge[chrieben werden J««), l'olange nicht eine g-roBe 
l[in[tlerperl'6nlichkeit nachgewiel'en ilt, die l'ich in der hier herrfchenden Weil'e 
in das italienil'che Raumgeffihl eingelebt hat. Die technil'che Durchffihrung, von 
der Bearbeitung der Werkpline aus, verrat allerdings auch andere Mitarbeiter. 
Nach For[chtmgen Trautmann's ift Hans Krumper der ausffihrende Mei[ter. 
Die Anlage i[t einheitlich und groB gedacht. Das uBere fit ganz fchlicht ge- 
halten; nur eine allerdings gel'chickt entworfene, gemalte Architektur er¢'eckte den 
Schein einer architektonil'chen Gliederung. Die Pracht bel'chrinkt Iïch auf die 
l-laupttreppe mit den anfchlieBenden Hallen und auf die Riume des Haupt- 
ge[cho[[es. 
Fig. o 3. 

Obere Halle an der Kaifertreppe der Refidenz zu Mfinchenl«7). 
Vor allem groBartig fit die Treppenanlage. Den Zugang bildet eine ftatt- 
liche Halle in der Mitte des n6rdlichen Flfigels. Der erfte Lauf der Treppe fit 
mit einem aniteigenden Tonnengew61be fiberdeckt. Bei der Wendung auf dem 
Ruheplatz der Treppe wird der Blick nach einer zweiichiffigen Halle (Fig. lO3 Je') 
frei, in deren l'fidlichem Schiff der zweite Lauf der Treppe anl'teigt und die oben 
den Zugang zu den 6itlich und x'eftlich anftoBenden Riumen und zur Treppe 
nach dem_ II. Obergel'choB vermittelt. Der Blick vom Ruheplatz nach oben fit in 
c,,) Vergl.: Die Kunfldenkmale des K6nigreichs Bayern vom . bis zum Ende des t8. Jahrhunderts. Mfinchen 
q,-/z-95. Bd. I, S. t65 ff. - Dagegen: BASSE.A,-JoDA. Die dekorative Malerei der Renaiffance ara ba}erifchen 
Hofe. /lfinchen 9oo. S. to3. - Ar/hur II'e./'e gib! eine Darftellung {Leipzig t9o6), der ich mich durchaus anfchlieBen 
, -n" doch bleibt die Ver6ffentlichung der Forfchungen Trautmann's abzuwarten. 
;, .. e',endaf, Taf. . 



hohem Orade fiberrafchend. Die Verhitniffe [ind weit und angenehm. Die 
Dekoration, Stuckornamente und gemalte Grotesken, find von vorzfiglicher Aus- 
ffihrung (1616). Oegen Weften [chloB fich ein groBer Saai an, der leider nicht 
mehr be[teht. In diefen R/iumen verdient die reife Sicherheit der l(ompofition 
Bewunderung; l(raft und Feftigkeit in der unteren Halle mit ihren vier m/ichtigen 
toskanifchen SS.ulen, Engffihrung des Raumes im tonnenfiberw61bten unteren 
Treppenlauf fpannt die Erwartung; michtige Steigerung bel der Wendung der 
Treppe, heitere Ruhe in der oberen Halle. An vollendeter Harmonie der Gefamt- 
erfcheinung haben die[e RS.ume in der Renaiffance Deutfchlands kaum ihres- 

Fig. o4. 

Saal in der Re[idenz zu Mïmchen. 
Trierifche Zimmer 
gleichen. Brachte der Saal nochmals eine Steigerung des Eindruckes, [o haben 
wir in feiner Zer[tçrung den Verlu[t eines l-lauptwerkes der Renaiffance 
Deut[chland zu beklagen. 
lm çftlichen und weftlichen Flfigel befinden fich Reihen vornehmfter Wohn- 
ffiume (Steinzimmer und Trierifche Zimmer; FIg. lo4çs). Der Verkehr wird durch 
G.nge erleichtert, welche f/ch Iings der Zimmer hinziehen. Die Zimmer haben 
angenehme, hohe Verh.ltniffe und find mit maBvoller Pracht ausgeftattet, wie 
beides nur an ganz wenigen gleichzeitigen hmenr.umen vorkommt 
Selbft.ndiger und nationaler fit der Barock in den Niederlanden. Nach dem 
J Nach ebendaf., Bd. I, Taf. 
s) Siehe die Aufnahme in: B6TTICHFI. Innenriume der k6niglichen alten Refidenz in Mïnchen. Mnchen 1895 

Nieder- 
lndifcher 
Barock. 



120 

$5. 
Deutsche 
Meifler 
der Schule 
l'alladio" . 

in Art. 80 (S. lO9 u. 110) Oe[agten [ind hier nur einige Kirchen zu erwhnen. 
Genuefifch final das Syftem und die Dekoration der Jefuitenkirche in L6wen; fie 
fchlieBen fich nahe an Santa Annunziata in Genua an. Jacques Franquart's 
Kirchenhffaden befolgen in rien Grundztigen der Kornpo[ition das Faffaden[chema 
des italienifchen Barock, wie es zuerft an Santo Spirito in Rom auftritt. An der 
Faffade der ehemaligen Auguftinerkirche in Brfiffel final zwar die veriinderten Ver- 

hS.ltniffe durch die 
dreifchiffige fi, nlage 
gegeben ; fie hat 
aber auch ira ein- 
zeinen fo viel Nor- 
difches, daB fie nur 
[ehr bedingt hier 
genalmt werden 
darf. Das gleiche 
gilt von der Faffade 
der Jefuitenkirche 
in Antwerpen; aber 
der Geift des ita- 
lienifchen Barock 
fpricht aus diefer 
breit entfalteten 
Kirchenfront doch 
vemehmlicher als 
nus jener. Sie ift 
das \Verk zweier 
Mitglieder des Or- 
dens P. P«h'r H«ij'f- 
Jcris und P. Fran- 
çois Aguillon. An- 
dere Kirchen des 
Ordens ftehen dem 
ita|ienifchcn Barock 
noch felbft/indiger 
gegenfiber. 
\Viihrend des 
ganzen XVil. und 
XVIIi. Jahrhunderts 
gehen neben einer 
zunehmenden Ver- 
wiiderung der For- 
men und ihrer 

Fig. o5. 

Zeughaus zu Augsburgt;O). 

[chlieBlichen Umgeftaltung zum Rokoko Beftrebungen einher, welche auf Strenge 
der Formen und Gefetzm/iBigkeit der Kornpofition gerichtet find. Vignola und 
reine Nachfolger ftellten den Kanon der S/iulenordnungen auf, der bis zut ge- 
naueren Kenntnis der griechifchen Formen maBgebend blieb; ifir die Oe[amt- 
auffaffung der Kompofitol aber hat Palladio die Wege gewiefen. Er be[aB die 
grfindlichften Kenntnif[e der Antike. Sein ganzes Schaffen ift nicht von /iuBeren 

* I Nach einer Photographie 



Regeln, fondern von einer immanenten GefetzmBigkeit beherrfcht, innerhalb deren 
es mit voiler Freiheit waltet; an ernfter Gr6Be fiberragt er aile reine Zeitgenoffen. 
Seine Formenfprache ift herb, ja trocken; vergleicht man fie aber ira einzelnen 
mit dem Formenvorrat der Baukunft der Folgezeit bis auf Duraud und Oilly, Io 
wird man ftaunen, wie vide Motive er zuerft anewandt hat. Sein Ruhm war 
fchon zu feinen Lebzeiten groB; rein EinfluB ift unermeglich. 
Es begreift fich, daB deutfche 
Fig. o(. Meifter, welche im [piteren XVI. und 
ira Beinn des XVll.Jahrhunderts nach 
erieten. Falladio's hohen Sinn fr 
l [ das architektonich Groge konnten lie 
Il   Il fich allerdings nur ungentigend aneig- 
 I 1 , i œee trerlge mer Orrll)O['it'Ol] IJrld fr l. 
i'" - ' reinere Formen, als fie der dmltfchen 
 -I l - Renaiffance eigen, haben fie d,,ch mit- 
Il  J | gebracht, hn allgemeinen find ihre 
Il " ° Il Arbeiten ernft und wrdig, aber poefie- 
' 1 1 ' Iosundnichtfreivon l'edanterie. 
I ,. -- ,. i ,-  -  ,,.. _ al Der gr,'iBte unter den deutfchen 
lalladianern ift der Augsburger Stadt- 
werkmeifter Elias Holl {573- 104f). 
o,g«:o». Sein Vater, Hans Holl, war Werk- 
Fig. o7. meiter in Augsburg; ihm verdankt 
Elias die erfte Untçrweifung in Hand- 

,F_-'T'-- n'itfeinen3VaterfiirJ"i"°l) P'g"rta- 
_  tig, und die[er wollte ihn mit [einem 
Sohne O«o(g nach Italien fchicken; 
"1 -, a  1  aberderVaterliegdenKnabenvor 
.:'illllllllllllll-v T .'ï ::::::  « i1111111111111-,  Ablauf der Lehrzeit nicht wandern. 
 " .ç" : ' " ;  Et ira Jahre lOOO kam k-lias Holl nach 
"'v'" "'-,-'" ".-"q[-" "-. ",, OE" Venedig, und [chon ara Ende BOl 
. war er wieder in Augsburg. Dag er 
::ç:.  innerhalb diefer Zeit den Ubergang 
der deutfchen Renaiffance ztt einem 
:... fpiitereu Stil durchgenlacht 
habe, 
fit 
nicht wahrfcheinlich; er mul} die ita- 
Eag«tB. lienifche Baukun[t der Sptrenaiiiance 
Rathaus zu Augsburg;'). fchon aus den Werken Viffnola's, 
lio's tmd anderer gekamt haben. 
Palladio's Bauten wirkten beftimmend auf ihn ein. Klias HoH ift ein verwandter 
Gei[t; die Kntfaltung zum groBen Architekten blieb ihm, wie fart allen [einen 
Landsleuten, verf; aber er ift niemals kleinlich, und was einem Deutfchen des 
XVII. Jahrhunderts in der NachIolge FaHadio's erreichbar war, bat er erreicht. 
lhm war verg6nnt, was wenigen Architekten zuteil wird, er hat nicht nur 
einzelne bedeutende Werke gefchaIIen, fondern er bat auf das ffanze Stadtbild 

u) Nach: LOBRE, a. a. O. 



122 

Augsburgs be[timmend eingewirkt, und zwar mit vollem Bewul3t[ein. Als er das 
Rathaus baute, welches anfangs ohne die beiden Tiirme iiber den Seitenflfigeln 
entworfen \var, motivierte er beim Rat das Hinzufiigen der Tiirme datait, da er 
geltend machte, fie wfirden der Stadt, [owohl innen als auBen, ein heroi[cheres 
Anfehen geben. 
Unter [einen \Verken i[t das Beckenhaus (von 6o2) noch etwas befangen; 
aber [chon das wenig fp/itere Zeughaus ift ein fertiges Meifterwerk, in dem [ich 

eine enerffi[che l<finftlerindividualitS.t 
mit voller Beftimmtheit ausfpricht. 
l)ie Faiiade (Fig. o5 ]:") i[t reich und 
I,ri|tig gegliedert. Palladiani[che Mo- 
tive find verwendet. Aber fiber eine 
bloBe Nachahmung ift Holl fchon 
hinausgegangen zu eigenem Schaffen; 
ja er bat, was die Eigenartigkeit 
anlang, die[e Faffade niemals fiber- 
troffen. Seine ip.teren \Verke: das 
Rathaus, das Metzgerhaus u. a., find 
vielleicht [trenger und regellnS.liger, 
aber trockener tmd wenigel fri[ch 
ira einzelnen. 
Das Rathaus (104-o), 
Hochbau luit vielen Stockwerken, hat 
reine Bedeutung durchaus in der Sil- 
houette, welche [owohl in der N.he, 
wie in der Fel'ne fehr [ch6n wirkt. 
Der Grundrifl (Fig. lO6 u. lO7 ]:) ift 
vollkomlnen [ymmetrifch. Die Mitte 
nimmt eine groBe Halle ein; feitlich 
iii der Hauptachfe befinden [ich die 
lrel»pen, in den Ecken Kanzleien, 
Wachzimmer u. dergl.; ira Hauptge- 
fchoB entfpricht der Halle der goldene 
Saal, whrend die Ecken von den [og. 
Ffirftenftuben eingenommen werden. 
Dies find wohl die glinzendften Fe[t- 
und Reprifentationsr/iume, welche : 
eine Stadt in Deut[chland be[itzt. Ins- 
be[ondere ift der goldene Saal, der 
durch drei Gefcho[[e reicht, von einer 
Gr6Be der Verhiltni[[e, wie kein 

Fig. o8. 

Wertachbrucker Tor zu Augsburg:e). 

zweiter Saal der Renai[[ance in Deutfchland; auch Beleuchtung und Farbe find 
ut; aber das Formale der Dekoration ift von er[chreckender Derbheit. 
/-/v//hat auch eine Anzahl von Tortfirmen in Augsburg gebaut, deren einige 
leider modernen Stra,endurchbrfichen zum Opfer gefallen find, whrend bei ande- 
ren die anitol3enden Mauern entfernt wurden, wodurch auch fie in ihrer Wirkung 
beeintrichtig [ind. Der Typus fit bel alIen der gleiche, die Durchffihrung im ein- 
zelnen ver[chieden. Der Wertachbrucker Torturm (l=ig. lo8 ]:-) fit wohl der fch6n[te. 

:: Nach einer Phnl,«graphie. 



r6Ber noch als Holl's TS.tigkeit war die ieines Zeitgenolïen H«i»rich 
Sdtickhardt (1558-16341:'). Schickhardt war herzoglich wfirttenbergifcher l-lof- 
baumeil'[er. Er hatte unter Oeorg Behr ara Lul'thaus in Stuttgart gearbeitet. 15o8 
bereifte er ira Lau[e von iiinf Monaten Oberitalien von Venedig bis Mailand. 
Eine zweite Reife unternahm er in eleite Herzog Fricdri«h's; er berfihrte enua, 
Rom, Loretto, Bologna, Ferrara und andere StS.dte. Seine Tagebficher und Skizzen- 
bficher enthalten Aufnahmen von Bauten Palladio's, Oenuefifche PalS.fte und andere 
Architekturen; aber auch ailerlei anderes; namentlich erregen Brunnen und \'C.'al'fer- 
werke reine Aufmerkl'amkeit. Auch Lothringen und Burgund hat Schi«khard! bereil't. 
Schickhard! hat nicht nur einzelne Bauten, fondern ganze Stfidte und D6rfer 
heu gebaut. Von 16oo-8 leitete er den Neubau der Stadt und des Schlofl'es 
M6mpelgard; die Stadt Freuden- 
Fig. m 9. ffadt ira Schwarzwald il't nach feinem 
Plane, der allerdings in [einen 
- Orundzfigen von Herzog Fri«drich 
 angegeben wurde, heu gebaut. Un- 
ter feinen \Verken z/ihit er neben 
. içollegien, Schulen tmd vielen Pri- 
vatgeNiuden 17 Kirchen (rechnet 
--'«." :' man die Umbauten hinzu, I'o ift die 
,'. 
//" Zahl viel gr611er) und lo_ Schliiffer 
auf. Ich weiB nicht, wieviel von [ei- 
rien \Verken erhaiten ift, und kenne 
keines aus eigener Anfchauung. Sein 
 Hauptwerk, der neue Bau in Stutt- 
gart, ift 1757 ausgebrannt und gegen 
l£nde des XViil. Jahrhunderts ab- 
t getragen worden. Es \var ein hohes, 
vierft6ckiges Cieb/iude mit Mittei- 
welche noch uni 
und Êckrifaliten, 
liL__ - ein Stockwerk fiber das Dachge[ims 
effihrt waren. Die Stock\wrke wa- 
.- ren durci Ge[imfe getrennt. [)as 
  Detail war augenfcheinlich weniger 
rein als bel Elias Holl. Der ganze 
Hof des Landhaufes zu Graz':'). Bau hatte in feiner Vielgefcholïig- 
keit etwas Modernes. 
Zu den b, leil'tern, welche den italienifchen Barock in Deutfchland einffihrten, 
ziihlt auch der jfingereJakob lP'o/j?; der Sohn des gleichnamigen Steinmetzmeil'ters, 
welcher das Rathaus zu Rothenburg erbaut hat. Er il't der Erbauer des Rathaufes 
zu Nrnberg=,). Auch er hat Italien bereift, und das Rathaus gibt Zeugnis ,con 
grfindlichen Studien. Doch auch bel ihm gewinnt die \velfche b, lanier fofort eine 
nationale F/irbung. Die Fafl'ade il't fehr langge[treckt. Uber dem einfachen, 
hauptl'5.chlich durch drei Portale belebten Erdgefchog erheben [ich zwei Ober- 
gekhof[e mit langen Fenftcrreihen - nicht weniger als 36 Fenfter in jeder Reihe. 
Uber einem Konfolengefin[e folgt eine Baluftrade, l'eitlich und in der Mitre von 
1 Siehe: B,va, J. Die Werke des Baumeifters Heinrich ScMckhardt. l. Kirchen. X firttemb. \ïerteljahrsheftc 
9o. S. o3. 
ml Nach einer Photographie. 
;*) Den Nachweis hier[iir fiehe in: /lt'««E.HO, a. a. O. ($. 17-5 tt.L wO auch genauê Au[nahnlen zu finden Ira 



124 

turmartigen Aufffitzen fiberragt. Die ftarke Betonung der Horizontalen, die ent- 
[chiedene lontra[tierung von Erdge[chol] und Oberge[choffen [ind der deut[chen 
Renaiffance fremd; die lïinzelmotive find gleichfalls italienifch, und doch konnte 
ein folcher Bau nur ira Deutfchland des XVll. Jahrhunderts entftehen. Wie wir 
die Nationalitt eines Auslnders, auch wenn er gut deutfch fpricht, fofort an l'einer 
Ausfprache erkennen, fo erkennen wir ira Nfirnberger Rathaus auf den erften Blick 
das Werk eines deut[chen 'ei[ters. Um der Fa[rade gerecht zu werden, muB man 
fie auf ihre perfpektivifche Wirkung prfifen, und man wird finden, daB fie ffir ihre 
Stelle fehr gut gedacht ift. lm Hof ift das ErdgefchoB einfach behandelt; die 
)bergefchol'fe ind in Pfeilerarkaden aufgelSl't, welchen toskani[che PilaJ'ter vorgelegt 
find. Auch hier wirkungsvolle Ciegenfitze und eine tfichtige Formbehandlung. 
Sehr l'chçn ift die zveifchiffige, gew/51bte Halle ira ErdgefchoB. Jakob ff/olff 
i[t [einm Vater an Feinheit des kfintlerifchen Empfindens nicht ebenbfirtig; 
abcr er ift durchaus tfichtig, kenntnisreich und frei von Kleinlichkeit. 
Die Baumeifterwohnung ira Peunthof ift gleichfalls ein Werk IVo/ff's. Der 
eiafach ernte Bau hat gute Verhiltniffe, und die Zwerchhiufer beleben den Um- 
riB, ohne ihn unruhig zu machen, lïinige andere Hiufer in Nfirnberg folgen der 
gleichen Richtung, fo Nr. 7 ara iuBeren Lauferplatz und ganz fpit (1672)die 
Tucher[che Brauerei an der Weizenftra,e. 
In Landshut geh6ren die Arkaden ira Hof der Trausnitz (um 158o) diefer 
Richtung an, in Ciraz der Hof des Landhaufes (Fig. lO99. Ob der Stil [chon 
m der Frfihzeit des XVII. Jahrhunderts nach Norddeutfchland gedrungen ift, ent- 
ziçht fich meiner l,(enntnis. 
h den Niederlanden ift das Rathaus zu Am[terdam (begonnen 1648) der be- 
deutendlte Bau diefer ftrengen Richtung (Fig. 1 lO:'). Schon der CirundriB in feiner 
[vmmetrifchen Anordnung zeigt das Studium der Werke Palladio's. Die An- 
f,rderungen an Raum l'ind deutfchea Rathiufern gegenflber erheblich ge[teigert, 
und die L/Sfung ift vortrefflich. Die Fronten haben fiber einem niedrigen Erd- 
.efchoB zwei hohe, nahezu gleich¢'ertige Pilafterordnungen, deren jede ein Haupt- 
und ein ZifchenefchoB umfat, lin groBen ift die Hlaul»tfront durch drei Rifa- 
lite gegliedert, lïin verftindig nfichterner Bau. Der hohe, lichte Feftfaal il't trotz 
[einer akademi[chen Ciliederung von bedeutender\Virkung. Die Dekorationsformen 
haben manches mit der gleichzeitigen franz6[il'chen Kunft gemeiv. 
Bauten der gleichen Richtung m6gen fich noch an anderen Orten finden; 
zur Charakterifierung des Stils genflgen die befprochenen Beifpiele. 
Der ifthetifche \Vert der in diefem Kapitel behandelten Bauten ift kein un- 
bedingter; es fehlt ihnen die voile Harmonie der italienifchen Renaiffance eben[o, 
\vie die haire Dekorationsfreudigkeit der deut[chen; fie geh6ren, wie eingangs be- 
merkt, mit \venigen Ausnahmen dem Barock an und tragen fimtlich Merkmale 
einer l<unl'tepoche, welche ihren H16hepunkt fiberfchritten hat. 
GrS,er ift ihre ftilge[chichtliche Bedeutung. Sie [ind Symptome einer all- 
gemeineren Erl'cheinung: der Entwickelung des italienifchen Barock zum Bauftil 
Europas. Die Unterfuchung, warum diefer aufdringliche Stil, die nationalen Unter- 
fchiede mehr als andere ver,a, flchend, das ganze Abendland beherr[chen konnte, 
geh6rt nicht hierher. In Deutfchland drang er ein, als eine Wandelung des Stils 
unausbleiblich var. Die deutl'che Renaiffance als dekorativer Stil hatte die ge- 
ringen ihr innevohnenden Entwickelungsm6glichkeiten durchlaufen; ihre von Haus 
aus willkfirlichen Formen waren bereits barocker Ver,ilderung anheim gefallen. 
' Nach: Gtrtir C. Gefchichte des Barockflils und de Rokoko it Deuffchland. ShitJgart t889. 



\Vohl hatte man da und dort das (3effihl, daB eine ftrengere, architektonifche 
Stilbehandlung notwendig fei. Aber die Verfuche, den Stil von innen heraus 
umzuwandeln, mit wie groBer Kraft fie unternommen wurden (Friedrichsbau zu 
tleidelberg u. a.), mufiten, weiter verfolgt, mit Notwendigkeit auf eine gr6Bere 
Reinheit der tïinzelformen hindringen, gin Verl'uch in diel'er Richtung wurde 
indes innerhalb der deutfchen Renaiffance kaum gemacht, konnte auch bei einem 
Stil, deffen Fonnen fchon in barocker Aufl6fung begriffen waren, kaum gemacht 
werden. Und was man brauchte, lag ja in Italien fchon fertig vor. Vignola 
hatte den Kanon der S/iulen- 
ordnungen aufgeftellt; Palla- Fig. 
dio hatte gezeigt, wie fie ira 
Sinne der Zeit zu verwenden 
feien. Es ift nicht zufllig, 
daB er und reine Zeitgenoffen 
Oah'azzo Aleffi, Ricchini und 
andere i:n Norden Verftfindnis 
fanden, wfihrend die Meifter 
der Hochrenaiffance ganz un- 
ver[tanden blieben. an be- 
griff auch in Deuffchland wie- 
der, was Architektur ira enge- 
ren Sinne fei; aber es war ein 
Verhngnis, daB man es er[t 
begriff, als die Architektur der 
Renaiffance auch in ihrer Hei- 
nat fchon ira Verfall begriffen 
war, den auch ein groBer 
Cienius, wie lalladio, nicht 
aufzuhalten vermochte. 
Zu diefen inneren Ortin- 
den kommen iuBere, aber 
doch erft in zweiter Linie. lch  'j 
habe auf fie fchon ira Ein- 
I: 
gang diefes Kapitels hingewie- 
fen. Der Barock kommt nach 
Deutfchland und den Nieder- 
landen im Oefolge der Oegen- 
reformation, aber keineswegs 
berall, und er ift auch in Jefuitenkirche zu C61n. 
katholifchen Oegenden nicht 
der allgemeine Kirchenftil. Mindeftens ebenfoviel haben zu feiner Aufnahme die 
fteigende Pracht und die Etikette beigetragen, mit der fich die Ffirl'ten nach l'pa- 
nifchem Vorbild umgaben. Aber der Stil bleibt nicht auf diefe Kreife befchrS.nkt. 
Nicht Ffirftengunft, nicht die Macht der Kirche, fondern die lberlegenheit des 
romanifchen Kunftgeiftes hat feinen Sieg fiber die formlofe deutfche Renaiffance 
bedingt. 



11. Kapitel. 
Der Kirchenbau. 
Gegenfiber dem Profanbau tritt der l(irchenbau in der deutfchen Renaiffance 
AIIgemeine 
fehr zurfick. VerhltnismBig mehr ift vielleicht in den Niederlanden gebaut 
worden; doch auch hier find wirklich bedeutende Denkmler nicht zahlreich. Die 
ganze Periode war dem Kirchenbau nicht gfinftig. Eine auBerordentliche Menge 
von Kirchen war ira XV. Jahrhundert entftanden, und auf eine leriode erh6hter 
Baut/itigkeit muBte notwendig eine folche des Stillftandes folgen. Das Bedfirfnis 
war ffir lingere Zeit gedeckt, und die religi6fen K/impfe des Jahrhunderts mochten 

Fig. 112. 

ruhiger Bauttigkeit nicht fçrder- 
lich rein. Es fehlt ira XVI. Jahr- 
hundert nicht ganz an Neubauten. 
Einen lebhafteren Auffchwung 
nahm der Kirchenbau aber er[t mit 
den groBen Kirchen der Jeuiten, 
etwa von 158o an. Die Jehfiten 
find es auch, welche die Renaif- 
lance ira Kirchenbau zu allge- 
meinerer ŒEeltung gebracht haben, 
keineswegs zu ausfchliellicher. Ira 
XVI. Jahrhundert und ira XVII. 
bis zum Ende des dreil.igjhrigen 
Krieges wurde die ŒEotik ilnmer 
noch als der wahre Kirchen[til be- 
trachtet. Allerdings war die Auf- 
faffung der ŒEotik eine ebenfo 
uBerliche als diejenige der Re- 
naiffance. Man war fich des 

fiberhaupt nicht bewuBt; ihre For- 
 men waren Dekorationsmittel, 
weiter nichts. Oe\vohnheitsmlig 
hielt man an den gotifchen Oe- 
w61beformen feft, ohne den Wider- 
[pruch wahrzunehmen, in welchem 
Wallfahrtskirche zu Dettelbach. fie mit rien fibrigen Architektur- 
formen und der dekorativen Aus- 
ftattung ftehen. Sie entfprachen einmal den konftruktiven Oewohnheiten, gaben 
den Steinmetzen Oelegenheit, ihre handwerksmBige Fertigkeit zu zeigen, und 
aren von malerifcher Wirkung. Mehr verlangte man nicht. In naiver Weife 
umkleidete man da und dort die Rippen der Oew61be mit den Formen der 
Renaiffance, mit Herzlaub, Pfeifen uIw. und ffillte die lappen mit Kartufchen 
und anderen Ornamenten. V6llig vermieden wird die Renaiffanc aber keines- 
wegs, und die groBartigften Denkmiler geh6ren ihr an. 
Der katholifche Kirchenbau bleibt auch jetzt noch lebenskrftig., und fiber- " 
katholifcher 
wiegt weit, was auf proteftantifcher Seite gelei[tet wird. Prinzipielle Anderungen i'irchenbau. 
der Anlage finden zunichft nicht ftatt; die Hallenkirche mit Chorumgang oder 
mit einer Chornifche ara Oftende des Mittelfchiffes bleibt die verbreitetfte Form 



9- 
Jç;uitem fil. 

fç, r gr6fiere K.irchen. Er[t mit dem Eindringen der Renai[[ance kommen ihre 
ç_rundriBformen von Italien nach Deuffchland und den Niederlanden. Man war 
in Italien nach vielen rein kfinftlerifchen Verfuchen ira Zentralbau bel einem 
KompromiB zwilchen die[em und dem Longitudinalbau ftehen geblieben. Die 
Entwickelungsreihe reicht in die gotifche Zeit zurfick und geht vom Dom zu 
Florenz und San Petronio zu Bologna durch San Andrea zu Mantua, die Ent- 
wfirfe zu St. Peter in Rom zum Ciefù und zur letzten Cieftalt von St. Peter. Es 
\var eine Form gefunden, welche, weniger abltrakt als der reine Zentralbau, bei 
hohen /ifthetifchen Vorzfigen und einer reichen Modi[ikationsf/ihigkeit doch auch 
den liturgifchen Anforderungen Cienfige leiltete. Wichtig ffir die Folgezeit ift, 
daB der Longitudinalbau die Herr[chaft behauptet hatte. Die Form des kreuz- 

f6rmigen Langbaues mit Vierungs- 
kuppel kornrnt zwar in Deutl'chland 
vor dem l(riege nur einmal und 
auch l'pter nicht allzuhufig vor; fie 

Fig. 113 . 

ift aber die Cirundlage, aus der fich 
cinerfeits die einfacheren Lang- 
bauten des XVll. und XVIII. Jahr- 
hunderts, andererl'eits die aus rein 
kfinftlerifchern Cieil'te hervorge- 
gangenen phanta[ievollen lokoko- 
bauten Deutfchlands entwickeln, 
welche l'ich wieder mehr dem 
Zentralbau nRhern. 

Ich habe fchon darauf hin- 
gewiefen, daB die Jefuiten der Re- 
naifl'ance ira nordifchen Kirchenbau 
allgemeineren Eingang verfchafft 
haben. Hier mu6 die Frage des ,.. -. ï'_-, 
Der Name ,,Je[uitenftil,, ift in Laien- 
kreifen verbreitet und wird et\va -,':."-  
fynonym mit Barock gebraucht. ..- - 
Schon vor rnehr als 4o Jahren bat "- 
Jakob Burckhardt darauf hinge- \Vallfahrtskirche zu Dettelbach. 
wiel'en, daB es keine fpeziell jefui- 
tifche l(unft gegeben bat; neuerdings i[t der Begriff ohne ausreichende Definition 
doch in die AJ-chitekturgel'chichte eingeffihrt \vorden. Oberblicken wir die grol3e 
Bautfitigkeit des Ordens, fo ift nicht zu verkennen, dal3 rein erfter Bau, der 
Oel'ù in Rom, eine fehr ausgebreitete Wirkung gefibt hat; aber ein abfolutes 
Vorbild war er nicht, auch nicht frit die Cirundril3anlage. Wohl find viele Jefuiten- 
kirchen einfchiffig mit Seitenkapellen; aber gerade in den Niederlanden finden 
wir nicht wenige dreifchiffige l(irchen des Ordens, welche noch ganz das mittel- 
alterliche Planl'chema fe[thalten. Allein die CirundriBanlage kann hier als unwe|ent- 
lich betrachtet werden, wenn Aufbau und Ausftattung all diel'er l(irchen und der 
Kollegien einen gemeinfamen Stil haben. Doch auch dies iR nicht der Fall. Wieder 
roui3 der Cie[ù als eines der frfiheften und einflureich[ten Werke des r6rnifchen 
Barock anerkannt xverden, welches ira Syftem des Aufbaues wie in der Dekoration 
vielfach vorbildlich gewirkt hat. Aber rein Stil ift fpezifil'ch r6mifcher Barock; er 



kommt meines v'iffens in Deutfchland und in den Niederlanden gai" nicht vor. 
Die Jefuitenkirche in L6wen fchlieBt fich dem Genuefifchen Barock an; St. Michaei 
in Mfinchen gibt italienifche Motive in der Auffaffung gebiideter Nordlndcr; die 
Jefuitenkirche in C61n und eine ganze Reihe von Jcfuitenkirchen in Belgien find 
gotifch; andere find wieder anders. Vo ift hier das Gemeinfame des Stiis? 
Auch das ietzte, die kfinftlerifche Stimmung diefer Rume, ift eine fehr verfchie- 
dene; nur eines haben fie gemein: fie find niemais kleinlich. Doch dies eine 
Moment begrfindet keinen Stii, und man wird gut tun, das Wort Jefuitenftil ais 
wiffenfchaftlichen Terminus zu vermeiden J=). 
Fig. 4- 

Gegenfiber der (3rOBe der kfinftlerifchen " 
Prnteftantifcher 
Gefinnung, welche [ich auch in den [pten ka- r«.. 
tholifchen Kirchenbauten noch offenbart, fteht 
mit wenigen Ausnahmen alles, was auf lrote - 
ftantifcher Seite geleiftet wurde, zurfick. Man fit 
fiber Verfuche, die Form des KirchengebRudes 
aus den Anforderungen des luitus heraus zu 
entwickeln, nicht hinausgekommen. Die grOBere 
Originalitt ift auf Seite der reformierten Kirche. 
Sie bat ent[chiedener mit der Tradition gebro- 
chen als die iutherifche, welche die Formen des 
katholi[chen luitus anfangs nur wenig modi- 
fizierte. Man darf die heutige rationaliftifche 
Form des lutheri[chen Gottesdien[tes nicht fo- 
fort in das XVI. Jahrhundert zurfickverl'etzen; 
fie bat fich er[t im Laufe des XVIil. und XIX. 
entwickeit. Die Gottesdienftordnung ift durch 
Luther's Schrift: ,,Die deutfche Meffe und Ord- 
nung Gottesdienfts zu \Vittenberg ffirgenommen" 
ira Jahre 536 geregeit. Danach biidete die 
Predigt zwar den wichtigften Teil des ganzen 
Gottesdienftes; aber auBer dem einleitenden und 

, / la] , fchliel.enden Gemeinde..gefang waren Teile der 
_ Meffe in deutfcher Uberfetzung beibehalten 
- worden. Den zweiten Teii des Gottesdienftes 
biidete das Abendmahl. Das mag die Norm 
gewefen rein; da und dort behielt man noch 
Marienkirche zu ('olfenbfittel''). mehr von der aiten Form bel. immer aber nahm 
der Altardienft noch einen breiten Iaum ein, 
und der Gottesdienft hatte ftatt eines zwei Mitteipunkte. In den baulichen Organis- 
mus aber war damit ein innerer Widerfpruch hineingetragen, deffen vOilige LOfung 
bis heutigen Tages noch nich gefunden ift; die gegenfeitige Steilung von Kanzel 
und Altar fit niemals feft geregelt v¢orden. Das XVI. Jahrhundert trat an eine 
architektonifche LOfung der Aufgabe von diefer Seite gar nicht heran. Die 
Steilung des Altars blieb die aire, und man rfickte entweder die lanzei nahe an 
den Altar heran, um beide der ganzen Gemeinde fichtbar zu machen, oder man 
belieB die Kanzel an einer Lang[eite und fuchte durch die Einrichtung des Ce- 

) Vergl.: Bmo, J. Die belgifchen Jefuitenl¢irchen ufw. Freiburg 9o7. 
) Nach: FnTSCU, K. E.O. Der Kirchenbau des Proteftantismus von der Re:ormation bs zu Oegenart. 
Berlin 893 - un: FnTSCU, K. E. O. Denkmiler deutfcher Renaiffance. Berlin 89o 9- 
Handbuch der Architektur. II. 7- (2. Allf].} C 



ftfihls Abhilfe zu fchaffen. Der bauliche Organismus wurde dadurch nicht be- 
rfihrt. Anders ift es mit einem zweiten Moment. Bei der erhShten Bedeutung 
der Predigt muBte Mien Gemeindegliedern die MSglichkeit gewahrt rein, den 

Fig. ]]5- 

Marienkirche zu Woifenbfitteit«). 
Prediger zu verftehen; die Sitze durften alfo nicht allzuweit von der Kanzel ent- 
fernt [ein Die architektonifche Folgerung aus die[er Bedingung wire die An- 
nabme des Zentralbaues als normale Form des prote[tanti[chen Kirchengebiudes 



gewel'en. Au[ reformierter Seite, au[ welcher die Bedeuttmg des Altars eine ge- 
ringere war, i'cheute man iïch nicht, die[e Folgerung zu ziehen, und es fehlt, 
namentlich in Holland, nicht an intereffanten Ver[uchen in diei'er ttinl'icht; au[ 
lutheri[cher Seite hat auch die[es /loment nichts gegen die Tradition vermocht; 
man [uchte [ich durch die Aufnahme von Emporen zu helien, und die[e wurden 
bald als ein unentbehrlicher Be[tandteil prote[tanti[cher Kirchen betrachtet. Ent- 
weder [ind [ie als Galerien oder Balkone ohne nLihere Verbindung mit der bau- 

Fig.  16. 

Sladtkirche zu Biickeburg"«'). 

lichen Anlage, oder man brachte fie mit dem baulichen Orgafismus in Zu[ammen- 
hang, indem man die Seiten[chiffe mit Obergei'choffen ver[ah und diefe durch 
Arkaden gegen das Hauptfchiff 6ffnete. Die[e Form ii't nicht ausfchlieflich 
prote[tantii'ch. Verbreiteter ift die er[te. Wollte man nicht zum Zentralbau iber- 
gehen, fo erwies Iïch der einfchiffige rechteckige Saal als die ent[prechend[te 
Raumform [tir den prote[tantifchen Kultus. In [olchen Salen aber konnten die 
Emporen nicht anders, denn als Cialerien au[ Sulen oder auf Koni'olen an- 
*) Nach: Fmsctf, K. E.O. Denkmiler deuffcher Renaiffancc. Berlin t89o-gt. 
9" 



ffeordnet werden. Die Zahl dieU'er Coaalkirchen i[t groB; kfin[tleri[che Bedeutung 
haben wenige unter ihnen. 
So bedeutet der Proteftantismus frit den Kirchenbau des XVI. und XVII. Jahr- 
hunderts durchaus eine Einbul3e; die groBartige Raumentfaltung und die Symbolik 

des katholi[chen Kirchengeb/iudes waren 
bis au[ geringe Fe'te verloren oder fiber- 
flfi[fig geworden, ohne daB von irgend 
einer anderen Se[te ausreichender Er[atz 
geboten worden w/ire. Gleichwohl find 
einzelne bedeutende proteftanti[che Kirchen 
zu nel3nen. 
Bel der folaenden Kinzelbetrachtung 
der Denkmiler [ind [tilifti[che und formale 
Momente, nicht die Zuaeh6rigkeit zu einer 
oder der anderen Konfe[[ion, als Ein'tei- 
lungsD'und anaenommen. 
Ks kann [ich in einer Gefchich'te der 
deut[chen Renai[fance nicht darum handeln, 
die letzien Ausliufer der Gotik eingehend 
zu behandeln. Bis um die Mitre des XVI. 
Jahrhunderts beharrt der Kirchenbau auf 
der Entwickelunas[tufe, welche er in der 
zweiten Hiltte des XV. erreicht hatte. Die 
i lallenkirche war nicht die einzige, doch 
aber die verbreitet[te Kirchenform und 
die, welche dem Zeitaefchmack ara mei- 
ften entfprach. H6here Raumwirkunaen, 
,«'elche auch diefer Form keineswegs ver- 
fagt [ind, xvurden nicht ange[trebt; man 
freute fich aber der Ungebundenheit in 
der Verteilung der Stfitzen und der behag- 
lichen Weitr/iumigkeit, die fie erm6glicht. 
An Portalen, Aitaren, Kanzeln und anderen 
Aus[tattungsftficken dringt die Renaiffance 
frfihe ein und bem/ichtigt fich bald der 
gelam'ten Aus['tattung; der Kern des Bau- 
werkes aber blieb goti[ch. 
Unter den Hallenkir¢hen des XVI. 
Jahrhunderts ift die Marienkirche zu Halle 
eine der fch6nften. Sie i[t ira Auftrag des 
Kurffir[ten Albrechl von Brandenbur durch 
Nikolaus l-lofmann in den Jahren 53o-34 

Fig. 7. 

L 

Cirundril3 der St. Michadskirche 
zu Mnchen a°» 

erbaut, lhre Vollendung erfolgt er[te nach der Einfihrung der Reformation in Halle 
(1541), und die Ausftattung mit Emporen fillt erft in die[e Zeit. In ihrer formalen 
Haltung, wie in der Raumbehandlung hat die Kirche Verxvandt[chaft mit den 
f/ichfifchen Hallenkirchen: ein fch6ner, weiter Raum mit reichem Netzgew61be. 
An den Emporen [ind gotifche Formen mit l'olchen der Renaiffance gemengt. 

o) Nach: Kunftdenkmale des K6nigreichs Bayern vom . bis zum Ende des 8. Jahrhundert. Mfinchen 89-95. 
- Dafelbft find auf Ta|. 57-65 genaue Aufnahmen zu finden. 



133 

Die Jefuitenkirche in C61n IFig. 111), 1618--.o.2 erbaut, ift eine gotifche 
Bafilika; die Schiffe find durch hohe Rund..pfeiler getrennt; das Netzgew61be des 
Haupffchiffes [etzt auf Kragteinen an. Uber den Seitenl'chiffen befindeu fich 

Fig.  8. 

lnneres der St. Michaelskirche zu Miinchent'"). 

Emporen. Das Detail und die Ausftattung find barock und zhlen zu den frfiheften 
Werken des fog. l(norpelflils. \Vild in den Formen, find die Einzelheiten von 
guter dekorativer Wirkung. Auch am ,uBeren treten die Formen beider Stile 



134 

nebeneinander auf, und eine archaifierende Laune des Baumeifters hat foffar zwei 
romanifche Tfirme neben die Faffade fie[relit. In diefem hçchft merkirdigen Bau 
wirken Gotik und deuffcher Barock zu[ammen, und der Ge[amteinOruck fit keines- 
wegs unharmoni[ch. In Belgien [ind die von tteinrich ttoeimaker in der Frhze[t 

Fig.  9- 

Cbor der Kirche zu Polling}. 

des XVII. Jahrhunderts erbauten l<irchen des Ordens noch ganz gotifch; auch die 
t,3rchen des Bruders Johannes du Blocq find nach ihrer Struktur goti[ch, nehmen 
aber in ihrer formalen Ausgeftaltung viele Elemente des Barock auf). 
t) Nach ebenda[. 
 Eme I'berficht gibt Braun a. a. O., S. e-o3. 



135 

Die Wallfahrtskirche zu Dettelbach am Main (Fig. 112 IJ. 113) , 1008--13 
von Bi[chof Julius Echler von Wiirzburg' erbaut, i[t ein weiter, ein[chiffiger kreuz- 
f6rmiger Bau von angenehmen Verhltniffen, doch ohne 116here Weihe. lm 
lnneren erinnern nur die doril'chen Pilafter und die Rundbog'en der Vierung an 
die fpte Erbauung'szeit; im iibrigen lit die Haltung. g'otifch, l_Jie Ausftattung, 
foweit fie der Erbauungszeit ang'eh6rt, ift barock. KrS.ftiger fpricht der Barock 
an der Faffade mit. 
Bedingt kann hier auch die Franziskanerkirche in lnnsbruck ang'ereiht 
werden (1553-63). Sie iit ihrer g'anzen Raumbehandlung' nach eine g'otifche 
Hallenkirche, wenn auch die 
Fig. 2o. Dekorationsformen -- deren 
Url'prtinglichkeit mir zweifel- 
./ haft ift- die des italieniichen 
/ « Sptbarock find. 
'l[l'l, /" lch nenne in diefem Zu- 
fammenhange noch die fonder- 
bare Kirche zu lreudenftadt ira 
Schwarzwald, ein \Verk t-lein- 
rich Schi«khardI's. Sie lit ira 
Winkel gebaut; der eine rlfigel 
ift frit die Mfinner beftimmt, 
der andere ffir die Frauen; 
Kanzel und Altar find in der 
Ecke aufgeftellt und von beiden 
Seiten fichtbar. Gotifch ift an 
diefer Kirche nur das h61zerne 
Netzg'ew01be. Die Ausftattung 
ift reich barock. 
--? Bedeutender find zwei Kir- 
«.'. chen, an welchen die Renai[- 
I lance zwar vorherrfcht, welche 
ïl- aber doch ira Gew61befyftenl 
und in manchen Einzelheiten 
noch gotifch find. Die Marien- 
kirche in Wolfenbfittel (Fig.  14 
u. 15), 6o8-6o erbaut, ift 
eine ftattliche Hallenkirche von 
Dom zu Salzburg. ungew6hnlich bedeutenden 
Verhfiltni[ien. Sie lit ein Werk 
Paul l:ranke's, des Erbauers der Univerfit5.t Helmftedt. Franke ift einer der 
gr6Bten und originellften Geifter des deutfchen Barock; er befaB ein Raum- 
geffihl, wie es nur weniffen feiner Zeitgenoffen gegeben war; er wuBte im 
Schmuck reich und doch mafivoll zu rein und felbft die barockten Formen mit 
Gefchmack zu behandeln. Emporen wollte man auch hier nicht entbehren; fie 
ftehen als niedrige Oalerien in den Seitenfchiffen und ftOren das Raumbild. 
Weniger als das lnnere beiriedigt das uBere des merkwfirdigen Qebfiudes. Die 
eitvorfpringenden, mit l=iguren bekr6nten Strebepfeiler, das feltame MaBwerk 
und die barocken Zwerchhfiu[er, welche venigtens zum Teil er[t nach l:rankds 



136 

Tode bis 166o ausgeftihrt lild, geben eil buntes uld unruhiges Bild; doch auch 
diefem kann eine gewiffe (3r613e nicht abgefprochen werden. 
Der /larienkirche in Wolienbtittel gleichzeitig ift die Stadtkirche in Bficke- 
burg, ebenalls eine l tallenkirche. Als Baumeifter gilt Adriaen de Vries. Die 
Schiffe werden durch m/ichtige Kompofitaftiulen getrennt und [ind mit Kreuz- 
gew61ben fiberw61bt; die Einzelformen und die Aus[tattung [ind barock. Die guten 
Raumverh/iltniffe und die gediegene und maBvolle Dekoration geben dem Raum 

121. 

Beguinenkirche zu Briiffel). 

eine wfirdige und ernfte Haltung. Um fo freier fiberl/iBt fich der Meifter [einen 
barocken Neigungen an der Faffade (Fig. l16J::'), die er im Fries befcheiden als 
Exemplum religionis, non ftruc[urae bezeichnet. Die an ausfchweifender Formen- 
f/.ille /.iberreiche Faffade erl'cheint kl/i.rlich als das \Verk eines Niederlânders. 
In den Niederlanden IelbIt geh6rt Saint-Jacques in L/.ittich noch der Frih- 
zeit des XVI. J,thrhunderts an; der Stil ift eine fp/ite, fippige Gotik. 0bergangs- 
bauten, in welchen die Formen beider Stile gemifcht find, wie die Kapelle des 

} .N h: (JtkLllT, a. a. O. 



137 
Fig.  22. 

Schlol3kapelle zu Frederiksborg I-'). 
heiligen Blutes in Brfigge, dfirften da und dort zu finden rein; doch fcheint es. 
dal} fich die endgfiltige Abwendung vou der G«0tik fifihcr vnilzogen bat ais iii 
II} Nach: NECI¢ELMANN, a. a. O. 



138 

Deuffchland, wo noch Bauten des [piten XVII. Jahrhunderts, wie die Katharinen- 
kirche in Frankfurt a. M. (Fig. 1231'), gotifche Nachklinge zeigen. 
Betrachtet man die Reihe der gotifchen Kirchen des XVI. und XVil. Jahr- 
hunderts, [o fiIIt zunichff das lange Beharren in den Konftruktionen und Formen 
des alten Stils auf; bei niherem Zufehen wird man aber bald gewahr, daB fich 
zwi[chen rien er[ten und rien ietzten ein bedeutender Umfchwung des ifthetifchen 
Cieffihles voIIzogen hat. Die Marienkirche zu t-laIIe iff goti[ch; die in Wolfen- 
bfittel fit, auch abgefehert von ihrer formalen Behandlung, ein Bau des deuffchert 
Barock. Ich muB mich hier auf diefe Andeutung befchrinken. 
Reine Renai[[ancekirchen gr6Beren Umfanges kommen, foweit ich fehe, vor 
den letzten Decennien des XVi. Jahrhunderts nicht vor. An erfter Stelle muB 
St. Michael in Mfinchen 0583--97)..ge- 
nannt werden (Vig. 17 u. 81"'). Uber Vig_ 123. 
reine gefchichtliche Stellung fiehe Art. 83 
(S. I7). St. b, lichael ift in Deutfchland 
die erfte groBe einfchiffige l<irche. Der 
Orundril reproduziert in freier Urn- 
bildung rien Typus des Oefù in Rom. 
Schon der Verzicht auf die Vierungs- 
kuppel brachte Modifikationen mit fich. 
Der Chor ift, nachdem er beim Einfturz 
des Turmes (1.50o) zerft6rt worden war, 
verl.ngert worden. Der Aufbau ift ganz 
Mbftindig. Die allgemeinen Verhilt- 
nif[e, wie die Verteilung der Maffen ira 
einzelnen [ind [ehr gut und werden durch 
eine glfickliche Lichtffihrung noch ge- ,. 
hoben. Die Korapofition des Sy[tems 
enthilt manches StOrende, iff aber ira 
ganzen [ch6n, und das Relief wie die .,-. 
Cir;Be der einzelnen Cilieder ift [ehr rein -_,,- -- ', ,,,:, :;-. 
ge[timmt. Der imponierende Eindruck --7"" » "';"- 
des Raumes ift nicht zum wenigften durch 
die maBvolle Formenbehandlung be- 
dingt, l<larheit und Ruhe zeichnen die 
I<ompofitiort aus; ein Iolches \Verk war 
Katharinenkirche zu Frankfurt a. M.). 
dies[eits der Berge noch nicht ge[chaffen 
worden. Aber die Tiefe der Empfindung fehlt; bei aller Anerkennung, ja Be- 
wunderung bleibt der Be[chauer khl. \Veniger gelungen fit das AuBere; die 
Jruppierung der Lang[eite ift zwar gut; aber die Oliederung ira einzelnen fit 
drftig, und die grol3e Hauptfaffade ift ziemlich geiftlos. An St. Michael hat Iich 
zwar eine Schule ira engerert Sinne nicht angefchloIfen; immerhin ftehen mehrere 
kirchenbauten in Bayern unter Ieinem EinfluB. Die Jefuitenkirche in Landshut, 
164o vollendet, ift eine verkleinerte und vereinfachte Nachbildung. Freier werdert 
die Motive in der Pfarrkirrche zu Weilheim (1624-31 s«) und in der Auguftiner- 
kirche zu Beuerberg 0628-3o |s:) verwendet. In beiden fit das Syffem auf ein 
,«1 Nach: SommFr, O. Der Dombau zu Berlin. WFStErM,r'S Monatshefte, Bd. 68. 
'--) Siehe: Die Kun[ldenkmale des KGnigreichs Bayern vom L bts zum Ende des tS. Jahrhunderts. Mfinchen 
,: 95- Taf. w4. 
'-| Siehe ebendaf.. Taf. 121 I1. 122. 



Fig. 12 4 . 

Noorderkerk zu Amfterdamt) 

GefchoB reduziert und datait ein Typus 
gefchaffen, der in Bayern bis zum Ende des 
XVIII. Jahrhunderts unz.hlige Male wieder- 
holt wurde. In der Pfarrkirche zu Weilheim, 
wohl einem Werke des Bildhauers Hans 
Krumper, lebt noch etwas von der Gr6ge 
von St. Michael, wenn auch ohne die Fein- 
heit diefes Vorbildes; die Kirche zu Beuer- 
berg dagegen ift ein trockener Bau. Eigen- 
attiger ift die Klofterkirche zu Polling in 
der Nhe von Weilheim (16o_1--,8). Oh das 
Langhaus ls') nur die Umgeftaltung einer 
goti[chen Hallenkirche oder ein Neubau des 
XVll. Jahrhunderts ift, will ich nicht ent- 
fcheiden, neige mich aber neuerdings mehr 
der letzteren An[icht zu. Sicher i[t der fehr 
malerifche Chor (Fig. 110 ') aus die[er Zeit. 
Die reiche Stuckdekoration neigt [ich [chon 

[ehr zu den l'tumpfen Barockformen, welche in Bayern im XVII. Jahrhundert ver- 
breitet waren. 
Fig. 25- Der Dom zu Salz- 

Wefterkerk Zii Amfterdam t',') 

Fig. 

I burg (Fig. 100 [S. 115] 
- u. lao), nich[t St. Mi- 
( chael in Mfinchen der 
I bedeutend[te l(irchenbau 
der Epoche, geh6rt dem 
italienifchen Barock an 
([iehe Art. 8, S. l l4i. 
Die Formen find l'chwer 
und ina[fig, die Verhfilt- 
niffe bedeutend. Aus 
dem ganzen fpricht die 
ruhige Sicherheit, welche 
die Bùfch.ftigung meh- 
rerer Ocnerationen mit 
e i n e m kfinftleri[chen Problem 
rien b, leiftern des italienifchen 
Barock-Kirchenbaues gegeben 
hatte. 
Die belgifchcn Renaifance- 
kirchen kenne ich leider nicht 
oder habe fie vor langer Zeit 
oberfl.chlich gefehen, fo dag 
ich mit ein Urteil fiber fie nicht 
geftatten darf. 

02. 
Renaifl ance- 
kirchen 
in 
Belgien. 

Neue Kirche im Haagl). 

ss} Eine [ch6ne An[icht davon [iehe 
ebendaL, Tai. ioo. 
t'- 9 Nach : FtllSCH, K. E.O. Der h'irchen- 
bau des Prote[tantismus tl,l- Berlin 1593- 



4o 

Wichtig [ind vor allem die zahlreichen Kirchen des JeIuitenordens, denen 
fich die anderer Orden anfchliel3en. Meil't lïnd Iïe drei[chiffig; die Schiffe 
find durch S/iulen- oder Pfeilerarkaden getrennt; iiber dem Oefim[e folgen eine 

Attika und ein TonnengewSlbe, in das von den Fen- 
item aus Stichkappen einfchneiden. Die bedeutendften 
[ind die zu Namur, von Huyffens (16:1-45), jene zu 
Briigge, gleichfalls von Hajffens 1160-42), und die 
zu LSwen, von P. |ï/ilhelm Oefils (65o--7). Zu- 
weilen [ind fiber den Seitenfchiffen Emporen. So in 
der [ehr [tattlichen Kirche zu Antwerpen. Die Faffaden 

beIolgen fait aile das bekannte Barock[chema in freier, 
oit l'ehr gei[treicher Behandlung. Zu den be[ten ge- 
hSrt die der Beguinenkirche in Brii[[el {Fig. 121 1.) 
aus der zweiten Hiilfte des XVII. Jahrhunderts. Sie 
ift fiberfichtlicher disponiert als die breite Front der 
Jcfuitenkirche zu Antwerpen und zei die nationalen 
lligentiimlichkeiten des belgi[chen Barock in befon- 
dors charakteriftifcher Weife. 
3. lhrer grogen Mehrzahl nach gehSren der Renai[- 
B i rchen 
mit Iïmporen lance auch die Iirchen an, welche fiber rien Seiten- 
,-,« « fchiffen eine oder mehrere Emporen haben und deren 
.qvltcln fich in zwci, drei oder vier Ordnungen auf- 
haut. Der Typus hat ira proteftantifchen Kirchenbau 
reine hauptf/ichlichfte Verbreitung gefundcn, fit aber 

Fig. 127. 

Kirche zur fchSnen Maria 
zu Regensburgo). 

Fig.  28. 

nicht ausfchliefilich llote[tanti[ch. 
Eporen haben St. Michael in Mfinchen, die 
Jefuitenkirchc in Landshut, die in CS|n, der Dom 
zu Salzburg u.a. Diel'e grogen I(irchen find aber 
nicht die Ausgangspunkte des l-ypus, der [ich viehnehr 
aller \Vahrfcheinlichkeit nach aus den SchloBkapellen 
entwickelt hat. Schon die Schlol,kapellen des Mittel- 
alters hatten nich't [elten zwei Oefcho[fe (Nfirnberg, Frei- 
burga. U. u. a.) oder waren doch tdlweife mit Emporen 
verlehen ([rausnitz bei Landshut}, eine Einrichtung, 
die fich aus der Stockwerksteilung der C}eb/iude, in 
welchen die Kapellen angeordnet waren, ergab und 
welche die Trennung der Herrfchaft vom Gefinde er- 
in6glichte. Wenn daher die prote[tanti[chen SchloB- 
kapellen h/iufig Galerien oder Emporen aufwei[en, fo 
ilt darin nicht eine prinzipielle Neuerung zu erkennen, 
fondern vielmehr ein Fefthalten an einer iiberkomme- 
lien Form. Emporen haben z. B. die SchloBkapelle 
in Wolmirftedt (148o) und die der BifchSfe von 
Brandenburg in Ziefar i. d. Altmark {1478). Unter den 
prote[tanti[chen i[t die im SchloB zu Torgau die iltefte; 

Kirche Notre-Dame 
d'Hansyk zu Mecheintt. 

fit 544 von Luther geweiht. Der rechteckige Raum i[t in Ieinen zwei Ober- 
ge[cho[[en rings von Emporen umgeben, deren Bogen6ffnungen noch goti[che Pro- 
"1 Nach: Beitrsge zur Kenntnis der mittelalterlichcn BaukunFt. Franldurt 875. 
"J Nach: CIURLII'T, a. ŒE. 



file haben. Auch das Oew61be ift noch gotifch. In der Folgezeit find mehrere 
thnliche Kapellen entftanden. Bemerkenswert ift die der Auguftusburg im 
Erzgebirge {568- 72); fie hat zwei Ordnungen mit dem r6mifchen Bogenmotiv, 
und der Hauptraum ift mit einem Tonnengew61be fiberw61btl:,l. Die Kapelle der 
Wilhelmsburg bei Schmalkalden 59o hat drei Ordnungen. Sie ift durch vortreff- 
liche Stuckdekorationen ausgezeichnet i:,3). Die Univerfiffttskirche_'zu \Viirzburg, von 

Fig. 1 2 9 

Lngenfchn itt. 

GrundriB 

Wallfahrtskirche /laria Birnbaum in Oberbayern). 

BifchofJulius erbaut und 159 geweiht, ein Rechteck, an das fich 6ftlich eine Ap[is 
anfchlieBt, ift an drei Seiten von Emporen umgeben 1,). Auch hier i[t das r6mi[che 
Bogenmotiv mit vorgelegten l-lalbfftulenordnungen in drei (3efchof[en angewandt. 
a) $iehe: STEC, a. a. O., Heft VI, S. 27 ff. 
Oe) Siehe: LAs<E, F. Schloi] Wilhelmsburg bel Schmalkalden ufw. Berlin x895. 
m) Nach: Die Kunftdenkmale des K6nigreichs Ba)ern vom . bis zum Ende des 8. Jahrhunderts. 3i6nchen 
892-95. Bd. I, Ta|. 32. 
») Siehe den Orundrii] in Fig. 42 (S. 53). 



142 

lch vermag die traditionelle Bewun- 
derung fiir diefen Innenraum nicht 
zu teilen; er ilt korrekt und gibt zu 
formalen Einwendungen kaum Anlag, 
entbehrt aber fehr der kfinftlerifchen 
Unmittelbarkeit. 
Ein eigenartiger, fehr feltlicher 
Raum ift die Kapelle des Schloffes Fre- 
deriksborg in Dfinemark (Fig. 122') 
aus der Friihzeit des XVll. Jahrhun- 
derts, nach dem Brande 1859 in den 
alten Formen erneut. Unter den felb- 
t/indigen, freiftehenden Kirchen diees 
Typus it die zu Kfirbitz bel Plauen 
eine der be[tenl:'"). 
Weniger als die bisher befpro- 
chenen Formen k6nnen die Saalkir- 
chen mit eingeftellten oder balkonartig 
ausgekragten Emporen befriedigen. 
Nicht als ob lich nicht auch mit die- 
en Motiven gute \Virkungen erzielen 
liegen; aber die Oattung als folche 
teht tiefer. Die eingeltellten oder 
ausgekragten Oalerien haben ftets 
etwas Unorganifches. lhre weite Ver- 
breitung verdanken die Saa|kirchen 
nicht/ifthetifchen, fondern praktifchen 
Rfick[ichten; ie [ind billig herzu[tellen 
und gewS.hren auf kleiner Ci.rund- 
fliiche einer groBen Zahl von Be- 
[uchern Raum. 
Ausgekragte Emporen in reichen 
Barockformen hat u. a. die Kirche in 
Freuden[tadt. Von folchen Kirchen, 
in welchen die Emporen von Pfeilern 
oder Siiulen getragen find, fei die 
Dreifaltigkeitskirche in Regensburg, 
1627-31 vom Niirnberger Baumeifter 
Karl lnget erbaut, genannL Das 

Schiff ift mit einem h61zernen Tonnen-   n  
gew61be fiberdeckt; an der Weftfeite _ LLt . -- 
und an den beiden Langleiten ftehen "  - 

d,e Emporen. 0ftl,ch ift einvon zwe, I .-.I . l: _ï, , 
Trmen flankiertes Altarhaus ange- 
ordnet, ara Chorbogen die Kanzel. 
Es ift ein einfach ernlter Raum, dem 
') Siehe: S'ctlE, a. a. O., HefI XI, S. 5- 
") Nach : }(ALLE;B&CH. Chronologie der 
deutl-ch-mittelalterlichen BaukunfL Mfinchen 147 t. (umbertuskirche zu Ansbacht°). 



143 

ein monumentaler Zug nicht abzufprechen ift. Heilig Kreuz in Augsburg (1653) hat 
gleichfalls eine kleine Chornifche, in welcher der Altar und darfiber die Orgel 
aufgeftellt [ind. Die Emporen laufen der gegenflberliegenden und einer Lang[eite 
entlang. Der flachgedeckte Raum macht einen ziemlich profanen Eindruck. Ernfter 
lit die Katharinenkirche in Frankfurt a. M. (Fig. 1231'), ein [tattliches, [ehr weit- 
r/iumiges Geb/iude, 1678--8o von A4elchior Hefller erbaut. Namentlich i[t der 
Blick nach dem Altar mit den umlaufenden 
Fig. 13 a. Emporen und der Orgel von fch6ner Wirkung. 
Die Architektur (Fen[ter und Gew61be) ift go- 

- ti[ch, die Aus[tattung barock. Eine Nachbildung 
'--  ._ lit aie Dreifaltigkeitskirche in \V°rms 0 7°9- 25)" 
Die Kirche St. Martin in M6mpelgard von Hein- 
rich Schickhardt, begonnen 16ol, i[t eine Saal- 
 ------ kirche ohne Emporen; das .ul3ere wie das 
, Innere lit in einer kriftigen ftrengen Pila[ter- 
ordnung aufgebaut. 
Bel den Saalkirchen [ind Altar und Kanzel 
zuweilen an der Mitre einer Lang[eite angebracht, 
wodurch die kurze Achfe zur l-lauptachfe wird. 
Die praktifchen Vorzfige diefer Anordnung zu- 
gegeben, muB doch feftgehalten werden, dag 
 fie durchaus unkfin[tlerifch ift. Ohne Rckficht 
auf die[e Verkehrung der Richtung find einzelne 
von die[en R/iumen [tattlich und [ch6n. Als 
[olche nenne ich die von Hendrik de Ko'zer 
erbauten Kirchen in Amiterdam, die Zuiderkerk 
 (160311) und die We[terkerk (6-o-31); ha- 
"'. mentlich die letztere ift ein ftattlicher, wohl- 
proportionierter Raton. lhnen [chlielt iich die 

Turm des Weinhaufes zu Ztphen). 

kreuzf6rmige Noorderkerk (16_o- 23; Fig. 124 ') 
an, g.l.eichfalls ein Werk de Keyzes. Mit ihr 
der Ubergang zum Zentralbau vollzogen. Ein 
Zentralbau ift die 1669-71 erbaute O[terkerk 
in Amfterdam, die Marekerk in Leiden (1639-42) 
und der Hauptfache nach auch die Lutherkirche 
in Amlterdam, bei der allerdings der ringf6r- 
mige Umgang nicht gefchloffen ilt. De Keyzer's 
Wefterkerk (lïg. 125 '',') lit ein rechteckiger 
Raum, deffen innere Dispofition durch zwei 
Quer[chiffe lebhaft gegliedert ift. Das doppelte 
Querfchiff hat auch die Neue Kirche ira Haag 
(1649-55); hier ift aber auch ira GrundriB 

(Fig. 126 s) ausgefprochen, der aul3erdem noch durch zwei Conchen an den 
Schmalfeiten belebt il't. Eine Nachbildung diefer Kirche it die Burgkirche in 
K6nigsberg i. Pr. 069o-98). In Deutl'chland ift die Reformierte Kirche in Hanau 
--eigentlich zwei aneinanderftoBende Kirchen -- 0622 und 1654) als zentrale 
Anlage bemerkenswert. 

tre} Nach: EERBEC(, a. a. O. 



144 

Ffihrten beim prote.hantifchen Kirchenbau prakti[che Erwigungen auf zen- 
trale Anlagen, [o waren Ifir die Aufnahme zentraler Motive in den kaIholi'chen 
Kirchenbau ausfchlieBlich kiinf'derifche Abfichten be[timmend. Reine Zentralbauten 
kommen kaum vor; dagegen werden nicht ganz [elten zentral komponierte Bau- 
tt:ile mit Langbauten in Zufammenhang gdetzt. Schon 1519 fertigte Hans Hueber 
aus Augsburg ein Modell fiir die 
Kirche zur fch6nen Maria (Neue Fig. 133. 
Pfarre) in Regensburg an; ira 
(irundriB (Fig. 1'7 lg'') fchlieBt fich 
an ein fechseckiges Langhaus ein 
langer Chor an, an den fich zu bei- 
den Seiten Tiirme und Sakriïteien 
anlegen; die Kompofition ift ziem- 
lich felbft/indig, lhr Vorbild ift 
nicht in Mailand, fondern in Ettal 
zu fuchen. Der dortige Zentralbau 
des XIV. und XV. Jahrhunderts 
in Bavern mehrfach nachgeahmt 
worden. Ob Haeb«r auch St. (ie- 
reon in C61n gekannt bat, will ich 
nicht entfcheiden. Der nach dem - 
&n-iechifchen Kreuz komponierte 
vordere Teil von St. Peter in Oent, 
begonnen 16o_9 von .[an van Xan- 
cn, ift eine Wiederholung des 
(irundriffes der Madonna di Carig- 
nano in (ienua. Eigenartiger find 
die Ver[uche Faidherbe's zur Kom- 
bination von Longitudinal-und 
Zentralbauten. Notre Dame d'Hans- - 
wyk in Mecheln (1663-78, Fig. _,._ ," 
128 ul ift ein Langbau, in der .... 
Mitte durch eine zentrale Erweite- 
=_ 
rung unterbrochen, keineswegs or- 
,. - ,...__-__- 
gani[ch, aber ficher [ehr malerifch. 
In der Abteikirche von Averbode 
les Dieft 066-7o) ichlieBt fich 
an einen nach dem griechi[chen ,_.-: 
Kreuz komponierten Zentralbau ein 
Langchor an. Die Wallfahrtskirche 
Maria Birnbaum bel Aichach in 
Turm der Je[ttitenkirche zu Antwerpen*% 
Oberbayern (1661-65; Fig. 10 u. 
3o'9), ein Rundbau mit Erweiterungen gegen Often und Wdten, ift trotz der 
dtirftigen Ausffihrung in fp/iten Formen ein impofanter und fch6ner Raum. 
Die abftrakte Sch6nheit des reinen Zentralbaues entfprach weder dem germa- 
nifchen Kunftgeift, noch der geramten Kunftrichtung des XVII. Jahrhunderts; man 
rand mehr Befriedigung in den malerifchen Wirkungen, welche [ich aus den Er- 
weiterungen dêr Zentralbauten oder aus ihrer Kombination mit Longitudinalbauten 
t'l Nach. YçEXDYCI% a. a. O. 



ergaben. In der Richtung auf die Steigerung des malerifchen Eindruckes des 
lnnenraumes bewegt [ich auch die weitere Entwickelung diefer Motive, welche 
zu den beraul'chenden Kirchenr.umen des deutfchen Rokoko ffihrt. 
Der Turmbau der Renaiffance ift darin vom gotifchen fehr verfchieden, daB 
er die aus der verfchiedenen H6henteilung der Hauptmaffe und der Strebepfeiler 
und Pialen fich ergebende Entwickelung nicht kennt. Er ift reiner Stockwerksbau. 
Allerdings werden einige grofle gotifche Tfirme, wie der 
Fig. 134. der lathedrale von Antwerpen, erft ira XVI. Jahrhundert 
vollendet; aber ihre lompofition geht in die frfihere Zeit 
. zurfick. Die intereffante \Veftfaffade von St. Oumpertus in 
Ansbach (Fig. 131J,), deren obere Teile 1594-97 von 
Oideon Badwr erbaut find, irt nicht nur nach ihren Formen, 
fondern auch nach ihrer lompolitionsidee gotifch. An 
einen michtig'en Mittelturm leg'en fich feitlich zwei fchlanke, 
achteckig'e Tfirme an, 10fen fich oben los und endig'en in 
fpitzen Helmen. Der Mittelturm bat noch ein rechteckiges 
und ein achteckiges GefchoB und gleichfalls einen g'otifchen 
Helm. An den Fenftern des Hauptturmes g'efellen Iïch barocke 
Quaderung'en zu den g'otifchen Formen. Dies ift ein 
weiteres Beifpiel des langen Fortlebens g'otifcher Traditionen. 
Vielleicht darf man auch in den Sulen, welche das erfte 
GefchoB ara Achteck des fch5nen, ganz renaiffancem.Bigen 
Turmes des Weinhaufes in Zfitphen (Fig. 132v,'') begleiten, 
cine Reminiszenz gotifcher Fialen erkennen. 
Der Obergang' von viereckiger Grundlag'e zu achteckigem 
obercn Teil bleibt ein beliebtes und verbreitetes Motiv. Am 
Turm der Marienkirche in Wolfenbfittel, der nicht g.anz zur 
Ausfflhrung kam, [ollten auf zwei quadrati[che zwei acht- 
eckige Stockwerke folgen- ein hohes unteres in fchlichter 
Behandlung und ein niedriges oberes, an welchem die 
raden Seiten durch Sulen und Aufftze belebt wcrden follten; 
den Abfchlu follte ein gerchweifles luppeldach und eine 
Laterne mit hoher Spitze bilden. Es ift eine fchOne, bei 
aller Einfachheit ausdrucksvolle lompofition. Der barocke 
Turm der Univerfittskirche zu \Vfirzburg. hat fiber zwei 
hohen quadratifchen Gerchoffen ein nicdrig'es Achteck und 
ein luppeldach mit Laterne. Einer dcr fch0nften Tfirme 
'-- : , '  ..... '¥ der g'efamten Renaiffance ift der der Jeruitenkirche in Ant- 
Turm des Rathaufes werpen (Fig'. 133°); die unteren Gefchoffe find quadratirch, 
zu DanzigOO). die oberen rund; fowohl die Verhltniffe der Stockwerke, 
als auch die Silhouette find vortrefflich abg'ewog'en. 
Nicht nur ira Aufbau, fondern mchr noch in dcr obercn Endig'ung" unter- 
fcheiden fich die Tfirme der Renaiffance von denen der Gotik. Dicfe endig.en 
in einer 'eradlinig" verjfingten Spitze; fchon in der Sptzeit der Gotik kommen 
kuppelf5rmig'e Abfchlflffc vor; fflr die Tflrme der Renaifl'ance ift das Ausklingen 
in Kurven die Reg'el. Man ift durchaus nicht berechtigt, darin eine Verirrung', 
einen Widerfinn zu erkennen. Die Endig.ung. in lurven odcr in der Mifchung. 
von g'ekrmmten und geradlinigen Tcilen kann .fthcti[ch vollkommen befriedigen, 
,fo) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. 3 8. 
Handbuch der Archi(ektur ll. 7- (2. Aufl-) 



146 

wenn die Abfolge der Glieder in 
harmoni[chen Obergingen vom Un- 
terbau zur Spitze fiberffihrt. Das Motiv 
der l<uppel mit Laterne (Fig. 133) fit 
die Orundlage, aus der [ich immer 
reichere Bildungen entwickeln. Die 
reichRen L6fungen finden wir in den 
Niederlanden. Die Endigung des 
Turmes i'teigt als ein iïch verjfingender 
Stockwerksbau auf, mei[t im Achteck. 
Die Achtecksgefchoi'[e find entweder 
ge[chloffen oder als offene Hallen be- 
handelt und durch konvexe oder kon- 
kave Dachflichen verbunden. Die an- 
und abi'chwellenden Linien leiten im 
Crescendo und Decrescendo zum 
letzten Ausklingen in der Spitze fiber. 
Als [chmfickende Fiorituren begleiten 
Fialen, Obelisken, Urnen, Mufcheln, 

l:ig. 36. 

Dachreiter der Kirche des Beguinenhofes 
Ztl ÇJerlt otL 

Fig. 35- 

Turm der Stephanskirche zu Nymwegen-*Ot). 

(31ocken ufw. den Zug der Hauptlinien. 
Die Abbildungen des Rathausturmes in 
Danzig (Fig. 134"-°'), des Turmes der 
Stephanskirche in Nymwegen (Fig. 
35'"') und des zierlichen Dachreiters 
des Beguinenhofes in Oent (Fig. 136-°j) 
m6gen das Oe[ae illuftrieren. Der 
kfihne lbergang von einem breiten 
Viereck zu einem viel engeren Achteck 
ift wohl noch beffer als an St. Stephan 
in Nymwegen am Turm der Katharinen- 
kirche zu Danzig erreicht. 
Behauptet jemand, es feien hier 
Prinzipien der Tektonik der Kleinkfinfte 
in die groBe Architektur fibertragen, fo 
gebraucht er vielleicht i'ein Recht; aber 
niemand, der fehen gelernt hat, kann 
leugnen, daB auf diefem Wege das har- 
monifche Ausklingen eines aufftrebenden 
Oebiudeteiles oft in fehr anmutiger 
Weife Ausdruck gefunden haL 

t) Nach: IïWERBECK, a. a. O. 



147 

2. Kapitel. 
Der Holzbau. 
In der deut[chen Renai[[ance nimmt neben dem Steinbau der Holzbau einen 
britn Raum ein. Die Oattung fteht tiefer als der Steinbau; die wahre Monu- 

Fig. 37 

Von einem Haufe zu HannoverO:). 

Fig 138. 

AusfchuB mit Schiffskehlen von einem 
Haufe zu MindenOaj. 

mentalitit i[t ihr ver[agt. Dies fe[tge- 
halten, muB jedoch zugegeben werden, 
daB die deut[che Renail'[ance innerhalb 
derl'elben Hohes, vielleicht Vollendeteres 
erreicht als ira Steinbau. Der Holzbau 
lit den Deut[chen die ange[tammte Bau- 
weife. Er geht in die frfiheften Zeiten 
der deutlchen Qe[chichte zurfick; erft 
ira XV. und XVI. Jahrhundert wird er 

in den St/idten vom Steinbau zurfick- 
gedrmgt, aber nicht be[eitigt, und auf 
dem Lande haben ihm erl't die Bau- 
ordnungen der jfingften Zeit ein Ende 
bereitet, lm Holzbau leben alte Kom- 
po[itionstypen, alte und le[te techni[che 
Traditionen fort, und die Schmuck- 
freudigkeit der Zeit findet Raum, fich zu 
entfalten, ohne jene wichtigeren Faktoren 
zu beeintrchtigen. Das Oebiet des Holz- 
baues ilt der Profan-, in[onderheit der 
Hu[erbau; nur ganz ausnahmswei[e 
Iïnd Kirchen in Holzbau errichtet worden. 
Der Holzbau kennt zwei techni[che 
Qrundformen, den Stnder-(Fachwerk-) 
Bau und den Blockbau. Er[terer herr[cht 
vor; der Blockbau ift auf einige Qebirgs- 
15.nder im Siden und O[ten be[chrnkt. 
lin Oebiete des Fachwerkbaues 
gehen Niederdeutfchland und Ober- 
deutfchland ihre ge[onderten Wege. Ich 
habe [chon oben darauf hingewie[en, 
daB das nieder[ich[ifche Bauernhaus 
auch im Stadthaus als Typus fortlebt. 
lin Holzbau i[t das Verhiltnis be[onders 
klar erkennbar. Die Diele bleibt durch 
das ganze Mittelalter auch im Stadthau[e 
der Hauptraum, ira Privathau[e Wohn- 
und Arbeitsraum, im Zunfthau[e Ver- 
fammlungs- und Verkaufsraum. \Vie 
im Bauernhaufe hat Iïe eine gr6Bere 
H6he als die [eitlichen Riume, welche 
in zwei Qel'choffen, einem h6heren 
t,r) Nach: Deuffche Renaiffance, Aht. 34- 
o) Nach ebendaf., Abt. 3- 
10" 

95- 
Wert- 
fchtzung. 

Nieder- 
deutfcher 
Holzbau. 



ErdgefchoB und einem nied- 
rigen ZwifchengefchoS, die 
H6he der Diele erreichen. 
Die folgenden Obergefchoffe 
dienen teils als Wohnungen, 
teils als Lagerfiiume, Speicher 
ufw. Dies haben, wir fchon 
ara Steinbau wahrgenommen. 
Beim Holzbau aber ift die 
Herkunft aus dem Bauern- 
haufe auch in der Kon[truktion 
noch deutlich erl'ichtlich. Der 
norddeut[che Holzbau ift 
Iehr regelmlSig konltruierter 
Stnderbau, deffen obere 
Stockwerke iiber die unteren 
vortreten; nur die unteren 
Stander gehen vom Sockel 
bis zur H6he der Diele un- 
unterbrochen durch, das Erd- 
ge[choB und das Zwifchen- 
ge[cho8 zu[ammenal'[end. 
Dies find aber die Telle, 
welche auch dem Bauernhaufe 
eignen. Die folgenden, vor- 
fpringenden Stockwerke find 
[tidtilche Zutaten. Wie die 
Balken unter dem Dache des 
Bauernhaufes vor[pringen, 
[pringen fie auch unter jedem 
Oberge[choB des Stadthau[es 
vor. Das Felthalten an den 
alten Formen, nicht ftruktive 
Erwiigungen bedingen, dal 
die unteren Sfiinder das Erd- 
ge[choB und das Zwil'chen- 
getcho8 zutammenfaIfen. 
Die kfinftleritche Hal- 
tung des ftidtitchen Holz- 
baues ift durchaus durch 
das Vortreten der fiber der 
Diele folgenden Obergetchoffe 
bedingt. Die alte hoch- 
deuffche Bezeichnung ffir die 
vorgekragten Obergefchoffe 
iIt ,,AusIchuB,,. Sie findet 
fich in den Ulmifchen Bau- 

s*) Nach ebendaf., Abt. 5 
* , "qach ebendaf., Abt. t2. 

148 

Fig. 14o. 
',TI  :i)7, I I 

-: .... ! .. ,t " 'f" 
Vom Dempterfchen Haufe zu Hameln*OS). 



149 

ordnungen von 1399, 142o und 1427-o«). Ein Fachwerkbau, deffen W/inde fich 
in einer Ebene entfalten, bleibt auch bel reicher Dekoration drftig; nur in der 

Vorkragung der Obergefchoffe gewinnt er Leben 
Fig. 141. 

Knochenhauer-Amtshaus zu Hiidesheim 

ob fie iiberhaupt entl'chieden werden kann. 

und Wirkung. 
Welches aber der Grund fiir 
diefe Vorkragung war, ift nicht 
leicht zu fagen. Dal3 die alten 
Zimmerer [ich einzig durch kiinft- 
lerifche Grfinde leiten liefien, 
ift kaum anzunehmen. Das Vor- 
[pringen der Balkenk6pfe gibt 
den Zapfen der Stinder gr613e- 
ren Halt. Damit ift die M6g'- 
lichkeit, nicht aber die Not- 
wendigkeit des Vorkragens der 
Oberge[chofle gegeben. Selll- 
per's Erklirung'-'0:), dafi durch 
die Belaftung der vorftehenden 
Balkenk6pfe die Tragfihigkeit 
der Balken erh6ht wird, triffl 
vielleicht ein beftimmendes Mo- 
ment. Die durch das Vorkragen 
gewonnene Raumerweiterung 
mag ein zweites l'ein; wel'entlich 
ift es kaum, da an den Hofleiten 
hiufig die Balkenenden vor- 
[tehen, die Stockwerke aber 
nicht ausgekragt find. Zweifel- 
los aber nahm man bald die 
ifthetifchen Vorteile der Aus- 
kragung wahr. 
Eine weitere Frage ift die, 
ob das Vorkragen iiberhaupt von 
dem tiefen Dielenhtufe, def[en 
Balken der Stral3e parallel laufen, 
ausgegangen ift. Fiir diefes er- 
gibt fich die Vorkragung natur- 
gemil fiir die fenkrecht zut 
Strae ftehenden Langfeiten, 
nicht aber fiir die der Stral,e 
zugekehrte Giebelfeite. Es fehit 
vor|ë, ufig noch an Aufnahme- 
material zur lïntfcheidung diefer 
Frage, und man mag zweifeln, 
Beachtung verdient, da[ in den 

niederfichfifchen Stidten n6rdlich des Harzes, in welchen der Holzbau reine 
h6chfte Vollendung erreichte, das Haus mit der Langfeite an der tral3e fteht, [o 

1 Siehe: Ulmifches rotes Buch, fol. LXVIII ff. 
sl Siehe: Stt,t,t, O- Der Slil in rien lechnifchett und tekloni[chen Kfinl'len ufa. Miinchen 870. Bd. II, S. 3o. 
«) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. 35- 



5o 

dag fich das Vor[pringen der Balken 
und damit der Oberge[choffe von 
[elb[t ergibt und die Dachflichen, 
n.icht die Qiebel, der StraBe zugekehrt 
fin& Die QrundriBge[taltung diefer 
Hiiuler geht auch vom Typus des 
Bauernhaufes aus, ilt aber freier als 
die des Oiebelhau[es. 
Das in gelchloffener StraBe 
ttehende Stadthaus hat nur nach einer 
Seite Ausfchfiffe. Steht dagegen ein 
Haus an einer Ecke oder ganz frei, 
fo ift die L61ung weniger einfach. 
Die Aus[chfiffe nur an den Seiten 
anzubringen, auf welche die Baiken- 
k6pfe treffen, ging aus kfin[tlerilchen 
Grïtnden nicht an; es mu6ten al[o 
auf den Seiten, an denen Balken- 
k6pfe nicht waren, folche durch Stich- 
balken gefchaffen werden. 
Das Syftem ftellt [ich demnach 
folgendermaBen dar. Auf dem Stein- 
fockel des Haufes ruht ein aus vier 
Schwellen zu[ammenge[etzter Rahmen. 
Auf die[em erheben [ich, m6glich[t in 
gleichen Ab[t/inden, St/inder von der 
H6he des Erd- und Zwi[chenge[cho[[es. 
Durch Querriegel werden F/icher ge- 
ichaiien, welche rien Br[tungen und 
Fenfter6ffnungen entlprechen. Die 
St5nder nehmen die Balkenlage des 
Obergefcho[tes auf, wobei die vor- 
fpringenden Balkenk6pfe durch Bfigen 
unterltfitzt werden. Der freie Raum 
zwifchen den Balkenk6pfen wird 
durch Schalbretter oder durch 
Zwi[chenfchwellen gefchlo[[en. Die 
Balken zwifchen dem Erd- und 
Zwi[chenge[chol, werden in die Stin- 
der eingezapft und treten /iuerlich 
nicht in die Er[cheinung. Auf den 
vorfpringenden Balkenk6pfen ruht die 
chwelle des Obergelchoffes, auf der 
fich, den Balken und datait den 
unteren St/indern enflprechend, die 
t/tnder des Obergetcholl'es erheben. 
Eine gewiffe Schwierigkeit bieten die 
' Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. 5-. 
-. "ach ebendaf., Abt. 5. 

Fig. 

\Vohnhaus zu Salzuffeln .o,). 

Hfitfe[ches Haus zu H6xter*-"'). 



Ecken, weii die Eckftinder der Aus[chfi[[e nicht Iotrecht fiber die der unteren 
Gefchoffe zu ftehen kommen. Die L6fung wird entweder fo gegeben, daB vom 
unteren Eckftinder drei Bfigen ausgehen, zwei iotrecht und eine diagonal, und daB 
auf jede Bfige ein Stfinder zu ftehen kommt; ira AusfchuB ent[tehen dadurch zwei 
fchmale Eckfeider. Oder vom unteren Stinder gehen wohi drei Bfigen aus; an 
die Ecke komrnt aber nur ein Stinder (Braunfchweig). Endlich kann die diagonale 
Bfige wegbleiben, fo daB der End[tinder nicht durch eine tragende Kunftform, 
l'ondern auf den freien Enden der zufammenftoBenden Schwellen ruht (Heffen). 
Die er[te L6fung befriedigt am meiften. 
Fig. 144. Die Fichenteilung ift hnlich wie in 
ErdgefchoB. Das II. ObergefchoB 
fpringt wieder vor und ift ahnlich 
behandeit wie das !. Mehr als zwei 
Obergefchoffe kommen kaum vor. lft 
der Giebel der StraBe zugekehrt, fo 
ift das Giebelfeld wieder in eine An- 
zahi vorfpringender Gefchoffe geteilt. 
Die Dekoration zeigt fart aus- 
nahmsios ein ficheres tektonifches Ge- 
ffihl. Die Stinder find entweder glatt 
gelaffen oder mit kandelaberartigen 
Stfitzen in Relief, wohl auch mit auf- 
fteigendem Ornament, gefchmficld (Fig. 
137"-'°). Die Bfigen und Balkenk6pfe 
find als Içonfolen gebildet. Die Schwei- 
ien haben gereihte Ornamente, tragen 
lnfchriften, find nit fog. Schiffskehlel 
(Fig. 138-") oder mit gedrehten 
perlenbefetzten Schnfiren (Fig. 139 ''') 
geziert. Die Brfiftungsfelder der Ober- 
ge[choffe geben Raum zu reicher, 
flichenmil,iger Ornamentierung. Ent- 
weder find Streben zwifchen Schwellen 
und Stindern hier eingeordnet und 
die Zwifchenriume mit mufivifch zu- 
fammengefetzten Backfteinen geffillt 
(Beifpiele in Braunfchweig, Lfineburg 
' ' ' ' '  '' und anderwirts), oder ftatt der Streben 
Kromfchr6derfches Haus zu Osnabriick-a'l. find dreieckig zuge[chnittene H61zer, 
Winkelb.nder, angewandt, welche 
nicht feiten mit fcher- oder mufchelartigem Ornament, das feinen Mittelpunkt 
ira FuBe des St/inders bat, gefchmfickt find. Endlich wird die ganze Brfiftmg 
mit einer Hoizplatte geffiilt, welche fowohl konftruktive Vorteile bietet, indem fie 
eine gute Verftrebung bildet und ieichter ift wie die Ausmauerung, als auch die 
..M6glichkeit reich[ter dekorativer Behandlung Der Bau zeigt nun in [einem 
AuBeren gar keine Mauerfiichen mehr. lft Raum fiber den Fenftern, fo wird die 
Fi/iche hnlich behandeit wie die Brfiftung. Das Brfiftungsfeid erhilt entweder 
ein zentral kornponiertes Mulchel- oder Ficherornament oder fog. Befchlige- 

zu) Nach: Zeilfchr. f. Baux. x$ç;, BI. 6o. 



152 

ornament (Fig'. 4 o-°) oder endlich freier komponierte Ornamente; felbft figfir- 
liche Reliefs fehlen nicht. 
$o fit der norddeuffche Holzbau in allen feinen Teilen organi[ch kon[truiert 
und ftruktur[ymbolifch ge[chmfickt, in ihm fiberdauert die alte volkstfimliche 
Tradition den Stilwechfel der hohen Kunft, von der er nur dekorative Motive 
aufnimmt. Die $icherheit des Stilgeffihles wird hier bis zuletzt kaum gdt6rt. 
[)er Holzbau hat [einen eigenen feffen Stil urd lit darin dem Steinbau der 
deuflchent.Renaiffance_ weit fiberlegen. Qanz frei von Inkon[equenzen hat aber 
auch er fich nicht erhalten. 
Fig.  45. 
î 

Il II II  

Haus an der BgckerH.ral3e zu Hameln 't'. 

Uber die einzelnen Denkmiler bleibt wenig mehr zu fagen. Vieles iff er- 
halten; eine auch nur einigermal3en voll[tindige Aufz.hlunB" aber hitte an die[er 
Stelle keinen Sinn; die folgenden Abbildungen und Befchre:,bungen [ind nur 
Bei[piele einiger Entwickelungsltufen, nicht in chronologifcher, londern in formaler 
Hinficht. Das Haus aus Salzuflen (Fig. 4 "') fteht in l'einer H6henentwickelung 
noch auf der Stufe des Bauernhau[es; unmittelbar fiber der Diele fetzt das Dach 
an. Das Giebelfeid fit in zwei Stufen ausgefcho[[en; die Auslucht fehlt nicht. 
Der Grundrifi fit [ogar eine Reduktion des lindlichen; denn nur an einer Seite 
der Diele find Zimmer. Die hOchte kfinftlerifche Vollendung findet das zum 
Stadthaufe entwickelte Bauernhaus ira Amtshaufe der Knochenhauer in Hildesheim 
(5_9; Fig. 42"-o'). Der Itruktive Aufbau i[t mit Itrengffer Folgerichtigkeit durch- 
effihrt; namentlich ift die Eckl6fung mufferhaft; die Vorfprfing'e und die ab- 
-.- Nach ebendaf.. Abt. ",. 



Fg. 146. 

Fig. 47- 

Haus an der Bhckerftrafle zu Hameln"-*s). 

nehmenden H6hen der Obergefchoffe find auf das befte abgexvogen. \Vas der 
Holzbau an Mmumentalitit erreichen kann, ift hier erreicht. Das Knochenhauer- 
Amtshaus fteht nicht ara Anfang einer 
Fig. 48. Entwickelungsreihe; es bringt riel- 

Holzhaus zu Hildesheim 

mehr eine Entwickelung zum Ab- 
fchluB, welche fich im Laufe des 
XV. Jahrhunderts vollzogen bat. Es 
zeigt, daB auch ira Holzbau die 
ftrengere Konfequenz der Kompo- 
[ition und Kon[truktion eine h6here 
Monumentalit/it verbfirt als das 
Streben nach dekorativen und male- 
rifchen Effekten. 
Diefe Wahrnehmung machen wir 
auch an einem Fachwerkhaus aus dem 
XVI. Jahrhundert in Mfinden, das 
dem Knoclaenlaauer-Amtshaus in 
feinen Verhiltniffen nicht gleichlteht 
und weit einfacher gehalten ift als 
diefes, das aber doch einen fehr 
ftattlichen Eindruck macht"-l). Sehr 
ftattlich und tfichtig ift auch ein Holz- 
haus ara Markt in Hannover vom Jahre 
565; es hat drei Aus[chfiffe und 
einen hohen Giebel. Der Renaiffance 
bleibt dasVerdienft einer reichen und 
') Siehe deffen Abbildung in: Deutfche R¢naif- 
lance, Abt. 3, BI. t. 
t) Nach einer Photographse. 



154 

ge[chmackvollen Aus[tattung der Fach- 
werkhiiuIer, der »:ir auch einige kon- 
ftruktive inkonfequenzen gern nach- 
fehen. Ein hfibfches Beifpiel des 
leichten Zuges iris Malerifche ift das 
l lfittefche Haus in H6xter (1565; Fig. 
143-'"). Wir ftoBeu uns kaum an der 
etwas unkonftruktiv«n Stellung der 
Stiinder, noch daran, dag die Stinder 
ira Ornament der Brfiftungen ver- 
fchwinden; denn in anIpruchslofer 
\Veife ift hier durch ieichte Ab- 
weichungen von der Symmetrie und 
dcr ftruktiven Strenge ein malerifch 
reizvoller Eindruck erzielt. Noch 
mehr ift dies bei der Dechanei mit 
ihrem polygonen Erker der Fali. Das 
Kromfchr6derIche Haus in Osnabrtick 
(Fig. 144-u;), deffen reiche Hoizfaffade 
zwifchen fteinernen Langinden Iteht, 
ift ein Beifpiel der reichften orna- 
mentalen Ausgeftaitung des Holzbaues; 
tD Nach: DeutIche RenaffIance, AbL 9- 
') Nach: Egc, a. a. O. 

Holzhaus zu 



an diel'em Haul'e find auch die vorderen FlS.chen der Stnder mit Flachornament 
geffillt. Ara Rolandhofpital in Hildesheim zei'en fie Hermen und SS.ulen in 
flachem Relief. 
Fig. 151. 

Giebel der Halle zu Vpern"t:). 

Steht das Haus mit der Lan'l'eite an der Stral3e, fo ift der Geltaltung der 
Faffade ein ffeierer Spielraum gegeben. Wohl fS.11t mit dem Giebel das wirk- 
famfte AbfchluBmotiv weg; aber lchon durch freiere Oruppierung der Fenlter 

s} Nach : YSE,D't'CI, a. a. O. 



156 

und Tore laffen fich 
anfprechende, durch 

Ausluchten, Erker und 
Zwerchh,u[er hoch- 
malerifche Wirkungen 
erzielen. 
Das in Fig. 145 s*) 
darge[tellte Haus an 
der Bicker[traBe in 
Hameln, de[[en Schnitte 
in Fig. 46 u. 147*'-" I 
gegeben [ind, hat zwar 
keine h6here kiinft- I.., 
leri[che Bedeutung; 
aber die zweckmiBige 
und behagliche Anlage 
des Haufes kommt auch am ,uBe- 
ren gut zum Ausdruck. Die nieder- 
[iich[ifchen Stidte n6rdlich des 
HJrzes: Braunfchweig, (3oslar, Han- 
noyer, Halberftadt, Quedlinburg 
u. a., enthalten dann eine groBe 
Zahl von Wohnhiiufern diel'es 
Fypus, von der einfachl'ten bis zur 
reich[ten Ausl'tattung. Der Stil hat 
in den mei[ten St.dten reine lokalen 
Êigentfimlichkeiten, auf die ich 
hier nicht n.her eingehen kann, 
die ich auch nicht genfigend kenne. 
Aile fibertrifft t-liidesheim. Keine 
Stadthat einen fo er[taunlichen. 
Reichtum an wech[elnden Ge- 
ftaitungen, welche aus dem glei- 
chen Grundmotiv entwickelt [ind; 
und unerfch6pflich wie die Ffille 
der Konpofitionsmotive i[t der 
Reichtum der dekorativen Aus- 
ge[taltung. Die meiften Bauten 
find vollftiindige Holzbauten, an 
welchen auch die Briiftungen mit 
ge[chnitzten Holztafeln ge[chlo[[en 
find. Aber fo reich die Phanta[ie 
ift, die l'ich in der Einzelge[taltung 
nimmer genug tun kann, der 
auBerordentliche Reiz Hildesheims 
beruht doch mehr in der male- 
rifchen Kompol'ition feiner Holz- 
*} Nach einer Photographie. 
'") Nach: Deutfche Reuaiffance, Abt. 52. 

Fig. 

Fenfter im Hofe des Cieifelbrechtfchen Haufes 
zu Rothenburg o. T.''). 

Fig. n 53. 

Haus zu Allendorf an der Werraa). 



157 

bauten, in den Gefamtmotiven und ira gefchickten Einfiigen der einzelnen 
Bauten in das StralSenbild. In diefer Richtun..g fit hier ein H6hepunkt erreicht, 
der in feiner Art nicht feinesgleichen hat. Uberfehen wir aber nicht, es find 
durchweg kleine /Vlotive, und es ift Kleinkunft, was uns ira Hildesheimer Holz- 
bau entgegentritt, der gerade in diefem Befcheiden reine hohe Vollendung ge- 
funden hat. An fich ftehen Fachwerkbauten, an welchen die Dekoration nicht 
alles iibel-wuchert, doch h6her als diefe Schmuckftiicke. 
Sehr gut fit die Gruppierung ara [ch6nen Hau[e am Markt (Fig. 148"-1,); die 
fymmetrifche Faffade ift durch zwei Ausluchten und ein mittleres Zwerchhaus 
gegliedert. Ein Eckhaus an der OfterftraBe hat an der Ecke fiber dem \Valmfims 
einen breiten Erkeraufbau mit zwei Ciiebeln. Die H,ufer an der abgerundeten 

Fig. 4. 

Ecke zweier in den Andreasplatz 
einmfindenden StraBen find 
gleichfalls durch Erker belebt, die 
aber die Linie des Walmfimfes 
nicht fiberfchneiden. 
Zuweilen tritt der Holzbau 
mit dem Steinbau in der Weife 
in Verbindung, daB auf fteinerne 
Unterge[choffe Aus[chiiffe in 
Fackwerk aufgefetzt erden. Der 
Friihzeit geh6rt das Haus zum 
Brufttuch in Cioslar an, dem 
0bergang zum Barock das 
Merkelfche Haus in Braunfcheig 
(Fig. 149-1). In Holland ift 
umgekehrt auf ein in Fachwerk 

.- - .L ausgeffihrtes Erdgefchol hiufig 
j i,,. i-. ein maffives ObergefchoB auf- 
.]_Ç gefetzt. Diefen Typus, allerdings 
• ganz in Stein ausgeffihrt, zeigt 
_-...____ , [l..-._.  -" Fig. 49 ($. 64). 
In Belgien hat der Holzbau 
Haus zu Heldburg-"o). eine h6here kfinftlerifche Aus- 
bildung nicht gefunden. Die 
kleinen Htolzh,ufer, von elchen Fig. 15 o'«) ein Beifpiel aus Vpern gibt, eifen 
eher auf Anregungen aus Frankreich, als auf einen Zufammenhang mit dem 
deutfchen Holzbau hin. Die Giebel mit dem vorgekragten Bogen finden 
wir ira Kiiftenlande des Kanals bis tief in die Normandie. Ein intereffanter Ver- 
fuch zu kiinftlerifcher Durchbildung ift ara Giebel der Halle in Vpern (Fig. 151 ) 
gemacht. 
Der oberdeutfche Holzbau hat als Fachwerkbau mit dem niederdeutfchen 
vieles gemein; aber er ermangelt der ftrengen Konfequenz der Konftruktion, und 
[eine formale Ausge[taltung fteht mit ihr nicht in fo innigem Zu[ammenhang 
wie dort. DaB auch in Oberdeutfchland der Holzbau die alte, volkstfim- 
liche Bauweife ar, bedarf keines Beeifes. Oh und ie eit das oberdeutfche 
(fr,nkifche) Bauernhaus die Grundlage bildet, foll hier nicht unterfucht werden; 
ein geniigender Nacheis eines _folchen Zufammenhanges ift-bisher nicht erbracht. 
») Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 48. 

Ober- 
deuffcher 
Holzbau. 



158 

Er i[t ja wahrfcheinlich; aber es wire doch auch nher zu unterfuchen, oh nicht 
r6mi[che Traditionen mit nachgewirkt haben. Eiue [o fefte typifche Form wie 
das niederdeut[che hat das oberdeutfche Stadthaus nie erreicht. Schon ira Mittel- 
alter bat die Steinkonftruktion in den Hausbau Aufnahme gefunden, und ira 
XVI. Jahrhundert find reine Fachwerkbauten bereits die Ausnahme. Oew6hnlich 
ift das ErdgefchoB in Stein ausgeffihrt; die Obergefchoffe find in Fachwerk herge- 

ftellt. Ein ZwifchengefchoB fehlt, 
weil die niederdeuffche Diele 
dem oberdeutfchen Haufe fremd 
ift. Wie in Niederdeutfchland 
find die Oberge[choffe vorgekragt; 
aber die ganze Behandhmg der 
Konftruktion ift eine freiere. Das 
niederdeutfche Konftruktionsfy- 
Item fit ein ftreng gebundenes; 
den gleichmil]ig verteilten StS.n- 
dern find die Balken unmittelbar 
aufgelegt, und auf ihren Vor- 
fprfingen ruhen, obzwar durch 
Vermittelung einer Schwelle, die 
Stinder des oberen Oefchoffes. 
hn oberdeutfchen Holzbau find 
die St/nder \veniger regeim/iBig 
verteiit; fie find oben in einen 
Rahmholzbalken eingezapft, und 
auf diefem k6nnen die Balken 
ç,hne Rickficht auf die unteren 
Stinder gelagert werden. Auf 
den vorl'pringenden Balkenk6pfen 
ruht wieder eine Schwelle, und 
atff die[er tehen die Stfi.nder des 
oberen Cielchoffes, abermals in 
beliebiger Verteilung, die zwar 
oft der des unteren Ciefchoffes 
entfpricht, aber doch nicht an 
gebunden ift. Die Balkenk6pfe 
bleiben meiftens unverziert; nicht 
felten find fie durch ein gefims- 
artig profiliertes Brett verdeckt. 
Die Unterftfitzung der Balken- 
k6pfe durch Kopfbinder ift nicht 

Fig. 55- 

Hiufer in Bernkaftel an der blofel*-"tl. 

;ebriuchlich, kommt aber ausnahmsweife vor. So find auch die Vor[prnge der 
Oefchoffe ira allgemeinen geringer als in Niederdeutfchland. Die Ulmifche Bau- 
ordnung von 1.12o geftattet zwei Ausfchfi[fe zu 1 Werkfchuh und ffir den Walm- 
fims noch einen zu 1%. Schuh. Die Bauordnung von 1429 geltattet 3 und [elb[t 
mehr Ausfchfiffe, bezw. Stockwerke; doch darf der Walm[ims nicht mehr als 
31/., Schuh fiber das Erdgefchol3 vortreten. Bfigen unter den Ausfch/iffen [ind 
nicht zul/lfig"). Die Stinder werden unter [ich durch Querriegel und mit den 
:- Nach ebendaf., Abt. 45. 
:'- Sehe: Ulmifches rotes Buch, foi. LXXV[[I if. 



Fig.  5 6. 

Haus zu Cochem 
an der blofel--'% 

Schwellen durch Streben verbunden. Diefe Holz- 
konftruktion dient zugleich dem Schmuck der 
WS.nde. Insbefondere werden die Brfiftungen 
durch gekreuzte, oft durch gefchweifte Riegelh61zer, 
die zu wirkfamen Flachmuftern zufammengefetzt 
find, belebt. Reiche Schnitzerei ift felten und be- 
fchrnkt fich fart ausnahmslos auf die Eckft/inder. 
Die Fenfter find zwar h/iufig als einfache Off- 
nungen behandelt; neben diefer einfachen Forln 
kommt aber eine zweite vor, bel welcher das 
ganze Fenfter vor die WandflS.che vorgefetzt ift 
(Fig. 15o_!"). Diefe Fenfterform ift x»enig kon- 
ftruktiv, trS.gt aber zur Belebung der \V/inde bei. 
Der t3iebel ilt ira n6rdlichen Teil des t3ebietes 
nicht ausgefchoffen; in Schwaben fetzen fich die 
Ausfchfiffe auch ira t3iebel fort. Das obere Ende 
wird hS.ufig abgewalmt oder mit einer vor- 

fpringenden Haube verfehen. In der Sp/itzeit kommen (iiebel vor, welche nicht 
vom Dach fiberdeckt werden, fondern in ge[chwungenen l_inien iber die 
DachflS.che vorfpringen. 

Fi.q. 157- 

Holzhiufer am R6merberg zu Frankfurt a. 
,n) Nach einer Photographie. 



16o 

Die Crenze zwifchen der oberdeuffchen und der niederdeuffchen Bauweife 
fllt annihernd mit der in Art. 4 (S. 43) frit den Steinbau angegebenen zul'ammen. 
Ver[chiedene deut[che Stmme haben an der oberdeutl'chen Weil'e teil, und die[er 

Umftand, wie die gr6Bere Freiheit des 
oberdeuffchen Holzbaues haben gr6- 
Bere provinzielle Verfchiedenheiten zur 
Folge, als ira niederdeutfchen vor- 
kommen. 
Den lbergang nehmen wir ira 
nrdlichen Heffen wahr. Die Hiuier 
{Fig. 53 e:') geh6ren nach ihrer An- 
lage dem oberdeut[chen Typus ohne 
Zwifchenge[choB an; die Konftruktion 
bat vieles mit der niederdeut[chen 
gemein, unter[cheidet fich aber von 
diefer dadurch, daB fiber den St/indern 
[rets ein Rahmbalken angeordnet lit. 
Oanz oberdeutfchen Charakter 
haben die Holzbauten in Thfiringen. 
Die Flachdekoration durch Riegelh61zer 
fit nirgends fo ausgebildet als hier. 
An dem in Fig. 54 --) abgebildeten 
Hau[e zu Heldburg find fiberdies die 
kleinen Zwifchenrume, welche aus 
den Riegelh61zern ausgef/igt find, mit 
bunten Tonflie[en geffillt. Balkenk6pfe 
und Schwellen find mit Brettern ver- 
kleidet, welche gelïmsartig profiliert 
find. 
Dem n6rdlichen Teil des (3ebietes 
geh6ren die Eifel, der l-lunsrfick, das 
Rhein- und Mofeltal an. Auch hier 
ift die Konftruktion oberdeutfch. Es 
kommen Hiuler, welche in ihrem 
[chmalen, hohen Aufbau auf einen 

Fig. t58. 

Zufammenhang mit den Niederlanden 
wei[en (Fig. 55ee); ira allgemeinen 
aber herrfcht die Neigung zur freien 
(3ruppierung der (3ebiudeteile vor 
{Fig. 56-}. Des Be[te ift wohl das 
off abgebildete H/iuschen in Bacharach. 
An den H/iulem in Bernka[tel fehen 

wir die vorgekragten Fen[ter, welche -- " l [ , . 
weiter ira Sfiden vielfach vorkommen. 
Ira Rheingau und ara unteren Salzhaus zu Frankfurt a.M.t). 
Main find die Oberge[cho[[e mit Schie- 
fer verkleidet oder (ob url'prnglich?) verputzt. Neben den Oiebeln mit Schopf- 
\-;alto kommen mehrfach folche vor, welche in gel'chweiften Linien die Dachflche 
-') Nach; FlTSCtt, K. E. Ol Det3kmler deutfcher Renai([ance. Berin _t89o-9t. 



fiberl'chneiden. Frankfurt (Fi. 57 -,) und Klainz l'ind reich an l'olcheu Bauten. 
AuBer der Reihe fteht das Salzhaus in Frankfurt (Fig. 58 ') aus dem Beginn des 
XVII. Jahrhunderts mit feiner reich gel'chnitzten Verl'chalung; es ift in dekorativer 
Hinficht recht wirkfam, aber ohne konftruktive Folgerichtigkeit. 

Fig. 59- 

Hau» zu Dinkelsbfihl.:ç«). 
In den Holzbauten der Rheinpfalz und des ElfaB herrl'cht die ffeie (3ruppierung 
vor; der malerifche Eindruck wird durch offerte (3alerien noch erh6ht (Fig. 6 °") 
m Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 
j Nach einer Photographie. 
Handbuch der .rchitektur. II. 7- (..ufl.) 11 



Fig. 16o. 

Rathaus zu /larkgr6ningen-7). 

Die hochmaleril'che Wirkung des Pfi[terl'chen Haul'es in Kolmar, eines Steinbaues, 
wird durch die ausgekragte Holzgalerie vor dem II. Obergel'chof$ wel'entlich be- 
dingt. Aile fibertrifft an Reichtum der Durchbildung das fch6ne Haus am fin[ter- 
platz in StraBburg, der oberdeutfche Fachwerkbau weift kein zweites Beil'piel I'o 
reicher und angemeffener Schnitzerei auf. 
) Nach: Die 14unit- und Altertums-Denkmale im K6nigreich Wfirttemberg. 



163 

Der frinkifche Fachwerkbau ift im allgemeinen niichtern; felb[t Niirnberg 
bat keine [ehr maleri[chen Holzbauten, xvenngleich die Galerien an der Pegnitz 
nicht ohne Reiz find. Das Be[te in Franken ift vielleicht das in Fig. 159 -''-«) ab- 
gebildete Haus in Dinkelsbiihl. Der reiche Schmuck durch Riegelmufter und die 
Kopfbinder unter rien Aus[chfi[[en ,,vei[en auf mitteldeu'6che Anregungen. 
Auerordentlich reich an Fachxverkbauten ift endlich das xviirttembergifche 
Schwaben. Das konftruktive Prinzip des Dreieckverbandes herrfcht ira Aufbau 
der Winde vor und bat groBe Bedeutung ffir die Erfcheinung diefer Bauten. 
Nicht [elten find die Streben gefchweift und die gekreuzten Riegel zu Flach- 
muftern zufammengeletzt. Auch das Relief komrnt vor, doch nicht hufig. Die 
Balkenk6pfe [ind fichtbar, aber meift ohne Profilierung. \Vird [chon durch die 

Fig. 

Auskragen und durch die Gefache ein 
reicher und malerifcher Eindruck he'or- 
gerufen, [o effhrt die[er oR noch durch 
Erker, Doppelgiebel, offerte Hallen ufw. eine 
Steigerung. lch greffe aus der groBen Menge 
zwei Beifpiele heraus. Das Rathaus in 
,\larkgr6ningen (Fig. 16o ':) zeigt, wie nur 
durch die konftruktive Gliederung ein rei- 
cher, ja bedeutender Eindruck erzielt werden 
kann; es ift ein wfirdiges Gegenftiick zum 
Knochenhauer-Amtshaufe in Hildesheim. 
Ein Beifpiei reicherer dekorativer Ausltat- 
tung bietet das kleine Haus aus Schwbifch- 
Hall (Fig. 162-""-:). Hier find Balkenk6pfe 

' -='-_-',+.. '¢. ! - - \ - und Schwellen durch profiliere Bretter ver- 
I I III  deckt, Io dal3 der Anfchein einer reinen 
•  ¢''-' - Oefimsteilung der Stockwerke ent[teht. Die 
:? __ i' 11 Fenfter treten vor dieWand vor. 
IÇ i=[ Oanz kurz fei noch des Holzbaues der 
'-, .- -- I-. (f , A,penlinder Erv...hnunz zetan; er komm t 
hier nur infoxveit in Betracht, als er von der 
' Renaiffance benïhrt fit. 
Neben dem Fachwerkbau kommt auch 
der Blockbau in ausgedehnter Verbreitung 
Haus zu Kaifersberg"6). vor. Der Fachwerkbau unterfcheidet fich 
in der I4.onrtruktion der \VS.nde nicht vom 
[fiddeut[chen; doch werden die Oberge[choffe nicht ausgefchoffen. Der Blockbau 
fit in Siiddeut[chland auf die AlpenlS.nder und einen Teil Bayerns bis zum 
B6hmerwald be[chrnkt. 
Die Alpenlnder haben auch einen eigenen Haustypus, der von KS.rnten bis 
in die Schweiz und bis in den B6hmerwald verbreitet fit. Das Alpenhaus hat 
den Eingang an der Giebel[eite. Ira vorderen Teil [ind die \Vohnrume, ira 
hinleren die Scheune und die Stalle. Es hat zwei Oe[choffe; das obere il't von 
einer weit vor[pringenden Galerie umgeben. Das Dach bat eine flache Neigung; 
es i[t mit Legichindeln gedeckt. Das Erdge[choB fit oft in Stein ausgeffihrt, das 
Oberge[chol3 in Holzbau, [ei es in Fachwerk mit Ausmauerung oder mit Bretter- 
veffchalung, [ei es in Blockbau. Aber ebenio verbreitet iind vollitS.ndige Holz- 
bauten. Ob in die[em uralten Typus graeco-italilche Traditionen fortleben, bleibe 



164 

hier uner6rtert. Sicher ift, daB ihm [chon an fich ein [theti[cher Wert inne- 
wohnt, [owie daB er [chon feiner allgemeinen Anlage nach der Formgebung der 
Renai[[ance entgegenkam. Er folgt in der Aufnahme der Renai[fanceformen dem 
Zuge der Zeit, wird aber durch fie in feiner Gefamtanlage fo wenig alteriert, als 

Fig. 6a. 

III 
1 

Haus zu Schwlibifch-Hall-*-). 

durch die (3otik. In den meiften Ffillen bleiben die Renaiffancemotive, abgefehen 
von Gel'imsprofilen, auf die Tfir- und Fenfterumrahmungen, die Profile der Balken- 
k6pfe und die Ornamente der Stirnbretter befchrinkt. 
Neben dem Alpenhaus kommen, namentlich in der Schweiz, noch andere 



165 

Typen vor, vielleicht alemanni[ches, burgundifches und romanifches Erbe*-s). Die 
Ausftattung ift zuweilen fehr reich. Eines der glinzendften Beifpiele reicher und 
gdchmackvoller Ausftattung ift das Haus in Hochfteig bei \Vatwyl in Toggenbul-g 
aus dem XVII. Jahrhundert. Charakterifti[cher it't wohl das H.he ttaus in Wolfen- 
ichieBen vom Jahre 586 (Fig.  63 -"-':'), abge[ehen vom Sockel ein reiner Blockbau 
von hochnlalerifchem Charakter. 

Fig. 6 3. 

Hohes Haus Zll Wolfen[chieBen -"''. 

-) Vergl. fiber folche Baulen: Gt[,uacl, E. Der Schweizer Holzf il. 
haus in der Schweiz. 
'1 Nach ebendaL 

D ii 



98. 
ruppierung 
der 

IB. Kompofition und Einzelfomen. 

13. Kapitel. 
F'rinzipien der Kompolition. 
Um die hi[tori[che Uber[icht zu entla[ten, er[chien es mir ritlich, das, was 
fiber die l'rinzipien der Kompo[ition und fiber die Formenlehre zu [agen i[t, in 
eine kurze [y[temati[che Dar[tellung zu[ammenzufa[[en, wenngleich ein [o fy[tem- 
lofer gril, wie die deut[che Renai[[ance, eine 
[vftemati[che Behand]tmg ira knappen Rah- Fig. 64. 
men kaum zulBt. Vieles von dem, was an 
ee te,le u e ,  zwa ue  
fchon angedeutet, mug aber hier ira Zu- 
[ammenhang nochmals be[lrochen werden. 
Dies gilt zunch[t von der Kompofition. lch 
 - • 
habe vielfach darauf hingewie[en, daB fie der 
ira ,engeren Sinne architektoni[chen Oe[etz- 
miigkeit ermangelt und nach dem Maleri- 
fchen tendiert. Die wenigen typi[chen Orund-   :  . I I  " 
nict in der Renai[[anceperiode ausgebildet, 
londern find von ,terer Zeit fiberkommen. 
Das norddeut[che Wohnhaus, aus dem 
.i«r«en aene evzezn- 
gen, bat einen feften OrundriB, Ser wohl aen  . ï  
UmftSnden angepaBt wird, der fich aber im 
ganzen [rets gleichbleibt, [o lange das Haus 
mit der Oiebel[eite an der StraBe [teht, und 
in den H5u[ern deren Breitfeite nach der - 
StraBe gekeh i[t, gleichfalls noch zu erken- 
nen ift. Auch der OrundriB des ffiddeut[chen Haus zu Carden an der Mofel*S°l. 
Stadthau[es hat eine typi[che Orundform, die 
aber, weniger fe[t als die des norddeut[chen, vielen Veranderungen ausge[et 
ift. Eben[o halt der Kirchenbau des XVI. Jahrhundefls an der Form der Hallen- 
kirche in OrundriB und Aufbau lange fe[t. 
Wo aber [olche alte T)'pen nicht vorhanden waren, waitet in der Orund- 
riBge[taltung die 6Bte Ungebundenheit. Nach Bedarf und nach Bequemlich- 
keit werden die Raume angeordnet, und wo fie [ich dem rechteckigen Umfang 
des Oebaudes nicht einffigen, werden einzelne Teile vor- oder zurfickge[choben. 
Namentlich die Treppen werden oft in vor[pringenden Tfirmen untergebracht. 
 Nach: Deutfche Renaiffan¢e, Abt. 45- 



167 

Symmetrifche Grundriffe werden erft in der Sptzeit unter italienifchem 
EinfluB angeftrebt Der Orundrifl des Augsburger Rathaufes (Fig. o6, S. 21) 
ift von einer abftrakten Regelm/iBigkeit, welche fofort das Studium Palladio's er- 
kennen IBt. 
Aus der reien Anordnung des Orundriffes ergibt fich von felbft eine mehr 
oder minder mlerifche Oruppierun des Aufbues (verge Fig. 39 IS. 5o], 
[S. 5], 7 [$. 86]). W'o eine folche us dem Orundri, nicht unmitelbar hervor- 
geht, wird fie uf nderern Wege eucht. Die Mitel final kleinere Vorfprfinge, 
Treppentfirme, Freitreppen, 
Fi. s. Ausluchten, Erker, Qiebel 
und Zwerchhiuer; gnz 
gemein, die 
lung ungleichwertiger Maffen. 
H8chft mlerifche Wirkungen 
werden auf diefem \Vege oft 
an Buten ohne aile architek- 
tonifche und dekorafive Aus- 
'tattung erreicht; fo an einem 
kleinen Hue in Crden 
der Mol'el (Fig. 164-°'), 
welchem ungleich hohe Aus- 
buten, Unterbrechunen dr 
Horizontalen und der \Zechfel 
verfchieden beleuchteter 
chen zufammenwirke. Bel 
der alten bifch6flichen Refi- 
denz in Bamberg (Fig. :65 
v¢ird die Symmetrie der t-ront 
durch einen Erker aufgehoben; 
der zurfickliegende Treppen- 
turm und das Portal des 
les [chlieBen [ich ungezwun- 
gen mit dem t tauptbau zu 
einer Oruppe zufammen. Die 
malerifche Erfcheinung des 
Rathaufes in Altenburg (Fig'. 
4o, S. 51) wird durch den 
Aire bi[chiSl:liche Refidenz zu Bamberg-l). Turm und die ge[chickte 
Oruppieruug des Daches er- 
reicht. Durch die malerifche Behandlung der Dicher v¢erden auch die Nfirn- 
berger StraBenbilder gehoben und belebt. Wie die maleri[che Wirkung einfacher 
l-I/Jurer durch Erker gefteigert werden kann, zeigen Fig. 166 u. 167-sJ). Das Haus 
in Halberftadt iIt Ichon durch die Behandlung der Holzarchitektur malerifch; 
durch rien weitvorfpringenden, au[ einem Pfo[ten ruhenden Erker gexvinnt es ein 
h,Scht't pikantes Ausfehen. Aber auch das einfache, in rheinifcher Weife mit 
Schiefer verkleidete Haus ara R6merberg in Frankfurt von 1_562 wird durch die 
Erker kriftig belebt; das Bild umfal3t allerdings auch rien Einblick in die StraBe, 
iber welcher der Turm des Domes hereinragt. 

t Nach einer Photographie. 



"168 

Fig. 166. 

T 
Haus ara Holzmarkt zu Halberftadt 2'. 
Wo die freie Ciruppierung nicht m6g- 
lich oder nicht angeftrebt fit, liebt die 
deutfche Renaiffance die ftrenge Symme- 
trie durch leichte Verfchiebungen aufzu- 
heben (vergl. Fig. 55 [S. 69], 63 [S. 78], 
143 [S. 15o]). Vor allem ift fie g..egen eine 
gleichm.Bige Verteilung der Otfnungen 
ziemlich gleichgfiltig; fie werden nach 
Bedarf verteilt, und ftarke Durchbrechul» 
gen wechfeln mit groBen Flichen. 
,o- Der Fl/iche kommt il der deutfchen 
Bedeutmg 
dr 12enaiffance eine be[onders groBe Bedeu- 
Xv,d,t:t. tung zu. Sie il't der ruhige Cirund, auf 
\ïelchem Durchbrechungen und Schmuck 
nach Bedarf und Belieben angeordnet 
werden. Der Ciegenfatz der F1/i.chen zu 
dem auf einzelne Stellen konzentrierten 
Schmuck, wozu ich Erker, Portale, Wap- 
pen, Reliefs u. a. z/ihle, il't ein fundamen- 
tales Koml»o[itionsprilzip der deutl'chen 
Renai flan ce. 

Zuweilen eignet fich die Renail'- 
lance /iltere Bauten durch Zutaten 
von Erkern und Giebeln an. In glRn- 
zender Weil'e il't dies ira Schlol3hof 
zu Merl'eburg gel'chehen; dann im 
genialen Umbau des Rathaul'es zu 
Bremen (Fig. 168-), durch welchen 
der einfach rechteckige Bau macht- 
voll gruppiert wurde. Ein lehrreiches 
Beil'piel ift ferner das Rathaus in Mar- 
burg (Fig. 169-); durch den kecken 
Aufbau fiber deln Treppenturm und 
durch den Giebel des Nebengeb/iudes 
erh/ilt der fp/itgotil'che Bau Renail'- 
l'ancecharakter. Solche Aneignungen 
werden dadurch erleichtert, dal3 die 
deutl'che Renaiffance von der Sp/it- 
gotik nicht wefensverl'chieden il't, l'on- 
dern nur mit anderem Detail arbeitet. 

Fig. 167. 

Haus ara Rimerberg zu Frank[ult a.M. 



69 

lm allgemeinen find die Mauern geputzt und wirken als ruhige Fl/ichen; 
von der ungeputzten Backfteinmauer gilt das gleiche. Quaderungen ganzer 
Mauern kommen vor, find aber nicht hufig. Der Wechfel von Backftein und 
l-lauftein ift in den Niederlanden und in Norddeuffchland beliebt. Der kolo- 
riftifche Reiz, welchen diefe alten, verwitterten Bauten jetzt haben, wird ihnen 
kaum von Anfang an eigen gewefen rein. Hier find die Quader nicht feltcn 
facettiert oder erhalten eine F15.chendekoration (Fig. 7oe'.). Solche Quader 
kommen in t tameln und Umgebung, ara hohen Tor in Danzig und fonft ,,-or. 
Das Motiv bat ftets et\vas 
Fig. 68. gefuchtes. Bo[fenquader [ind 
4,, [elten, und die Ruftika als 
• ",/)...ç ,\. Kunftgattung ift der deut- 
.. fchen Renaiffance fremd. 
Bleibt die Wandfl:iche 
ungegliedert, fo wird in 
' j einigen Gegeuden Ober- 
deutfchlands nicht lelten in 
der Faffadenmalerei ein Er- 
fatz der plaftifchen Gliede- 
ruug ge[ucht. DaB fie [ich 
aus mittelalterlichen Anffin- 
gen entxickelt habe, fcheint 
 mit nicht wahr[cheinlich; 
ihre Richtung ift eine ganz 
-. andere. Sic wird fchon ira 
Beginn dcr Renaiffance von 
n Italien bernommen und 
bleibt bis in das XVlll.Jahr- 
'J[ hundert in Ilbtlrg. Man 
darf l-ich durch die Sch6n- 
__----,L_ heiten ira einzelnen und 
 - » -------:-- ---------- durch das belebte und lu[tige 
__-- " --:---=--_--_- Aus[ehen von StraBen mit 
-- bemalten ltiiu[ern iiber das 

Rathaus zu Bremen-S). 

Bedenkliche der ganzen 
Oatttlng nicht hinweg- 
tfiufchen la[fen. Bemalte 
Faffaden haben fiir das 
Straç, enbild, das in der 

Epoche der Renaiffance ftets 

ein malerifches ift, einen nicht zu unterfch/itzenden Wert; er ift ein koloriftifcher. 
Frit fich betrachtet, wird keine einzige die[er Faffaden einen v611ig reinen Eindruck 
hinterlaffen. Verfieht man fich mit einem guten Teil von NaivitS.t, lo mag man 
von ihnen off einen groBen GenuB haben. 
Man kann drei Arten der Behandlung unterMMden. Die erfte betrachtet 
die WandflS.che als Malgrund ffir Ornamente oder Bilder; die zweite lchafft eine 
imagin/ire Architektur, welche die Mauerfl'ache aufl6ft und aufhebt; die dritte [ucht 
die fehlende plat'rit'che Gliederuug durch eine gemalte zu erletzen. 

ts) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. ta. 

lOO 
I afladen- 
malerei. 



Am eheften IiBt 
fich fr die er[te Art 
ein Zufammenhang 
mit der nordifch- 
mittelalterlichen Poly- 
chromie voraus[etzen, 
enn fchon gerade 
Iïe in Italien gute Vor- 
bilder rand. Stilreine 
Beifpiele find nicht 
zahlreich. Irre ich 
nicht, fo geh6rt eine 
von Burkmayer ge- 
malte Fal'fade in der 
St. Anna[trafie zu 
Augsburg hierher. 
Ara WeiBen Adler in 
Stein (Fig. 34, S. 45) 
und ara Hertenlteini- 
l'chen Haus in kuzern, 
cirier Irfihen Arbeit 
Hans Holbein's, wie 
an den dem flrg 
Brou zugefchriebenen 
Malereien ira HoIe 
des Fuggerhaufes in 
Augsburg iriIt Ichon 
die per[pektivifche 
Vertiefung auI. hn 
ganzen aber enthalten 
diefe Falïaden Zu- 
fammeni'tellungen 
einzelner Bilder, deren 
Einteilung durch die 

Fig. 69. 

Rathat, s zu MarburgS-). 

vorhandenen Mauerfl'achen bei'timmt wird. 
Hans ttolbein hat dann die perfpektivifchen Elemente, welche in diefen 
Fa[faden enthalten i'ind, in voller Konfequenz in der Façade des Haufes zum 
Tanz in Bafel entwickelt. 
Die Faffade befteht nicht 
mehr; aber ein Teil der Entwfirfe . 
i[t noch vorhanden (Fig. 7 ").  
Der Oenius des Meifters offen- 
bart fich auch in diefen Arbeiten; 
aber man hfite fich, fie zu geift- 
reich zu kommentieren. Die Auf-  
gabe war die, eine Fliche mit 
unregelmS.Big verteilten Fenfter- 
6ffnungen mit Ma|ereien zu 

) Nach: L.BCI('E, a a. 0., S. 9. 

Fig. 7o. 
Dekorierte Quader aus Hameln-j. 



fchmficken. Holbein 16rte fie fo, dal. er die Fenfter in eine ganz frei be- 
handelte, perfpektivifch dargeftellte Architektur eingliederte. Die Wandfl/J.che felbft 
wird durch diefe Architektur v611ig aufgehoben; einige Telle fcheinen vorzu- 
fpringen, andere zurfickzutreten. Die L6fung aber ift weit mehr malerifch, als 
architektonifch. Die Anregungen m6gen architektonifche Hintergrfinde italienifcher 
Gem/ilde gegeben haben; aber fie final ganz felbft/J.ndig verarbeitet. Hier wie 

Fig. 7- 

Faffaden[kizze fiir das Haus zum Tanz zu Bafel VOl Haus Holbein d. 

dort find Gebilde gefchaffen, deren Wert und Bedeutung einzig in der bild- 
mifigen Erl'cheinung, von einem beftimmten Augpunkte aus betrachtet, be- 
ruht. Holbein's Fal'fadenentwfirfe, fo geiftreich fie gedacht find, w0rden, wirklich 
ausgef0hrt, gar keine architektonifche Wilkung aus0ben, wihrend rein Zeitgeno[fe 
Raffael in den vatikanil'chen Stanzen vollkommen architektonifche Riume fchafft, 
die auch in der Ausffihrung den h6chften Anforderungen entfprechen w0rden. 
Das Merkwfirdig[te an diefen Entw0rfen il't die fouverne Freiheit, mit welcher 
Holbein mit den Elementen der Renaiffancearchitektur fchaltet, zu einer Zeit, da 



Faffaden- 
kampofition 
nach 
 »rdnungen. 

man fie in Deutfchland kaum kannte. In diel'er freien, malerifchen Verwer- 
tung architektonifcher Elemente beriihrt [ich l-iolbein mit Mei[tern weit fpterer 
Zeiten, mit PiraneJï, Bibiena, Otto Rieth u.a. Unmittelbare Nachfolger fcheint 
er nicht gehabt zu haben. 
Die dritte Art der Faffadenmalerei gibt fich als Surrogat plaftil'cher Gliede- 
rung. Architekturfyfteme, welche ebenfogut in Stein ausgefiihrt werden k6nnten, 
werden auf die Wand 
gemalt. Ein relativ friihes Fig. 7 2. 
Beifpiel ift das Rathaus zu 
aus Kolmar begonnen- -- 
unten Quaderung, darfiber 
zwei Ordnungen. Das um- 
fangreichfte \Verk waren 
die Faffaden tmd H6fe der 
Refiden7 in Mfinchen aus 
dem XVII. Jahrhundert. 
(Jetzt heu gemalt.) Die 
Einfeitigkeit der Perfpek-  
rive und Beleuchtung ligt 
h dcheArbeiten, auch wenn 
iie groB gedacht lind, [tels 
tmzul/inglich erfcheinen. 
Neben der Faffaden- 
malerei kommt zuweilen 
auch das Sgraffito vor. Es 
hediugt eine vollkommene 
Fliichenhaftigkeit der \Vir- 
ktmg und gt fchon da- 
durch auf eine geringere 
Freiheit be[chrfinkt als das 
Fresko. Sgraffiti kommen 
nicht felten in Schlefien 
Schwarzenbergifche Palaft __ 
mit lch6nen Ornamentm 
faches Beifpiel aus Uhn Sgraffito von einem Haufe zu L'lm"-3). 
Etwas anderes als die Fa[[adenmalerei ift die Polychromie plaltifch behanddter 
Architekturen. Ich weiB hierfiber aus eigener Anfchauung kaum etwas zu fagen. 
Neuere Unterfuchungen haben ergeben, daB ara Heidelberger SchloB Polychromie 
angewandt war. Vergoldung einzelner Glieder kam in den Niederlanden zuweilen 
vor. Endlich ift eine farbige Ausftattung an Holzbauten hfiufig. 
Die freie Gruppierung ift das eigenfte Kompofitionsprinzip der deut[chen 
Renaiffance; in ihr kann fich der von der SpS.tgotik iiberkommene Zug nach dem 
Maleri'chen ara freieften ausfprechen. Daneben fehlen zwar nach Stiulenordnungen 



173 

komponierte Faffaden nicht; aber auch bei ihnen wird nicht Wohllaut der Ver- 
hltnii'fe, i'ondern krifti .g. er Wechfel von Licht und Schatten angeftrebt; die Formen 
find klein, and eine Uberffille von Relief fowohl in den ¢31iedern wie in den 
Fiillungen belebt die Fliche. Der malerifche ¢3rundzug fchli alfo auch hier 
durch. Erft nach der Mitte des XVI. Jahrhunderts, vom Otto Heinrichsbau 
an, wird den Verh.ltniffen gr6Bere Aufmerkfamkeit zugewandt; die abgekD.rte 

Fig. 73. Fig. 74- 

Kaminpfeiler im Haufe 
des Marten van Roffam 
zu Zalt Bounnel% 

Kaminpfeiler ira Saale des Franc de Brltges 
zu Briigge-"*«). 

Harmonie guter italienifcher FaI[aden wird indes nie erreicht, und die Unficher- 
heit in der Handhabung diefes [ehr [ubtilen Scheinorganismus lit felbft in den 
beften Werken nicht v611ig fiberwunden. Die Faffadengliederung durch Sëulen- 
ordnungen findet fich frfihzeitig in den Niederlanden, wo ihre Aufnahme fchon 
durch die goti[che Faf[adengliederung vorbereitet war, und in den iachfifch- 
[chlefifchen Landen. Die Anregungen [ind da wie dort von Italien ausgegangen, 
doch [elten mehr ais folche; es wird wenigftens fiir die Frfihrenaiffance in keinem 

:,«, Nach: EWERBECI<, a. a. O. 



174 

einzigen Falle m6glich lein, ein beltimmtesVorbild nachzuweifen. Zuweilen folgen 
die drei Ordnungen: Tuscanica oder Dorica, Jonica und Corinthica oder Compo- 
lira aufeinander. Die Behandlung i[t durchaus naiv; weder die Verh/iltniffe ira 
ganzen - noch die der einzelnen Telle untereinander unterliegen [trengerer Ge[etz- 
miBigkeit, und das Verftindnis ffir die Formen ift [ehr unentwickelt. Be[onders 
unklar lit die Auffa[[ung der Geb.lke. Sie werden 

wohl dreiteilig ge[taltet; aber nur der Architrav i[t 
BekrSnung der unteren Ordnung, w.hrend der Fries 
und die l(ranzlei[te als Brfiftung des oberen 
Icho[[es gelten. Infolgedeffen xvird der Fries oft 
unverhiltnismiBig hoch, und das ganze GeIims tritt 
auBer Verhiltnis zu den dClrftigen Halb[iiulen und 
Pila[tern. (Vergl. Fig. 4, S. !17.) 
Ira fClnften Dezennium des XVI. Jahrhunderts 
treten die er[ten Theoretiker auf. Pieter de Koek 
von Alo[t fiberIetzt rien Scrlio, deIIen erfte BClcher 
1342 in Augsburg gedruckt werden; 1548 er[cheint 
die deutfche Bearbeitung von Ce[ariano's Vitruv- 
Ausgabe durch |Valtiwr Rivius. 
Wie weit die[e und andere Lehrbficher die 
Praxis beeinfluBt haben, wire niher zu prfifen. Ira 
Otto Heinrichsbau glaube ich das Studium von 
Serlio's Vorfchriften fiber die Verhltniffe der Stock- 
werke zu erkennen. 
Ein richtiges Verlt.ndnis der antiken Ordnungen 
haben aber doch erft Oie italienilÏerten Niederlander 
illld Oie deut[chen Palladianer des XVII. Jahrhunderts. 
Dietes ffihrt aber, wie in Kap. lO ausgeffihrt wurde, 
aus der deutlchen Renaillance heraus. 

SS.ulenfchaft vom Chorgeft/ihl 
zu Kampan -s;). 

14. Kapitel. 
St/htzen und Gefimfe. 

Die Stfitzen, Stulen, Pfeiler oder Pila[ter werden in der Frihzeit noch ganz 
unabhngig von theoretifchen Vor[chriften wie von korrekten Vorbildern in [ehr 
naiver Wei[e gebildet. Einer be[onderen Vorliebe erfreut [ich die dekorative 
Form der Kandelaber[/iule (Fig. 173-3). Sie kommt vereinzelt fiberall vor, wo es 
eine FrClhrenaiffance gibt. FUr Sachfen habe ich in Art. 31 {S. œgff.) ihre Abkunt 
von lombardifchen Vorbildern nachzuwei[en gefucht; anderw.rts mag fie von 
graphi[chen Vorbildern, Zeichnungen, Glasgemilden u. dergl, in die Architektur 
fibergetragen worden rein. *hnliche Formen dringen auch in die gotifchen Pfeiler 
ein. Der in Fig. 174 -:) dargeftellte Pfeiler vor dem groBen l(amin ira Saale des 
Franc de Bruges in BrClgge ift [einem We[en nach gotifch, aber mit den zier- 
lich[ten Renai[fanceformen bekleidet. Man kann bei ihm nicht von Siulen fprechen; 
was an folche erinnert, i[t nichts anderes als ein gotiIcher Dienft. Die Bildung 
des Akanthus an den abgebildeten Beifpielen i[t fehr [orgf.ltig und liBt eine un- 

*' Nach : E EtECU, a. a. O. 



177 

mittelbare Einwirkung italienifcher Vorbilder amaehmen. Wo folche nicht vor- 
lagen, kamen oft fehr wunderliche Formen heraus. Eine reiche Auswahl bietet 
der Hof des bifch5flichen Schloffes in Frei[ing von 1:319 (Fig. 178 u. 179-'z:'); der 
Meifter hat nur ganz vage Vorftellungen von den Formen der Renaiffance; doch 
er bildet frifch drauf los, und was er zuftande bringt, iR feltfam, aber nicht un- 
erfreulich. 
In der Architektur vedchwinden die kandelaberartig profilierten Siulen ziem- 
lich frfih; aber als Brunnenf.ulen bleiben fie das ganze 
XVI. Jahrhundert hindurch beliebt. Die Siule aus Fig. 89. 
Enfisheim (Fig. 176 "--) fetzt fich aus 
Fig. 88. Schwellungen und Einziehungen zu- 
fammen; aber das feinere Ciefiihl fiir - 
den Cirad, wie ffir die Abfolge der Pro- , 
file fehlt hier wie in anderen Fillen. 
In der entwickelten Renaiffance 
wird die Siule wohl [trenger gebildet; 
doch die Luft, fie zu fchmiicken, lebt 
unvermindert fort. An fefte Verhalt- 
niffe zwifchen dem unteren Durchmef- 
fer und der H0he, die doch nur in 
vSllig gebildeten Ordnungen Bedeu- 
tung haben, konnte und wollte man 
fich nicht binden, auch nachdem man 
Serlio kannte, lin Anfchlu an die ira- /) 
lienifche Renaiffance wurde die Saule 
gew6hnlich, doch nicht ausnahmslos, 
mit einem Poftament verfehen (Fig. 176, 
177 u. 18o). Das Poftament hat als 
Unterlage eine Platte und ein ablau- 
fendes Profil, als oberen Abfchlufl ein 
leichtes Cie[imsprofil; die Flichen wer- 
den mit ornamentalen Ffillungen be- 
l lebt. Ober dem Poftament erhebt fich 
die Siiule. Der Schaft ift gew6hnlich 
[chlank; die Verhiltniffe bewegen fich 
zwifchen 6 und 9 unteren Durchmef- 
Herme fern, iiberfchreiten wohl auch diefe 
ara Zeughaufe irenze. Beliebt ift die Teilung durch 
zu Braun- Ringe in etwa ein Drittel der H5he. 
Herme an einem Crabmal 
l'chweig-"). Der untere Teil ift zylindrifch und ira Dom zu Verden-*71. 
wird fart immer ornamentiert. Die Art 
der Ornamentierung fit fehr mannigfaltig; fehr verbreitet ift das fog. Befchlhge- 
ml Nach: Lt,BERr & Srt, Ht, . a. O. 
n) Nach : Die Kunftdenkmale des KSnigreichs Bayern ufz. /hïnchen 189-95. Bd. I, "i'af. 46. 
o) Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 3- 
) Nach ebendaI., Abt. 9- 
«) Nach: Lt,BtRr & Srt, rt, a. a. O. 
) Nach: Die Kunf/denkmale de K6nigreichs Bayern ufz. Miinchen )z-95- Bd. I, Taf. 
) Naeh: Frscr, a. a. O. 
t) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. z3- 
««) Nach ebendaf., Abt. 19 u. 38. 
) Nach ebendaf., Abt. 3- 
Handbuch der .rchitektur. I1. 7. (z. Aufl.) 12 



178 

ornament; die Achfen werden durch Maskarons oder L6wenk6pfe bezeich|let; 
Ferrons werden angebracht. Zuweilen erhebt fich das Ornament zu hohem 
Relief; [o an den virtuos geIchnitzten Siulen des Chorgetfihles in Kampen 
(Fig. 175"-3:). Der obere Teil des Schaftes bleibt glatt oder wird kanneliert. Die 
l(annelfiren [ind, foweit ich fehe, immer durch Stege getrennt. Nicht felten 
find fie zum Teile mit Stiben ausgefetzt; fo ira unteren Teil des Schaftes bei 
Fig. 177"-3), oder fie werden geradezu durch Stibe erfetzt, welche auf den Schaft 
aufgele [ind {Fig. 18o"-t"); zuweilen find fie auch fchraubenf6rmig gewunden 
(f:ig. 170). Ein barockes Motiv find die gebrochenen Kannelfiren (Fig. 

Fig. 9o. 

Jonifche Sule im SchloB zu Baden««). 

die keineswegs felten vorkommen. Dann und wann aber wuchert das Ornament 
auch auf dem oberen Teile des Schaftes fort_ Mit Fig. 82 t) vergleiche man 
die zahlreichen derartigen Entwfirfe in lVendel Dietterlin's ,,Architectura". 
In der dekorativen Architektur, an Orgeln, Altaren und Chor[tfihlen, kornmen 
von der Frflhzeit des XVll. Jahrhunderts an fchraubenf6rmig gewundene Siulen 
vor an denen fich nicht felten Wein oder Efeu emporrankt. 
Das weitaus gr6Bte Verbreitungsgebiet der Siulen find die Portale, dann 
die reicheren Orabmiler, und hier ift die fehr dekorative Behandlung gerecht- 
fertigL In der Form von Halbfulen an Faffaden find fie gew6hnlich einfacher 
behandelt. AIs Stitzen von Oew61ben kommen fie feltener vor; hier ift der Pfeiler 

« Nach ebendaf., Abt 2 3. 



179 

beliebter. Pfeiler von achteckiger Grundform fehen wir in der Marienkirche zu 
Wolfenbfittel (fiehe Fig. 5, S. 13o), im Langhaus von Polling (Fig. 83 :.) und 
in der l<irche zu Tuntenhaufen in Oberbayern -- ailes Bauten des frfihen XVII. Jahr- 
hunderts, lïigenartig und l'ehr wirkl'am find die Pfeiler in der Aula der Univerfi- 
t.t zu Helm|tedt von Paul Franke {Fig'. 
Die Oeftaltung der Pilafter fchlieBt fich der der S.ulen an; fie find oft 
fchwellt, oft auch kanneliert. F_ine nicht eben ftilvolle Dekoration, die au Grab- 
mMem vorkommt, il't das Anbringen von Wappenfchildern an der Vorderfeite der 
Pilafter (Fig. 185z'). 
AulSer Pila[tern und Halbfiulen kommen an den Ordnungen der Faffaden, 
an Fenftern und Portalen auch 
l:iff. 9- Stfitzen vor, welche fich nach oben 
verbreitern. Der Schaft ift ent'eder 
kanneliert oder auf andere Weife 
dekoriert; als oberer AbfchluB een 
die Einziehun" des Halles ift ein 
facettierter Quader belicbt, als l<api- 
 tell das jonifche {Fig. 86 u. 87'). 
 Endlich findet |ich nicht felten auch 
die Herme, bald in einl,acherer, bald 
« in reicherer GeftMtung, oft aber fehr 
" barock (Fig'. 88 'z) u. 189L). 
Die verbreitetfte Form der Ba- 
ris ift die attifche, oft in fehr zier- 
licher Profilierung und mit [tarker 
Betonung der Vor- und Rfick[prfin- 
e ge. Auch an toskani[chen und do- 
rifchen Siulen kommt fie neben der 
einfacheren mit einem Torus vor. 
Die fch6nen Ba[en der joni[chen 
Sulen an der Halle des Schlo[fes 
zu Baden (Fig. 9o '-') [ind nach 
' o Serlio (IV, 7) gebildet; fie habe 
 zwei durch A[tragale getrennte Tro- 
chilen und einen oberen Torus. 
Doch ift dies eine Ausnahme. 
Vom Portal des Schloffes zu Baden-'). Toskanifche und dorifche l<a- 
pitelle werden in der Auffaffung 
der italienifchen Renai[[ance gegeben. Der lïchinus bat das Profil eines Viertel- 
kreifes und fit oft mit dem Eieritab geziert. Man gibt der dorifchen Saule gern 
einen Hals. Die dori[chen Sulen ara Portal des Schloffes zu Baden (Fig. 19 ') 
find wie ihr (3ebIk gleichfalls nach den Vorfchriften Serlio's (IV, 6) behandelt. 
çberhaupt I/iBt fich im Detail hufig eine Anlehnung an beftimmte Vorbilder 
nachweifen. 
Das jonifche I<apitell kommt an S/iulen und Hermen nicht felten vor, ge- 
wOhnlich in einfacher Behandlung. Sch6n und reich iind die Kapitelle von der 
Halle des Schlof[es zu Baden (Fig. 19"-ts). Auch diefe Sulen haben, \vie die 
dori[chen des Portais, einen gefchmackvoll dekorierten Hais. 
Wie es bel der dekorativen Richtung des Stils nicht anders rein kann, 
12" 



180 

das korinthi[che Kapitell Fig. 9 u. 
das verbreiteffte. Es kommt 
in der der Antike nachge- 
bildeten Form, wie in den 
freien Umge[taltungen vor, 
in \velchen [chon die Italie- 
ner vorangegangen waren, 
und es geht hierin zuweilen 
in Ableitungen des Kom- 
polira- Kapitells fiber. Fig. 
192 bis 196 e:') bedfirfen 
keiner Eriiuterung. 
Dann kommen vom 
XVll. Jahrhundert an ganz 
freigebildete Kapiteliformen 
vor. So das Pfei]erkapitell 
aus der Marienkirche zu 
Woifenbfittel (Fig. 197 
So phanta[tifch es er[cheint, 
iiegen ihm doch nfichterne, 
konftruktive Gedanken zu- 
grunde; der Ubergang vom 
Achteck zum Viereck wird 
durch kon[olenartige Qebil- Fig..93. 
de vermittelt, und wieder 
ilt die weitvor[pringende 
Deckplatte unter den An- 
fallspunkten der Gew61be- -" 
rpe.  o.ole. e- ",' 
[ti.Rzt, die mit Engelsk6pfen 
be[etzt [ind. Die [tatilche 
Funktion i[t hiver gewiB nicht 
ohne Re[t in Kun[tform um- 
geletzt; man darf aber doch 
Frattke .um [eine formbil- 
dende Kraft beneiden. Ver- 
wandt, wenngleich einfacher 
find die Pfeilerkapiteile von 
Polling. .D.ie Tendenz zu 
ftruktiven Kapiteilbildungen 
tritt unent\vickeit [chon in 
der ,Architectura" des Wen- 
del DietIerlitt zutage; fie 
geh6rt al[o dem deut[chen 
Barock an. Die Kapitelle 
am alten [(anzleigebiude in Siulenkapitelle--,% 

"-) Nach: L^.mEnx & SXAL, a. a. O. -- und: Die K,mftdenkmale des K6nigreichs Bayern 
bis 95- Bd. I, Taf. '74. 
e") Nach: Blitter f. Arch. u. Kunfthdk., Jahrg. 6. 

Mfinchcn tSz 



Fig. 94- 

Siulenkapitell u). 

Stuttgart, welche gleichfalls hierher geh6ren, find 
vielleicht von Dfetterlfa. Oh die Form weitere Ver- 
breitung gefunden bat, entzieht fich meiner Wahr- 
nehmung. 
Noch ift als [tfitzendes Olied die Konfole zu 
nennen. Sie kommt da und dort in der einfachen 
Weil'e der italieniichen Renaiffance vor, wird aber in 
mannigfaltiger, oft [ehr phantaftifcher Weife variiert. 
Er6rterungen ber ihre verfchiedenen Oeftalten wiir- 
don au[ eine Befchreibung von Einzelheiten hinaus- 
laufen und doch die Fiille der Oebilde nicht er- 
fch6pfen, lch gebe in Fig. 98 bis 2m :a,) eine Anzahl 
von Beipielen. 
Bel Betrachtung der Oel'imfe wiren, ltreng ge- 
nommen, Bauten der deut[chen Renaiifance ira enge- 
ren Sinne, Fa[[aden mit Sulenordnungen uud Portale 
und Fenfter, l'owie Kleinarchitekturen zu fcheiden. Ich 
[ehe von einer folchen Scheidung ab. Die nach den 
iheoreti[chen Vor[chriften ara korrekte[ten gebilde'ten 
Oe[imfe finden wir an Portalen und Orabmilern; 
doch herr[cht fiberall grolle Freiheit. Die nach fpat- 

goti[chen Prinzipien komponierten Bauten haben nur leichte Oeiimsbë, nder. Oanz 
ira allgemeinen muB zugeftanden werden, daB die formale Durchbildung der 

Fig. 95. 

Siulenkapitell :*"). 

Oefim[e nicht die ftarke Seite der 
deut[chen RenaiI[ance ift; auch hier 
fehlt der Sinn ffir die Verhiltniffe. 
Ein dori[ches Oefims nach den 
Vor[chriften Serlio's fehen wir ara 
Portal des Schlo[[es zu Baden (fiehe 
Fig. 9, S. 79)- Die Abhngigkeit 
wird namentlich durch den Zahn- 
)) [chnitt erwie[en; fie ift gleichwohl 
keine fklavifche; die Motive [ind 
dem Vorbild entnommen, aber mit 
Iicherem Oeffihl den Verhiltniffen 
angepaBt. In gleich ver[tandener 
Weife wird die dorifche Ordmng 
felten augefhrt. Out lïnd die do- 
rifchen Oe[imle an den drei Oe- 
[chof[en und ara Oiebel eines Haufes 
an der Langgaf[e in Danzig; ihre 
Aus[chmiickung mit runden Schilden 
und Stierfchë, deln in den Metopen 
wei[t gleichfalls auf Serlio. Das 
doriiche Oe[ims iiber dem Erd- 
ge[choB des Otto-Heinrichsbaues 
in Heidelberg ift der Oefamthal- 

!o3. 
onfolen. 

10 4 . 
(.el ir[ife. 

:*) Nach: Deutfche Renaiffance - und: F'WERBECh, a. a. O. 



tung der Faffade angepafit und 
entfernt fich weiter von den klaffi- 
fchen Vorfchriften, die der Mei[ter 
gleichwohl gekannt hat. Ira all- 
gemeinen aber entnahm man dem 
dorifchen Gebilke zwar gern das 
wirkfame Motiv der Triglyphen, 
kihmnerte fich aber nicht weiter 
um die Vorfchriften der Theore- 
tiker. Auch die Triglyphen wur- 
rien oft nur durch vertiefte Rinnen 
in dem fonft glatten Fries ange- 
deutet (Fig. 2o2:'). Eine fehr felt- 
faine Umgeftaltung des dorifchen 
Friefes findet fich an einem Haufe 
in Brieg (Fig. 2o3'). Hier final 
die Triglyphen als konfolenal-tige 
Vorlprfilge behandelt, und die 
dfirftige Kranzleifte ift um fie ge- 
kr6pft. Ich gche kauln fehl, wenn 
ich ffir diefe Form polnifche Ein- 
flfiffe annehme. 

182 

Fig. ]96. 

Fig. ]97- 

l'feilerkapitell in der Marienkirche 
zu \Volfenbiittel 

Kapitell und Gew61beanfang im Antiquarium 
der Re[idenz zu-Mfmchen-«Ï. 

Ein vortreffliches jonifches Gefims, 
wiederuln in Anlehnung arl Serlio, finden 
wir im Schloffe zu Baden, und zwar an 
dem kleinen Rundbau, der den fonderbaren 
Namen Dagobertsturm fiihrt (Fig. o4-*). 
Das joni[che, bezw. korinthifche Ciefims 
kommt in den verfchiedenften Variationen 
vor, auf welche ira einzelnen einzugehen 
zwecklos w/ire. 
Weniger h/iufig, als man nach l'einen 
dekorativen Qualit/i.ten annehmen m6chte, ift 
das Kompo[itagefims. mit Konfolen. Es bat 
z: Nach: Deutfche Renaiffance, Abl. 53. 
 Nach ebendaf., AbL . 
tl Nach ebendaf., Abl. z3- 



183 

entweder liegende Konl'olen nach antiker Art in der Kranzleifte (Fig. 
oder ftehende, welche den Fries durchl'chneiden (Fig'. 2o6"-.9. Die Formen der 
Konl'olen find natrlich fehr mannigfaltig; in der l'tehenden Form find fie nicht 
felten als Triglyphen behandelt. Konl'equent gebildete Konfolelgefimfe find indes 
nicht fehr verbreitet und kommen weniger an Fal'faden als an Portalen und 

Fig. 98. Fig. 99- 

Arts dem Haag 

Aus U|m. 

Fig. oo. 

,| 

Fig. 2Ol, 

'\. 

Aus Enlden. Aus Danzig, 

Konrolen '). 

Grabmilern vor. Ffir die Falladen geben fie eine zu markierte Stockwerks- 
vêrteilung. Wendet man fie an, 1"o zieht man vor, die Konfolen fiber die Achfen 
der Siulen und eventuell fiber die der Fenfter zu ftellen und die Oefimfe zu 
1 Nach ebendaf., Abt. 59- 
 Nach cbendaf., Abt. 53- 



kr0pfen; fie alterieren hier mit den 
beliebten einfachen Kr0pfungen 
ohne Konfolen {Fig. 2o7"-). 
Zu allen Zeiten kommen (3e- 
fimfe vor, welche nicht nach den 
Vorfchriften der "l-heoretiker ge- 
bildet find. In der Frfihzeit wird 
der Architrav oft durch einige 
fgirker vortretende Profile erfetzt 
(Fig. 2o8:"); fpiter wird der Fries, 
deffen Fliche willkommenen AnlaB 
zum Anbringen von Ornamenten 
-der figfirlichen Reliefs bot, hiu- 
fig auf Ko[ten von Architrav und 
Kranzleifte fehr ausgedehnt (Fig. 
209 =:'"'). 
In diefe Kateg.orie geh6ren 
auch die Gefimfe, bei welchen die 
Bekr¢3nung der unteren Ordnung 
mit der Brfiftung der oberen zu 
einem Gebilde zufammengezogen 
ift. $ie kommen an den nach Ord- 
nungen komponierten Faffaden der 
Frfihrenaiffance in den Niederlan- 
den, in Sachfen und Schlefien nicht 
felten vor (vergl. Fig. 4, S. 17). Ara 
l taule Nr. 29 an der NeiBdtraBe 
in G6rlitz hat die untere Ordnung 
ein vollftindiges Gefims, fiber wel- 
chem die Brfiftung des oberen 
Stockwerkes folgt; die obere da- 
gegen hat ein Gefims, das mit der 
folgenden Brfiftung vereinigt ift 
(Fig. _1o«"). 
Endlich finden wir (3efimfe, 
welche nur aus einigen Profilen, 
larnies, Platte ufw. zufammenge- 
fetzt final. Ffir die Ge[imsbinder 
glatter Faffaden ift dies [elbftver- 
ft.indlich; man wendet lïe aber 
auch fiber Siulen an (Fig. 211 t). 
 :) Nach ebendaf., Abt. 4. 
-' ") Nach ebendaf., Abt. 4- 
::') Nach ebendaf., Abt. 43- 
'" ' Nach ebendaf., Abt. 53- 
' Nlach cirier Pholographie. 

Fig. 202. 

Ge[ims ira l-lof des Rathau[es zu G6rlitz) 
Fig. 203 . 

Gefims an einem \Volmhaus zu Brieg-a). 
Fig. 204. 
 î"'-'' 

Jonifches Gefims ara Rundbau im SchloB 
zu Baden 

Fig. 205. 

Konfolengefims an einem Grabmal in St. JUrgen 
zu \Vismar -). 
Fig. 2o6. 

Konfolenffefims an der Stadtwage zu 



Fig. 2o7. 

Gefims ara Schlol3 zu Bevern-"). 
Fig. _o8. 

15-Kapitel. 
Portale. 
Ein Hauptfchmuckftl]ck 
der Faffaden find die Portale. 
Auch an einfachen (ï]ebuden 
werden fie ftattlich, ja reich 
ausgetattet und geh6ren zu 
den Bauteilen, welche durch 
den (ï]egenfatz zur Einfach- 
heit des (ï]anzen die Wir- 
kung der Faffaden beftimmen. 
In rien Portalen kann fich 
die dn deutfchen ,\1eiftrn 
des XVI. Jahrhunderts eigene 
Luft zum Cieftalten ins ein- 
zelne frei begitigen; ihre 

Oefims ara inneren Portal des Schloffes zu Tbingen - . Zahl i[t groB, ihre Mannig- 
faltigkeit erftaunlich. 

Fig. o9. 

Fig. ?. I. 

Ge[imfe ohne Fries ara Hauptaltar zu Annaberg 
und am SchloB zu Wertheim«l). 

Das gotifche Portal tritt 
uicht vor die Flche der \Vand 
vor, fondern fit in die Mauer 
eingefchnitten und bietet in 
den fchr/igen Flfichen feiner 
\Vandungen der Dekoration 
ein reiches Feld. Ootifche 
NachklSnge nehmen wir an 
den Portalen dcr Renaiffance 
bis zum lïnde der Epoche 
wahr. Daneben aber wird das 
Renaiffancemotiv der ,dikula 
[chon frihh aufgenommen, und 
es entfteht vom gotifchen bis 
zum reinen Renaiffanceportal 
eine reiche Skala von Uber- 
gingen, hl diefer Entwicke- 
lung 15Bt fich wohl ira gro- 
Ben und ganzen, nicht aber 
ira einzelnen ein innerer Zu- 
fammenhang erkennen; noch 
in fp/iter Zeit entftehen Por- 
raie mit ftarker Betonung 
gotifcher Elemente. Die ,di- 
kula, welche gew6hnlich mit 
einem Auffatz ffir Wappen 
oder Infchriften verfehen it, 
wird als willkommene Stelle 
ffir ein dekoratives Spiel mit 
Motiven betrachtet, und es 

IO 5 . 
Porlale. 



186 

dauert lange, bis das Verftindnis durchdringt, daB fie, um korrekt zu rein, nach 
den Ciefetzen der S/iulenordnungen zu geftalten ift. Das weniger Korrekte ift 
mdftens erfreulicher als das fchuhnS.lfig Richtige, das nur [elten wirklich frei 
und mit ausge[prochenem Geffihl ffir die Verhiltni[Ie ge[taltet lit. 
(ianz leife von der Renaiffance berfihrt ift das hfibfche, kleine Portal der 
SchlcBkapelle in Neuenftein (Fig. _ol_o,J); die Profile find noch gotifch; nur in 
den Kapitellen und in der bekr6nenden Mufchel kndet fich die Renaiffance an. 
Die )i, dikula ift an diefem Portal nur angedeutet; fie tritt nicht aus der Fliche 

der Mauer vor. 
Die Auffaffung der Frfihrenaif- 
lance finden wir an einem Portal 
in Schlettftadt von 155 o (Fig. o3"-,). 
lfie l_eibung der Tfir ift fchrfig ein- 
gefchnitten und als weite Hohlkehle 
ge[taltet; in Kimlferh6he find runde 
Scheiben als AbfchluB der Hohl- 
kehlen angebracht; die Segment- 
bogen [ind mit Stabwerk in fpfit- 
gotiicher Weie profiliert. Diee 
lfir fteht in einer )kdikula; aber die 
l'ilafter find nicht bis zum Gefimfe 
gefhrt, fondern enden in etwa 
-'/:» der Oefamth6he mit Kapitellen, 
fiber welchen fich noch Lifenen 
ZUln Oefimte erheben. Auch das 
Gefims ift nicht rein als Bekr6nung, 
[ondern zugleich als $ockel des 
Auffatzes behandelt; der Auffatz ift 
hoch und ira Verhfiltnis zum gan- 
zen fchwer. Die Kenntnis der an- 
tiken Formen ift noch mangelhaft, 
die Kompofition unreif; aber als 
dckoratives Prunkftck bt das 
Portal immerhin eine an[prechende 
Wirkung. 
Weit h6her fteht fchon das 
[ch6ne Portal vom Rathaufe in Zerbft 
von 1534 (Fig. m4««). Hier [pricht 

Fig. 

Port,al ara Schlol3 zu Neuenftein"). 

noch ein Reft von fptgotifcher Empfindung mit in der wechfelnden H6he der 
Po[tamente und Kapitelle; aber das Oanze ift reizende Frfihrenaiffance. Selbft die 
Schrfige der Leibung ift hier vermieden. Die Formgebung erinnert etwas an 
den Lettner ira Dom zu Hildesheim. 
Die Schrge der Leibung, welche fich von der Gotik her erhalten bat, i[t 
in Sachfen allgemein verbreitet, wenigftens in der Form, daB zu beiden Seiten 
die lotrechten CiewS.nde abgefchrgt und mit Nifchen ausgefetzt l'ind. Nicht 
Ielten treten ara unteren Ende der Nifchen runde Sitze vor {vergl. Fig. œee=, S. 34). 
Diefe Fonn kommt auch ohne begleitende Pilafter vor. Ara fch6nen Portal aus 

««) Nach: FRt'IScit» a. a. O, 



187 

Jauer von 1,568 (Fig. 215 eae) ift das Ge[ims von Konfolen getragen, und die 
ganze Bekr6nung fteht nur in lofem Zufammenhang mit der Tfir. Am Portai 
des Ribbeckfchen Htaufes in Berlin (Fig. 216 «) ift die Schrige auf den Bogen 
bei'chrinkt. Das Portai geh6rt dem Barock an und die koni'olenartigen Vorfprfinge 
zu beiden Seiten haben i'chon die Formen des fog. t(norpelltils. Hier vergleiche 
man auch Fig. 90 (S. lO3). Portalformen wie die letzterwihnten find nur ffir 
kleinere Abmeffungen paffend; ffir grtSBere Tore kommt fart immer die Siulen- 
oder Pila[teridikula in Anwen- 

Fig. 213. 

Port,al an einem Haufe zu Schlettftadt-e). 

dung. Ich gebe im folgenden 
noch einige Beifpiele. Das 
Sfidweftportal des Schioffes zu 
Afchaffenburg (Fig. 217 -'«) trigt 
Fe[tungscharakter, xie ihn die 
deutfche Renaiffance nach Sam- 
michdi's Vorgang auffaBtc; dem 
entfpricht die fonft in der deut- 
fchen Renaiffance feltene Ruftika. 
lan vergleiche in diefer Hin- 
ficht die Portale der Schl6ffer 
zu Ingolftadt -:J und ()ls 
fowie als monumentalftes Zeug- 
nis das Hohe Tor zu Danzig,. 
Am Portal des Schio[fes zu 
Merfeburg (Fig. aS «':) ift die 
die Tfir ttmgebende \VandflSche 
mit fog. Befchl[igeornamentcn 
bedeckt. Toskani[che Siulen auf 
hohen Poftamenteu tragen das 
Ciefims, ailes reich und ge- 
fchmackvoil, ira Silme des be- 
gimenden Barock auf kr;iftige 
Wirkuug gearbeitet. 
Einer noch vorgefchrittene- 
ren Stufe geh¢3rt das l'ortal der 
Marienkirche in \Volfenbfittel 
(Fig. 9__19" an; die Siulen find 
vor Nifchen geftellt; das Ciefims 
ift verkr;3pft; aber bei ailem 
Ausgehen auf ftarke \Virkungen 
find die Cirundlinien der lom- 
pofition klar und feft. l|6heres 

architektonil'ches Cieffihl i'pricht aus dem Portal der ehemaligen SchloBkapelle in 
Dresden von 1555 (Fig. 2o«':'). Kompofition und Ausffihrung find gleich gut, 

In: Die Kunftdenknale des K6nigreichs Bayern ufw. Mùnchen t$9:z-95. Bd. I, Taf. t4- 
In: Deutfche Renaiffance, Abt. 53- 
Nach: BIS.tter f. Arch. u. Knnfthdwk., Jahrg. 
In: Deuil'che Renaiffance, Abt. 38. 
Nach ebendaf., Abt. 8. 
Nach: Bl.tter f. Arch. u. Kunfthdk_, lahrg. 4- 
Nach ebendaf., Jahrg. ". 



wohl von ltalienern. Befonders reich iff das Portal des Otto-Heinrichsbaues zu 
l-leidelberg {Fig. 221 ;"). lin architektonifchen Sinn nicht eben bedeutend, ift es 
durch fein kriftiges Relief von groBer Wirkung. 
I{leinere Tfiren werden zuweilen einfach mit Antepagmenten nach italie- 
nifcher Weife verfeheu (Fig. 222';1), womit man das Portal vom rfirftenhofe in 

Fig. a'o. 

Portal an der ehemaligen SchloSkapelle zu Dresden-*'. 

Wismar (Fig. 79, S. 9) vergleiche. In origineller Weife find diefe Motive an 
den kleineren Tfiren des Schloffes Bevern in der N/ihe von t lameln umgeffaltet. 
Die Formenbehandlung des norddeutfchen Holzbaues veranfchaulicht das 
Portal des Hfittefchen t taufes in H8xter (Fig. 
Ffir Tore, welche Befeffigungszwecken dienen, wird die Form der Einfahrt 

o) Nach: Kocl & SELTZ, a. a. O. 
') Nach: Deutfche Renaiffancc, Abt. 53- 
n) Nach ebendaf., Abt. 5. 



mit Nebenpforte beibehalten. In ihrer architektonifchen Geftaltung l'chlieBen l'ie 
[ich den gr6Beren Portalen von H.ufern und Sch16[[ern an. Sch6ne Beifpiele 
aus Irherer und mittlerer Zeit finden lïch in Tfibingen. DaB fp.ter fur iolche 
Portale die Ru[tika beliebt war, fit [chon in Art. o5 {S. 88) ge[agt. 

Fig. 22. 

Portal am Otto-Heinrichsbau des Heidelberger Schloffes;0). 



193 

16. Kapitel. 
Fenfter. 
Den Portalen gegen/iber bleiben die Fenl'ter ftets einfach. Schon ihre Mehr- 
zahl an einer Faffade fchliel3t eine weitgehen.de lndividualifierung, die an den 
Portalen nicht nur zultiffig, fondern ein Vorzug il't, aus. Die Formen find viel- 
fach verfchieden von der einfachen Mauer6ffnung bis zu dem nach italienifcher 
Weife mit Verkleidung umgebenen, in einer Pilafter- oder Stiulenhdikula 
l'tehenden Fenfter; aber die einfacheren wiegen vor. Ubergtinge und Kompro- 
miffe zwil'chen der nach gotifcher Art in die Mauer eingefchnittenen Profilierung 
Fig. 222. Fig. 223 . 
Tiirvtrkleidung" am Sch]o6 zu L6wenberg'). Portal ara ]l]fittefchen ]l]aus zu ]l]6xter). 
und den vor die Wandfl.che vortretenden Verkleidungen finden [ich in unend- 
lichen Variationen bis in das XVII. Jahrhundert. Die goti[che Profi]ierung" der 
Leibungen und Keh]en (rig-. 224 -:) wird nament]ich in Siddeut[ch]and fe[t- 
geha]ten; auch wenn die Profile nicht mehr goti[ch [ind, treten [ie nicht vor, 
fondern [ind in den MauerkSrper einge[chnitten. In Nihrnberg kommen goti|che 
Profile in entarteter rorm noch ira XV]I. Jahrhundert vor. Das Ninberger 
Fen[ter in fig. 2_95 i[t ganz be[onders un[chSn profi]iert; die [eit]ichen Leibungen 
[ind g'erundet, und aus ihnen wtich[t der mehr oder weniger reich profi]ierte 
Segmentbog'en heraus. Unten [ind die Leibung'en durch konfolenartige Bi]dungen 
in den rechteckigen Quer[chnitt /ibergeftihrt. An Fen[tern, wie in Fig. 226e:), 
n) Na(h: Blïilter f. Arch. u. Kunt'thdwla, Jahrg. 4. 
) Nach: Deutl'(lae Penai[fan(e, Abt. -9- 

Fenfter 
mit 
gotifchen 
Formprinzipien. 



1{)4 

fpringen die uBeren Profile vor, die inneren zurfick; gotifche und Renai[[ance- 
profile treten hier in Vereinigung. Statt der gotifchen Profilierung mit Stab und 
Kehle wird nicht [elten eine einfache Abfchrgung der Leibungen angewandt 
(Fig. 227::'); vergl. Fig. 23, S. 35). 

Fig. 224. Fig. 225 . 

--t J]l,ll]li, I!11/1111 II ....... l  

1-enfter an der bifch6flichen Re[i- 
denz zu Bamberg7"). 

Fenfter an einem Wohnhaus 
zu Nfirnberg. 

Fig. 2»6. Fig. 227. 

Fenfter am Oewandhaus zu Braunfchweig-":aj. 

Fen[ter ara Schlofl zu Bevern). 

Auch die niederlindifche Renaiffance hilt in der Oel'taltung der Fenfter lange 
an den goti[chen Formprinzipien fe[t. Das niederliindifche Fenfter ift ira all- 
gemeinen gr6Ber als das deutfche. Um allzugroBe Fenfterft6cke zu vermeiden, 
teilt man es durch Steinkreuze (vergl. Fig. 54, S. 691. Zuweilen werden fogar die 
Fenfter zweier Stockwerke zufammengezogen; fo am Rathaus zu Emden ([iehe 
 Nach ebendaf., Abt. 4- 



19 

Fig. 61, S. 76) und an dem zu Nymwegen. Die Fenfter des letzteren (Fig. 228 e:«) 
[ind mit Ausnahme der von t<on[olen getragenen, [chw.chlichen Oiebel[tfirze 
goti[ch. Der dreieckige oder halbkreisf6rmige Sturz mit leichter Umrahmung fit 

Fig. 2"-'8. 

Fenfter 
am Rathaus zu Nymwegen2% 

Fig. 220 . 
Il -,_I_- _  _. i --'--. -"I- I 
-" .(. "'- -- .-,-  
Fenfter am Haufe d Maen van Rqfum 
zu Zalt Bommeler% 

Fig. 230. 

I 

Fenfter an einem Haufe am Kornmarkt zu Delft 2;) 

ein beliebtes Motiv der niederl/indi[chen Friihrenaiffance. Das Qiebelfeld bleibt 
entweder glatt, oder es ift mit einem Reliefmedaillon (Fig. 229 "-:) oder mit einem 
frei vortretenden Kopfe gefchmfickt. 
'l Nach: YSENDYCH a. a. O. 
13" 



196 

Fig. 231. 

Ein anderes, gotiches Motiv, das in der 
Friihzeit niche [elten vorkommt, fit eine auf 
vorgekragten Pila[tern oder Pfeilern ruhende 
Blendarkatur, die den oberen Teil der Fen[ter 
umgibt IFig. -3o-:t). Bei[piele die[er Form 
finden fich in Delft, Nymwegen, Dordrecht 
und anderwirts. Sehr eigenartig find die geo- 
metri[chen Mu[ter einer Terrakottafaffade in 
Br/gge von 564 {Fig. -3 :t). Dal3 die nieder- 
lind[[chen Fen[terformen auch in Nieder- 
deuffchland vorkommen, bedarf kaum der Er- 
wihnung. In monumentaler Steigerung finden 
wir [ie ira Erdge[chol3 des Otto-Heinrichs-und 

Fig. 232. 

im 

Fenfter an einem Haufe 
Vieux Bourg zu Brigge7). 

des Friedrichsbaues in Heidelberg; das 
Goti[che ift hier ganz fiberwunden 
(Fig. ",3 - ï::). 
An den Fen[tern der goti[chen Kir- 
chen des XVI. Jahrhunderts wird auch 
das MaBwerk beibehalten. Die[e [p/iten , 
MaBwerke, wie fie an der Univer[itits- 
kirche in Wfirzburg, in Dettelbach, C61n 
und [on[t vorkommen, [ind fait aus- 
nahmslos [chwach. H6chft originell hat ¢ 
Paul lranke die MaBwerke der Marien- 
kirche in Wolfenbfittel (Fig. 233 -:)  
[einem Barock[til angepaBt. Die Bogen- '  
fïlllungen der Fen[ter der Univer[itit zu ç_ 
Helmftedt (Fig. -34"-¢), gleichfalls von 
lranke, Iind kaum mehr als MaBwerk  
zu bezeichnen.  
Bel den Fen[tern des Kanzleigebiu- « 
des zu Kon[tanz (Fig. -35 -s'') m6chte /r 
man an ein Zurfickgreifen auf roma- .. -'. 
;7} Nach : Koc & SEtTz, a. a. O. 
t; Nach: Bltter f. Arch. u. Kunfhdwk., Jahrg. 6. 
» Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 32. 
t.o} Nach einer Photographie. 

Fenfter ara Otto-Heinrichsbau zu Heidelbergi7). 



198 

rentrer ira Ho[ des Kanzleigeb?/udes zu Kon[tanz»°). 

l-|g. 3 6. 

Fenfter an einem Haufe 
zu Brieg ). 

nifche Motive denken; ob ein Iolches wirklich ftattgehabt hat oder ob wir es mit 
cirier freien Iïdindung des XVI. Jahrhunderts zu tun haben, wird [ich allerdings 
nicht erweifen laffen. Gleichviel woher das fch6ne Motiv genommen ift, es ift 
ganz dem Gei[te der deut[chen Renai[[ance angepaBt. 

Fig. 237. 

', |1 I | H I 

Fenftergruppe am 
t"l Nach: Deutlche RoEai[[ance, rkbt. t 

Rathaus zu Niirnberg*-). 



199 

Fiff. 38. Fiff 39- 

Fenter an der Tucherfchen Brauerei 
zu Niirnberg. 
renfter ara Rathaus zu Oernsbach -«s) 
Neben den Fenftern, welche mittelalterliche M,}tive fdthaiten oder aus fol- 
Fenfter 
chen entwicke|t [ind, kommen fchon frfih folche vor, bei denen das Fenfter mit 
fenkrecht in die Mauer eingefchnitten vorgefetzter 
Umrahmung. 
Fig. 240. und nach antiker \Veine mit einem Ante- 
.,,, pagment, einer vorgefetzten Umrahmung, 
1 umgeben il't. Diefe kla[fi[chen Profile 
find in der [ichfi[ch-[chlefi[chen Schule 
: fehr verbreitet (Fig. -36e'). Eine pro- 
vinzie|le Be[onderheit der Schule fit das 
Umbiegen der Profile ira unteren Viertei 
des Fenlters. Man war von der Spit- 
gotik her gewohnt, die Profile nicht 
ganz herabzuffihren, lu Sfiddeut[chland 
"- dagegen kommen fchon friih Fenfter- 
verkleidungen vor, bei welchen die Ver- 
kleidungsprofile ungebrochen bis zum 
unteren Ende des VenRers herabgdfihrt 
tind. Zur einfachen Verkleidung kom- 
 [ men bekr6nende Ciefim[e, fei es in der 
,- \Vei[e, daB einige Profile unmittelbar 
/ fiber ihr vorfpringen, lei es, dag fie durch 
einen Fries von ihr getrennt [ind. Ober 
dem Cie[im[e find zuweilen leichte Auf- 
fatze angeordnet, [o an einem Erker 
] des Maximiliansmufeums in Augsburg. 
" Ciiebelftfirze, ira Dreieck oder im Segment 
.._ ,.,, .-  ,, ge[chlo[fen, finden erft in der Sptzeit 
'l Nach: Deuti'che Renaifiance, Abt. 3,-9- 
Fenfter ara Leinwandhaus zu Breslau'-'«). :"1 Nach ebendaf., Abt. 53 



200 

gr6Bere Verbreitung. Fenfter, wie die des Rathaufes zu Nfirnberg (Fig. 237e8-), 
find unmittelbare Nachahmungen italienifcher Vorbilder; in ihrer forgfiltigen 
Pro|i|ierung und ihrem kriiftigen Relief laffen iie Palladio's Schule nicht ver- 
kennen. ,hnliches finden wir 

an den Bauten des Elias l-loll 
in Augsburg; es ift nicht 
deutfche Renaiffance ira enge- 
ren Sinn. Nun hatte man 
fchon ira Laufe des XVI. Jahr- 
hunderts in Italien begonnen, 
die Spitzen der Giebelftfirze 
von Porta|en und Fenftern 
auszu[c|meiden. Galeazzo 
Aleffi wendet das Motiv an; 
ob er rein Erfinder ift, weiB 
ich nicht; die lrage ift auch 
hier nicht von Be|ang. Das 
Motiv fit fertig von Italien 
fibernommen; es entfprach der 
deutfchen Vorliebe ffir das 
lrrationelle. Solche Fen[ter 
kommen ira begfimenden 
Barock Sfidweftdeutfchlands 
nicht felten vor (Fig. 
Aber der reine UmriB des 
klaffifchen Renaiffancefenfters 
war datait noch nicht zur Cie- 
nfige verwifcht; man brachte 
auch an den Seiten der Ver- 
klêidungen vorfpringende Or- 
namente an (Fig. 238). Wir 
werden der analogen Er- 
fcheinung an Orabm.lern und 
Altaren begegnen. 
\'on Italien fibernommen 
ift auch die Umrahmung der 
Fen[ter mit Boffenquadern 
(Fig. ---39), fowie das Einffigen 
von Quadern als Schlul[teinen 

Fig. 241. 

in die Profile der Verkleidung .... ,,. 
(vergl. Fig. o5, S. 120), dann ;  --  . i  
auch das Einfte]len derFenfter Erker {Auslucht) an einem l--lau[e zu 1-1amelnS). 
in eine Pilafter- oder Siulen- 
.dikula. Die erfteren Motive finden in Deutfchland erft in der Sptzeit Aufnahme, 
das letztere fchon in der Frfihrenaiffance; es wird deshalb auch ira Sinn diefer 
Epoche umgebildet. Ein ich6nes Beifpiel bietet das Leinwandhaus in Breslau 
(Fig. 24oS). Fen[ter von [o reicher Anlage rficken wieder in die Reihe der 
Schmuck[tficke; fie werden nicht reihenweife angeordnet, fondern ftehen einzeln. 

**s Nach: Deut,che Renaif*ance, Abt. *. 



201 

DaB fich die deutfche Renaiffance, wo fie das Schema der Ordnungen ver- '" 
Cruppiert, 
liBt, an eine leichmiBie Verteilun der Fenfterach[en nicht bindet, habe ich fchon r«,rt«. 
in Art. 98 {S. 66 bemerkt. Sie liebt es, die Fen[ter zu gruppieren. Die[e Neigung 

Fig. 242. 

i 

Fig. 243. 

lïrker am Schlol3 zu Hartenfels2. 

Erker am Rathaus zu HalberftadtS;). 

fhrt dazu, zwei oder mehr Fenfter unmittelbar aneinander zu rficken, lch verwcife 
hierffir auf Fig. 226 (S. 94), 227 {S. 1Ç4) tl. 235 . 198)» bei welchen die Ver- 
einigung durch die gemeinfame Umrahmung oder durch die gemeinfame Zwi[chen- 
) Nach ebendaf,, Abt. 51. 
) Nach. LAMBER'f 8 S'I'AHL, a. a. O. 



202 

ltfitze bewirkt wird. Zuweilen wird die Einheit nur durch ein Gefims fiber den 
zufammengerficlden FenRern hergel'tellt. In fehr origineller \Veife waren am Lui't- 
haute zu Stuttgart je zwei Fenl'ter mit einem darfiberftehenden Rundfenfter zu 
einer fel'tge[chloffenen Gruppe vereinigt. 

rker. 

7. I(apitel. 
Erker, Giebel und Belebung der D/icher. 
Eines der wichtigften Motive zum $chmuck und zut Belebung der Faffaden 

war der Erker. Seine kfinft- 
lerifche Bedeutung war [chon 
in der Spfitgotik erkannt wor- 
den; gr6Bere Verbreitung rand 
er erft in der Renaiffance. 
Seine Wirkung ift fart aus- 
nahmslos eine mehr male- 
rifche als architektonifche; er 
hat keine fefte Stellung, on- 
dern wird an beliebiger Stelle 
der Faffaden oder auch an den 
Ecken angebracht. Der Erker 
geht entweder als vorfpringen- 
der Oeb/i.udeteil von unten 
auf (Auslucht; Fig. 
eine in Niederdeutfchland ver- 
breitete, in Oberdeutfchland 
feltene Form, oder er begilmt 
erft in einem der Oberge- 
fchoffe. In diefem Falle ift er 
entweder von Sulen oder 
Pfeilern unterftfitzt (Fig. 
"42) oder ausgekragt. Die 
Auskragung ift in der Frfihzeit 
cntweder als konkave FlS.chc 
geftaltet und nach Art eines 
Netzgew61bes mit Rippen be- 
[etzt (Fig. o43"-:), oder fie 
fetzt fich aus verfchiedenen 
Profilen zufammen I Fig. 
_44"-). Zuweilen wird auch 
der ganze Erker von Konfolen 
getragen (Fig. 245:'). 
Die Erker treten aus dçr 
Fliche der Faffaden entweder 
als Rechtecke oder als Telle 
von Polygonen, gewShnlich 
s) Nach : Deutfche Renaiflance, 
Abt. 44- 
- Nach: F'HSCH, a a O. 

Fig. o44. 
. ,«a N -_ ,. . 2: _,  
':_  .> ç --_ 
,--_ .I, . .«I.P - 
. - " . , t - u 
" f- ' { ' "  r "- I- ' T I I - 
Urkr ara Polizeigebude zu 



o3 

drei Seiten des Achteckes, vor; die Eckerker find rund oder polygon (verge Fig. 38 
S. 49), oder fie haben die (3rundform eines fibereck geftellten Rechteckes. 
lhre formale Behandlung fit fart immer reich; 'ie gelten als Schmuck[tficke und 
werden demgemiB geftaltet. Auch an umgegliederten Faffaden werden am Erker 
Brfiftung, Fenfterwand mit Siulen oder Pilaftern und Ciefimfe gefchieden, und 
reicher Relieffchmuck belebt die Flichen. Fig. 24 bis 245 m6gen das Ciefagte 

Fig. a45. 

Erker an einem Haufe in der Verdenftrafle 
zu Braunfchweig-*So). 

illuftrieren; 'ie repr/ifentieren 
verfchiedene Perioden der 
deutfchen Renaiffance und zei- 
g'en, daB wohl die Einzelformen 
wechfeln, die Grundzfige der 
lçompofition aber ftets gleich 
bleiben. 
Hier [ind die vortretenden 
Treppentiirme anzu[chlieen. T,eppentfirm« 
Die fch6nften gehOren der 
fichfifchen Schule an, die 
der Schl6ffer zu Dresden 
(Fig. 21, S. 33} und Torgau 
(Fig. 246"-'u'). Letzterer ift der 
grogartigfte; er erhebt fich 
ber einem rechteckigen Unter- 
bau, zu dem von beiden Seiten 
Freitreppen hinanffihren. Zwi- 
[chen hohen Pfeilern windet 
fich die Treppe empor. In der 
ganzen Anordntmg ift ein Zug 
von freier GrOBe, wie er in 
der deutfchen Renaiffance [el- 
ten erreicht worden ift. Die 
Treppentfirme des Schloffes 
zu Dresden kommen dem 
zu Torgau nicht gleich, find 
aber ebenfalls fehr gut kom- 
poniert. 
Das Motiv des iiber einem ,,,. 
rechteckigen Unterbau aufftei- 
genden Treppenturmes kehrt 
vereinfacht am Rathaus zu 
Altenburg {Fig. 4o, S. 51) wie- 
der; der Turm ift hier hoch 

geffihrt. Der aus dem gleichen Motiv entwickelte Turm des Rathaufes zu 
Schweinfurt ift kein Treppenturm; dagegen hat das zu Rothenburg einen folchen. 
Hhere Bedeutun" als dem Erker kommt, fowohl ffir das einzelne Oebiude 
wie ffir das StraBenbild, dem Oiebel zu. Der einer fteilen Dachneigung ent- 
fprechende Oiebel ift ein nordifches Oebilde; die klaffifche Renaiffance kennt nur 
das flachgeneigte Faftigium. Im Norden, fowohl in Frankreich wie in Deuffch- 
land, geh6rt er fchon dem Mittelalter an, findet aber in der Renaiffance eine 

) Nach: LOBKt, a a. O. 



2O4 

reich[te Ausbildung. Die deuffche Renaiffance teilt mit der franz6fifchen 
Nei'ung, den architektoni[chen Schmuck des Hau[es gegen oben zu fteigern, ja 
zuweilen erft am Dach beginnen zu laffen, und die[e Neigung kann fich ara 
(ï]iebel in reichem MaBe betfitigen, lft der (ï]iebel nicht der Stral3e zugekehrt, 
fo [ucht man in Dacherkern und Zwerchhfiufern Erfatz.. Die Er[cheinung diefer 
kleineren Bauteile wird gleichfalls durch die Formen ihrer (ï]iebel be[timmt. 
Ciebel und Zwerchhfiufer bedingen zum groBen Telle die malerifch phanta[tifche 

Fig. 240. 

Hof des Schloffes zu Torgau-Oo). 

Wirkung der deutfchen Renaiffancebauten. Die vielfachen Analogien beider 
m(Sgen eine gemein[ame Behandlung rechtfertigen. 
Vom Mittelalter fibernimmt die Renaiffance zwei Formen der (ï]iebel: den, 
deffen Linie der Dachneigung folgt, und den treppenf(Srmig anfteigenden. Bei 
erfferem ift die gerade Neigungslinie hufig durch Fialen unterbrochen. 
Die in fchriger Neigung geradtinig anfteigenden Giebel fehlen natfirlich in 
der Renaiffance nicht; man vermeidet fie aber gern und erfetzt die (ï]eraden durch 
einfachere oder kompliziertere Kurven (Fig. 24799t). 

*" Nach: Koctt & SEITZ, a. a, O, 



205 
War die g'erade Giebelline einmal verlaffen, fo war der Phantafie de Bahn 
freigegeben, zu immer reicheren und wi[[k/r[icheren [:ormen fortzu[chreiten. 
Selbft der Holzbau fo]gt darin zuweilen dem Zeitg'efchmack (»er£]. Vig-. 55, 156 
Fig. 247. 

Ciiebel am Friedrichsbau des Schloffes zu Heidelberg-°t). 

[S. 158 ] U. 150 [S. 16o]). Ara fruchtbarften in kuriofen Erfindungen find die 
Niederlinder; allein es hat kein Intereffe, hier auf einzelnes einzugehen; denn ail 
die[e Oebilde haben etwas Spielendes und entbehren der architektoni[chen GrSBe. 
ihren Schwul[t und ihre gefuchte Zierlichkeit m5gen Fig. 248-) u. 249 ) ver- 
"b Nach; EWEECI<, a. a. O. 
tL Nach: Deutfche Renaiffance, AbL 38. 



an[chaulichen. Die Ein\virkungen der Niederlande find 
ira norddeutl'chen Binnenlande ftark und [ehr verbreitet 
(vergl. Fig. 63 bis 66 [S. 78 bis 8] u. a.). 
Die Formen der oberdeutl'chen Giebel [ind maB- 
voiler. Der Fialengiebel kommt in feiner einfachen 
Form kaum mehr vor. Das Tucherhaus in Nfirnberg 
(Fig. _6, S. 37), geh6rt der frfihel'ten Zeit an. Man be- 
gnigte [ich nicht mit der Belebung durch Fialen, [ondern 
gab auch der Oiebellinie einen bewegteren Umril3; ara 
Toplerhau[e in Nirnberg IFig. 25 o-:«) i[t dies in [ehr 
naiver Wei[e ge[chehen. In anderen F/llen tritt zu der 
Vertikalteilung durch Fialen eine horizontale durch Oe- 
[imfe; nur die freien Winkel zwifchen Fialen und Oe- 
[imfen werden durch Voluten oder ihnliche Oebilde aus- 
gefflllt (vergl. Fig. 38 u. 30, S. 40 u. 5o). Die [chrig 
an[teigende Linie i[t hier verfchwunden, und die Kom- 
po[ifion nhert [ich der aus dem 3-reppengiebel hervor- 
gegangenen. Der 3-reppengiebel kommt in der nieder- 
lfindi[chen Renaiffance hufig vor (vergi. Fig..50 u. 57, 
S. 7o u. 71); im Gebiete der deutfchen ift er felten (Fig. 8o, 
S. 02). Der harte UmriB muBte auch hier gemildert \ver- 
den, um dem dekorativen Sinn der Zeit zu entfprechen. 
Die aus dem 3-reppengiebel entwickelten Oiebelformen 
haben aber vor den aus dem geradlinigen abgeleiteten 
eine fe[tere architektoni[che Grundlage voraus, die eben 

Fig. 248. 

Kirchbogen 
zu Nymwegen -"% 

Fiff. 240. 



| I 



208 

252. 

Oiebel an der Abtei zu Oandersheim*O«). 

Fig. 53- 

Oiebel 
am Barthelshof 
zu Leipzig "1. 

s) Nach: Ew[B[Cg, a. a. O. 
) Nach: Deuffche RenaiFFance, Abt. 3 o. 
b Nach : F¢TSCff, a. a. O. 



209 
in den Stufen gegeben ift. Man geftaltete die Treppengiebel flfiffiger, indem 
man jeder Stufe eine Bekr¢Snung gab, oder indem man die einfpringenden Winkel 
durch vermittelnde Glieder ausffillte. Giebel der erfteren Art (fiehe Fig. 67, S. 82) 
find in Niederfachfen und Weftfalen verbreitet; fie geh6ren der Frfihrenaiffance an. 
Die Abfchlfiffe der Stufen find halbkreisf6rmig; ihr Rficken ift gew6hnlich mit 
drei Kugeln befetzt. Das Motiv fit anfprechend, war aber weiterer Entwickelung 
nicht f/ihig und muBte ftets einfach 
Fig. 254. bleiben. Auch die zweite Art geht 
von einfachen Anf.ngen aus, ent- 
 wickelt fich aber 
zum 
fippigften 
Reichtum. Mit dem Ausffillen ein- 
r fpringender Winkel durch Voluten 
war man in Italien und Frankreich 
» vorangegangen: Sta. Naria novella 
in Florenz, das Schlol3 zu Blois, das 
I-t6tel Ecoville zu Caen u.a. Die 
Lukarnen am Haufe der Margaretha 
von (3fterreich in Mecheln (fiehe 
Fig. 5, S. 18)..weifen auf franz6fifche 
Vorbilder. Uberhaupt ift nicht zu 
bezweifeln, daB die Anfinge der 
Entwickelung in den Niederlanden 
und in Deutfchland auf Anregungen 
aus Italien und Frankreich zurfick- 
gehen; unmittelbare Nachahmungen 
kommen aber felbft in der Frfihzeit 
 kaum ,,'or. Das eben erw.hnte Haus 
in Mecheln ift in diefer Hinficht 
eine lingul.re Erfcheinung. Unab- 
h.ngig voneinander werden da und 
1 •-- dort Verfuche gemacht; aber die 
! -i ] Niederlande find in bizarren Erfin- 
 ... ]1 -''--4" dungen weit fruchtbarer als Deutfch- 
 land, und ihr EinfluB nimmt vom 
letzten Drittel des XVI. Jahrhunderts 
------ an ftets zu. Begntigt man fich an- 
- fangs, die Winkel der kleinen Stufen 
•----- auszufllen, i'o werden fp.ter die 
, , Stufen gr613er, als Stockwerke be- 
handelt und durch Oefimfe gelchie- 
Giebel ana SchloB zu Bevern-"s). den. Nicht felten werden Pilafter- 
oder Halbf.ulenfyfteme angeordnet, 
und die groen Stufen werden mit den feltfamften Oebilden ausgefetzt. Die 
Winkel, welche die aufrteigenden Mauern der Zwerchh.ufer mit dem Dachgefimfe 
bilden, werden nicht felten in .hnlicher Weife ausgeffillt. 
Ich gebe eidge Beifpiele, von einfacheren zu reicheren Formen forffchreitend, 
ohne RticklÏcht auf ihre Zeitftellung. Lieven de Key hat an den Hauptgiebeln der 
Schlachthalle zu Harlem (Fig. 25 l-"s) an den lotrechten Seiten der Stufen kon- 
) Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. 4. 
Handbuch der Architcldur. II. 7. (z. Aufl.) 14 



210 

112, 
Dacherker 
t.tfw. 

folenartige Vorfpr/inge angebracht, durch welche der UmriB belebter wird, aber 
immer noch hart bleibt; das Motiv hat wenig Nachahmung gefunden (vergl. 
Fig. 94, S. lo7). Die enorme Bedeutung der Giebel ffir die Gefamter[cheinung 

eines (3ebiudes tritt an der 
Schlachthalle zu Harlem [ehr 
klar zutage. 
Folgenreicher als das 
Anffigen von Ab[chlfif[en oder 
Vorfprfingen an eine Seite der 
Stufen war das Ausffillen der 
Winkel mit Formen, die fich 
an beide Seiten anlegten. 
In Niederdeutfchland werden 
hierIfir in der Frfihzeit l<reis- 
[ektoren angewandt. Neben 
diefe treten aber fofort auch 
Voluten (Fig. 259 _ -_,¢,0). Die 
Ffillung ift in beiden Fhllen 
ein von der Ecke ausgehendes 
fë, cherartiges Ornament. Die 
kleinen Voluten, welche die 
Stufen ara Oiebel des Barthels- 
hofes zu Leipzig {Fig. 253 
ffillen, geh6ren wohl nicht der 
Erbauungszeit an, dfirften fich 
aber an ein ilteres Motiv 
anlehnen. Weiterhin werden 
die Voluten mit Befchlhge- 
ornamenten kombiniert (Fig. 
254 -) ; Obelisken erheben 
fich an den Seiten oder fiber 
den Brechungspunkten der 
Kurven; das Ornament, das 
anfangs nur den UmriB be- 
zeichnet, f/illt fchliel31ich auch 
die Flichen (Fig. 
Bei gr6Beren Giebeln 
werden die Stufen h6her und 
als Gefchoffe mit Pila[tern, 
Halbfulen und Gefimfen be- 
handelt. Die ffillenden Orna- 
mente bleiben die gleichen 
(Fig. 256 °t'). 
Statt durch Zwerchhtiufer 
wird das Dach wohl auch 
durch Dacherker und kleinere 
Dachfenfter belebt. Be[onders 

a«) Nach: FwE:IEC¢, a. a. O. 
*1 Nach: Deutfche Renaiffance, AbL 26. 

VOITI 

Ent'urf fir das Rheinlandhaus zu Leiden «) 

Fig. -256. 

Giebel ara SchloB zu AfchaffenburgOo). 



211 

reich an F_rkern l'ind die Nfirnberger D.cher. Die typil'che Form ift in Fig'. 28 
39) darg'e[tellt {verg'I. auch Pig'. 31, S. 42). F_ndlich werden auch die Schorn- 
l'reine in die kfinftleril'che ¢3eftaltung mit einbezogen. 

8. Kapitel. 
Innere Ausftattung der Profanbauten. 
Man darf in den lnnenr/iumen der deutl'chen Renail'fance eine Raumwirkung 
durch Verhltniffe nicht fuchen. Rume, welche fchon durch ihre Verhiltniffe 
l'ch6n find, bleiben immer Aus- 
Fig. 257. nahmen. Was ange[trebt und er- 
reicht wird, ift Behaglichkeit oder 
I Pracht, beides an fich keine fthe- 
',//) tifchen Qualititen. Die formbil- 
dende Ttigkeit ift mehr auf das 
Einzelne als auf das Oanze ge- 
richtet. Diefe Schwiche der deut- 
l'chen l'(unft wird durch den engen 
Zu['ammenhang zwil'chen Archi- 
tektur und Ileinkunft noch gef6r- 
' dert. Eine Polge diefes Zufammen- 
 gehens ilt, daB die l(ompofition, 
 wo H6heres angeftrebt wird, fart 
ausnahmslos fiberladen ift, dal 
das Oewicht nicht auf gute Ver- 
htfltnil'fe, fondera auf l'ch6ne Ein- 
zelheiten gelegt wird. Die['e find 
allerdings oft fo reizvoll, daB fie 
Erfatz frit manche Schwichen des 
Oanzen bilden. Von den Be[uchern 
-- -- der Ratsftube in Lfineburg wer- 
wenigften 
 werden, daB die mit liebevoll[ter 
'---:-- 'Y-- Sorgfalt reizvoll durchgebildeten 
Vorplatz im Rathaus zu Danzig-O I. Stfitzen des Tfirfturzes wahre 
ontra der Iompofition [ind. 
Doch die \Virkung der Rume h/ngt nicht allein von Verh/Itniffen und 
Formen ab, es kommen als weitere Momente die Lichfffihrung und die Farbe 
hinzu, und diefe [ind meil'tens gut. Der Lichfffihrung itt die Gruppierung der 
Fenfter f6rderlich; groBe, gefammelte IAchtmal'fen werden den R/umen zugeffihrt 
und ergeben wirkl'ame t(ontrafte. Die farbige Behandlung fteht mit dem Material 
der Ausftattung in Zufammenhang. Die Hauptmaterialien find Holz und Stuck. 
Das Holz bat warme und tiefe T6ne bel begrenzter Farbenfkala. s wird in [einer 
natfirlichen Parbe angewendet; ira Ornament werden zuweilen einzelne Teile farbig 
gebeizt, wobei immer die warme Grundfarbe des Holzes noch vermittelnd mit- 
l'pricht; auch teilweife Vergoldung kommt vor. Das Holz gew/hrleiftet l'tets eine 
harmonifche und einheitliche Farbenwirkung. Wird eine reichere Wirkung an- 
') Nach einer Photographie. 



212 

el'trebt, l'o vArd die Malerei herangezoen; Tafelemlde in OI oder Tempera 
werden in die Ffillungen der Tfelungen und Decken eingelaffen; feltener findet 
das Fresko Anwendungen an Teilen der Winde, welche von den Tfelunen 
frei bleiben. 
Der Stuck kommt in feirer ratfirlichen Farbe oder mit teilweifer Bemalung 
und Vergoldun vor. l-lierbei wird zuweilen das Fresko in gr01erem Umfange 

anffewendet, indem die Stuckreliefs den 
Rahmen fur Groesken oder fifffirliche 
Malereien abffeben. Die koloriftifche Hal- 
tun ift eine ganz andere als beim Holz. 
Reiche, bunte V¢irkungen [ind nicht aus- 
ffefchloffen ; aber auch bei vielfarbiffer Be- 
handlunff des Ornaments bedingt der \veil3e 
Grund ffewBhnlich eine kfihle Stimmunff. 
Zuweilen findet fich die Scagliolatechnik: 
Einlaffen in farbiffem Stuckmarmor. 
Das Holz ift in Deutfchland natio- 
nales Baumaterial. Der Stuck kommt 
zwar fchon vom frfihen Mittelalter an vor; 
reine Anwendunff in der Rena[ffance geht 
aber von Italien aus und befchrinkt fich 
mit wenigen Ausnahmen auf Bauten, 
welche dem l(reife der italienifchen und 
italienifierenden Renaiffance anffehOren. I;  
Die Riume, welche kfinfflerifch 'î-, 
hiufern Einfahrten und Vorplitze, in 
Niederdeuffchland die Diele, zuweilen ][, «." tl 
Treppenhiufer, dann einige Zimmer; in t')' 
Schl6ffern kommen noch Treppen, 
Die Abftufunen von der einfach- , 

[ten bis zur reich[ten Ausftattung find 
fehr mannigfaltiff. 
In den ffiddeutfchen Bfirgerhiufern 
befchrnk fich die Austattung der Ein- 
gine oder Einfahrten, wenn eine 
folche fiberhaupt vorhanden ift, auf die 
Oberw61bunff mit Netzgew/51ben. Einer 
der ftattlichl'ten Torwee fit derjenie 
des Pellerhaufes in Nfirnber. 

Fig. 58. 

T/ifelung im Kapitelfaal des Domes 
zu /lfinfter i. W'.S°'). 

Ein gfin[tigeres Motiv fit die niederdeut[che Diele. Sie ift fchon durch ihre H/She 
ein imponierender Raum; werden Treppen und C)alerien, welche zu den Zimmern 
der Zwil'chenefchoffe ffihren, hinzugeffigt, fo ergeben [ich h6chft maleri[che 
lnnenriume. Sch6ne Dielen find in Bremen, Lfibeck und Hildesheim erhalten. 
Auch der Vorplatz im Rathaufe zu Danzig (Fig'. 257 s°) zhlt feiner lïr[cheinung 
nach hierher. 
's Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. 8. 

o OEO  



4 
T felungen. 

In den ffiddeutfchen Bfirgerhufern find die Vorpltze der Obergefchoffe 
(hrn) oft gerumige, wohlbeleuchtete Vorzimmer und werden auch als folche 
behandelt. Die Elemente der Ausftattung find Tfelungen, Balken- oder Felder- 
decken, ferner I<amine oder fen. Dazu kommen Teppiche, Oemlde und 
PrunkgefiBe. Erker oder Ver[chlfige geben den Zimmern zuweilen einen be- 
[onders malerifchen Reiz. 
Die Stuckdekoration Fig. 261. 
gewinnt in den Bfirger- 
hiufern erft ira XVII. Jahr- 
hundert eine gewiffe Ver- 
breitung, whrend fie in 
Ffirftenfchl6ffern fchon im 
[pteren XVI. Jahrhundert 
beliebt ift. Die groBen 
S.le der SchlBffer imponie- 
ren mehr durch ihre Aus- 
dehnung und ihre reiche 
und gefchmackvolle Aus- 
itattung als durch ihre Ver- 
hltnif[e. Sie find fart aile 
niedrig. Einige Rathaus- 
f.le, wie diejenigen zu 
Nfirnberg, Lfineburg u. a., 
find auch durch ihre Ver- 
hltniffe bedeutend. 
Tfelungen [ind die 
verbreitetfte Wanddekora- 
tion; fie waren fchon in 
der Spitzeit der gotifchen 
Epoche beliebt. Die go- 
tifchen Tifelungen find 
entweder Reihungen ,,-on 
Brettern, deren Fugen mit 
Deckleiften fiberdeckt und 
welche oben durch ein 
Gefims zufammengehalten 
find, oder fie beftehen aus 
einem Rahmenwerk mit 
Ffillungen. Zuweilen drin- 
gen architektonifche Motive 
ein. lm Gegenl'atz hierzu Tifelung ira Fredenhagenfchen Zimmer zu Lftbeck°»). 
entnimrnt die Renaiffance 
von Anfang an die Kompofitionsmotive ihrer Tifelungen der Architektur, und 
Tifelungen in reinem Holz[til [ind Ausnahmen. Unter die[en i[t das Tifelwerk 
des Kapitelfaales in /ln[ter, 1544-5a von Johann Kupper ausgeffhrt (Fig. 25 
eines der fch6n[ten. Das Rahmenwerk mit Fllungen beftimmt rien Eindruck. 
Je zwei Fllungen werden durch Lffenen und Sulchen zu[ammengefaBt; ber 
) Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 
) Nach ebendaf., Bd. IX. 
o) Nach ebendaf., Abl. 43- 



letzteren ein Gefims, dann eine Attika und Giebelaufftze. Aber diefe architek- 
tonifchen Motive dr/ingen fich nicht vor, und die ganze Behandlung ift dem 
Material entl'prechend. Das Ornament ift vortrefflich. Auch die Tfelung eines 
Zimmers ira I. ObergefchoB des Tucherhaufes in Nfirnberg {1544; Fig 259su:»1 
rein als Holzverkleidung gedacht, xvenngleich die Sulchen der oberen Ab- 
teilung l'chon krftig vorfpringen. Aber das verbreitetfte Motiv ffir die Tfelungen 

Fiff. 

// 

Tiir aus dem Landfchaftsgebiiude zu Landshuta°). 
(Jetzt ira bayerifchen Nationalmufeum-} 
fit dasjenige der S.ulen- oder Pilafterordnung, deren Interkolumnien durch ein- 
fachere oder reichere Ffillungen gefchloffen find. Die ftiliftifche Entwickelung ift 
die, daB die Deckleifte zut Lifene, zum Pilalter und zut Sule umgeltaltet wird. 
lft fchon durch das Motiv ira ganzen ein krfiftigeres Relief gegeben als bei 
den gotifchen Ffillungen, fo wird die pla[ti[che Wirkung zuweilen noch dadurch 
gefteigert, daB auch die Ffillungen noch mit vortretenden Architekturmotiven vel-- 

toc) Nach: Zeitfchr. de bayer. Kunftgewerbe-Vereins ]895. 



216 

[ehen werden. Die "l-ifelung be[teht zumei|t aus einem Sockel, an de[en Steile 
hier und da Binke treten, und der Ordnung mit Oel'imfe. Ausnahmsweife folgt 
iiber dem Oefimfe noch eine Attika, bei der die Holzfiillungen wohi auch durch 
Ciemilde erfetzt. Selten reicht die Tifelung bis zur Decke des Zimmers; fie IiBt 
vielmehr gew6hnlich rien oberen Teil der Wand frei. Diefer bleibt weiB, wird 
bernait oder mit Teppichen behingt; in der Spitzeit kommen Ledertapeten vor. 
Die Zahl der erhaltenen Tifelungen iR groB; da aber das Cirundmotiv Itets 
dasfelbe bleibt, genfigt es, wenn ich einige wenige Beipiele vorfiihre, lin bifch6f- 
lichen Schloffe Velthurns bei Bri- 
xen be|inden fich einige vortreff- Fig. 263. 
liche T.felungen. Sie find zwi- 
l'chen den Jahren 1577 und 1586 O 
vOn ttans Spiaeider aus Meran 
angefertigt, lhre Dispofition ift 
klar; die Verhtltniffe find gut, 
und das Relief der Pilafter und 
Oel'imfe i[t dem Material ange- 
meffen. Die Ffillungen find bei 
einer Ttfelung noch einfach recht- 
eckig umrahmt; bel anderen find 
architektonifche Motive herange- '-="-- ..................... .. _ 
zogen, doch ftets in maBvoller 
\Veife (Fig. 26oSuS). An rien Bin- 
ken des Artushofes in Danzig final 
den Pilaftern S.ulchen vorgefetzt 
und die hohen Ge[imfe reich mit 
Reliefs gefchmfickt. Diefe Binke, 
1531 von Laurenz Adrian Itolz- 
appel aus C61n angefertigt, find 
als eines der frfiheften Werke 
der Renaiflance ira nord/3Itlichen 
Deutlchland merkwiirdig. Die 
Anwendung von Stulen Irait der 
Pilafter .ndert nichts an den 
Orundziigen des Syftems, das von 
der Friihzeit bis in das XVll.Jahr- , 
hundert in diefer einfachen Form  
hiufig Anwendung rand. Solange 
die Fltchen der Ffillungen glatt Tfir in der Ratsftube zu LiineburgS°7). 
bleiben oder mit Fl.chenorna- 
ment -- lntarfien oder Relief -- gefchmfickt werden, bleibt die Wirkung eine 
ruhige und klare. Doch dem Kunftfchreinergeifte des XVI. Jahrhunderts genfigten 
die flachen Ffillungen nicht, wenn er etwas befonders Sch6nes fchaffen wollte. 
Er erfetzte fie in [olchen Fallen in gleicher Weife, wie an den M6beln, durch 
plaftifche Kleinarchitekturen. Man darf an diefe Arbeiten nicht die ftrengften 
ltilitifchen Anforderungen ftellen; das Heraustreten der dekorativen Olieder aus 
der Fltche gefthrdet immer die Klarheit der Kompofition. Eine reiche und gl.n- 
zende \Virkung wird oit, eine ganz harmonifche lelten en-eicht. Das Belle be|itzt 

, Nach: Bl-tIer ffir Arch. u. kunl'lhdwk. 89a. 



217  

Liibeck im Fredenhagen[chen Zimmer (1572-8o; Fig. :61°). Die TMelung hat 
zwei Ordnungen von guten Verhiltni[[en und kriftiger (liederung. Der Schmuck 
i[t reich, aber ira Relief [ehr rein abgeftimmt; in den oberen Fiillungen und an 

Fig. 264. 

Wartdmalerei in der Oerichtslaube zu Lneburg°sJ. 
der Wand iber der Tifelung find Tafelgemilde cingelaffen; zum Reiz der For- 
men kornmt derjenige des Kolorits. Ein Raum von vornehrnfter Pracht. 
In der Tifelung der Kriegsftube ira Rathau[e zu Liibeck (1575-6o8) dringt 
das Detail zu fehr vor, und in den /iberladenen Tifelwerken des PellerhauIes in 
Nirnberg, des Fidtenecks in Frankfurt (jetzt ira Kunftgewerbemufeum dafelbft) 
't Nach ebendaL a89a. 



918 

oder des Jagdzimmers auf der Fel,te Koburg liegt der Reiz nur noch in den 
[ch0nen Einzelheiten, welche die Aufmerkl,amkeit l,ofort vom Cianzen ablenken. 
Elias !-!oll und andere Nachfolger Palladio's vereinfachen auch die Tfe- 
lungen wieder; doch ihre Arbeiten l,ind trocken und reizlos. 
"- Die Tfelung mag einfach oder reich rein; fal,t immer werden die Tfiren 
Tfiren. 
befonders hervorgehoben und mit ftattlichen Verkleidungen umgeben. Die l(om- 
pofitionsmotive find die gleichen wie 
ara AuBenbau und bedfirfen keiner Fig. 265. 
nochmaligen Befprechung. Auch ein- 
zelne T/h-en, welche nicht in Zufam- 
menhang mit Tifelungen [tehen, wer- 
den in der gleichen Weife behandelt. 
Ara erfreulich[ten l'ind die Ver- 
kleidungen der Frfihrenaiffance (Fig. 
_6_°«). Die Behandhlng ift dem Ma- 
terial durchaus entfprechend und das 
Ornament l'ehr zierlich. Sptel- wer- 
den die Formen ganz wie ira Stein- 
bau ge[taltet, und wo man mit diefem 
an Maffigkeit nicht wetteifern kann, 
S.ulen, Konfolen, Ni[chen und andere 
Motive gehSuft. 
Hier ift des feltfamen Meiïters 
Alber¢ von Soeft zu gedenken, der 
den Schmuck del- T/ifelung und des 
Oftfihles in der Ratsftube zu Lfine- 
burg ausgefhl-t hat. Seine F(ompo- 
fitionen (Fig. 263 '';) find ira ganzen 
trocken, in den einzelnen Motiven 
phantaftifch, aber in den Einzelformen 
von hoherVollendung. AIs technifche 
Lei[tung der Schnitzkunft [ind die 
fonderbaren Gebilde, die er an Stelle 
der Siul¢ll gefetzt hat, nicht genug 
zu bewundern; wie an einem Werke 
dur Goldfchmiedekunft find die rei- 
zendften Einzelheiten gehiuft, und 
die Formen des Ornaments wie das :: .- 
Figfirliche haben noch die voile 
Gew61bedekoration im Dagobertsturm 
Fril,che der Frfihrenaif[ance; aber als zu Baden"°O). 
Oanzes [ind fie unklar und fol-mlos. 
,,. Stuck als Dekorationsmaterial f/ir Winde hat fiberwiegend im l(irchenbau 
Hausdekoration .... A. _ 
und AiiwiiUUilg gefunden. Reichere Stuckdekorationen ira Stil der deutfchen Re- 
i««. naiffance find an Profanbauten zum mindeften felten; dagegen kommen fie in 
der italienifierenden Renaiffance vor. 
Ich veln¢eil'e auf Fig. 98 (S. 113), lOl (S. 116) u. lO3 (S. 118). Meift l'ind nur 
Teile der W.nde: Sockel, Friefe und Lifenen, dann Tfirverkleidungen mit Stuck- 
reliefs ver[ehen, wihrend die Wandflichen durch Malereien oder aufge[pannte 
,o) Nach: Deut[che Renaif[ance, Abt. 3- 



F/g. 66. 

Gew61be in der Refidenz zu Miinchen*tO). 

Teppiche fefchmfickt werden. 
Von den Riumen, deren Ausftat- 
tung ganz der Malerei anheim- 
gegeben war, ift die Gerichts- 
laube in Lfineburg der merkwfir- 
digfte. Die Malereien Fig. 264 s°') 
tragen das Datum 1.2 0. Oh fie 
ganz diefer Frfihzeit angeh6ren, 
fcheint mir zweifelhaft; de, ch ift 
der Stil derjenige der frfihen 
Renaiffance. Die Me,rive find im 
Figfirlichen wie im Ornamen- 
talen nicht kleinlich; die Farben- 
[timmung i[t trotz weitgehender 
Erneuerung einheitlich und ernft 

und die Wirkung eine fehr bedeutende. Der Meifter diefer Malereien ift nicht be- 
kannt; er dfirfe mit Lukas O'anach in Beziehung ftehen. Die malerifche Ausftat- 
tung des groBen Rathausfaales in Nfiruberg geht, wenigftens in den groBen allego- 
rifchen l(ompofitionen der N.ordwand, auf Diirer zurfick; die Ausffihrung ift nicht 
von ihm. Die l(ompofitionen ftehen in keinem inneren Zu[ammenhang; die Cie- 
richtsverhandlung und der Triumph laifer Maxindlian's find voll Allegorien; 
der zwifchen beiden befindliche Pfeilerftuhl, eine Mufiktribfine, von der Trom- 
peter und Pfeiler herabblafen, ift ganz realiftifch. Von einer Okonomie der 
Raumverteilung ift keine Rede, und der Mangel an Oefchloflenheit der lompo- 
fifion lBt keine Ciefamtwirkung aufkommen. Im einzelnen haben fie manches 

Fig. _907 

Gew61bedekoration in der Refidenz zu Miinchenn). 

Ciute. Diefe Malereien find vor 
mehreren Jahren v611ig er- 
neuert und verdorben worden. 
Die Malereien in derTraus- 
nitz bel Landshut geh6ren dem 
italienifierenden Kreife an und 
find grol»enteils von ltalienern 
ausgeffihrt. 
Mehr noch als die \Vnde 
gaben die Decken zu reicher 
Ausftattung AnlaB. Die Cie- 
w61beformen der deutfchen Re- 
naiffance im engeren Sinne find 
das Netzgew61be und das l(reuz- 
gew61be, letzteres meift ohne 
Rippen. Solche Ciew61be kom- 
men im Profanbau fart nur in 
untergeordneten Rumen vor 
und find einfach gehalten. Der 
italienifchen Richtung eignen 

o) Nach : Die Kunftdenkmale des K6nig- 
reichs Bayern ufw. Mfinchen t892-95. Bd. I, 
Taf. t73- t77. 
ttt) Nach ebendaf., Taf. t78. (Vergl. auch 
Taf. t79- tSt.) 

il7. 
Gtw61be 
und 
Flachdeclen. 



220 

Kreuzgew61be, Tonnengew61be und Kuppeln. Sie gibt nur dekorative Ciliede- 
rungen, fei es ira AnfchluF, an das Syftem der Wnde, alfo wenigftens mit dem 
Schein eines konftruktiven Organismus, fei es unabhngig von diefem in rein 
ornamentaler Behandhlng. Teilungen erfterer Art zeigen Fig. Ol {S. 116) u. lO3 
(. 1o). 
In ihrer l<ompofition italienifch, in den Einzelformen deutfch ift die t(uppel- 
dekoration des fog. Dagobertsturmes in Baden (Fig. 2653°v). Das Syftem der 
"l-ei|ung befteht aus Gurtbogen, welche quer iber das Gew61be gehen, und aus 
Bindern in der Richtung der Lagerfugen, alfo Cieraden bei Tonnengew61ben, 
l'aral|elkreifen bei luppeln. Diefe vorfpringenden Ste£e find als Pahmen der 
tieferliegenden Ffillungen behan- 
delt, deren Fliche mit Ornament Fig. 268. 
und (-iemilden bedeckt wird; bei 
FLillung wohl auch in zwei Plichen 
(verg|. Fig. o, S. 16). Freiere 
Teilungen finden befonders dann 
Anwendung, wenn Stichkappen in 
die Gew61be (t,(uppeln oder Ton- 
nenl einfchneiden (vergl. Fig. 98, 
.q. 1 1 3)- Eine grol$e Zahl folcher 
(3ew¢31be in verfchiedener Teilung 
fchen wir in der k/3niglichen Refi- 
denz zu h'inchen (Fig. 2663',). Auch 
die Teilungen entbehren der kon-- 
ftruktiven Grundlage nicht ganz, in- 
fofern fie von den Gratlinien der 
Stichkappen ihren Ausffang nehmen. 
Ebenfo nimmt die Teilung der 
l<reuzgew61be ihren Ausgang natur- 
gem. von den Grat|inien. Auch 
hierffir bietet die Refidenz in /lfin- 
chen vortreffliche Beifpiele (Fig. 
:67 a 
Die mittelalterliche Art der 
L.- , î î ï ,,[ 
Deckenbildung mit vorftehenden, 
abgefaJten oder profilierten Balken Decke im Sch|oB zu Jevert'-'). 
und verputzten Zwifchenflhchen 
bleibt wihrend der ganzen Renaiffanceperiode in Ubung. Daneben kommen von 
der Frfihzeit an h61zerne Fe|derdecken in verfchiedener "l-eilung vol bei welchen 
die Fugen der einzelnen "l-afeln mit profilierten Leiften fiberdeckt find. Da6 fich 
aus diefen Decken die lV.affettendecken, welche im XVI. und XVII. Jahrhundert 
weite Verbreitung fanden, entwickelt haben, ift nicht anzunehmen; fie [ind in 
Italien ausgebildet und von da fibernommen worden. Sie geben den Schein 
einer aus der Durchkreuzung und Verfchrnkung in einer Ebene gelegener 
Deckenbalken hervorgegangenen Konftruktion, find aber ftets nur eine an den 
Balkenlagen aufgehingte Dekoration. Die einfachfte Form ent[teht aus der 
Durchkreuzung zweier Folgen von parallelen Stegen, wodurch die Decke in ein 

• - Nach: Deutfche Renaiffance, /kbl. 50. 



221 

Syftem rechteckiger oder rhombifcher Felder geteilt wird. Das Motiv wird von 
der fchlichteften Geftaltung bis zu hoher Pracht gefteigert. Die Holzdecke ira 
vorderen Flfigel der ReIidenz zu Landshut hat ffinfmal acht t<affetten; auf die 
Flfichen der Stege find Kartufchen aufgelegt, deren Fonds ebenfo wie die l=l/iche 
der t<affetter mit lntar[ien - Kartufchen und Moresken - geziert find. Das 
Prfichtigfte ift die Decke des Schloffes zu Jever in Oftfriesland (Fig. 268s'). Sie 
befteht aus achttmdzwanzig quadratifchen l(affetten. Aile Fl/ichen find iiberreich 

Fig. 269 . 

Decke im Schlol3 zu Ortenburg-l*}. 

mit Reliefornamenten gefchmckt. Das Ornament nihert fich dem fog. l:loriftil; 
es ift im einzelnen hart und ohne (3razie; die Decke im ganzen i[t gleichwohl 
von bedeutender Wirkung. 
Man blieb indes bei [o einfachen Schematen nicht [tehen. Beliebt i[t der 
Wechfel von Quadraten mit geftreckten Sechsecken oder von Achtecken, ge- 
[treckten Sechsecken und Kreuzen. Beide find von Serlio angegeben. Auch 
das feltener vorkommende Motiv, in welchem Sternachtecke mit l<reuzen kom- 

a) Nach cirier Photographie. 



222 

biniert lind, ffeht auf ihn zurfick. Dann ffibt er einiffe freiere Kompofitionen, 
und darin find die deutfchen Mei[ter felbftindi weitereangen. Schon bel den 
letztenannten Schematen ift ein zentrales Moment einefiihrt. Die Quadrate 
und Achtecke [ind die Zentren, um welche [ich die Sechsecke gruppieren, und 
bei der Ciruppierun um das Achteck ergeben fich aus diefer Kombination noch 
kreuzî6rmie Ffillungen. Nun fchreitet man zu freieren Bildunen und reicheren 
Kombinationen fort. Der erfindenden Phantafie find hier keine Schranken efetzt. 
Ich greife aus der roBert Zahl der erhaltenen Decken diefer Art drei Beifpiele: 
die fch6ne Decke ira Saal des 
Schlolles Ortenburg (Fig. 209 s) Fig. "70. 
und eine aus SchloB Velthurns 
(Fig. 27oS'0, [owie die des Saa-  , - =  =" =.= " =. -- 
les irn Ffir[teneck zu Frankfurt 
{Fig. "7 z'), letzteres eine Stuck- 
decke, heraus. Bei diefen Kom- 
pofitionen ift nicht die Koordina- 
tion, fondern die Subordination 
das herr[chende Prinzip. In der 
Decke von Velthurns lit das Qua- 
drat der beherrlchende Mittel- 
punkt, um den fich Rechtecke mit 
anftoBenden Segmenten und un- 
regelmiBige Flichen gruppieren; 
letztere final nicht umrahmt, haben 
auch kein eigenes Formprinzip, 
fondern IÏnd fibrigbleibende Tel- 
le des Grundes, auf welchen das 
ganze Mufter aufgezeichnet il't. 
In Ortenburg ift die Unterord- 
nung der umrahrnten Ffillungen 
unter ein Zentrum nicht fo be- 
ltimmt ausgefprochen; doch final 
die dominierenden Ffillungen 
reicher abgeltufl als die l(reuze, 
und diele wieder durch zentrales 
Ornament vor den unregelmiBi- 
gen Flichen des Grundes ausge- Decke zu VeithurnsStt). 
zeichnet, welche mit einem neu- 
tralen, unbegrenzten Ornament bedeckt lind. An der hfibfchen Decke des Ffirlten- 
ecks in Frankfurt ift der Ciegenfatz nicht beltimrnt zum Ausdruck gebracht. 
Das Prinzip der Subordination muBte fiber die zentrale Ciruppierung inner- 
halb einzelner Teile hinaus zut Betonung des Mittelpunktes der ganzen Decke 
ffihren. Die Decke eines Ffirftenzimmers ira Rathau[e zu Augsburg (Fig. 27 
fucht zwifchen beiden l<ompolitonsarten zu vermitteln: vier zentral gruppierte 
Teile umgeben den mitfleren l<reis, der lchon [einer kleinen Dimenlionen wegen 
nicht zut Cieltung kommt. Sehr beltimmt komrnt der zentrale Ciedanke zum 

tt, Nach: Deuffche Renaiffance, Bd. IX. 
t) Nach ebendaL, Abt. 40. 
t) Nach e.bendaL, AI)t. 2. 



Decke ira goldenen Sac 

Handbuch der Architeldur. II. 7- (a. Aufl.) 



le. Rathau[es zu Augsburg. 

Nach: Deulfche Renaiffance, Abl. 2. 



223 

Ausdruck in einer fch6nen Decke im Ehinger Hofe zu UIm (Fig. 273s). Ein 
Mei[terwerk freier Kompo[ition fit die prichtige Decke des goldenen Saales ira 
Rathaus zu Augsburg (fiehe die nebenftehende Tafel); Holl's Fihigkeit, grofl zu 
disponieren, tritt hier in glinzender Weife zutage. 
Zu den unbeweglichen Ausftattungsftficken geh6ren noch Kamine und fen. 
Beider Formen haben fich fchon im Mittelalter ausgebildet. Der Kamin befteht 

Fig. 271. 

I1. 
Kamine 
und 
fen. 

I I l I I | f I f f | 

1 I 

Stuckdecke des Saales ira FiJrfteneck zu Frankfurt a. 
(Jetzt ira Kunf/gewerbemufeum dafelbft.) 

aus der in die Mauer ein[chneidenden Feuerftelle und dem vor[pringenden Rauch- 
rang oder Mantel. Diefer ruht auf einem Oefimfe, das von freiftehenden Stfitzen 
oder von Konfolen getragen wird. Das Oe[amtmotiv ift ftets das gleiche; in den 
Einzelheiten wird es vielfach variiert. Namentlich gibt der Mantel Oelegenheit 
zur Entfaltung reichen Schmuckes. lnsbefondere die Niederlande und die l-lanfe- 
ft/idte wei[en gl/inzende Beifpiele auf. lch nenne die Kamine in den Rathiu[ern 

) Nach cbcitdaf., Abt. 20. 



22 

zu Antwerpen31S), zu Kampen31s), zu L/ibeck und Danzig's); aile bertrifft an 
Reichtum und Pracht der Kamin ira Franc de Bruges (1529-31), ausgeffihrt von 
Ouyot de Beauregard31). Einfacher [ind die [ch6nen Kamine in der Burg 
SchwObber bel Hameln, ira Schlol3 zu Baden und anderxv/irts. IEin gutes Beifpiel 
aus der Frfihzeit (1535) ift der Kamin ira II. Oberge[chol5 der Trausnitz bei Lands- 
hut (Fig. 2743). 
Wie der Kamin, [o bat der Ofen chon ira /ittelalter reine typiche Form 
gefunden. Er befteht aus einem annihernd kubifchen Feuerraum, ber dem fich 
ein fchlankerer, gewOhnlich achteckiger Aufbau erhebt. 
Abweichungen von diefem Typus kommen vor, bleiben aber Ausnahmen. 
Der Ofen der Fhrenaiffance IFig. 275 -') haut fich aus Kacheln von m.Biger 

Gr613e 06 bis 18 x 18 bis 28 «) auf. Die Kacheln find mit figfirlichem oder 
ornamentalem Relief gefchm/.ickt und bunt oder gr/.in glafiert. Die knftlerifche 
Ab[icht i[t auf das Einzelne gerichtet, und die Oe[amtwirkung i[t nicht ira Auf- 
bau, fondera ira Kolorit zu fuchen. Aber [thon um die /litte des XVI. Jahr- 
hunderts wird der Auibau architektoni[ch; jeder Teil wird mit Bais und Oe[im[e 
abge[chloffen, und die Ecken final als Pilafter, S.ulen oder Hermen geftaltet; auch 
das Motiv der F/.il|ungen wird ein einheitliches: eine Va[e, ein Wappen, ein 
Portr.tmedaillon oder eine ganze Figur (Fig. 276'-"). Einer der frfiheften Ofen 
dieler Art [teht in der Burg zu Niirnberg; er wird dem Auguftin lffirchrogel zu- 



227 

ge[chrieben; das Ornament wei[t Motive auf, welche lae[er l=16tner in Nfirnberg 
eingefhrt hat. Dann [teigern [ich die Dimenfionen, und der Aufbau wird immer 
reicher. Das H6ch[te an barocker Pracht lei[tet Adam Vog[ aus Landsberg in 

Fig. 277 Fig. 278. 

Ofen im Rathaus zu Augsburg«e). 

Schmiedeei[erner Ofen im SchloB RSthel[tein 
bei Admont--}. 

den Ofen der Ffirftenzimmer im Rathaus zu Augsburg und im SchloB Eurasburg. 
MaBvoller und [ehr zierlich aufgebaut lit ein Ofen in den Pr[tenzimmern, der 
) Na¢h ¢b¢ndaf., Taf. O. 
) Nach: D¢uff¢h¢ Renaiffance, Bd. 9- 



Fig. 279 . 

Ofen von Hans Pfau zu WinterthurSt). 
stl Nch: R¢SPIR, A. & H. B¢SSCH. Sammlung von fen in allen Stilarten ulw. Mnchen t895. 



dem T6pfer Melchior Loti aus Weilheim zugefchrieben wird (Fig. 277s-"-). Diefe 
Ofen wirken haupt[/ichlich durch ihre reiche Plaftik. 
In der Schweiz [ucht man die Wirkung der Ofen durch Malerei zu Reigern. 
Der Aufbau und die pla[til'che Dekoration der Schweizer Ofen bleiben auf der 
nach der Mitre des XVI. Jahrhunderts erreichten Stufe ftehen. Die pla[ti[che 
Aus[chmiickung befchr/inkt [ich auf die [truktiven Teile; die ebenen Ffillungen 
werden mit Malerei bunt oder blau auf 
Fig. 280. wei,em Grunde ge[chmfickt. Charakteri- 
ftifch fiir die Schweizer Ofen ift die fog. 
Kunft: ein erhçhter Sitz hinter dem Ofen. 
Der [ch6ne Ofen von Hans lffau aus Win- 
terthur (1644) im Germanifchen Mufeum zu 
Nfirnberg (Fig. 279 .sL) mag den Typus ver- 
anfchaulichen. 
Ton war nicht das ausfchlieBliche 
Material ffir Ofen. Gueiferne Ofen kom- 
men fchon ira frfihen XVI. Jahrhundert 
vor. Ein intereffanter Ofen von 1539, an 
welchem Motive der beginnenden Renaif- 
lance neben gotifchem MaBwerk vorkom- 
men, fteht in der Dfirnitz der Trausnitz 
bei Landshut. Ausnahmsweife werden auch 
Ofen aus Schmiedeeifen angefertigt. Ein 
zierlicher Ofen diefer Art ift in SchloB 
R6thelltein bei Admont (Fig. 278"s"':); er 
geh6rt dem SchluB der lïpoche 1655 an. 
Die Ofen werden, wie es noch bis 
zur Mitte des X1X. Jahrhunderts allgemein 
fiblich war, von auBen geheizt. Befand 
fich der Zugang zur Feuerftelle in einem 
allgemein zuginglichen Raume, fo werden 
auch die Kamintiren kfinftleri[ch geftaltet. 
Wir fehen folche in den Oingen des 
Nfirnberger Rathaufes und in fehr fchwfil- 
'* ' '' ftiger Cie[talt in Pellerhaufe dafelbft (Fig. 
Kamintfir im Pellerhaus zu Niirnberga). 280e}. 

19. Kapitel. 
Ausftattung der Kirchen. 
Die Ausftattung der Kirchen ift ein Oebiet, das die deutfche Renaiffance 
mit Vorliebe gepflegt bat. Sie bat auf diefem viel und viel Outes gefchaffen, 
aber freilich auch manche Kirche etwas fiberffillt. Die malerifche Auffaffung 
unferer Zeit findet an diefen reichausgeftatteten Kirchen Oefallen; aber man 
darf nicht fiberfehen, daB der allzu gTOI3e Reichtum an Ausftattungsftficken der 
Raumwirkung Eintrag tut. Die Stube der deutfchen Renaiffance ift behaglich 
und wohnlich; ihre Kirche ift es auch. Aber was dort ein Vorzug iit, ilt hier 
ts} Nach: Deutfche Renaiffance, AbL . 

119 - 
Charal, lcr. 



230 

ein Mangel. Nur ganz wenige Kirchen des XVI. und XVil. Jahrhunderts [ind 
monumental. 
,« Man bat ira Kirchenbau an der gotifchen Anlae feftehalten, und die 
StUcko 
«o. gotifchen Kirchen diefer Spitzeit Jind in ihrer architektonifchen Ge[taltung [ehr 
einfach. Ausnahmsweil'e erhalten fie eine Dekoration ira Stil der deut[chen 

Fig. 28. 

Stuckdekoration in der Kirche St. Luzen bei HechingenS°). 
Renaiffance. In St. Luzen bei Hechingen 058; Fig. 8 s') iIt in den Wanden 
in etwa /s der H6he eine ausgekragte Siulenordnung mit Oefiml'e vorgelegt, 
fiber der l'ich das gotifche Netzgew61be erhebt. Zwifchen den $iulen find 
Nffchen mit Figuren; die freibleibenden Plichen Iind mit Befchligeornalnenten 
ao) Nadi; ZIIgGFL[R  LAL'R. Die Bau- nnd b, unlt-Denkm.ler iii den ||ohenzo|lerIrdierl Landen. Stuttgart 18. 



231 

bedeckt. Die Formengebung ift krMtig und wirkungsvoll; aber das Unorganifche 
des ganzen Syftems wird augenfllig, fowie fich der Blick auf die Gew61be- 
anftze richtet. Eine verwandte Richtung finden wir in der Kapelle des Peter- 
hofes in Freiburg i. Br. {um 58o). Auch die reiche ornamentale Ausftaung 
der apelle in der Wilhelmsburg bel Schmalkalden in Stuckrelief und Malerei 
ift deuffch. 
Bei den Kirchenbauten in italienifcher oder von diefer abgeleiteter Renaif- 
lance und ira Barock ift Stuckdekoration die Regel. Die Wandpfeiler oder, wo 
folche fehlen, die Wnde erhalten ein Pilafterfyftem, das durch ein Gefims 
Fig. 282. gegen das Gew61be ab- 
gefchloffen ift; die Tei- 
" lung der ew61be geht 
. 
.  ._ 

von diefen aus (vergl. 
Art. 91, S. 132 ff. 
Fig. 118 bis 12o [S. 133 
bis 135]. Die Umrah- 
mungsprofile der Oe- 

Orgelbfihne im Dom zu Konftanz;). 

w61beteilungen werden 
mit Eierftiben, Herz- 
laub und anderen Orna- 
mentreihungen geziert; 
die Ffillungen bleiben 
entweder frei oder wer- 
den mit vegetabilifchem 
Ornament, mit Engels- 
k6pfchen, wohl auch 
mit ganzen Figuren ge- 
fchmfickt. Die ober- 
baverifchen I<irchen, de- 
ren ich in Art. 91 (S. 38 
u. 39) einige namhaft 
gemacht habe, find in 
diefer \Veife ausgeftat- 
tet. Hier hat fich eine 
Stuckatorenfchule an den 
Bauten der baverifchen 
Ffirften ausgebildet. Sie 
geht von St. Michael in 
Mfinchen aus, erreicht 

mm;) Nach einer Photographie. 
tt) Siehe: Die Kunftdenkmale des K6nigreichs Bayern mw. Mfinchen 892-95. Bd. 1, l-af. 
tt) Siehe ebendaf., Bd. I, Ta|. 
t) $iehe ebendaf., Bd. I, Taf. too u. 
tt) Siehe ebendaf., Bd. I, Taf. to 4. 

in der Re[idenz durch verfchiedene Entwickelungs[tufen ihren H6hepunkt, ver- 
flacht fich aber bald nach dem Ab[chluB des Refidenzbaues. Ein reizendes kleines 
Werk ift die Hauskapelle der Bil'ch6fe zu Freifing von 1621*); doch beginnen 
die Formen hier fchon ftumpfer zu werden. Eine weitere Stufe bezeichnen die 
Kirche St. Karl Borromaeus in Mfinchen (1021--23"st'), dann die Stiftskirche 
in Polling (1621-- 28 s°), denen die Kirchen in Weilheim 06o4--31SSl) und Beuer- 



berg (1628-3 oaci) folgen. In der zweilen Hilfte des dreiBigjhrigen Krieges fit 
kein weiteres Denkmal entftanden; unmittelbar nach dem Kriege wird aber in 
M6fchenfeld a) der gleiche Stil wieder aufgenommen. Es folgen die Kirchen 
Maria Birnbaum bei Aichach (1661-65a), Habach (1663-68a). llgen und 
Klein-Helfendorf ira Bezirksamt Ro[enheim. Eine verwandte, doch keineswegs 
identifche Dekorationsweife treffen wir an einigen Bauten in der Steiermark, fo 
an der Grabkapelle zu Seckau (1587-92) und an der zu Ehrenhaufen 0606- 
,2,. Als Bauteile, wenn auch nicht immer in organifchem Zu[ammenhang mit 
Emporen 
, dem lirchengebude ftehend, find Emporen, Orgelbfihnen und Lettner zu be- 
o«,«,, trachten. Die Brfiftungen der beiden erfteren bieten der Dekorationsluft weiten 
Spielraum. Die Orgelbfihne ira Mfinfter zu Konftanz (Fig. 282), ein merk- 
wfirdiges Werk der Frfihzeii (um 152o), i[l golifch; dort dringen in die Dekoralion 

Fig. 283 . 

] ettner. 

Chorfchranken in der Kirche St. Michael zu ZwolleS). 

ailerlei Motive der Frtihrenaiffance ein, welche reizend und frifch entworfen und 
vortrefflich ausgeftihrt find. 
l_m allgemeinen werden die Emporen und Orgelbrfi[tungen in eine Reihe 
von Feldern geteiit, welche durch Profile umrahmt oder durch S/i.ulen oder 
Pilafter getrennt und oben und unten durch Gefimfe zufammengefaBt werden. 
Die Flchen werden mit Ornament, Reliefs oder Malerei geftillt. Das Motiv, das 
auch an den Brtil'tungen der Kanzeln vorkommt, macht alle Abftufungen von 
einfach klarer Anordnung bis zur barockften Verzerrung der Formen durch. 
Lettner wurden ira XVI. Jahrhundert in den Niederlanden noch mehrfach, 
in Deutfchland nur ausnahmsweife ausgeftihrt. Ob der ftrenge AbfchluB des 
Chores in den Niederlanden von Spanien aus Eingang gefunden hat, foll hier 
nicht unterfucht werden. Von den niederl/indifchen Lettnern find einige, wie 
B) Siehe ebendaf., Bd. !, Taf. . 
) Siehe ebendaf., Bd. I, Taf. aa3. 
i,) Siehe ebendaf., Bd. !, Taf. 3- 
s) Siehe ebendaf., Bd. !, Taf. 98. 
) Beide Kapellen find aufgenommen in: Deutfche Renaiffance, Bd. 9. 
") Nach: EERBECK, a. a. O. 



233 
Fig. 84. 

Schmiedeeifernes Gitter in der St. Vincenzkirche zu BreslauSS). 
der in der Pfarrkirche zu Dixmude und jener in St. Gommaire zu Lierre, beide aus 
deln XVI. Jahrhundert, in einer wilden Spitgotik gehalten. Der reiche Lettner 
 Siehe : Deulfche Renaiffance, AbL 53- 



234 

12"4J. 
(hor[chrad, en. 

in St. Marien ira Kapitol zu C61n, jetzt als Orgelbfihne dienend, i[t gleichfalls 
eine niederlindi[che Arbeit; er i[t 1524 in Mecheln angefertigt, ein reiches Pracht- 
werk der flandrifchen Frfihrenai[fance. Der Lettner ira Dome zu HildesheimS"), 
1540 vollendet, ift das Werk eines norddeutfchen Kfin[tlers, gleich meifterhaft in 
der Eriindung wie in der Ausfihrung; von den ruhigen unteren Teilen an findet 
gegen oben eine Entwickelung zur h6chften Pracht [tatt. Der Lettner in der 
Kathedrale zu HerzogenbufchS"), jetzt ira South-Kenfington-Mufeum zu London, 
i[t ein [tattliches \Verk der niederlindi[chen Hochrenai[[ance: drei Arkaden, von 
dorifchen Doppel[/iulen getragen, darber eine hohe Brftung; die Kompofition 
ift einfach und klar und die Formengebung rein und kr/iftig. 
Den weiteren Ab[chluB der Ch/51"e 
Fig. 85. 
nach den Ch«rumg/ingen oder den 
Nebench6ren bewirken Chorfchranken 
oder Chorgefthle. Chor[chranken, 
xvie fie in rien Niederlanden verbreitet 
final, [ind in Deutfchland nicht h/iufig; 
fie unierl'cheiden fich aber in ihren 
Mçtiven kaum von den Kapellenab- 
fchlf[en, xvelche in den meiften gr6- 
Beren Kirchen vorkc)mmen. An den 
niederlS.ndifchen Chor[chranken ift 
der untere Teil gefchloffen; der obere 
lliBt den Blick nach dem Choir oder 
der Kapelle frei. 
Ein lch/)nes Gitter aus der Frfih- 
zeit, ein Obergang von der Gotik 
zur Renaiffance, belïtzt die Kirche 
Ste.-Gertrude zu Nivelles*). Die 
Konpofition ift unficher; aber die 
Einzelheiten [ind reizend. SpS.ter 
bildet fich ein Svftem aus, das dem 
der T/ifelungen /ihnlich fit. Der 
untere Teil xvird als Sockel be- 
handelt; darauf ftehen Pilafter oder Chorge[tfihl im Mfin[ter zu Bern-*"). 
Halbf/iulen mit einem Qefim[e, und 
fiber die[em erheben fich zuxveilen noch Auf[tze. Die Z',wi[chenrume final ira 
Sockel mit Fllungen, ira oberen Teile mit Balu[tern aus Holz oder Mef[ing ge- 
fchlof[en. Die Chor[chranken in Enkhuyzen (54= -) final ungemein klar und 
fch6n aufgebaut, ailes Detail, dem zarten Charakter des Ganzen enffprechend, fehr 
maf3voll und das Ornament ela[tifch gezeichnet und vortrefflich gefchnitzt. Derber 
und wirkungsvoller final die Chorfchranken von St. Michael in Zwolle (Fig. 83-:); 
das kr/iftige Halbf/iulenfy[tem fit von kartufchenartigen Auf[itzen bekr6nt. Eine 
weitere Steigerung bedeuten die Schranken des Grabmales Enno II. in der groBen 
l(irche zu Emden); hier wechfeln ira groI3en wie iln kleinen: Sy[teme, Siulen 
und Karyatiden; fie ftehen gedringt; alles Relief fit krS.ftig, die Wirkung [chwer. 
s) Siehe: Bl,tter {tir Arch. u. lxu[thdxvk., Jahrg. 1I, TaL 77- 
s*") Siehe: EwettCl<, a. a. O., Heft 5-16, BI. . 
«) Siehe: YSIIDVCI<, a. a. O., CIo¢ures, PI. . 
«) Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. 55. 
's) Siehe: I=wc¢, a. a. O., Heft -, BI. . 
) Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. o. 



In 50ddeut[chland [ind derarfige 5chranken [elten; die [ch6nen 5chrankeu 
der Orabkapelle in Seckau s'c) ftehen vereinzelt. Dageen find [chmiedeei[erne 
Fig. 286. 

Chorgeftfihl in der groBen Kircbe zu Dordrech/S). 
Gitter als Abl'chlufl von Kapellen beliebt. Der Reiz diefer Gitter beruht lneiftens 
auf der l'ch6nen elaltilchen Linienfiihrung (Fig. 
t) Nach: 'SENDYCI¢, 1. a O., Stalles, Pli al 
i««} Siehe: Deutfche Renaiffance, Bd, 9- 



Fig. 287, 

Chorge[thl in der Kirche zu Vilvorde«). 



37 

Fig. 288. 
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I 1 t- Ç :It.«Jl.I/ .11 - - __ ll ':- -- ..... .: '  
IIlllff I ;; li, " ", ;" . .... ' 

Chorgeftiihl in der Kirche zu Carthaus in WeftpreuBens). 



239 
• 

In Kathedralen, Klofter- und Stiftskirchen dienen die Chorgeftfihle zugleich 
als AbfchluB des Chores gegen die Seitenfchiffe. Auch hier haben die Nieder- 
lande den Vorrang und weifen zahlreiche Geftfihle von hoher Vollendung auf 

Fig. 291. Fig. 29 ? . 

Il 

Hochaltar zu Zuckau in We[tpreuBen sl . 

Seitenaltar in der Kirche St. Ulrich 
zu Augsburg -1. 

Die Renaiffance geftaltet das Chorgeftfihl nach dem Vorgang Italiens von 
Anfang an architektonifch; fiber den Trennungswinden der Sitze erheben fich 
Halbf.ulen oder Pila[teffy[teme; [elb[t voile S.ulen kommen vor. \Vohl das 
friihe[te ift das Ge[tfihl ira Mfin[ter zu Bern (Fig. 285s?); es fit fchon in den 
 Nach: YSENDYCK, a. a. 0., PI. 7. 
'| Nach einer Photographie. 
) Nach: C-E.., z. a. O., I, Tzf. VI. 
o) Nach einer Photographie- 
) Nach: HERSE. Bau- und Kunft-Denkmler der Provinz Wetpreuen. Danzig. 
 Nach: FIESEEfifiEI, J. M. Di¢ drei HauptallSxe der St. Ulrichskirch¢ ufw. Augsburg [88. 



240 

Jahren 1522--24 von den Meiftern Jaleob Rufer und Heini Seewagen, vielleicht 
nach einem Entwurfe von Peter Flitner, angefertigt; die Kompo[ition fit noch 
unreif die technifche Ausffihrung [ehr gut. Uber einem h6heren unteren erhebt 
fich ein kleines oberes Syftem, zwifchen deffen Pila[tern in Nifchen die Bru[t- 
bilder Chrifti und der Apoftel angebracht find; eine reiche ornamentale Bekr6nung 

Iïg. 93- 

I! I 

Fig. 2o4. 

Sakramenthiuschen in St. Leonhard 
ztt Léau ). 

Sakramenthiuschen in der Kirche 
zu Uberlingen a). 

fchlieBt das Cianze ab. Cianz einfach, aber fehr anfprechend ift das Chorgeftfihl 
zu Steingaden in Oberbayern, von 534. 
In den Niederlanden waren [chon wihrend der fpitgoti[chen Epoche glin- 
zende Cieftfihle ent[tanden. Die Vorliebe ffir folche hilt bis in das XVIII. Jahr- 
) Nach: FAlscr, a. a. O. 



41 " 

hundert an, und jede Entwickelungsphafe xveil't bedeutende Werke auf. Das Oe- 
ftfihl in der groBen Kirche zu Dordrecht (Fig. 286 -») ift 1538-42 vonJan Ter3J'en 
(Jean Teruenne) angefertigt; es verbindet mit allem Reiz der Frfihrenai[[ance doch 
einen fehr klaren architektonifchen Aufbau und ift von unfibertroffener Voll- 
endung der Ausffihrung. Als Typus einer xveiteren lïntwickelungsftufe kann das- 
allerdings profanen Zxvecken dienende -- Oeftihl im Rathaufe zu Nym\vegen %:') 
von 1555 bezeichnet xverden; an Stelle der Pilafter find dorifche t-lalbfiulen ge- 
treten. Der jugendliche Reiz des Dordrechter Oeftihles ift hier gefchwunden; die 
Formenbehandlung iit ftreng 
Fig. 295- und herb. Freier und reicher 
I', [ind die fch6nen Cieftfihle in 
 St. Martin zu \'pern (1598":«'), 
von Taillebcrt aus \'pern an- 
gefertigt, in der Nirche zu Loo 
lich; das Ornament beginnt ba- 
-...._. :. Iï- rtii ,t iso.z 
" des M6glichen; alle Formen wer- 
den ma[fig; gexvundene, mit Blu- 
menkr/inzen umwundene S/iulen 
ruhen auf vorfpringenden Non- 
'- [olen und 'tragen xveitere lon- 
[olen, die das (iel-ims aufnehmen; 
ja die S/iulen werden wohl auch 
durch Hermen und [elbft durch 
Figuren erfetzt, welche mit der 
l,(onftruktion keinen Zu[amnlen- 
hang haben {Fig. "2_87-«). Auch 
die Ffillungen der P, flckwinde 
erhalten kr/iftiges Relief. Ara Cie- 
." [tfihl der Kirche zu \Vouw s-') [ind 
in den Rfick\v/J.nden, zwifchen 
mchtigen S/J.ulen, Ni[chen, in 
welchen Statuen in etwa 
Lebensgr66e [tehen. Unfchwer 
 '" '" » dfirften [ich zu vielen die[er 
Kanzel in der St. Peerskirche zu Roflock':'). Oeftfihle Parallelen in Italien 
iinden laffen. 
Oleich më, chtige Oeftfihle wie in den Niederlanden kommen in Deutfchland 
kaum vor. In einigen der beften find niederl/indifche Einxvirkungen nicht zu ver- 
kennen. Dies gilt zunich[t vom ich6nen Oeftfihl in St. Michael zu Minchen 
0589''.'), das gexviB nicht von |Vendel Dietrich, der es ausgeffihrt hat, entworfen 
ift. Auch das prchtige Oeftfihl zu \Vettingen in der Schweiz m6ch'te ich eher 
auf niederlindil'che, denn auf italienifche Vorbilder zurckffihren. \'on einfacheren 
*D Siehe: Ysc, a. a. O., Stalles, Pl. 3- 
*) Siehe ebendaL, Pl. 5- 
*»;} Nach : Deuil'che Renaiffance, Abt. 59. 
as) Siehe el3endaf., PI. 5 
Handbuch der Architektur- II. 7. 16 



242 

Allhr. 

Arbeiten ift das Brendcl'fche Chorgeft/ihl im Dom zu /Xlainz eine der beften. 
Im XVII..lahrhundert [teigert fich auch an deut[chen Chorgeftfihlen die Pracht, 
leider oft auf Koften der Klarheit der lçompolition. I)as Oeftfihl zu Carthaus in 
Weftpreul;en (t-ig. --.88 «') hat ira S/iden eine Parallele in dcm zu Buxheim bei 
h'temmingen; an beiden find die Sttitzen der Rickwand durch vorfpringcnde 
ornamentale Gebilde erfetzt, welche fich kaum vom unruhigen Ornament der 
Ffillungen abheben; ein ruheloles Flimmern webt in der ganzen Erfcheinung. 
Die fpitmittelalterliche Form des Altars ift der 
Flgelaltar. Ein Schrein auf niedrigem Unterfatz, der Fig. "2-96. 
I»redella, enthSIt Heiligenfiguren oder Ciruppen aus 
der l-leiligenge[chichte (diel'e namentlich in Flandern 
tmd ara Niederrhein); zuweilen ftehen auch zu beiden 
Seiten des Schreiues Figuren auf konfolenartigen 
Vorfprngen. Der Schrein kann mit einfachen oder 
d,ppelten Fliigelpaaren gefchloffen werden. Dic Fliigel 
tragen (3emiilde, welche fich fart immer auf die 
1.egende der Titclheiligen beziehen. Die Renail[ance 
ge[taltet auch den FI/.igelaltar in arclaitclctonifchcr Rich- 
tung um. Die Architektoni[ierung wird ira Oebiete 
der deut[chen Renai[lance niemals mit voller Kon[e- 
quenz durchgef[ihrt; wohl aber finden wir ftreng archi- 
tcktonifch aufgebaute Altire in Kirchen der italie- 
ni[chen und italieni[ierenden Stilrichtung. 
I»ic Entwickelung beginlt danait, dal; Renai[fance- 
motive in die Dekoration der Altarfchreine eindringen. 
\Vir nehmen dies an vielen vl;:imilchen und nieder- 
rheinifchen Alt/iren '''1 wahr; wir bemerken es ara 
Altar dcr Bcrgleute in Annaberg-"), am Altar der 
Rochuskapelle in Nfirnberg 0iehc Fig. _, S. 2f)) tmd 
anderwrts. Ara Johannesaltar 
ift die Oefamtform des Schreines noch goti[ch, alles 
(rnament dagegen Renai[lance und von reifftcr Sch/3n- 
hcit. Noch [p;.it, ira Jahre 57---, wurde in der oberen 
l»farrkirche zu lngolltadt eil groger Fliigelaltar nach 
Entwirfen von Hans ]Hielich aufgeftellt:»«:). Der Auf- 
bau des Schreines ilt reicll, docll nicht unklar; die 
[Iekr6nung vermen die Formen einer fchon in den 
Barock bergehenden Renaif[ance mit fp/itgotifchen 
Einzelheiten zu prachtvoll phantaftifcher Oefamtwir- 
kung; die Formen von Oelchmeiden find in monu- Kanzel zu Herzogenbufch'«"-). 
mentaler Or61e ausgeffihrt. 
Altarlfigel konnten angebracht werden, ['o lange die Architektoni[ierung des 
Altares noch nicht zur Aufnahme von Sti.ulen fortgefchritten war; fobald diefes er- 
folgte, muBten fie weallen. Sie fehlen fchon am llauptaltar zu Annaberg (15"; 

• ») Siehe: Die hunfldenkmale des Kbnigreichs Bayern ufw. Miinchen 892-95. Bd. I, Taf. 164. 
 Siehe auch: VSINr)',C[<, a. a. O., Retable, III; Sculpture, 23 -- ferner: CI_E4E, a. a. O., Bd. I, Taf. IV 

Siehe: STECrE, a. a. O., IV, Beil. X 
Nach: EXrRBECI<, a. -q. O. 
biche: Die Kunftdenkmale des K;inigrcichs Ba.crn ufw. ,\l/ittchen 892 95. Bd. I, Taf. 6. 



243 

Fig. 5, S. 27). Aber die dem Fifigelaitar eigene Verbreiterung fiber der Predella 
il't beibehalten und wird auch weiterhin nicht aufgegeben. Alle Qrundzfige der 
Kompofition des deutfchen Renaiffanceaitares find fchon in diefem frfihen Werke 
gegeben. Die typifche Qrundform ift dem Sfiden und dem Norden gemein, hn 
einzelnen ird fie unendlich variiert. An 
Fig. 297. Stelle der pla[ti[chen Dar[tellungen im 
 Schreine treten [chon in der Frfihzeit 
 des XVI. Jahrhundes Aitargemlde (n- 
"   dauer Altar von Albrecht Diirer, Altar 
] :%..  von »I. re?Ira in der ob«ren Pfarrkirch 
• ]; zu lngol[tadt); gegen Ende des Jahrhun- 
- . des werden fie zur Regel. 
-  «.») Der Altar erhIt dann wohl die in 
 Fig. 2ço«:'" dargdtellte Forln, bei welcher 
,,,... .,, "« die tlBeren Interkohlmnien nicht ge- 
..,.. `% fchloffen find. in diefen Zwifchenrumen 
,., _:..a werden Statuen aufge[tellt. Die ituBeren 
7-a Stllen bleiben nicht lelten weg. Die 
Figuren [tehen alsdann entweder g;tllZ 
1 frei, oder fiber ihnen fpringt ein horn- 
afliges Oebilde vor, [o dag fie unter 
einem Baldachin zu [tehen fcheinen. Atlch 
I der obere Auffatz wird malmigach modi- 
tiziert. Der I lochaltar der Kirche in 
Zuckau in Weftpretlen (Fig. 
eine gute Danziger Arbeit aus dem An- 
rang des XVil. Jahrhundes, bat bereits 
ein Tabernakel; der Aufbau i[t reich; aber 
die Maffen 16[en [ich nicht voneilmnder. 
In den groBen Je[uitenkirchen wird 
der Aufbau der Altère zu riefiger Qr6Be 
gefteige. Sehr fch6n ift der der Je[uiten- 
kirche in K61n, weniger gelungen der 
Hochaltar in St. Michael Ztl Mfinchen. 
Die drei Hauptaltre von St. Ulrich in 
Augsburg (Fig. 292a), welche zwi[chen 
den Jahren 6o3 und 6o6 von Johann 
Degler und Elias Oreuter aus Weilheim 
angefertigt wurden, find an freier Qrup- 
pierung und elegantem Aufbau kaum 
fibeRroffen worden. 
, $D Ein [o lockerer Aufbau, wie ihn die 
 Altare von St. Uirich haben, [etzt Holz 
Orgel in der blarienkirche zu ]hornS«tl. als Material voraus; bei Altren aus 
Stein muBte die Kompofition eine ge- 
[chioffenere werden. Reichtum der Auordnung war datait nicht ausge[chlof[en, 
wie der glinzende Altar der Schlol;kapeile in A[chaffenburg oder der der 
Agnes Bernauer-Kapelle in Straubing bewei[en; ira allgemeinen aber drngte das 
«} Nach: Herse. Bau- und Runft-Denkmler der Provinz We[tpreuBen. Danzig. Bd. 11. 
i [J 



"44 

s2 5. 
-akraments- 
huschen. 

x26. 
b mz¢In. 

Material doch auf Vereinfachung. Die Seitenaltre in St. Michael zu Mfinchen, 
die ira Salzburger Dome und andere find einfache Sfiulendikulen. 
Der Altaraufbau der deutfchen Renaiffance entwickelt fich vom gotifchen 
Fli)gelaltar aus unter der Einwirkung des italieniichen Motivs der ,dikula. Es 
wS.re verlockend, das gegenfeitige Verhalten der beiden Motive ira Laufe der 
Entickelung zu verfolgen. Leider ift das Material zu einer erfolgreichen Durch- 
fi)hrung dieler Unterfuchung noch nicht gefammelt. 
lin Mittelalter wurde das Allerheilig[te nicht auf dem ltochaltar, londern in 

einem eigenen Oehule, dem Sakraments- 
huschen, aufbewahrt. Die gotifchen Sa- 
kramentsh/iuschen find entweder Nilchen 
in der Chorwand, die von Architekturmo- 
tiven eingefaBt und mit einem Eifengitter 
gefchloffen Iïnd, oder fie find turm- 
artige Bauten. Auch w/ihrend der Renail- 
fanceperiode find noch vereinzelte Sakra- 
mentshuschen enfftanden. Das bedeu- 
tendffe ift das in St. Léonard zu Léau 
in Belgien (Fig. 293-»«»); es i[t 552 
von Cornclius Floris (de Vricnd 0 aus 
Antwerpen errichtet. Das goti[che Motiv 
des hohen Turmhe]mes i[t mit Olick in 
crie Renaiffance iber[etzt. Der Aufbau 
iii klar gegliedert und die Formenbehand- 
lung vortrefflich. Das Tabernakel in 
lhberlingen von 6] (Fig. 294:::"), drei 
leichte Ha]len 6bereinander in woh] ab- 
ewogener Verjfingung, i[t ein treffliches 
\Verk der deut[chen SpLitrenaif[ance. Man 
beachte die von den A]tiiren ibernom- 
mene [eitlichen Figurenni[chen an der 
\Vand. Das Sakramentshfiuschen lit aus 
ciner Zeit, in der das Tabernakel reine 
nor,na]e Stelle [chon auf dem Hoch- 
altar hatte. 
Das Kompo[itinsmç, tiv der Kanzel 
wird von der Spfitgotik fertig fiberliefert; 
die Renai[[ance ndert es nicht; fie ge- 
Italtet es nur ira einze]nen um. 
deut[che Kanzel fit fiers an die \Vand 

Fig. 298. 

Taufbecken in Notre-Dame zu. Dieft=0"). 

oder an einen Pfeiler der Kirche gelehnt, ein ausgekragtes oder von einer Sfiule 
getragenes Podium mit einer Bri[tung, zu dem eine Treppe hinaufffihrt. Ober 
der Kanzel ilt ein Schalldeckel, der gew6hnlich mit einem phantaltifchen Aufbau 
bekr6nt i[t. 
Schon ]526, unter Albrecht von Brandenburg, erhielt der Dom in Halle 
eine Kanzel ira Stil der Frihrenaiflance. Die Tektonik kommt in der trille 
kleiner Motive nicht recht zum Ausdruck; ira einzelnen ilt vieles Reizende. An 
der Brfiltung der Treppen und der Kanzel lind die Relieffiguren der vier Evan- 
a) Nach: svD,,c¢, a. a. O. 



245 

geli[ten und der vier Kirchenlehrer angebracht. Sie, zuweilen l'ogar die Ganze 
Reihe der Apoftel, finden wir an vielen I(anzeln. I(larer ift die Gliederung an 
der Kanzel der Marienkirche in Zwickau vom Jahre 1538, einem \Verke der 
f/ichfifchen Schule. Den Typus der entwickelten Renaiffance zeigt die I(anzel 
der Petrikirche in Rofock von ]588 (Fig. 29550. Die S/iule ift hier durch eine 
Figur des Apoftels Petrus erfetzt. Figuren als 

Fig. 99. 

_ î | . 
Taufbecken in der groBen Kirche 
zu Breda 0). 

Tr/iger der Kanzeln finden fich auch anderwirts. 
hn einzelnen wird nun die typifche Form viel- 
iach variiert, und es zeigt fich auch an den 
Kanzeln, dafl gerade die immer wiederholte Be- 
arbeitung eines Motivs die Erfindung reizt und 
ftets neue und originelle L6fungen zu Tage 
f6rdert. 
Ich greife aus der groBen Menge einige 
wenige heraus: St. Jfirgen in \Vismar (16o6:»), 
ohne Stitze, breit und michtig, das Detail 
fehr barock; St. Martin in Bremen Inach 
c)hne Stfitze, zierlich, mit reicher Sclmitzerei, 
verwandt dem Schnitzwerk der Gfildenkammer; 
St. Andreas in Hildesheim (1642 s:) fiberaus wir- 
kungsvoll, ohne Oberladung; Stiftskirche in 
Afchaffenburg (|6o2S«), deutfch barock, fehr 
reich und gl/inzend in Stein ausgeffihrt; St. Mi- 
chael in Lfineburg (1002s¢':'), das Figfirliche von 
einem NachahmerJacopo Sanfovino's. Dem nie- 
derl/indifchen Kreife geh6rt die Kanzel ira Dom 
zu Trier an, 57o von Ruprich Hoffmam, der 
Aufbau klar und fe[t, das Detail im fog. Floris- 
[til. Aile /ibertrifft durch den groBartigen Auf- 
bau ihres Schalldeckels die Kanzel in der l(athe- 
drale zu Herzogenbufch (um 57o; Fig. "2-96 :'«-'), 
vielleicht ein \Verk Jatl Terwens. 
Ift bei den Kanzeln das Motiv [rets das 
gleiche, das immer heu durchgearbeitet wird, 
gewihrt der Aufbau der Orgeln die M6glichkeit 
der ver[chiedenartigften Kombinationen. Eine 
Befchrinkung aber liegt darin, dafi in den 
Pfeffen ein Material von gegebener Gr61;e, Form 
und Farbe verwendet werden muB; deshalb 
kehren auch ftets die gleichen Motive an den 
einzelnen Teilen des Aufbaues wieder. Die 
frfihe[ten Orgeln find die in der Fuggerkapelle 

zu Augsburg *') (1512; Fig. 13, S. 25) und jene 
im Dom zu Kon[tanz (Fig. 28|, S. 231), deren Anordnung wohl nicht mehr 

{ »rge|n. 

t,) Coiehe: Deuffche Renaiffance, ,S, bt. 59- 
) Coiehe: BL-îtter ffir Arch. u. Kunfthdwk., Jahrg. !I, Tal. 47. 
t,) Coieh e ebenda[., Taf. B. 
) Coiehe ebenda[., Jahrg. V, Ta|. 85. 
=o) Siehe: EWERBECK, a. a. O. 
==) DetEntwarf diefer Orgel ird ira Mufeum zu Bafel aufbeahrt 



246 

Fig. 300. 

l:pitaph des Kurfiir[ten Albrecht 
,'on 12/-and«nbu/ in dcr Stifts- 
kirche zu Al'chaffcnburgSî). 

ganz die alte i[t. Eine [ch6ne Orgel aus dem 
XVI. Jahrhundert befitzt die St. Oeorgskirche in 
Nordhn,en. 
Ira Beginn des XVII. Jahrhunderts erreichen 
die Orgeln eine michtige Or6Be. Die Orgel in 
der Marienkirche zu Thorn (16o9; Fig. 297 a«) 
zeichnet fich durch ihre klare und doch reiche 
Anordnung aus, lit indes noch keine der gr6Bten. 
Sehr malerifch gruppiert ift die Orgel in St. Stephan 
zu Tangermiinde (1624). Die bedeutend[te dfirfte 
die der Kathedrale zu Herzogenbu[ch s:s) rein. 
Die in prote[tantifchen Kirchen 6fters durch- 
geffillrte Vereinigtmg von Altar, l,(anzel und Orgel 
zu einer Oruppe bat v611ig befriedigende L6[ungen 
nicht gefunden. 

Fig. 3Ol. 

l 

Tauffteine, Taufbecken und 
\Veihwafferbecken haben in der 
deut[chen Renai[fance felten die voile 
Ausbildung gefunden, deren das 
fch6ne M,tiv der auf einem FtlB 
ftehendel] Schale flihig ift. Das Mate- 
rial ift von alters her Erz oder Stein. 
Aus elfterem Material befitzen die 
Niederlande einige fch6ne Werke. 
Das Taufbecken in Notre-Dame zu 
Die[t (Fig. 208 «) ruht auf einem 
FuB von Marmor, eine originelle 
l(ompo[ition der Frfihzeit. Bedeu- 
tender ift das Tatlibecken in der 
groBen Kirche zu Breda Fig. 
Der hohe Deckelauffatz, welcher an 
einem [chmiedeeifernen Arm aufge- 
hS.ngt ift, ift leider reines Fiffuren- 
an} Nach : Bltter ri Archi u. Kunfthdwk., Jahrg. 
III, Taf. 94- dal'elbl't Taf. 93 auch die Orabplatte. 
 Siehe: FWERBECI(, a. 8. O. 
ait} Nach: Bltter f. Arch. u. Kunlthdwk., Jahrg. 
\ Iii, Taf. 34- 

Grabmai lriedrich des i|'eoEen in der 
SchloBkirche zu \Vittenberga««) 



-47 

fchxnuckes beraubt. Die Ausffihrung in Stein fetzt eine kriftigere Bildung des 
Fuies voraus. Gute Beifpiele [ind zu Marktbreit in Franken, in der unteren 
Pfarrkirche zu Ingolftadt (16o8), in der groBen Kirche zu Emden, ira Dom zu 
Ofiftrow und anderwirts; doch kommen fie an vo|lendeter Geftaltung anderen 
Ausftattungs[tficken von l<irchen nicht g|eich. Auch von Weihwafferbecken 
il't mir in Deutfchland kein 
Fig. 302. wirklich hervorragendes aus 
der Zeit der Renaiffance be- 
kannt. 
Zur Aus[tattung der Kir- ,29. 
Grabmler und 
chen find endlich die Cirab- pitphi. 
mler und Epitaphien zu 
rechnen. 'enn fie auch 
keinen liturgifchen Zweck 
habeu, fo wirken fie doch 
nicht felten fehr beftimmend 
auf die Oefamtêrfchêinung 
der kirchlichen lnnenriume 
i ein. AuBerdeln find unter 
diefen Denkln.lern manche 
fêhr hêrvorragêndê t(unft- 
werke. Das Grabmal ftellt 
der dekorativen Skulptur die 
h6chften Aufgaben. 
Das Mittêlalter kennt als 
ltaulattypen des Denkmales 
,- die Cirabplatte, das Hochgrab 
-- und das Epitaph. Uber die 
Uuterfchiede und die Be- 
ziehungen von Grabplattê 
und Epitaph hat Al.lr«d 
Schr6d'r - ::') eine fch6ne 
Unterfuchung gegeben, auf 
welcher die folgenden Aus- 
.. ffihrungen beruhen. Das ur- 
fpri3ngliche Erinnerungsei- 
chen war vom fri3hen Mittel- 
î ,,., alter an die Grabplatte, 
.... , welche, liber dem Grab in 
Epitaph des Johann Oeor Alten./?dn in der Marien- rien Boden der Kirche oder 
kirche zu Roftock':«). des Kreuzganges eingelaffeu, 
das Wappen oder das Bild 
des Verftorbenen oder auch fvmbolifche Darftellungên trug. Das Bild xvar ent- 
weder nur in Umriffen in die Platte eingezeichnet, oder es war in Relief aus- 
gefiihrt. Die Lage der Plattê ira Fugboden geftattetê kein hohes Relief; gleich- 
wohl ging man fchon gegen Endê des XI. Jahrhunderts zu [olchem iiber Man 
konnte aber derartige Platten nicht mehr eilffach in rien Fugboden einla[fen; 
sl In: Die Monumente des Augsburger Domkreuzganges. Jahrb. des hift. Ver. Dillingen. \I, S. 83 ff. 
l Nach: Deutfche Renaiffance, Abt. . 



248 

Iondern mufte [ie fiber die[en erheben. Auf Iolchem W'ege kam man zum 
Hochgrab, bei dem die Platte auf einem rechteckigen Unterbau ruht, oder man 
lcgte die Platte auf freiftehcnde Stfitzen. 
Der Ausffanffspunkt des Epitaphs aber lit ein anderer. Es lit urfprfinglich 
nur ein Denkftein frit eine fromme Stiftung, und die Dar[tellung hat anf.nglich 
keinc Beziehunff auf Tod 
und Lcben, fondcrn fit ein Fig. 3o3 . 
Andachtsbild. Die Bezcich- 
nunff Epitaph kommt al[o 
die[en frfihen Dcnk[teincn 
nur [ehr uneiffentlich zu. Es 
erffcben fich indcs ira Laufe 
des XV. Jahrhunderts Be- 
rfihrunffen zwi[chcn beidcn, 
\velche daraus folgen, daB 
der Stifter in der Nihe des 
Dcnk[tcines begraben wur- 
de. Zuweilen kommcn Grab- 
plattc und Epitaph neben- 
cinaudcr vor; zuweilen wird 
die Grabplatte nicht in den 
Boden eingelaffen, londcrn 
wie das Epitaph aufrecht an 
die \Vand ge[tcllt; zuweilcn 
vertritt das Epitaph ihre Stclle. 
lin Beginn dcr Rcnail- 
lance lind Grabmal und Epi- 
taph [chon keine ver[chie- 
dcnen formalen Typen mchr, 
fondern untcr[chciden fich 
uur durch die GeffenftSndc 
dcr Darftclhmg: auf dcm 
eincn das Bildnis des Ver- 
ftorbencn, auf dcm andc- 
ren ein Adachtsbild, Maria 
mit dcm Chriftuskinde, dcr 
Schmerzensmann, dic Kreu- 
ziffung; dabei oft der Stifter 
in Anbetung vor dcm Got- 
tesfohn, fei es allein, lei es 
mit feinen AngehSriffen,xvohl 
auchunterdcmSchutzefeines Grabmal des Bifchofs Petrus Koftka zu Kulmfee-}. 
latrons und anderer Heiliffcn. 
\Vir haben hier die Grabmiler nur von ihrer formalen Seite zu betrachten. 
Die Grabplatte kommt, xvenigltens in der Frfihzeit, noch hiufig vor. Die Kom- 
po[ition unterfcheidet fich nur weniff von der fl,ïtffotilchen. Den Rand nimmt 
die lnfchrift ein. An ihre Stelle tritt [chon frfih Ornament. Auf der Fliche ift 
der Ver[torbene darge[tellt, ftehend; das Kiffen unter dem KopIe kommt nur noch 
l» Nach: I'IEISE. Bau- und I<unftdenkmiler der Provinz ,Veftpreul3en. Danzig. Bd. !1. 



"-4c) 

ausnahmswei[e vor. Er [tehf wohl unter einem Bogen ;) oder unter einer di- 
kula. In [ehr unentwickelter Form finden wir die[e auf dem Grab[tein des 3 
ver[torbenen Peter vote Altenhaus in St. Jodok zu Landshut. Neben Grabfteinen 
kommen Erzplatten vor. Einige der be[tert gingert aus der Vifcher'[chen Hitte 
in Nfirnberg hervor; zwei [ehr [ch6ne befinden [ich in der SchloBkirche zu 
A[chaffenburg: eine Grabplatte und ein Epitaph AlbrechFs von Branenbur 
(Fig. 3oo;). Ich erinnere ferner an 
fig. 3o4. die Arbeiten von Cordt &lende in 
Lfibeck und an die [ch5ne Grabplatte 
des OotOried Werner VOll Zimmern 
in IeBkirch-) von Paakraz Laben- 
 wo/f aus Nfirnberg. In Sachfen find 
gravierte Erzplatten verbreitet, lhre 
Kompo[ition unterfcheidet fich nicht 
von der der Reliefplatten. Sch6ne 
Beipiele finden [ich in Freiberg ira 
.. Erzgebirge und iil Meigen. 
._ « Bei arien diefen Platten ift das 
/kotiv ira voraus gegeben, und ihr 
Verdienft liegt nur in der guten 
Anordnung ira eizelnen und in der 
Sorgalt der formalen Durchbildung. 
Sehr wefentlich ift das richtige 
Gr613enverh/iltnis der Figur; es ift 
nicht immer getroflen. Die Figur 
auf der fch6nen Platte von Laben- 
woif in MeBkirch ift zu klein und 
die Flë, che zu breit; der Raum er- 
fcheint leer. 
Auf vielen friihen (ïirabplatten 
[teht der Ver[torbene in einer Ni[che, 
oder wenigftens unter einem Bogen. 
Von diefer Ailordnung ift llUr ein 
Schritt zur dikula. Das unerfch6pf- 
liche Motiv findet fchon frfill in der 
Orabplaftik Aufnahme. 13eIer Vif cher's 
Grabmal Friedrich des Weifea in der 
SchloBkirche zu Wittenberg (1527; 
Grabmal der Herzogin Fig. 3o «) ift von monumentaler 
Anna Urfula IVilhelmine von Braunfdtwei E Wirkung, die weniger in den Ver- 
in der Kirche zu CrailsheimSSO). h|trtiffen als in der guten Ab[tufung 
des Reliefs begrfindet ift. 
Das Motiv wird fofort in verfchiedener Weife bereichert und erweitert. Ara 
Epitaph des Qrafen Wilhelm von Zhnmern in MeBkirch s) vort |ï/'olfgang Neid- 
hard aus Ulm hat die Predella [eitliche Vorfprfinge, fiber welchen fich durch- 
brochenes Ornament neben den Pilaftern emporrankt. Dann treten Figuren neben 
r} Siehe: Die Kunftdenkmale des Knigreichs Bayern u[w. blfinchen 92-95. Bd. I, Taf. 7o- 
o1 Siehe: K^us, F.X. Die Kun[tdenkmSJer des OroBhcrzogtums Baden. Freiburg i.B. Bd. V, l'aL 4- 
to) Nath einer Photographie. 
-) Siehe: K^ts, a. a. O, Bd. I, Ta/. 5- 



250 

die ,dikula (Fig. 302«:r'); neben dem Mittelteil werden wohl weitere Nifchen an- 
gebracht; der obere Auffatz wird reicher; das Epitaph erhtilt zwei Oefcholïe und 
wird endlich zum vielgliedrigen Prunkftfick, das zuweilen die ganze H0he der 

Kirchen einnimmt. In der Entwicke- 
lung der Epitaphien ergeben fich 
vielfache Anklnge an den Altar; ja 
es laJfen fich beide nicht vollfttindig 
auseinander halten. 
Eine Reihe der beften hat Loy 
Hering aus Eichfttt angefertigt. Ein- 
fach dreiteilig ift das Epitaph des 
Ritters Johann von Ellz und feiner 
Oemahlin (1548 ) in der Karme- 
litenkirche zu Boppard; das Mittel- 
feld enthlt ein Relief der Taufe 
Chrifti; in den Seitenfelderu knieen 
die anbetenden Geftalten des Ritters 
und [einer Oemahlin; das Ornament 
lit vorefflich behandelt. Oanz ita- 
lienifch fit das ftaliche Orabmal des 
Bifchofs P«/rus oJka in Nulmfee 
{Fig. 3o3:»); der in die Mitte ge- 
Itellte Sarkophag mit der liegenden 
Figur des Verfforbenen kommt mei- 
ries Yiffens an deutfchen Orab- 
mlern nicht vol ift aber in Italien 
nahezu die Regel. Unter den deut- 
fchen Orabmlern ift eine Reihe der 
beften in der Schlolkirche zu Pforz- 
heim. Sehr [ch6n ift das Orabmal 
der l-lerzoffin Ama UtJMa 1'71hd- 
minç von Braml?hw«ig (16ol; Fiff. 
3o4 .:'') in der Kirche eu Crailsheim; 
es geh6rt fchon dem beginnendeu 
Barock an, ift aber vortrefflich 
durchgeffihrt; auch die Figur der 
Ver[torbenen ift [ehr anfprechend 
behanddt. 
in den oBen Kirchen Nord- 
deutfchlands finden wir zahlreiche 
Epitaphien von fehr reichem Auf- 
bau, welche nicht au[ dem Boden 
ruhen, fondera an den Wnden oder 
Pfeilern aufgehin find. Die Striée, 
auf welcher fich das Epitaph erhebt, 
cntwickelt fich als hngendes Drei- 
eck zu einer breiten Ba[is. Man ver- 

Fig. 305. 

at) Siehe ebendaf, Abt. 50. 
-'9 Nach: Deutfche Renafffance, Abt. 34. 

Epitaph des Senators Hermann Aliiiler 
in der St. Martinskirche zu BremensS,). 



gleiche zunch[t nochmals Fig. 302 (S. 247). Unter den ganz groBen ift dasjenige 
des Senators Hermann A4iiller {1626) in St. Martin zu Bremen (Fig. 3o5 "-.) eines 
der vortrefflichften; der mehrgefchoffige Aufbau ift reich und lebhaft bewegt; die 
Verhiltnil'fe find fehr gut; verfchiedene Farbe des Marmors und teilweife Poly- 
chromie fteigern die Wirkung. 
Fig. 306. Noch reicher, barock fiberladen, 
aber von raffinierter Formen- 
 behandlunff i[t das Epitaph des 
Prop[tes O/fo von Dorgeloh (T 1625) 
ira weftlichen Querfchiff des Do- 
mes zu Mfin[ter. Das H6ch[te 
 an reicher und freier Qruppierung 
find die vom Magdeburger Mei- 
fter Baftian Ertle in der Frfihzeit 
des XVII. Jahrhunderts angefer- 
tien Epitaphien in den Domen 
zu Magdeburg und Halberftadt 
(Fig. 3o6-). Das Epitaph des 
Bifchofs Venemar l,on A.Icltebroclt 
und Alalenbcrg ira Dom zu 
b, tiinfter mit der Darftellung der 
QeiSelung Chrifti ift ira  ildeften 
Barock h6chft virtuos ausgeffihrt. 
Auf weitere Umge[taltungen 
des Typus kann hier nicht ein- 
gegangen werden. 
Das Hochgrab [ehlt nicht 
ganz, iR aber l'elten. In der 
Stfftskirche zu Tfibingen [ind die 
beiden Hc.chgr/iber der lierzngin 
Dorofhea Urfitla und des Herzogs 
Ludwig gute Arbeiten des [p/iten 
XVI. Jahrhunderts, doch ohne 
h6here Bedeutung. Auch das 
Doppelgrab der Kuffihrften Joa- 
.r. chim V. und Johatm Ccero ira Dom 
zu Berlin von Doter Vifiher d. A'. 
und Johann Vif cher hlt nicht 
zu den beften Arbeiten der Hfitte. 
Hochbedeutend ift das Kenotaph 
Lltdu'ig des Bayern in der Frauen- 
Epitaph des Domherrn von IÇattnenberg kirche zu Mfinchen:»a), 1622 llach 
im Dom zu Halberftadt'«). Entwfirfen lt'ler Candid's von 
Dionjfius Frey gegoffen. Ara 
Grabmal des Kail'ers Mxhuilian in der Hofkirche zu hmsbruck wird die groBe 
ldee, rien Kai[er in einer Ver[ammlung einer Voffahren darzu[tellen, durch die 
mangeihafte Ausfiihrung kaum beeintrichtigt; aber man bleibe beim Oanzen 
• s«) blach einer Photographie. 
s«s) Siehe: Die Kunftdenkmale des K6nigrei¢hs Bayern ufw. Miinchen ;89-95. Bd. I, TaL 144. 



ftehen und gehe nicht auf die Betrachtung der einzelnen Figuren ein. Das gleiche 
gilt von der Reihe der Herzoge von Wfirttemberg in der SchloBkirche zu Stutt- 
art. Dagegen ift das Oefamtdenkmal fiichlïfcher Kurfirlten im Chor des Domes 
zu Freiberg, entworfen von Nofleni, nach Anlage und Ausffihrung gleich bedeu- 
tend; es baut Iïch in zwei Ordnungen auf; in der unteren die knieenden Figuren 
der Ffirlten und Frftilmen, in der oberen Propheten; neben dem Altar unten 
die allegorifchen Figuren der Caritas und Jultitia, oben .Spes und Fides; ganz 
oben ein Stuckrelief des jfingften Oerichtes. Die Figuren wie das Ornament Iïnd 
vortrefflich ausgeffihrt. 

20. Kapitel. 
Ornament. 

Eine eingehende Darite|lung des Ornaments der deutichen Renaiffance 
liegt aulerhalb des l)lanes meiner Arbeit. Hier foll nur eine kurze 0ber[icht 

Fig. 307. 

Flandrifches Rankenwerk so). 

egeben wel-delL Eine Oe[chichte des deutfchen Renaiffanceornaments ilt noch 
nicht ge[chrieben; doch hat Lichl.'ark in [einem Buche fiber den Ornalnent- 
ftich ::) wenigftens eine Qrtmdlage 
gegeben. Er gibt auch eine Nomen- Fig. 308. 
klatur ffir die verlchiedenen ŒEatlun- -- ....  
gen des Ornaments, welche ich mit -- l  
einigen Abweichungen angenomnen  ----  = 
habe. 
Eine ly[tematifche Behandlung 
des Oegenl'tandes wird dadurch er- 
Ichwert, dag die Kategorien viel- 
fach ineinander fibergehen und 
\Villkfirlichkeiten der Scheidung 
nicht vermieden werden k6nnen. 
î i- " : :"  P. 
') Nach: Ysrm,'c, a. a.O. l " " :' ', 
"1 Nach: LICHTWARK, A. Der Ornament- 
tch der deutfchen Friihrenaiffance ufw. Berlin aS88. Ornament an der Orgelbiihne ira Dom 
,') Nach einer Photographie. Ztl Konftanzo*). 



253 

Die Ausgangspunkte, von denen das Renaiffanceornament nach Deutfchland 
kommt, |ind die |chon namhaft gemachten der deutl'chen Renail'|ance: Oberitalien, 
Frankreich und Burgund; denn die Anfinge der deutfchen Renaiffance liegen 
ganz auf dem ornamentalen Oebiete. 
Die erfte Ornamentform der Renaif- 

Fig. 309. Fig. 31o. 

Ornamente vom Epitaph des 
Albrecht 'on Brandenburg 
zu A[chaffenburg 3). 

Iance, welche von Italien aus eindringt, 
iR das Rankenwerk, die Arabefke. Es 
kommt in Italien als reines Pflanzenorna- 
ment vor, wird aber auch mit animalifchen 
oder tektonifchen Elementen durchfetzt. Die 
PIlanzen, welche die Motive geben, find 
zahlreich. In erfter Linie fteht der Akanthus, 
in der Renaiffance ftets der weichblitterige, 
dann das Weinlaub, die Feige, die Zaunrfibe, 
der Epheu und andere. Die Formen Iind 
ftets ftilifiert. Die Entfaltung der Ranken 
und Blhtter geht entweder von einer lotrech- 
ten Symmetrieachfe aus, oder fie bewegt fich 
in einer Folge von Spiralen. Der Planzen- 
[tengel, der die Mittelachfe bezeichnet, ift 
nicht felten an geeigneten Stellen durch 
vafenartige Bildungen unterbrochen, wohl 
auch nach oben odcr unten abgefchloflen. 
In der toskanifchen, wie in der befferen vene- 
tifchen Ornamentik wiegt die reine Pflanzen- 
f,,rm vor; in der lombardifchen werden nicht 
nur die StS.mme, fondern auch die Ranken 
durch K.unftformen unterbrochen oder endigen 
in breiten Voluten. Oberali kommen Ranken 
vor, welche von menfchliche, oder tierifchen 
Halbfiguren ausgehen. Putten, V6gel, Ei- 
dechfen und andere Tiere klettern hiu[ig in 
den Ranken herum. Bci der l(ompofition 
wird wohl auf [-fillung der Flfiche, aber mehr 
noch auf fch6ne und elaftifche Linienffihrung, 
nicht nur in den Spiralen der Ranken, [on- 
dern auch i der Bewegung der Bl[itter, ge- 
fehen, und unfch6ne Biegmgen, wie barre 
Brechungen der Linien werden forgfiltig ver- 
mieden. Die Kompolition i[t auf eine Aus- 
[ihhrung in fiachem Relief berechnet. 
Deutfchland und die Niederlande fiber- 
nehmen das Rankenwerk mit ail diefen 
Einzelheiten; aber nur die flandrifche Frfih- 
renaiffance kommt an Freiheit der Linien- 
fhrung, an feiner Bemeffung des Reliefs 

und vollendeter Ausfiihrung den italienifchen oder franz6fifchen Vorbildern nahe 
(Fig3o7:s). Sie weiB auch den Akanthus, obzwar fchematifch, doch angemeffen zu 
1 Nach: Bltt¢r ffir Arch. u. Kunl'thdwk., Jahrg. 111, Taf. 94- 

1"]1. 
lankenwek. 



254 

behand¢:ln. Ein Charakteriftikum i[t das krMtige Fig. 311. 
l-leraustretcn einzelner Bltter aus dem zaen Relief, 
wodurch pikante Schattenwirkungen erzielt.werden. I ..... 
ments leich bei der erften Aufnahme, uud frfih- 
 "« J 91: lçi • 
zeiti machen fich rtliche Verlchiedenheiten geltend. 
Sie auf engem Raume eingehend zu charaktedficren, , ,. ( . " 
Zuer[t findet Renai[[anceornament in 
Augsburg Aufiahme und verbreitet Iich von da ira 
ffidweftlichen Deutfchland. Bald wird Bafel neben ) OE.  2AZ» , 
Augsburg ein zweiter Mittelpunkt. Oeenfiber dem 
it.ie,,ic,,, O,,.,,,,,t .ç...e e,, ete 
und fchwerer; die Ranken krfimmen fich nicht mehr ç ,,/ -.., .. 
in lanen zarten Spiralen, fondern werden krtifti  ¢} t'[ 1 
md wider[tandsfihig, und Iïe haben felten mehr 
als eine Windm]g. Auch auf die Riuheit der Linie i «aoe ............ ' 
wird keine Io roBe fiçrfalt vrwendet wie in Ira- ... «,---.,.. 
lien. IJçs weitçreu i[t das Ornament felten rein Ffilhmg ail einem flandrifchen 
vegçtabilifch; Anfne und Endunen, wie die Schrank°). 
Knoten, werden willkfirlich als Vafen, Dçlphine, 
Ffillh6rner oder Voluten gebildçt. Ein eindringendes Naturltudium, wie es ara 
italienifcheu Rankenorament ftets wahrzuuehmen i[t, fçhlt. Der Akanthus wird 

in dcr plaftifchen Ausftihrung ganz 
Ichematifch behandelt, und aus den zar- 
ten, elafti[chen Aveolen werden fchwere, 
flei[chige Blatthfillen ohne Schwung 
(Fig. 3o8,'). Neben dem Akanthus 
kommen ftets auch andere Bli[tter ira 
)rnament vor; ara verbreitetfte ift 
drciteiliges Blair, das man als Feigen- 
blatt lezeictmet. 
Dcr ffiddeutfchcu Schule ift die 
fiichfifche vervadt. Auf ihren Zufam- 
menhang mit der Lç, mbardci habe ich 
fchon in Art. 3 u. 3a (% 9 ff-) hinge- 
wiefen. Ihr Ornament ift mit fichtlicher 
Liebe gearbeitet, aber ira Zuge der 
Linien befangen und in den Einzel- 
formen nicht felten flau. Einzelnes er- 
hebt fich zu freier Gefltung, fo die 
Ornamente an den Treppentfiren des 
Dresdener Schloffes. 
Ffir Sfiddeutfchland ift Nfirnberg 
ein weiterer Mittclpunkt. Hier bat l»ctcr 
V/'hcrzuçrft rein]es Renaiffauceornamçnt 
anewandt. Es ift ftets fehr forgffilti 

") Nach: 'qENDYCI<, ff. a. 0., Sculptures, l'l. 
"| Nah: Deutfche Renaiffance, Abt. 28. 

Fig. 312. 

Ffillung anl._Chorgeftiihl in der Kirclle 
St. Ludger zu Miin[ter.SOt). 



-55 

modelliert; die Zeichnung ift ficher; aber die Motive find klein. Die Blatthfillen 
des Akanthus haben bel V'her keine tiefcn Einfchnitte; ihre Enden fchlagen fich 
nicht um, laufen aber zuweilen in kleine Voluten aus. Auch das auffteigende 
Ornament an Pilaftern fetzt fich aus kleinen Motiven zufammen (Fig. 3 u. 3o-»"). 
Des Vaters Wei[e behalten auch die SOhne bei. Peler Fl6tttcr dagegen biidet, vie 
die Frie[e im Hir[chvogei[aal bevei[en, das Rankenwerk mit ziemlicher Freiheit; 
man erkennt d Studium italienifcher Vorbilder. 
Das Augsburger, vie das Nfirnberger Rankenwerk ift in ml;igem Relief ge- 
halten und virkt ziemlich fichenha. In] Sfichfifchen ift das Relief ein ftirkeres. 
In den Niederlanden geht neben der fehr zierlichen flandrifchen Qrnamentik 
eine etwas derbere Richtung her. Beliebt find Medailions mit 6pfen in hohem 
Relief oder in voller Rtmdm]g 
Fig. 33 . als littelfticke der FSlltmen, 
deren fibrige Fiche mit Ran- 
kenwerk geffiilt vird (Fig. 
3 n'"'), kYenn fich in diefen 
Ornamenten das Blattverk 
breiter entfaltet als in deu 
zm-tcren flandrifchen, fo, bleibt 
doch die Ausfflhrung ftets 
eine farfItige, und geviffe 
Eigentfimlichkeiten der fr- 
malen und tec]mi[che Be- 
handlung [ind beide 
mein. Ara Niederrhein i[t der 
gleiche Stil verbreitet. Vor- 
trefflich gezeichnetes Qrna- 
ment finden wir auch 
Weftfalen; aul;er den mehr- 
erwimten Tfeltmffen ira 
.1[ Kapiteifaai des Domes zu 
Mfinfter [ind die des Friedes- 
faales und dç« Choïge[tfihles 
von St. Ludger (Fig. 312 '') 
Gefchnitzte Schranktiir im Ktmftgewerbemtffeum 
zu Dresdenn). zu llfllllfllL Da Ornamel]t 
ffi fich ungezxvungen in den 
Raum. Neben das fehr zierliche Blattxverk treten in den Delphinen und den 
breiten Voluten gr6Bere Formen. Dem rheinifch-xveftfhlifchen Formenkreife 
h6 auch die fch6ne Schranktfir des Dresdener Kunftgewerbemufeums (Fig. 313 :') 
an. Das rheinifch-wetfhliche Ornament bat kleine Formen; die Verteilung auf 
der Fiche fit gleichmig und reichlich, das Relief kriff; es i[t fehr ficher 
zeichnet und vortrefflich gechniL In Niederfachfen find die Formen breiter, 
und die Linienffihrung ift xveniger elaftifch. 
Eine kompliziertere Gattung ift die Oroteske. lch befchrhnke den Ausdruck 
auf Ornamente, in welchem tektonifche Motive, menfchliche Figuren und Tiere, 
Iei es in ihrem natïmrlichen, fei es in oruameutal umgebildeten Formen, foxvie 
naturali[tiich darge[tellte Pflanzen als gleichweig neben das Rankenxverk treten. 
Eine ferre Orenze gegen diefes i[t nicht zu ziehen. Der Stil der otesken 
j Nach: BI31lr L tçl. u. Kunfhdk., Jahrg. r, Tai. . 



lïg. 34. 

Grotesken in den Uiiizien zu Florenz -:) 
" Nach einer Pholographie. 



257 

mit der Art ihrer Ausffihrung zufammen; fie find ihrem Wel'en nach gemalte 
Ornamente. Wie die lçberfetzung des Rankenwerkes aus dem Relief in die 
Fliche bel den lntarfien gewiffe ftiliftifche Modifikationen bedingt, fo bringt auch 
die Ausffihrung in Farben einen 
Fig. 315. anderen als den Reliefftil mit Fig. 310. 
fich; das Verhltnis des Orna- 
ments zum ¢3runde ift ein freieres; 
der Aufbau kann lockerer rein. 
Die ¢3roteske kann fiber die 
¢3renze des reinen Ornaments 
hinausgehen, indem fie beftimmte 
¢3edanken zum Ausdruck bringt, 
die allerdings nicht der realen, 
fondern einer heiteren Mtirchen- 
welt entnommen [ind. 
Die Anftinge der ¢3rotesken- 
malerei liegen ira Altertum. Die 
¢3rotesken des XVI. Jahrhunderts 
gehen auf die Anregungen zu- 
rck, welche eine knftlerilch leb- 
haft bewegte Zeit von den heu 
entdeckten Malereien in den Titus- 
thermen empfing. Raffael gab in 
den Loggien gleich zu Anfang 
das H6chfte; die Entwickelung 
geht von da in abfteigender Linie. 
Giovanni da Udine und Pierin 
del Vaga halten den Stil Raffael's 
feft; Oiulio iomano verwendet 
in feinen Mantuanifchen Arbeiten 
die Motive freier; er gibt mehr 
Rankenwerk als Architektur. Dann 
folgt der l(reis der Zeitgenof[en 
Vignola's und Vafari's, aus dem 
als t3roteskenmaler namentlich 
Taddeo und Federigo Zucchari 
zu nennen find. Die Hauptwerke 
[ind die Vigna di Papa Cfiulio 
und die Fresken in Caprarola um 
56o, und noch ganz lpat (um 
58o) malte l°occetti die Decken 
Oroteske in der Trausnitz ira erften Gang der Uffizien ira 
bei LandshutZ'). gleichen Stil. In der Schule Va- 
fari's beriihrt fich der I<reis der 
italienifchen Groteskenmaler mit den in Deutfchland tiitigen, l-Jonzatto, von dem 
wir wenig mehr als den Namen wiffen, mul hier ffearbeitct haben; Friedriclt 
Suftris war ein Schiiler Vafari's, und Candid hat nach van Mander unter Vafari 
) Nach: Deuffche Renaiffance, Abt. m. 
t:) Nach ebenda[., Abl. tS. 
Handbu¢h d¢r Ar¢hiteklur. Il. 7- (. Aufl.) 17 

Moreske an einem 
Altar ira bayerifchen 
Nationalmufeum 



-58 

ira Vatikan (Sala regia) und an der Domkuppel zu Florenz gearbeitet. Aus 
diefer gemeinfamen Schule erklirt fich die gro/3e Ubereinftimmung der Cirotesken 
in Bayern mit den italienifchen3:'). 

Fig. 317. Fig. 318 

lntarfien in Sta. Agatha 
in Ofterreich 

Die frfiheften Grotesken in Deutfch- 
land find die in der Refidenz zu Landshut 
{ca. 1535-5o. Der Bau vergl. Art. 82, 
S. 111) ift von einem Mantuaner ausge- 
ffihrt; reine dekorative Ausftattung weift 
gleichfalls auf Mantua. An den Grotesken 

Fig. 319. 

Befchligeornmnent am Flerterichs- 
brunnen zu Rothenburg o. T.). 
Fig. 320. 

ift unfchwer die Nachahmung der /vlalereien Ohdio Romano's wahrzunehmen; 
aber die Ausffihrung ift dfirftig und befangen. 
' Vergl. : B^sst,^, J. Die dekorative Nlalerei der Renaiffance ara Bayerifchen Hofe. 
 Nach: Deuil'che Renaiffance, Bd. IX. 
} Nach ebendaf., Abt. 3. 



Einen h6heren Auffchwung nimmt die Groteskenmalerei in Bayern um 157o 
mit der Ausmalung der Fuggerzimmer in Augsburg und der groflen Bauten 
Wilhelm V und A4aximHiau !. in Landshut und Mfinchen. Hier treten die eben- 
genannten Schi31er der r6mifchen Groteskenmaler ein. Die Leitung hatte Fried- 
rich Suf¢ris und fpiter leter Candid; unter diefen ift eine groBe Zahl von Hilfs- 
krften titig, unter denen lonzano, der in Augsburg felbftindig gearbeitet hat, 
der bedeutendlte gewefen rein maff. Die Arbeiten find im Stil fehr einheitlich. 
AIs Parallelen wiren die Malereien der 
Fig. 3-. Vigna di Papa Giulio und des Schloffes 
Caprarola heranzuziehen. Die Einteilung 
. ira groflen ergibt [ich aus der Gliederung 
der\Vinde tmd Gew61be; in den einzelnen 
Fl.chen [ind eckige oder runde Gemlde 
verteilt und die Zwifchenr/iume mit Oro- 
tesken geffillt; diê Gruppierung hat etas 
Zuflliges und ilt nicht mehr fo [elbltver- 
[tndlich als in rien Loggien; aber das 
Einzelne fit /iulerft reizend. Leider ftehen 
mir ausreichende Aufnahmen nicht zu Oe- 
bote; ich gebe dafir (Fig. 34 ::':;) einen 
Teil einer Decke aus den Uffizien von 
I°occetti, mehr uni die Obereinftimmuug 
der Motive, als Uln die der t(ompofiti«,u 
zu erwei[en. [»o«««tti komponierte die 
ganze Decke ohue architeklcmifchu Teilung 
durch, nicht zum Vorteil der Oefamt- 
erfcheinung. 
In den deutfchen Grotesken handelt es 
iich, wie in Caprarola, um die Ausii311ung 
einzelner Felder von architektonifch ge- 
teilten Decken und Gew61ben. \Vas die 
Sch6nheit der Linie ira Ornament betriflt, 
final die Orotesken in rien Fuggerzimmern 
zu Augsburg das Befte unter den deutfchen 
Arbeiten; ihnen [teht einzelnes iu dur 
Trausnitz (Fig. 315 :::«) aih n/ichften. [)as 
Befchl5geornament in Verbindulg Ornament in1 Antiquariunl und in der 
mit Moresken. Orottenhalle in Minchen it etwas [chema- 
ti[ch und weniger flott gezeiclmet. Ill den 
lntarfia in der Maria-Magdalena-Kirche 
,, BI»,,-. Orotesken der I'(aifertreppe in der Min- 
chener Re[idenz it die t lerkmlft aus der 
r6milchen Schule noch wohl zu erkennen; aber das Ornament ift iberillt und 
die Linienfihrung weniger grazi6s. 
Orotesken in ihnlichem Stil fiuden [ich ira fpanifchen Saal des Schlo[fes 
Ambras bei lnnsbruck. Ill den des Schloffes Riegersburg in Steiermark treten 
deutfche Formen neben die italienifchen. Aber in dic deutfche leuaiffance it die 
Groteske nur vereinzelt eingedrungen. 
Reines Flachornament ift die Moreske. Sie kommt von Oberitalien nach 
Sg Nach ebendaf., ,Rbt. 5"]- 
17" 



260 

lïg. 322. 

\oto Schlo8 zu Afchaffenburgo°). 

Fig. 323 . 

Vom Schlol3, zu Afchaffenburgt,'% 
Fig. 324 . 
: :ç:",  ----  L_" 
Vom Friedrichsbau d Heidelberger Schloiies-,,). 
Fig. 325. 

Vom Schlol3 zu BadentO,). 

F)g. 326. 

Fries von der Tiir der Kirche St. Peter zu L6wenO). 



261 

Deuffchland; Peler Fl6tner gibt vortreffliche Mufter. Die Bedeutung der Moreske 
in der architektonifchen Dekoration ift nicht grol}; ihre Anwendung befchrnkt fich 
fart auslchlieBlich auf lntarfien an Tfiren und Tifelungen. Die Moreske (Fig. 316 a«'`) 
ilt ein fehr ftreng ltilifiertes, vollkommen linien- und flichenhaft gewordenes 
Pflanzenornament. Sie wirkt durch die Sch6nheit der Linienffihrung und durch 
die richtige Verteilung der Bltter und Blfiten, und fie ift um fo wertvoller, je 
mehr bel reicher Kombination die lberfichtlichkeit der Linienzfige gewahrt bleibt. 
In letzterem Punkte unterfcheidet fie fich von dem in der architektonifchen De- 
koration kaum vorkommenden Band- und Knotenwerk, welches zwar eine gefetz- 
ml.ige Anordnung fofort ahnen l.Bt, deffen Gefetz aber doch erft ira mfihfamen 
Verfolgen .der einzelnen Verfchlingungen erkannt wird. Da die Moreske nur ein 

Fig. 327 . 

Vom Otto Heinrichsbau 
des Heidelberger SchloffestO). 

ftreng ftilifiertes Rankenwerk ilt, 
ift es begreiflich, daB mancherlei 
0berg'angsformen zwifchen beiden 
vorkommen (Fig'. 317 u. 318"":1. In 
der Sp.tzeit des Stils ffewinnt das 
Bandwerk gr6Bere Verbreitung. 
AuBer vom Rankenwerk und 
von der Moreske macht die deutfche 
Renaiffance in ausgedehnter \Veife 
Oebrauch von Ornamentmotiven, 
welche in der organifchen Natur 
kein Vorbild haben. 
In der einfachften Form find 
es dfinne, nach geometrifchen Mu- 
ftern ausgefchnittene I6rper, welche 
auf die Flche des Orundes auf- 
g'elegt erfcheinen. Der Urfprung 
diefer Ornamentform dfirfte in der 
Zimmer- oder Schreinerkunft zu 
fuchen rein. Ausgefigte und auf- 
gelegte Ornamente diefer Art kom- 
men vom XVI. bis in das XVIII. 
Jahrhundert vor. Das Ornament 
hat aber im Steinbau weite Ver- 
breitung gefunden, und da es zu- 

weilen den Schein eines mit Nigeln befeftigten Befchliges hat, ift es Befchlig'e- 
omament genannt worden. Ich behalte die nicht ganz ausreichende Benennung 
in Ermangelung einer befferen bei. Zuweilen kommt es als reines Flachorna- 
ment in lntarfia vor. 
Das Ornament fetzt fich aus g'erad- und krummlinig begrenzten FIS.chen, 
welche durch kurze Stege verbunden find, zufammen (Fig. 319:»s). Da die Flchen 
des Ornaments ftets eine ziemliche Breite behalten, find reiche Iombinationen aus- 
gefchloffen. W'erden reichere Wirkungen angeftrebt, fo tritt das Befchl.geornament 
wohl mit der Moreske in Verbindung. In Fig'. 32o find beide ,Motive einander 

oo) Nach ebendaf., Abt. 26, 9 u. Bd. IX. 
cet) Nach ebendaf., Abt. 23. 
«etj Nach : YSENDYCK, a. a. O. 
*et) Nach: KOCH & SZlTZe a. a. O. 

3. 
Befchl,ge- 
ornamellt. 



35- 
Rollwerk. 

26-.2 

Fig. 328. 

Von einer Tiir in der Hofburg 
zu Prag °°). 

Fig. 329 . 

lïpitaph auf dem Johannisfriedhof 
zu NfirnbergO). 

gen/ihert; das Befchl/ige ift leicht, die Moreske kr/iftig gehalten. In Fig. 321 au:,) 
lind fie in Kontralt geletzt; das kr/iftige Belchl/ige wird von zarten, fchwungvoll 
gezeichneten Moresken um[pielt. 
Das Befchl/igeornament_ift, wenn auch iiber den (ïirund erhaben, doch v611ig 

fltichenhaft. Man blieb aber 
bei der Entwickelung in einer 
Ebene nicht [tehen, fondern 
lieB entweder die Enden [ich 
vom (ïirunde erheben oder 
entwickelte das Ornament aus 
zwei flachen K6rpern; damit 
geht es in die Ornamenffor- 
men des Rollwerkes ''«) und 
der Kartu[che iiber (vergl. 
Fig. 322 bis 324 u. 328°"'). 
Beide haben fich nicht aus 
dem Befchligeornament ent- 
wickelt, [ondern [ind in ihren 
AnfS.ngen 5.1ter als dieles. 
Licht.,ark definiert o,:) 
das Rollwerk folgendermaBen: 
..Es ift die Bewegung der 
Fl/iche in [o allgemeiner 
Form, wie die Spirale die der 
") Nach: Deutlche Renaiffance, 
Bd. IX. 
o) Nach ebendaf., Abt. L 
c) Siehe: Drm, M. Das Roiiwerk 
mw. Bcrlin 9o6. 
o) A. a. O_, S. 8. 

Fig. 33 ° . 

i 

Von einer Stuckdecke ira SchloB Limberg 
in der Steiermark o) 



263 

Linie." Es ift der Begriff der Elaftizitt, den wir hier wie dort in die fpirale 
Bieffunff einer ffeien Endigunff le,en. So fit das Roilwerk zunch[t da am Platz, 

Fig. 33L 

Kartufchen von Ig/endel Dietterlin°'). 

wo fich freie Endigungen einer FI/iche ungezwungen ergeben (Fig. 3251"). Man 
begnfigte [ich aber datait nicht, fondern erh6hte die Zahl freier Endigungen in 

) Nach; WENOEL DErrERUN,]a. a. O, 



willkfirlicher Weife, um fie aufrollen zu k6nnen. Da dies am Rande von Flikhen 
durch Einfchnitte leicht zu bewerkftelligen war, tritt das Rollwerk am hiufig[ten 
an Umrahmungen auf. Der Auffatz einer Tfir ira Otto Heinrichsbau des Heidel- 
berger Schloffes (Fig. 327 ',) ift ein bezeichnendes Beifpiel. Auch die italienifche 
Renaiffance kennt das Rollwerk und wendet 

Fig. 337. Fig. 338. 

Trophten m Hirfchvogelfaal 
zu Nfirnberg'} • 
o) Nach: Deuffche Rena|ffance, Abt. 59. 
u) Nach; Deuffche Renaiffance, Abt. 45- 
«1 Nach elendaf., Abt. 4 . 
n) Nach ebendaf., Abt. . 

es in analoger Weife, wenn auch in anderer 
Formbehandlung an (Fig. 330 
Seine haupt[ichlichlte Anwendung findet 
das Rollwerk in der Kartufche. Die Kartu[che 
ift ein ornamentales Gebilde, das aus zwei 
oder mehr iibereinander gelegten Flichen 
befteht. Die Flfichen find in hnlicher Weife 
wie das Befchlgeornament ausgefchnitten; 
nur die Endigungen der einen werden 
durch die Offnungen der anderen gefteckt. 
Fig. 3:6 t0') ift eine fehr einfache Kartufche; 
die Flchen durchdringen fich nur einmal. 
Iii Fig. 329"':') ift die Durchdringung eine 
mehrfache und der Eindruck ziemlich reich. 
Die Kartufche ift ira Grunde auch ein Um- 
rahmungsmotiv; ift fie nicht als folches ge- 
dacht, fo wird ihr in der Mitre eine Figur 
(Fig. 326), ein Kopf und dergl, in Relief vor- 
gelegt, l'endel Di«terlin gibt eine Reihe 
folcher t,(artufchen, welche von feiner reichen 
Erfindungsgabe ein gl.nzendes Zeugnis geben 
(Fig. 33 *"')- 
Wenn der Kartufche bei einer Ausffih- 
rung in kleinem MaBftab, wie an Oold- 
fchmiedearbeiten (wo iiberdies das Material 
ihre Anwendung rechtfertigt), zuweilen rei- 
zende Wirkungen nicht abge[prochen werden 
k6nnen, fo bleibt ihre Ubertragung in das 
Grol3e ftets bedenklich; denn [ie IhBt eine 
feinere formale Durchbildung nicht zu und 
verfiihrt nur zu leicht zu bizarren Extra- 
vaganzen. 
Aber gerade deshalb entfprach fie in 
hohem Mal3e dem Gefchmack des XVI. Jahr- 
hunderts. Man wandte fie nicht nur zur Be- 
lebung von Flhchen an, [ondern geftaltete 
[ogar Stfiizen als Kartufchen (Fig. 33=*:'), was 
fchon von vornherein barock ift. 
Im fpfiteren XVI. Jahrhundert findet von 
den Niederlanden aus eine Art, das Rollwerk 
und die Kartu[che mit vegetabili[chen und 

Kartufche. 



266 

animalifchen Motiven zu vermengen, Verbreitung, die man neuerdings als Floris- 
ftil bezeichnet hat. Wie weit Cornelius floris wirklich ihr Erfinder ilt, foll hier 
nicht unterfucht werden; die harIen Formen des Rollwerkes dringen auch ander- 
wirts auf lolche Kolnbinationen (vergl. Fig. 3-°9). Beim Florisftil kann man aber 
in der Tat von einem feften Schultypus Iprechen. Er arbeitet mit einfachen Kar- 

Fig. 339. 

Schmiedeeifernes Gitter ara Grabmal des .Kaifers Alaximilian L zu Innsbruckn}. 

|u[chel b welche durch Hermen, Bander, Feftons und andere Einzelmotive belebt 
werden (Fig. 333 u. 335'"). Auch das einfachere Bel'chl/geOllmment wird, nalnent- 
lich in den Rheinlanden, in hnlicher \Veife bereichert (Fig'. 336'); ja es entltehen 
l<ornbinationen, die [ich in ihrem Aufbau der Groteske nihern (Fig. 

*'*) Nach ebendaf.. 13d. IX. 



267 

Gitter 

Fig. 340. 
0 
in lfchl"O. 

Bald nach Beginn des XVII. ]ahrhunderts 
beginnt der Verfall des Rollwerkes; aus feiner 
Aufl6fung geht der fchreckliche Inorpelftil I) 
hervor. Es mag genfigen, ,,venn ich in diefer 
Richtung auf Fig. 87 (5. lOO) und auf Art. 78 
(S. lO6 ff.) verweife. 
lïin Ffillungsornament, das haupt[5.chlich 
der Frfihrenaiffance angehOrt, ilt die Trophie. 
Sie wird aus Waffen, Jagdfferfiten, Mufikinftru- 
menten oder anderen (3erS.ffchaften zufammen- 
gefetzt. Fl6ln«r hat ira Hirfchvogelfaal zu Nfirn- 
berg vortreffliche Trophfien gegeben (Fig. 337 
u. 338"). OroBe Verbreitung bat die TrophS.e 
in der deutfchen Renaiffance nicht gefunden. 
Das Schmiedeeifen, das zu AbfchluBgittern 

aller Art verwandt wird, hat feinen eigenen Ornamentftil. Die Renaiffance ver- 
wendet fart ausfchlieBlich das Rundeifen. Die fferinffe l6rperlichkeit des hlaterials 
zwingt zu linearer lomp-lition, fei es zu Syftemen von Spiralen, fei es zu gerad- 
linigen Durchdrinffungen {Fiff. 330 
FiU. 34- u. 34o). Wo fich die Linien 
berfihren, werden die Eifen durch 
Ringe verbunden; wo fie fich 
kreuzen, werden fie durchein- 
ander gelteckt. Solche Durchdrin- 
gunffen final auch bei Spiralen 
n6tig, um Schutz gegen Verbie- 
gung zu bieten; alsda|m zweigen 
Ranken von rien Spiralen ab. Um 
das Ornament nicht allzudfinn 
erfcheinen zu laffen, werden ein- 
zelne Stcllen des Eifens breit ge- 
fchlagen, fei es zu Geltaltungen 
nach Art der Moresken (Fig. 34o), 
fei es zu Bl.ttern und Blumen 
(Fiff. 330)- Am Oberrhein und 
in der Schweiz kommen Oitter 
vor, welche perfpektivifche Dar- 
ftellungen von lnnenrS.umen, lichte 
Halle|a, enthalten. Oute Beifpiele 
find ira Dom zu Konftanz. 
Neben den ftrengftililierten 
Eifenarbeiten kommen auch [olche 
vor, an denen das vegetabilifche 
Ornament in naturali[tifcher Weife 
vorffetragen ift (Fiff. 34«); fie 
»" leiten hinfiber zu den Bravour- 
Schmiedeeiferne Tiir ira Rathans zu Liibeck'% ftiicken des XVIII. Jahrhunderts. 
cm) Auch ffir dcn Knorpelftil fci auf Deri's in FuBnote 405 angeffihrtes Werk (S. 75 ff-) verwiefen, obgleich 
ich den Subtilitten feiner Aus[fihrungen nich! in allen Punkten zu folgen vermag. 
«,o) Nach: Hmr0 O. Dcr Formenfchatz der Renaiffance ufw. Miinchen 894. 

37- 
Trophfien. 

in 
Schmiedecifen. 



68 

Literatur. 
Bficher iiber die ,,Bauktmft der Renaiffance in Deutfchland, Holland, Belgien und Dfinemark,,. 
Deutfche Renaiffance. Herausg. von A. ORTWEIN. Leipzig 1871-75. -- Net, e Folge, herausg, von 
SCHEF=ERS. Leipzig 1876--88. 
I_f"BKE, W. Gefchichte der deutfchen Re,aiffance. Stuttgart 187--73 . -- 2. Aufl.: 1881-82. 
FRITSCH, l'. E.O. Denkmiler deutfcher Renaiffm,ce. Berlin 188o--91. 
NECkELMANN, F.S. Denkmiler der Renaiffance in DSmemark. Befchreibender Text von F. 
r»,XHL Berlin 1888. 
GAI I_AND, G. Die Renaiffance in Holland. Berlin 1882. 
çi,rRI nï. C. Gefchichte des Barockftiles, des Rokoko und des Klaffizismus in Italien, Belgie., 
H611and, Frankreich, England und Deutfchland. Stuttgart 1887-89. 
LIctnw^Rk', A. Der Ornamentftich der denffchen Friihrenaiffance. Berlin 1888. 
IîlJRLITT, C. Gefchichte des Barockftils und des Rokoko in Deutfchland. Stuttgart 1889. 
EWERBECI, F. Die Renaiffance in Belgien und Holland. Unter Mitwirkung von A. NEUMEISTER, 
H. LFEW & E. MOUIS. Leipzig 89. 
LA,BFRr, A. & E. SraHL Motive der deutfchen Architektur des 16., 17. nnd 
hiftorifcher A,ordmmg. Mit Text von BERLEPSUH. Stuttgart 89-93. 
Die Baukunft. lterausg, vo l. BORRMANN & I. GRAUI.. Heft 1: Das deutfche Wohnhatts der 
Renaiffance. Von F. I.UTH.,IER. Berlin u. Stuttgart 898. 
lïRREII, F. ¢ t-l. STFO,IANN. Deutfche Fachx*erl, banten der Renaiffance etc. Berlin 
lp,I. M. Das Rollwerk in der { rnamentik des 0. und 7- Jahrhnnderts. Eindringende geiftreiche 
Betrachtu||ge|| iiber das Rollwerk und andere Ornamentformen der deutfchen Renaiffance. 
Berlm 



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l)armstadt.  Bauliehkeiten file rien Sport. $onstige Bauliehkeiten filr Vergnilgen und 
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furt a. M., Oberbaurat Prof. R. v. RSH.«RD'r, Stuttgart und Geh. Baurat Prof. -- Dr. H. \VANg, 
Darmstadt. Dritte Auflage. Preis: i Mark, in Halbfranz gbunden 8 Mark. 
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schulen; Gymnasien und Reallehranstalten, mittlere techn. Lchranstalten, 
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Frankfurt a. M., Prof. K. HmTI;GEI, Gries, Oberbaurat Prof. T H. LaIG, Karlsruhe, Architckt 
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Darmstadt. Zweite Auflage. Preis: I8 Mark, in Halbfranz gebunden 2I Mark. 
Heft 2, a: Hoehsehulen I. (Univcrsitiiten undTcchnische Hochschulen; Naturwissen- 
schftliche Institute). Von Geh. Oberbaurat H. EOOEaX, Berlin, Baurat C. JuNK, Berlin, 
Geh. Hofrat Prof. C. KoasEa, Braunschweig und Gch. Baurat Prof. Dr. E. Scmxx, Darm- 
stadt. Zweitc Auflage. Preis: 4 Mark, in Halbfranz gebunden 27 Mark. 
I-Ieft =,b: HoehsehulenII. lUniversit:ts-Kliniken, TechnischeLaboratorien; Stern- 
xv:trten und an dere Observatori en). Von Landbauinspektor P. MOSSGROOT, Berlin, Ober- 
baudirektor T Dr. P. SPm-.ER, Bcrlin und Geh. Regicrungsrat L. v. Tlr-.or-.ra^rr, Potsdam. 
Zweite Auflage. Prcis: 8 Mark, in Halbfranz gebtmden  /Vlark. 
Hcft : Kilnstler-Ateliers, Kunstakadernien und Kunstgewerbesehulen; Konzerth/t, user und 
Saalbauten. Von Rcg.-P, aumcistcr C. SCnaUeERX, Nirnberg, Geh. Baurat Prof. Dr. E. Scnm-t-t, 
I)armstadt und Prof. C. W^txr-.R, Nrnberg. Preis:  5 Mark, in Halbfranz gebunden 18 Mark 
ileft 4: GebRude filv Sammlungen und Ausstellungen (Archive; Bibliotheken; Museen; 
Pflanzcnhiiuscr; Aquarien; Ausstcllungsbauten). Von Baurat F. J.vw, Berlin, Baurat 
A. KoRx0t, Halle, Architckt T O. Lsor...ER, Frankfurt a. M., Baurat R. OevtRx^, Mainz, 
Geh. Baurat Prof. Dr. E. Scnmxx und Baurat H. W^6rER, Darmstadt. Zxveite Auflage. 
Preis:  Mark, in Halbfranz gebunden 35 Mark. 
Heft $: Theater. Von Baurat M. Ser-.R, Hamburg. 
Preis: 27 Mark, in Haibfranz gebundcn 3o Mark. 
Hcft 6: ZivRus- und HilalaOdvomgeb.ude. Von Gch. Baurat Prof. Dr. E. ScnMX,, Darmstadt. 
Preis: 6 Mark, in Halbfranz Rcbunden 9 Mark. 
7- t¢ralbband: Gebfiude filr Vevwdtung, Rechtspflege und Gesetzgebung; Milittrbauten. 
Hcft i: Gebfiude file Verwaltung und Reehtspflege (Stadt- und Rathiiuser; Gebiiudc 
fur Ministerien, Botschaften und Gesandtschaftcn; Geschiiftsh5user ffir Pro- 
vinz- und Kreisbch6rden; Geschiftshiuser frsonstige6ffentlicheundprivate 
Verwaltungen; Leichenschauhiuser; Gerichtshiiuser; Straf- und Besscrungs- 
anstalten). Von Prof. F. BLUr«rSCnL, Zrich, Baurat A. Kolvr(;,«, Halle, Prof. G. LAsus, Zfirich, 
Stadtbaurat T G. OSTOF, Berlin, Gch. Baurat Prof. Dr. E. ScIaWrT, Darmstadt, Baurat 
i-. SCnWECTr, Bcrlin, Geh. Baurat Prof. î Dr. H. WAGrr-.I, Darmstadt und Baudirektor 
7Tn. v. LANDAUE, Stuttgart. Zweite Auflagc. Prcis: 2 7 Mark, in Haibfranz gebunden 30 Mark. 
Hcft  : Parlaments- und Sttndehtuser; Gebtude far militarisehe ZweeRe. Von Geh. Baurat 
Prof. Dr. P. WALLOX, Dresden, Geh. Baurat Prof. T l)r. H. WAGrI, Darmstadt und ObŒrst- 
leutnant F. Rc,ml, Dresden. Zweite Auflage. Preis: z Mark, in Halbfranz gebunden I $ Mark. 
. tir«lbband: Kivehen, DenRmtlev und Bestattungsanlagen. 
H_ett I: Kirehen. Von Gch. Hofrat Prof. Dr. C. GURLITT, Dresden.  
Preis: 2 Mark, in Haibfranz gebunden 5 Mark. 
Hcft 2, a__.- Denkmfiler I. (Geschichtc des Denkmales.) Von Architckt A. HoFM^rr, Bcrlin. 
Prcis: I$ Mark, in Halbfranz gebunden I8 Mark. 
Heft 2, b: Denkmfiler II. (Architektonischc Denkmiler..) Von Architekt A. Ho»«^rr, Berlin. 
Preis: 24 Mark, in Halbfranz gebunden 27 Mark. 
Heft , c: Denkmfiler III. (Brunnen-Dcnkmiler. Figfirliche Denkmiiler. Einzelfragcn dcr 
Denkmalkunst.) Von Architckt A. HoFmr, Berlin. I, Vorbereitung. 
Hcft ;: Bestattungsanlagen. Von Dr. techn. S. Fa'^s, Wien. 
Preis: 18 Mark, in Halbfranz gebunden 21 Mark. 
9.t(_albband: Der Stfidtebau. Von Ober- und Geh. Baurat Dr. J. S-rur-., Berlin. Zweite Auflage. 
Prcis: 2 Mark, in Halbfranz gebunden 5 Mark. 
lO. I-]albband: Die Gaeten-Arehitektur. Von Baurat A. L^mr-.lVr und Architckt E S-r^nL, Stuttgart. 
Preis: 8 Mark, in Halbfranz gebunden II Mark. 

Das »Handbuch der Architektur« ist zu beziehen durch die meisten Buch- 
handlungen, welche auf Verlangen auch einzelne Bnde zur Ansicht vorlegen. Die meisten 
Buchhandlungen liefern das »Handbuch der Architektur« auf Verlangen sofort vollstndig, 
soweit erschienen, oder eine beliebige Auswahl von B0.nden, Halbb0.nden und Heften auch 
gegen m o n a t I i c h e T e i lz a h I u n g e n. Die Verlagshandlung ist auf Wunsch bereit, 
solche Handlungen nachzuweisen. 
Leipzig, ira November 19o 7. Alfred Kr6ner Verlar. 



Handbuch 

der Architektur. 

Unter Mitwirkung von Fachgenosscn herausgegben x on 
Dr. phil. u. Dr.-lng. Edunrd Schmitt, 
Geheimer Baurat und Professor in Darmstadt 

Alphabetisches Sachregister. 

Teil Band Heft 
Ab|eitung des Haus-, Dach- und 
Hofwassers ..... III 5 2 
Aborte .......... III 5 2 
Akademien der bildenden Kimste .! IV 6 3 
Akademien der Wissenschaften. IV 4 2 
Akustik. Anlagen zut Erzielung 

einer guten Akustik. 
Altane ...... 
Altchristliche Baukunst 
Altersversorgungsanstalten 
Alumnate ...... 
Anlage der Gebiude 
Antike Baukunst. 
Aquarien .... 
Arbeiterwohnhiuser. 
Arbeitshiuser. 

III 6 
, III 2 
II 3 i 
IV 5 2 
IV 6 
IV I8 
II 
IV 6 4 
IV 2 i 
IV 5 

...... IV, 7 I 
Architekturformen. Gestaltung nach 
malerischen Grundsitzen 
Archive ...... 
Armen-Arbeitshiuser 
Armen -Versorgungshiuser 
Asphalt als Material des Ausbaues 
Ateliers ....... IV 6 3 
Aufztige ......... III 3 _9 
Ausbau. Konstruktionen des inneren 
Ausbaues ...... III 3,61 
Materialien des Ausbaues . I I   
Aussichtstiirme ...... IV 4 2 
Aussteige6ffnungen der Dicher. 
Ausstellungsbauten . 
Badeanstalten. 
Badeeinrichtungen 
Balkendecken . 
Balkone. 
Balustraden 
Bankgebgude .... 
Bauernhiuser ..... 
Bauernh6fe .... 
Bauformenlehre 
BaufCihrung 
Bauleitung. 
Baumaschinen 
Bausteine ....... 
Baustile. Historische und technische 
Entwickelung ....... [ II Il7 

IV 6 4 
IV 5 2 
IX." 5 2 

III 2 5 
IV, 6 4 
IV 5 3 
III 5 2 
III 2 3,a 
III 2 2 
)]IV IO 
IV 2 2 
IV   
IV 2 i 
IV 3  
I 2 
I 5 
I 

Teil Band Het 
Baustoffe. Technik der wichtigeren 
Baustoffe I  1 
Bazare .......... IX." z -* 
Beherbergung. Gebude fur Be- 
herbergungszwecke IV 4 
, Beh6rden, Gebiude ftir IV 7 I 
Beleuchtung, kimstliche, der Raume III 4 
Beleuchtungsanlagen IV 9 
Bellevuen und Belvedere. IV 4 2 
Besserungsanstalten. IV 7  
Bestattungsanlagen . IX," 8 3 
Beton als Konstruktionsmaterial I I  
Bibliotheken IV 6 4 
Blei als Baustoff I   
Blindenanstalten . IV 5 2 
Blitzableiter III 6 
B6rsen .......... IV - 2 
Botschaften. Gebaude f. Botschaften IX." 7  
Brtistungen ........ III  2 

Buchdruck und Zeitungswesen 
B0chermagazine . 
Btirgerschulen 
Btirgersteige, Befestigung der 
Byzantinische Baukunst 
Chemische Institutc 
Concerthtiuser 
Dgcher ...... 
Massive Steindicher. 
Metalldicher 
Nebenanlagen der Dchcr 
Schieferdicher. 
Verglaste Dicher 
Ziegeldicher 
Dachdeckungen 
Dachfenster 
Dachformen 
Dachkimme 
Dachlichter 

Dachrinnen 

IV 7 
IV 6 4 
IV 6 
III 6 
II 3 
IX." 6 
IV 6 3 
III 2 4 
III 2 5 
III 2 5 
III œe 5 
III 2 
III 2 5 
III 2 5 
III 2 5 
III 2 5 
III 2 4 
III 2 5 
III 2 5 
III 3 
....... III _', 2 

Dachsttihle. Statik der Dachstuhle I  2 
Dachstuhlkonstruktionen III 2 4 
Decken .......... III  3 
Deckenflichen, Ausbildung der. III 3 3 
Deckenlichter ....... III  3,b 
,, III 3 
Denkmler. IV 8 2 

Jeder Band, bezw. jedes Hef't bildet ein Ganzes l'dr si(;h und ist einzeln kiuflich. 



Desinfektionsan stalten . 
Desinfektionseinrichtungcn 
Einfriedigungen 
Einrichtung der Gebaude. 
Eisbehalter ........ III 
Eisen und Stahl als Konstruktions- 
material ...... I 
Eisenbahnhochbauten ..... IV 
Esenbahn-Verwaltungsgebaude. IV 
Eislaufbahnen ...... IV 
Elasticitts- und Festigkeitslehre I 
Eektrische Beleuchtung III 
Eektrotechnische Laboratorien . IV 
Entbindungsanstalten ..... IV 
Entwasserung der Dachflichen . III 
Entwissert, ng der Gebaude III 

Ttil Band Hf 
IV 5 4 Gcfltigelztichtereien ..... 
III 5 2 Geh6ftanlagcn, landwirtschaftliche 
III 2 2 Ge]nder ........ 
IV o I Gerichtshiuser 
IV 18 Gertiste ....... 
6 Gesandtsch aftsgebiude 
GeschMtshiuser 
I   Geschichte der Baukunst . 
:' 4 Antike Baukunst .... 
7  Mittdalterliche Baukunst 
4 2 Baukunst der Renaissance 
 2 Gesimse ......... 
4 Gestaltung der iusseren und inneren 
6 2,b Architektur ........ IV 
5 2 Gestiite IV 
2 Getreidemagazine 
5 

Te 13and 
IV 
IV 
III 
IV 
IV 
II /2 
II 314 
II 517 
III  

Entwerfen der Gebiude 
Entwtirfe, Anfertigung der I 
I'-'rhellung der Rit,me mi/tels Son- 
nenlicht ......... III 
Erholung. Geb/it, de fier Erholungs- 
zwecke IV 
Erker ....... III 
Etrt, sker. Baukunst der Etrusker [I II 2 
Exedren ........ IV *o 
Exerzierhauser ..... IV 7 
Fabrik- und Gewerbewesen . IV 
7 
Fahnenstangen ..... III - 
Fahrradbahnen IV 4 
Fahrstiihle ......... III 3 
Fikalstoffe-Etfernung aus den Ge- 
biuden ......... III 

Fassadenbildung. IV 
Fenster ....... III 
Fenster- und Th¢ir6ffnungen . III 
I"ernsprechdienst, Gebaude fur . IV 
FernsprecheinrichtungenFesthallen. . "] ] 
Festigkeitslehre [J 
FindelDiuser IV 
Fhlranlagen .... IV 
Flussbau-Laboratorien . IV 
Formenlehre des Ornaments[ I 
Freimaurer-Logen IV 
Freitreppen III 

IV /8 
5 
3 
4 
2 - 

5 
3 
4 
6 

Fundamente 
Fussb6den . 
Galerien und Passagen 
Garten-Architektur 
GartenDiuser . 
Gasbeleuchtung 
Gasth6fe 
Gebiranstaiten 
Gebiudebildung 
Gebiudelehre. 
Gefingnisse 

IV o 
III , 

III 3 2 
IV 2 2 
IV 1o 
IV o 
III 4 
IV 4 I 
IV 5 2 
IV  

Gevichshiuser . 
Gewerbeschulen 
Gew61be. Statik der Gew61be. 
Gew61bte Decken ..... 
Giebelspitzen der Dicher 
Glas als Material des Ausbaues 
Glockenstiihle ....... 
Gotische Baukunst ..... 
Griechen. Baukunst der Grieche 
Gutsh6fe ........ 
Gymnasien ........ 
Handel. Gebiude fur die Zweck« 
des Handels 
Handelsschulen 
Heilanstalten . 
Heizung der Riume 
Herbergshiuser 
Herrenfitze 
Hippodromgebiude .... 
Hochbaukonst,uktionen 
Hochbaukunde, allgemeine 
Hochlicht ....... 
Hochschulen 
Hof-Anlagen ...... 
Hofflichen, Befestigung der. 
Holz als Konstruktionsmaterial . 
Hospitalier ........ 
Hotels ......... 
Hydrotechnische Laboratorien 
Ingenieur-Laboratorien. 
Innerer Ausbau ..... 
Innungshiuser ..... 
Institute, wissenschaftliche 
Irrenanstalten 
Islam. Baukunst des Islam . 
Isolier-Hospitler (Absond.-Hiuser 

Justizpalhste . 
Kadettenhiuser 
Kaffeehiuser . 
Kasernen 
Kaufhiuser 

IV /8 ..... 
iv i z I , Kegelbahnen ....... 
lu beziehe, flurch flie meisten Buchhanfllunlten. 

6 
I 
2 
2 
I 
6 
4 
I 

2 

III I16 
I 15 
III 36 
IV 
IV 
III I 6 
I ! 
IV 
IV 4 
IV 6 2,b 
IV 6 e,b 
III 
IV 4 
IV 6 
3 
IV 
IV 
IV 
IV 4 
IV 
IV 
IV I 4 

2 



---- HNDBUCH DER RCHITEKTUR.  

Keramik in der Baukunst 
Keramische Erzeugnisse 
Kinderbewahranstalten. 
Kinderhorte 
Kinderkrankenhiuser 
Kioske ..... 
Kirchen ........ 

ïeil Bad Heft 
I 4 
IV 5 2 
IV 5 2 
IV 5  
IV 4 2 

Kirchenbau, romanischer u. gotischer II 4 3 
Kleinkinderschulen ...... IV 6 I 

Kliniken, medizinische 
Klubhiuser .... 
Kocheinrichtungen . 
Komposition, architektonische 
Konstruktionselemente 
Konstruktionsmaterialien 
Kortversatiortshiuser 
Konzerthiuser 
Kostenanschlige. 
Krankenhiuser 
Kreisbeh6rden ...... 

IV 6 2,b 
IV 4 2 
III 5 I 
IV 
III 
' I 1 
IV 4 2 
IV 6 3 
I 5 
IV 5 
IV 7 I 

Kriegsbaukunst, romanischeund got. II 4 [ 

Kriegsschulen ..... 
Krippen ..... 
Kichenausgtisse . 
Ktihlanlagen 
Kunstakademien . 
Kunstgewerbeschulen 
Ktinstlerateliers 
Kunstschulen .... 

IV 7 2 
IV 5 2 
III 5 2 
III 6 
IV 6 3 
IV 6 3 
IV 6 3 

Kunstvereinsgebiude IV 
Kupfer als Baustoff I 
Kurhiuser .... IV 
Laboratorien . .[ IV 
Landhiuser ........ ]IV 
Landwirtschaft. Gebiude fiir die, 
Zwecke der Landwirtschaft IV 
Laufstege der Dicher ..... III 
Lebensmittel-Versorgung. Gebiude 
fur Lebensmittel-Versorgung . "1 IV 
Leichenhiuser. .I, IV 

Leichenschauhiuser .... 
Leichenverbrennungshiuser 
Logen (Freimaurer). 
Liiftung der Riume 
Lungenheilstttten 
Luxuspferdestille .... 
Mdchenschulen, h/Shere . 
Mrkte ffir Getreide, Lebensmittel 
Pferde und Hornvieh . 
Markthallen ..... 
: 
Marstalle ..... 
Maschinenlaboratorien • -. 
Materialien des Ausbaues 
Material-Prtifungsanstalten • 
Mauern ......... 
Mechanisch-technische Laboratorie 
Medizin. Lehranstalt. d. Universitit. 
Messpaliste ...... 

IV 
IV 
III 
IV 
IV 
1V 

IV 
IV 
IV 
1V 
I 
IV 
III 
IV 
IV 
IV 

Metalle als Materialien des Ausbaues 
Metalldicher . 
Militrbauten 
Milit/irhospitïder . 
Ministerialgebiude 
Mittelalterliche Baukunst . 
M6rtel als Konstruktionsmaterial 
Museen ..... 

Tell Band Heft 
I i i 
III 2 5 
IV 7 2 
IV 5 i 
IX" 7 t 
II 34 
IV 6 4 

Musikzelte ........ IV 4 2 
Naturwissenschaftliche Institute. 1V 6 2,a 
Oberlicht III 3 i 
Observatorien ....... IV 6 2,b 
Ornament. Formenlehre des Orna- 
ments ..... 
Ortsbeh6rden . 
Palste . 
Panoramen. 
Parlamentshuser 
Passagen 
Pavillons 
Pensionate 
Pergolen 
Perrons. 
Pferdestlle 
Pflanzenhuser 
Pflegeanstalten 
Physikalische Institute . 
Pissoirs . 
Postgebiude ..... 
Proportionen in dcr Architektur 
Provinzbeh6rden ..... 
Quellen hiuser. 
Rampen, iussere 
Rampen, innere . 
Rathiuser 
Raum-Architektur 
Raumbegrenzende Konstruktionen. III 2 
Raumbildung ........ IV 1 
Rechtspflege. Gebiudef.Rechtspflege IV 7 t 
Reinigung der Gebiude III 5 2 
Reitbahnen IV 4 z 
Reithiuser ...... IV 7 2 
Renaissance. Baukunst der . II 5 ï 
Renaissance in Italien . II 5 
Renaissance in Frankreich II 6 
Renaissance in Deutschland, Hol- 
land, Belgien und Dinemark. II 7 
Rennbahnen ........ IV 4 2 
Restaurants .... IV 4 t 

Rollschlittschuhbahnen i 
Romanische Baukunst .... 
Romer. Baukunst der R/Smer . .. 
RuhepIitze ......... 
Baalanlagen 
Saalbauten 
Sammlungen i .... 
Sanatorien ..... 

I 3 
IV 7  
IX," 2 t 
IV 4 2 
IV 7 2 
IV 2 2 
IV o 
IV 6  
IV o 
III 6 
Ix." 3 t 
IV 6 4 
IV 9 
IV 5 2 
IV 6 2.a 
III 5 2 
IV 9 
IV 2 3 
IV  
IV 7 t 
IV 4 2 
III 6 
IV 3 2 
IV 7  
IV  

IV 4 2 
II 4 
II 2 
IV IO 
IV I 
IV 6 3 
IV 6 4 
IV 5 2 

|eder Band, bezw. jedes Heft bildet ein Ganzes fiir sich und ist einzeln kAuflich. 



-" HNDBUCH DER RCHITEKTUI. " 

Schankstitten 
Schaufenstereinrichtungen 
Scheunen ...... 
Schieferdhcher 
Schiesshiuser. 
Schiessstitten 
Schlachth6fe 
Schlafhiuser 
Schl6sser ...... 
Schneefinge der Dacher . 
Schulbaracken .... 
Schulbauwesen 
Schulen. 
Schiitzenhiuser 
Schwachsinnige, Gebiude fiir 
$chwimmanstalten .... 
Seitenlicht . 

Teil 
IV 
IV 
IV 
Iii 
IV 
IV 
IV 
IV 
IV 
III 
IV 
IV 
IV 
IV 
IV 
III 

Seminare ......... IV 
Sicherungen gegcn Einbruch, Feuer, 
Blitzschlag, Bodensenkungen und 
Erderschiatterungen III 
Siechenhuser ........ IV 
Sonnenlicht. Versorgung der Ge- 
bude mit Sonnenlicht . !lj III 
Sonnenwirme. Versoro-ung dcr e 
biude mit Sonnenwhrme III 
Sparkassengebiude .... IV 
Speiseanstalten fiir Arbeiter . -I IV 
Speisewirtschaften ii IV 
Sprachrohre III 
Spiileinrichtungen III 
Stadthuser IV 
Stidtebau . IV 
Stille IV 
Stindehusër ..... IV 
Statik der Hochbaukonstruktionen I 
Stein als Konstruktionsmaterial. I 
Sternwarten IV 
Stibadien IV 
Strafanstaltën " . ...... IV 
St/atzen. Statik der Stiitzen I 
Stiitzmauern III 
Synagogen IV 
Taubstummen, nsialt[.n " IV 
Technische Fachschulen IV 
Technische Hochschulen . IV 
Technische Laboratorien .... IV 
Telegraphen. Haus- und Zimmer- 
telegraphen .... I III 
Telegraphengebiude - I IV 
Tempel. Griechischer Tempel. II 
,, R/Smischer Tempel II 
Terrassen ....... III 
,, IV 
Theater .......... IV 
Thonerzeugnisse als Konstruktions-{ 
materialien . . .t I 
Thorwege ........ IV 
Thiir- und Fenster6ffnungen. . . III 

' Band H¢ft 
4 
2 
3 
2 
7 
4 
3  
4  
2 I 
2 5 
6  
6  
6 i 
4 e 
5 - 
5 3 
3 i 
6  

6 
5 2 

3 I 

4 
4 I 
4 I 
3 2 
 I 
9 
 I 
I 2 
I I 
6 2,b 
I0 
7 i 
1 2 
6 
8 I 
5 2 
2,a 
6 2,b 

3 2 
I I 
I 
2 I 

I Teil 
Thtiren und Thore . . III 
Tierhiuser ....... IV 
Tr.ger. Statik der Triger . I 
Tteppen ...... III 
Treppen-Anlagen IV 
Trinkhallen 
Turmkreuze il IVIII 
Turnanstalten. IV 
Universititen . IV 
Veranden . . . IV 
Veranschlagung ...... 
I 
Verdingung der Bauarbeiten . . I 
Vereine. Gebiude fiirVereinszwecke IV 
Vereinshiuser ....... IV 
Vergni/gungsstitten, 6ffentlichc. IV 
Verkehr. Anlagen zur Vermittlung 
des Verkehrs in den Gebiuden III 

Gebiude fiir Zwecke des Verkehrs, IV 
Verkehrswesen . IV 
Versicherungswesen[ [ [ [ IV 
Versorgungshiuser ...... IV 
Verwaltung. Gebiude fiar Verwal- 
tung .......... IV 
Vestibial-Anlagen IV 
Viehmiirkte IV 
Villen ...... 
Volksbelustigungsgirten 
Volkskaffeehiuser 
Volksktichen 
Volksschulen 
Vordicher . 
Vorhallen IV 
Vorriume . IV 
Wachgebiude i IV 
Wagenremisen IV 
'Vaisenhiuser ....... illV 
Wandelbahnen und Kolonnadcn IV 
Wnde und Wand/Sfl-nungen . III 
Wandflchen, Ausbildung der [1 III 
Wandverschliisse, bewegliche III 
Warenhiuser ..... IV 
Wirmeinrichtungen . III 
Wirmstuben IV 
Waschanstaltea . . IV 
Wascheinrichtungen . III 
Waschtischeinrichtungen III 
Wasserktinste ...... IV 
Wasserversorgung der Gebiude" /Il 
Windfahnen ...... III 
Wirtschaften IV 
Wohlfahrtsansialt'en " IV 
Wohnbau, romanischer und gotische II 
Wohnhiuser ....... IV 
Zenithlicht. III 
Ziegeldicher III 
Zink als Bauso I 
Zirkusgebiude IV 
Zufluchtshiuser . . IV 
Zwangs-Arbeitshiuse r [I IV 

IV 
IV 
IV 
IV 
IV 
III 

ALFRED KRtNFt? VFVI 

Band i 
3 
3 
I 
3 
I 
2 
6 
6 
4 
4 
4 
4 

7 
4 
6, 
6 
I 
I 
4 
2 
t 2 
IO 
4 
2 
4 
4 
2 
2 
I 
6 

Hefl 
I 
I 
2 
2 

2 
I 
2 
2 



O 
| 

O 
O 

O 
O 
• 
O 

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